Hier finden Sie die Predigten unserer Brüder – sofern diese mit der Veröffentlichung einverstanden sind – zum Nachlesen.

von Weihbischof Dominicus Meier OSB

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ –
So, liebe Schwestern und Brüder, lautet ein Buchtitel des Philosophen und Publizisten Richard David Precht. In 54 Kapiteln geht Precht den Fragen nach: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?, und meint, in der Beantwortung dieser Fragen komme man der eigenen Identität auf die Spur.
Auch uns Christen beschäftigt immer wieder die Suche nach unserer Identität. Ein Christ fragt: Was macht mich aus? Hat meine Identität mit meiner Gottesbeziehung zu tun? Und wo ist der Ort, diese Identität zu leben: in der Familie, in einer Gemeinschaft oder allein?
Zunächst gründet für Christen ihre Identität in der Beziehung zu Gott. Gott verspricht, dass wir seine Kinder sind, geliebte Söhne und Töchter. Er spricht uns bedingungslos als seine „geliebten Kinder“ an.
Gleichzeitig haben wir als Christen die überkommene Aufgabe, Gottsucher im konkreten Alltag und Nachfolger Jesu im Heute zu sein.
Dabei stellen sich weitere Fragen ein: was macht mich aus? Wie definiere ich mich? Wie viel Individualität ist gesund und wo ist es besser, sich anzupassen? Man muss sich ja irgendwie definieren, sonst ist man ein Niemand, oder?
Lieber Br. Vincent, solche Fragen sind Dir sicher nicht fremd. In den vergangenen Jahren als Student in Paderborn, als Novize und Zeitlicher Professe in unserer Abtei, in den Monaten des Pastoralkurses hast Du vermutlich immer wieder die Identitätsfrage gestellt und nach Antworten gesucht. Antworten, die zu Dir und Deinen Lebensvorstellungen passen, die Dich so sein lassen, wie Du bist und nicht verbiegen.
Du hast immer wieder die Frage gestellt, wer bin ich vor Gott und vor den Menschen, mit denen ich den Alltag teile.
Diese Pfingstwoche 2020 ist gleichsam Deine ganz persönliche Identitätswoche, in der sich alles Fragen nach Deiner Identität nochmals verdichtet.
Während am Pfingstsonntag der Mönch und seine Lebensweise im Mittelpunkt des Suchens und Fragens standen, ist es heute der Dienst des Diakons.
In einer einzigen Woche bist Du aufgerufen, den Mönch und den Diakon in Dir Gestalt zu geben. Du, Bruder Vincent bist aufgerufen, als Mönch und Diakon Gestalt zu sein, dem Mönch- und Diakonsein Gestalt zu geben. Was heißt das?

Gestalt sein

Es mag einigen von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder verwundern, dass ich von der Gestalt des Mönches und des Diakons spreche. Eine Gestalt ist eine Form, ein Umriss oder eine Erscheinungsbild, also etwas Äußerliches. Müsste es aber bei beiden Lebensidentitäten nicht eher um Innerlichkeit gehen?
Von Äußerlichkeit sprechen wir in der Kirche nur ungern. Denn schnell verbinden wir äußere Gestalt oder Form mit Schein und Eitelkeiten. Muss das so sein? Es gibt ja nun mal sowohl für den Mönch als auch den Diakon äußere Zeichen seiner Lebensgestalt.
Ist es die Kukulle als Zeichen der mönchischen Lebensweise, ist es beim Diakon die Dalmatik und die gekreuzte Stola. Diese äußeren Zeichen sind prägend für den Träger, und für die, die ihn anschauen, vermitteln sie einen Eindruck.
Mönchsgewand und Dalmatik sind in Form des Kreuzes geschnitten und weisen so auf den, der menschliche Gestalt annahm, sich den Menschen zuneigte, um uns schließlich am Kreuz zu erlösen: Jesus Christus.
Ja, man kann sich allein durch das Äußere, den mönchischen Habitus, definieren, sich ergehen in liturgischen Handlungen und diakonalen Riten, aber werden diese Äußerlichkeiten reichen, um die Lebens-Gestalt eines Mönches und eines Diakons ein Leben lang zu verwirklichen?
Mönch und Diakon sind unterwegs mit Gott auf der Basis ihrer Spiritualität im Dialog mit ihm. Im alltäglichen Handeln lassen sie sich von Gottes schöpferischen Geist durchdringen und formen. Dabei können sich immer wieder neue und unerwartete Wege auftun und Herausforderungen zeigen, auf die beide sich einzulassen haben. Je mehr sie Gott in ihrem Leben Raum geben und sich auf ihn einlassen, desto mehr werden sie selbst zu einer menschlichen Gestalt Gottes und können in einer glaubhaft gelebten Spiritualität als Mönch und Diakon gestaltend wirken.

Gestalt geben

In den letzten Jahren konntest Du, lieber Br. Vincent, dem Mönch in Dir eine Gestalt geben. Die Zeiten von Noviziat und zeitlicher Profess waren Zeiten des Erlernens, des sich Vergewisserns – Zeiten der Gestaltgebung.
Weil Du diese Lebensweise angenommen hast und Dich in sie hineingegeben hast, gestaltetest Du sie mit. Du konntest dem Mönch in Dir eine bestimmte Form geben. Bündelnder Ausdruck Deiner Gestaltungsjahre war das am vergangenen Sonntag im Kreis Deiner Brüder vertrauensvoll gesungenen „Suscipe me, Dominie“ auf dem Professpflaster unser Abteikirche.
Gleich wirst Du wieder an dieser Alltags-Stelle stehen und Deine Bereitschaft erklären, als Diakon in dieser Gemeinschaft zu leben und für diese Deine Brüder zu wirken.
Da wird es wieder um Form und Formung gehen, d.h. um den Gestaltungwillen, dem Evangelium Jesu Raum und Zeit zu geben, nicht nur im inneren Ringen um die eigene Identität, sondern im diakonalen Handeln unter den Menschen.
So wirst Du sicher nicht von ungefähr für diesen Gottesdienst die Berichte von der Fußwaschung Jesu im Abendmahlssaal und der Taufe des Äthiopiers gewählt haben. Aus beiden Perikopen spiegelt uns die diakonale Haltung des Dienens, der Wertschätzung und der Ehrfurcht vor dem Leben des anderen entgegen, einem von Gott geschenkten und gestalteten Leben.
Als Diakon gibst Du in der Gemeinschaft und an Deinen Einsatzorten diesem Gott eine Gestalt und ein menschliches Antlitz.
Das ist ab heute Deine Mission! Ich möchte es mit den Worten von Papst Franziskus formulieren:
„Ich bin immer eine Mission; du bist immer eine Mission; jede Getaufte und jeder Getaufte ist eine Mission. Wer liebt, setzt sich in Bewegung, es treibt ihn von sich selbst hinaus, er wird angezogen und zieht an, er schenkt sich dem anderen und knüpft Beziehungen, die Leben spenden“ – so Papst Franziskus.
Lieber Br. Vincent, ich wünsche Dir von Herzen, dass Du in den kommenden Jahren dieser Mission Gestalt geben und eine Gestalt dieser Mission sein kannst.
Ich wünsche Dir, dass Du den Mönch und den Diakon in Dir nicht als zwei unvereinbare Identitäten wahrnimmst, sondern als Deine Identität in zwei Gestalten zu leben vermagst.
Ich wünsche Dir, dass Du mit Gottes Hilfe erkennst, dass Du in den unterschiedlichen Aufgaben und Diensten ein- und derselbe bist:
Vincent, ein von Gott geliebter und von den Menschen geschätzter Bruder!

von Br. Justus Niehaus OSB

Liebe Schwestern und Brüder,

was für eine Gefühlsachterbahn, die die Jünger Jesu gefahren sind. Erst die Wunder und Reden, das Vertrauen und die Hoffnung das Jesus der Messias ist. Der begeisternde Einzug nach Jerusalem, die Huldigung der Menschen, Freude und Jubel. Dann das Letzte Abendmahl, wo der Meister ihnen die Füße wäscht und Verwunderung stiftet.

Auf dem Ölberg die Angst des Meisters zu spüren.

Der Verrat durch den Bruder aus den eigenen Reihen, der Jesus ausliefert und sich anschließend das Leben nimmt. Petrus der sich seine eigene Schwäche eingestehen muss, indem er Jesus dreimal Verleugnet.

Die Verurteilung, Demütigung und Hinrichtung dessen an den man geglaubt hat. Für den man alles stehen und liegen hat lassen und ihm nachgefolgt ist.

Verwirrung, Angst, Flucht und Verstecken.

Nur drei Tage später, die Auferstehung, die erst ankommen muss. An der Einige erst zweifeln. Vierzig Tage lang erscheint Jesus in den unterschiedlichsten Situationen.

Wieder Freude und Jubel doch an den Richtigen geglaubt zu haben. Doch die Hoffnung auf die Erlösung durch den Messias.

Und dann die Himmelfahrt. Jesus ist wieder weg. Empor gehoben in den Himmel. Aber wie lange kann das jetzt schon noch dauern bis er wiederkommt mit all seinen Engeln. Letztes Mal waren es ja auch nur drei Tage, die er fort war. Es kann also nicht lange dauern bis etwas passiert.

Diesmal keine Angst, sondern Vorfreude auf das was da kommt. Zusammensitzen und beten. Jetzt ist Zeit die Dinge zu reflektieren. Sich zu erinnern, was Jesus vor seinem Tod gesagt hat. Die Hoffnung zu nähren. Zu Warten.

Warten. Dieser seltsame Zustand zwischen Hoffen und Bangen. Zwischen Angst und Vorfreude. Zwischen Unsicherheit und Zuversicht. Zwischen Zögern und Ungeduld. Zwischen Spannung und Entspannung.

Warten. Erwarten. Diese urchristliche Haltung.

Traditioneller Weise ist der Advent die Zeit in der wir uns dieser Spannung gewiss werden. In der wir uns wieder Bewusst machen sollten, die Wiederkunft Christi zu erwarten. Leider ist diese Zeit heutzutage so vollgepackt mit den eigentlich für Weihnachten vorbehaltenen Feiern und Genüssen, dass das Gefühl des Wartens schwerlich aufkommt.

Vielleicht können wir ja dieses Jahr die jetzige außergewöhnliche Zeit nutzen uns des Gefühls des Wartens als urchristlichem Gefühl wieder zu nähern. In der Zeit des Verzichtes durch die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronaviruses merke ich bei mir diese Spannungen des Wartens, des Erwartens, der Angst und der Vorfreude, des Zögerns und der Ungeduld, des Hoffens und Bangens. Des Ausschau Haltens. Was wird? Wann enden die Maßnahmen? Wie kommen wir aus dieser Zeit? Welche Wunden bleiben? Wann kann ich mich wieder ruhigen Gewissens mit Freunden treffen? Wann wieder Menschen ohne Beeinträchtigungen begegnen? Wird sich unser Sozialverhalten verändern? Die Angst mich oder andere Leute anzustecken und den Drang nach Freiheit mit anderen wieder mehr in Kontakt zu kommen

Sich diesen Zustand des Wartens zu eigen zu machen. Sich des Namens Jesu – Also Gott rettet – bewusst zu werden und zu wachen, zu beten, zu Hoffen und zu erwarten wie die Jünger nach der Himmelfahrt, kann helfen diese Zeit zu überstehen. Aus Ihr etwas Positives mitzunehmen. Einen richtigen Advent zu begehen.

Kraft dazu kommt von Gott. Er, Christus ist in UNS verherrlicht.

Einen dezenten Hinweis wie wir beten können gibt uns der Komponist des Gregorianischen Chorales. Er fasst in der heutigen Communio, – also des Gesanges, den wir gleich nach dem Kommunionempfang singen – die Verse aus dem Johannesevangelium, die der Stelle, die wir gerade gehört haben unmittelbar folgen zusammen. Er komponiert: Vater, solange ich war bei ihnen, ich bewahrte sie, die du gegeben hast mir. Jetzt aber: zu dir komme ich. Nicht bitte ich, dass du nimmst sie aus der Welt, sondern dass du bewahrst Sie vor dem Bösen.

Er kürzt damit nicht nur 3 Bibelverse auf das Wesentliche zusammen und hebt so den Kern des Hohepriesterlichen Gebetes Jesu, von dem wir heute die erste Hälfte gehört haben, hervor.

Er bietet auch uns einen Hinweis wie wir beten können. Das erste Wort ist „Pater“ also „Vater“ und die letzten Wörter sind „a malo“ also „vor dem Bösen“. Dies sind auch die ersten und letzten Worte des lateinischen Vaterunsers, welches die Mönche damals und auch wir Mönche heute mindestens dreimal am Tag beten. Auch die Vertonung von a malo erinnert an den Schluss des gesungenen Vaterunsers.

Das Vaterunser, dieses Urgebet der Christenheit, das uns von Jesus selbst geschenkt wurde. Dass die Bitte im Hohepriesterlichen Gebet Jesu wiederholt. Bewahre uns vor dem Bösen.

Es kann unsere Antwort, unsere Bekräftigung des Hohepriesterlichen Gebetes sein.

Es kann uns begleiten in der Zeit des Wartens, des Ausschau haltens. Wir können unsere Hoffnung hineinlegen.

Und wir können uns des Namens, den Gott seinem Sohn gegeben hat, bewusstwerden: Jesus (Gott rettet)

Nutzen wir diese Zeit das Warten, das Erwarten neu zu lernen auf den, der da kommt, der Herr ist und lebendig macht.

von P. Cosmas Hoffmann OSB

Lesung:          1 Petr 3, 15 – 18        
Evangelium:  Joh 14, 15 – 21

Auch an diesem Wochenende demonstrieren Tausende Menschen in vielen Städten Deutschlands gegen die Beschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie. Dabei fällt die bunte Mischung der Teilnehmenden auf. Neben denen, die berechtigter Weise gegen die Einschränkungen einiger Grundfreiheiten protestieren, finden sich Verschwörungstheoretiker und Impfgegner, zudem versuchen Rechtspopulisten diese Proteste für ihr Interesse an Verunsicherung und Destabilisierung zu nutzen.

In der Folge kommt es zu Polarisierungen, Verteufelung der anderen, Hass, Wut und Aggression, die sich in Angriffen auf Polizisten und auch auf Journalisten entladen.

Die Reaktionen seitens der Politik sind gemischt, einerseits eine gewisse Fassungslosigkeit angesichts der teilweisen Verweigerung notwendiger Verhaltensregeln, kruder Verschwörungsphantasien und aufgeheizter Stimmungen, andererseits die ausdrückliche Bestätigung des Rechts auf Meinungsfreiheit verbunden mit der Bitte, diese in angemessener und gewaltloser Weise zu nutzen.

In Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes heißt es dazu: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern“.

Dieses Recht ist zum einen Ausdruck der in Artikel 1 Absatz 1 gemachten Aussage und Forderung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zum anderen ist es für ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen wichtig, dass jeder seine Meinung frei äußern kann, um so in der gemeinsamen Auseinandersetzung dieses Gemeinwesen zum Wohle aller zu gestalten.

Dahinter steht die Einsicht, dass jede und jeder vor dem Hintergrund der persönlichen Lebensgeschichte und dem eigenen Kontext eine je eigene Weise der Wahrnehmung der Wirklichkeit hat. Keiner sieht alles, aber gemeinsam sieht man mehr und kann so der Wirklichkeit näher auf die Spur kommen und entsprechende Entscheidungen und Vereinbarungen treffen. Die Vielfalt der Meinungen somit als eine Ressource gemeinsamer Weltverantwortung und Lebensgestaltung.

Eine Ressource, die Benedikt in seiner Regel ausdrücklich zu nutzen empfiehlt, wenn er fordert, dass vor wichtigen Entscheidungen alle Brüder gehört werden sollen.

Doch die Vielfalt der Meinungen kann auch eine Herausforderung sein, die verunsichert und bedrohlich wirkt: Wem oder was soll oder kann ich glauben?

Zudem verwechseln manche die eigene Meinung mit Tatsachenbehauptung oder halten die Behauptung schon für eine Tatsache oder gar für die Wahrheit, um schließlich anderen fake news vorzuwerfen.

Je mehr ich jedoch von meiner Meinung als einer Tatsache oder der Wahrheit überzeugt bin, desto schärfer reagiere ich auf andere Meinungen.

Je mehr mich andere Meinungen nerven, desto verunsichernder und bedrohlicher empfinde ich die Vielfalt von Meinungen und klammere mich noch mehr an meine Meinung.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Teufelskreis, in dem der Mensch sich verrennt, sich einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Meinungen anderer entzieht, sich so dem Bemühen um eine gemeinsame Gestaltung von Gesellschaft und Welt verweigert.

Ganz anders klingt das heutige Evangelium, in dem Jesus seinen Jüngern, den Beistand, den Geist der Wahrheit verheißt, der sie führen soll.

Es ist die Fortsetzung des Evangeliums vom vergangenen Sonntag, wo Jesus von sich sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Somit ist dieser Geist der Wahrheit der Geist Jesu. Der Heilige Geist, das Band der Einheit zwischen Vater und Sohn, in dem auch wir durch den Sohn mit dem Vater verbunden sind.

Doch wie können wir diesen Geist der Wahrheit erkennen, um durch ihn die Wahrheit, Christus erkennen zu können?

Im Umgang mit dieser Frage kann ein zentraler Begriff der Benediktsregel hilfreich sein: discretio – mit diesem Begriff wird die Kunst der Unterscheidung bezeichnet.

Darunter verstehen wir heute zumeist die Bestimmung des guten Maßes, die Unterscheidung zwischen Zuviel und Zuwenig.

Im frühen Mönchtum verstand man darunter vor allem die Unterscheidung der Geister, die bereits der 1. Korintherbrief (12,10) als Geistesgabe, als Charisma nennt.

Dieses Charisma der Unterscheidung der Geister war in Korinth besonders gefordert, weil die Gemeinde dort in sich zerstritten war, so nennt Paulus gleich zu Beginn des Briefes vier Gruppierungen, die sich auf Paulus, Apollos, Kephas oder Christus beziehen, wobei jede meint, allein im Besitz der Wahrheit zu sein.

Diese Zerstrittenheit zeugt von keinem guten Geist, eher vom Widergeist oder Abergeist, der stets verneint und verwirrt und somit dem Geist Christi, der zur Einheit führt, völlig entgegensteht.

Joseph Ratzinger bringt es so auf den Punkt: Während der Geist Gottes „jenes Zwischen (ist), in dem der Vater und der Sohn eins sind als der eine Gott“ gilt vom Widergeist, dass er „allenthalben ‚dazwischen‘ steht und Einheit hindert“.

Damit ist ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung der Geister genannt: Der Geist Gottes verbindet, der Widergeist trennt. Wes Geistes Kind jemand ist, zeigt sich meist an seinem Tun und dessen Folgen. Diese Einsicht entspricht schon dem Unterscheidungskriterium zwischen wahrer und falscher Prophetie, auf das sich auch Jesus bezieht, wenn er sagt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7,16).

Paulus wird dazu in seinem Brief an die Galater ganz konkret und nennt die jeweiligen Geistesfrüchte (Gal 5, 19-25):

Der Widergeist bringt die Werke des Fleisches hervor: … Maßlosigkeit, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen.
Der Geist Gottes aber: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut …

Origenes, einer der Begründer einer Theologie der Spiritualität, der um 200 gelebt hat, nimmt diese Gedanken des Paulus auf, fasst sie zusammen und sieht die Wirkung des guten Geistes in tiefer Ruhe und echter Verbundenheit.

D.h. die Frucht des Geistes nach innen ist die Verbundenheit mit mir selbst, psychologisch ausgedrückt die Selbstkongruenz, die innere Stimmigkeit, das Ruhen in sich.

Die Frucht des Geistes nach außen ist die Verbundenheit mit den anderen, die ich als Nächste, als Schwestern und Brüder wahrnehme und achte.

Die Frucht des Geistes ist damit letztlich die communio, die Gemeinschaft, nach innen mit mir selbst, nach außen mit den anderen.

Das ist auch die Grundhaltung für gelungene Kommunikation genannt, für einen guten Umgang mit der Meinungsfreiheit: Bei-sich-selbst-sein und zugleich dem anderen zugewandt-sein.

Damit sind mir auch die Kriterien gegeben, mit denen ich mein eigenes Kommunikationsverhalten beurteilen kann:

Wie sage ich meine Meinung? Wann, wo, wem? Welche Worte wähle ich? Wie ist der Ton? Welche Einstellung oder Haltung dem anderen gegenüber wird darin erkennbar? Welche Bedeutung, welche Wirkung hat der Inhalt?

Dienen Inhalt und Form meiner Meinungsäußerung der communio, der Gemeinschaft, der Verbundenheit mit den anderen oder wirken sie eher trennend und untergraben ein gutes Miteinander?

Ein konkretes Beispiel dafür, wie wir Christen unseren Standpunkt vertreten sollen, findet sich in der heutigen Lesung aus dem 1. Petrusbrief, die uns dazu ermutigt, anderen zu begegnen und zu bezeugen, woran wir glauben und wofür wir stehen. Dabei wird hier noch ausdrücklich auf die Art und Weise aufmerksam gemacht, in der dies geschehen soll.

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber mit Sanftmut und Milde und in Bescheidenheit und Respekt.“

von Br. Justus Niehaus OSB

Schafe. Warum vergleicht Jesus uns mit Schafen? Warum keine Ziegen, Schweine, Kühe, Rinder? Warum Schafe? Schauen wir, was diese Tiere ausmacht, warum Jesus uns mit Schafen vergleicht. Zufällig besitzen wir ja einige Exemplare Waldschafe, und ich darf als „Mietling“ mich ab und zu mit ihnen beschäftigen.

Eigentlich müsste also unser Bruder Isidor hier stehen und die Predigt halten. Aber hier nun einige Beobachtungen eines Mietlings im Schafstall.

Als ich über diese Predigt nachdachte, kam mir als erstes das letzte Silvesterfest in den Sinn.

Isidor sprach mich um halb neun abends an, ob ich ihm bitte bei den Schafen helfen könnte. Die Schafe sollten in den Stall, damit sie sich nicht durch die Böller um Mitternacht erschrecken, voll Panik in die Netze laufen und ungewollt ausbrechen. Im Schafstall musste irgendetwas passiert sein, dass die Schafe geängstigt hatte. Sie wollten nicht dorthin. Isidor hatte es seit fünf Uhr versucht, aber alleine war nichts zu machen. Wir trieben also zu zweit die Schafe durch eine Gasse von der Weide bis vor die Mistplatte. Hier weitete sich der Zaun und führte um die ganze Mistplatte. Isidor hatte vorne gelockt und ich stand als Absicherung hinten. Bis zur Mistplatte war es kein Problem, aber kein Schaf machte auch nur einen Schritt auf die Platte. Einige wollten schon zurück auf die Weide, aber dort stand ich nun im Weg. Pattsituation. Um die Schafe als Gruppe nicht in Panik zu versetzen, blieb ich relativ ruhig. Isidor hatte schon alle Lockmittel wie Kraftfutter und Äpfel bereit, aber es war nichts zu machen. Ab und zu schaffte er es, ein Schaf zu überzeugen, einen Schritt auf die Mistplatte zu machen, aber sobald dieses Schaf merkte, dass die anderen ihm nicht folgten, kehrte es um und löste so den Fluchtreflex der ganzen Herde aus. Auch wenn sich eines der ängstlicheren Tiere durch eine Kleinigkeit erschrak, blickten wieder alle Augen auf mich und den Fluchtweg zur vermeintlich sicheren Weide, anstatt auf die Stimme ihres Hirten zu hören und in den Stall zu gehen, wo es frisches Heu, Wasser und Kraftfutter gab. Wir spielten dieses Spiel eine gute Dreiviertelstunde. Ein Schaf durch langes Zureden auf die Mistplatte, eine kleine Unsicherheit, ein Fluchtreflex und alles war wieder auf Anfang. Es war zermürbend.

Dann nach einer gefühlten Ewigkeit das Einsehen. Warum auch immer. Ein Gefühl von Einsehen. Plötzlich setzte sich die Herde langsam und vorsichtig Richtung Stall in Bewegung. Auch die skeptischen Tiere gingen mit und lösten keinen Herdenfluchtinstinkt mehr aus. Es war geschafft. Einmal in Bewegung ging es ganz schnell. Es war kein Zögern mehr zu spüren. Die Herde hatte sich auf den Weg gemacht. Die Schafe waren im Stall. Was der letzte Auslöser war, kann ich nicht sagen. Warum sie sich schließlich fügten und ihrem Hirten folgten, kann ich nicht sagen.

Mir ist nur die Hilflosigkeit, ja die Machtlosigkeit des Hirten in der Situation vor Augen: dort zu stehen und außer gutem Zureden und Locken nichts machen zu können. Kein Zwang, kein Befehl, nur Geduld und Ausdauer, nur ruhig bleiben, frische Nahrung und gutes Zureden haben geholfen. Wer einmal so eine Situation erlebt hat, versteht, was Hirte sein bedeutet. Es heißt nicht herrschen, sondern Geduld und Barmherzigkeit. Es heißt sich in die Herde reindenken, dranbleiben, damit die Schafe den Klang der Stimme nicht verlernen, damit auch in Notsituationen wie dieser noch Vertrauen vorhanden ist. Es heißt sich alle Tiere anzusehen, zu bemerken, ob eines hinkt, ob es zurückbleibt, ob es niest, ob es krank ist. Ob es seine Lämmer versorgt oder Unterstützung braucht. Ob es im Frühjahr genug regnet, damit man im Sommer heuen kann, um im nächsten Winter genug Nahrung zu haben. Sie nachts heim zu holen in den sicheren Stall. Und all das nicht durch Befehl, sondern durch Locken und Rufen, durch Geduld und Barmherzigkeit.

Dies alles tut Gott für uns. Er allein ist der gute Hirte. An seiner Barmherzigkeit und Geduld sollen wir niemals verzweifeln, wie es so schön in der Benediktsregel heißt. Nur durch ihn kommen wir an frische Nahrung, wenn wir ihm unser Vertrauen schenken und auf seine Stimme hören, die uns ruft.

Wir sind alle Schafe. Das hat auch der Komponist des Allelujas und der Communio nochmal betont, da im Originaltext der Vulgata das Wort Schafe an dieser Stelle nicht steht. Er hat es also bewusst eingefügt und vertont.

Wir alle sind Schafe. Und jeder, der sich zum Hirten macht, stößt den eigentlichen Hirten weg. Er stößt Gott zur Seite. Damit keine Missverständnisse aufkommen: es gibt in einer Schafherde durchaus Leittiere und Hierarchie. Eine Schafherde ist aber kein Patriarchat mit dem Recht des Stärkeren, auch wenn die imposanten Böcke uns das weismachen möchten. Es ist ein Matriarchat in dem die älteren Muttertiere den Ton bestimmen.

Es gibt Tiere, die vorangehen und dem Hirten vertrauen, und es gibt die Skeptischen und alle Formen dazwischen. Es gib diejenigen, die im Alltag Vertrauen haben und in Notsituationen nicht. Und es gibt diejenigen, bei denen es genau anders herum ist. Es gibt diejenigen, die nur mitlaufen, diejenigen, die voranstürmen und diejenigen, die bremsen. Sie alle werden durch den Hirten zusammengehalten. Er kennt uns alle beim Namen und wir kennen ihn. Er hat uns alle im Blick und sorgt für uns.

Wir, die wir hier zusammen sind, gehören – hoffentlich –  zu den Schafen, die dem Hirten mehr vertrauen und auf seine Stimme hören und so andere ermutigen können, es uns gleich zu tun. Durch unser Beispiel und unser Vorangehen. Er führt uns an frische Wasser. Durch ihn bekommen wir Nahrung in Fülle und Schutz in der Nacht. Höre, das ist unser Auftrag. Und nicht zu zaghaft und misstrauisch zu sein gegenüber dem Hirten, sondern vertrauensvoll.

Dann können wir gleich in der Communio voll Freude in das Blöken einstimmen.  Me meae

von P. Werner Vullhorst OSB

„Die Renten sind sicher!“ – dieser Ausspruch Norbert Blüms von 1997 ist seit Freitag, seinem Sterbetag, immer wieder zu hören.
Einen ähnlichen Klang hatte die Aussage von Kanzlerin Merkel 2008, als sie inmitten der Finanzkrise ausdrücklich sagte: „Die Spareinlagen sind sicher!“ Beidesmal folgte Zweifel!
Seit Anfang März diesen Jahres ist sterotyp mal aus Berlin, mal aus Brüssel zu hören: „Die Versorgung mit Lebensmitteln ist sicher“ – denn die Hamsterkäufe waren da ein erstes Indiz dessen, was dann kam…
Ab Mitte März breitete sich europaweit und bald weltweit der große Shutdown angesichts der grassierenden Coronapandemie aus.

Seitdem begleitet uns dieses Wort, welches wir vorher nicht auf dem Schirm hatten: „Shutdown“ – und in Erweiterung das Wort „Lockdown“.
Der Shutdown bedeutet eine Situation, wie wir sie uns – als wir die diesjährige Fastenzeit begannen – noch nicht hätten vorstellen können. Per staatlicher Verfügungen wurden in kurzer Zeit das öffentliche und das private Leben in ungeahnter Weise heruntergefahren – nach und nach fast weltweit.
„Der unausweichliche Prozess der Globalisierung hat anscheinend seinen Höhepunkt erreicht: Jetzt zeigt sich die globale Verwundbarkeit der globalisierten Welt.“ So deutet der tschechische Soziologieprofessor und Priester Tomas Halik das, was sich zur Zeit ereignet.
Die Pandemie und der Shutdown sind zu zwei Seiten einer Medaille geworden.

Was hier gesellschaftlich und vielfach auch persönlich existenziell geschieht, erfahren Menschen besonders, wenn der Tod in ihr Leben einbricht. Im Tod bricht nicht nur das einzelne Lebensgefüge eines Sterbenden zusammen, sondern vielfach das von Partnerschaften, Familien, Freundschaften und manchmal das von großen menschlichen Gefügen.
Auch wenn hier in der Kirche die Osterkerze brennt und das Halleluja diesen liturgischen Raum erobert hat, so ist doch in unserer Gesellschaft für unzählige Menschen ein fortwährender Karfreitag mit Arbeitslosigkeiten, Insolvenzen und Zukunftsängsten geblieben.

Ging es nicht auch „Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus – Zwilling -, Natánael aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei anderen von seinen Jüngern“ ebenso?
Sie fanden sich am See von Tiberias wieder, weil am Karfreitag in Jerusalem mit Jesus auch ihre Lebensperspektiven starben. Der Grund, warum sie drei Jahre zuvor am See von Tiberias ihre Boote und Netze hatten liegen lassen, war tot und damit auch ihr Glaube an den neuen Weg.

Die Jünger fingen wieder von vorn an mit dem, was sie konnten – und das hieß: „Ich gehe fischen“. Kein Startup-Erlebnis, sondern ganz nüchtern hieß es gerade im Evangelium: „aber in dieser Nacht fingen sie nichts.“ Ihr persönlicher Shutdown hielt also noch an!

Die Erfahrung von Ostern scheint nicht immer nach dem liturgischen Kalender zu verlaufen, wie auch unsere Tage zeigen…
Der Karfreitag kann unerträglich lang werden, wie sich gegenwärtig gesellschaftlich zeigt und nun die große Solidarität, die wir vor Wochen noch hatten, heftige Risse bekommt und der Blick auf den eigenen Kuchen zunimmt. Die globalisierte Speisekammer scheint gefühlt schneller leer zu werden als gedacht.

Und Karfreitagsaugen werden irgendwann trüb:
„Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“
Auf die Frage nach ihren messbaren Erfolgen kam nur die knappe Antwort: „Nein“!
Nun macht der Nichterkannte den Jüngern mit der Verheißung Mut, es nochmals zu versuchen: Ihr könnt das! Ihr werdet etwas fangen!
Vergemeinschaftet kann das dann heißen: „Wir schaffen das…“

Und siehe, zu was Menschen in der Lage sind, wenn sie erneut anpacken…
Siehe da, wenn Menschen aus dem Nichts als Trümmerfrauen Städte aufbauen oder als Optimisten blühende Landschaften schaffen. Manchmal ist es unglaublich, was Menschen erreichen, wenn sie Verheißungen vertrauen: der Überfluss droht die Netze zu zerreißen und die Zahl 153 – von der ich weiß, dass sie auch eine mystische Bedeutung haben kann – klingt wie steigende Börsenkurse.
Ihren Erfolg wertschätzt Jesus, indem er ihnen sogar sagt: „Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.“
Heißt das nicht, dass unsere Aufbaukräfte gut sind, dass Erfolge nicht fromm missachtet werden dürfen und Optimismus unschätzbar ist…

Der Nachtrag des Johannesevangeliums, der exegetisch das 21. Kapitel darstellt, und der damit zu einer Zeit entstanden ist, als die Kirche, als das Werk der Jünger schon etliche Jahrzehnte wuchs und vermutlich auch erfolgreich war, spricht von einer anderen Speise, die ihnen entgegenkommt und schon längst da ist, als sie an das neue Ufer kommen. Nicht Brot und Wein wie in Emmaus – denn die junge Kirche feiert schon längst die Eucharistie in den Häusern – sondern Jesus hat für die Jünger die zu diesem Zeitpunkt entscheidende Nahrung selbst bereitet:
Zu erkennen in einem Kohlenfeuer, auf dem Fisch und Brot sind.
Das Kohlenfeuer – kann es nicht sprechen von dem brennenden Dornbusch und dem Gott, der sagt „Ich bin der ich bin“?
Und Fisch und Brot – sind es nicht die Gaben der Brotvermehrung, wo Christus gegenwärtig ist, wenn zwei oder drei sich in seinem Namen versammeln, um das Brot und den Fisch, die „Gaben der Erde und der menschlichen Arbeit“, miteinander zu teilen?
Spricht an diesem dritten Ostersonntag 2020 die Gottesgabe auf dem Kohlenfeuer seiner Gegenwart vielleicht von der Gottesgabe der Geschwisterlichkeit und damit von der Gabe, welche die Pandemie verhindert, die laut Papst Franziskus noch schlimmer ist: der „Virus des gleichgültigen Egoismus“.

„Die Versorgung mit Lebensmitteln ist sicher“ – der Satz stimmt, wenn wir globale Geschwisterlichkeit als Anstiftung unseres gegenwärtigen Gottes leben.

von P. Karl Brahm OSB

Als Jesus am Abend nach seiner Auferstehung den Aposteln erscheint, ist Thomas nicht dabei. Da wird uns kein Grund genannt, warum er nicht da ist. Vermutlich aber will er sich von diesem Kreis absetzen, der ja – seiner Meinung nach – ohnehin dabei ist, sich nach dem Tod des Meisters aufzulösen. Allein fühlt er sich sicherer, denn das gemeinsame Versteck könnte ganz schnell zur Falle werden. Und doch lässt er sich von den anderen noch kontaktieren, die ihm freudig mitteilen: Jesus ist von den Toten auferstanden; er lebt.

Aber der Zweifel in ihm ist stärker als die freudige Mitteilung seiner Mitbrüder. Er kennt sie ja auch alle nur zu gut. Angefangen von Petrus, diesem Maulhelden, den Zebedäus-Brüdern, die immer die erste Geige spielen wollten und deshalb mit Petrus immer sofort um den Meister herumscharwenzelten, den Verzagten am Ölberg und von Judas, dem Verräter und Dieb, den Jesus auch noch gewähren lässt, ganz zu schweigen. Ja, in diesem Kreis hat er nur Schöntuer erlebt, die sich, als es ernst wurde, in Angsthasen und Versager umwandelten. Schon bei der Kreuzigung waren ja fast alle verschwunden, und jetzt sitzen sie die meiste Zeit immer noch hinter verschlossenen Türen. Also: vermutlich alles nur Blöff.

Und doch fühlt er sich durch die erhaltene Neuigkeit getrieben, nochmals diesen Kreis aufzusuchen. Und dieser Kreis gewährt ihm weiterhin Eintritt, ohne ihm Vorwürfe zu machen, wo er abgeblieben war. Und jetzt sieht er mit eigenen Augen, dass ihre Botschaft echt ist. Jesus lebt – er lebt ein neues Leben im Lichte seines Vaters. Ja, diese Schöntuer, Angsthasen, Versager, diese Menschen mit all ihren Fehlern und Schwächen, denen Thomas ja auch nicht nachsteht, die haben die Wahrheit gesprochen. Ja, und genau diese Leute hat Jesus als Zeugen für seine Auferstehung und die damit verbundene Frohbotschaft auserwählt. Und vom auferstandenen Jesus angerührt, kann Thomas nun auch nicht mehr anders, als sich ganz in seinen Dienst zu stellen.

Ich denke, in der Geschichte von Thomas finden wir ein Spiegelbild der Kirche. Ja, in unserer Kirche, aufgegliedert in Gemeinden und Gemeinschaften, sind wir alle Menschen mit Schwächen und Fehlern. Und dennoch ist jeder, der da ehrlich mitmacht, von Jesus gerufen, die Frohbotschaft zu verkünden und seine Liebe weiter zu geben, so wie er damals die Apostel mit ihren Schwächen und Fehlern dazu berufen hat.

Aber weil wir Menschen nun mal so sind, die eigenen Schwächen und Fehler nicht zu sehen oder sehen zu wollen, und das Gute, das andere tun, schon gar nicht, findet man leicht einen Grund, sich von der kirchlichen Gemeinschaft, zu der man gehört, zu distanzieren. So war das ja auch bei Thomas. Und die Schlagworte, die heutzutage über die Kirche ausgebreitet werden, kennen wir ja alle. Wasser predigen und Wein trinken. Prink, Glorie, Geldgier und Karrieresucht statt Dienst am Menschen. Lieblosigkeit statt Liebe, und natürlich Missbrauch statt die Würde des Menschen zu achten. Kurzum: die Kirche ist unglaubwürdig, und Gutes sucht man vergeblich. Da bleibe ich lieber draußen vor der Tür, da bleibe ich lieber bei mir selbst, denn man muss sich ja schämen, dazuzugehören.

Wäre Thomas draußen vor der Tür geblieben, hätte er den Auferstandenen nie erlebt, hätte er sich nie bekehrt, wäre er nie in seinen Dienst getreten und hätte nie das Heil Christi erfahren. Denn der Treffpunkt mit dem Auferstandenen war nicht draußen vor der Tür, sondern inmitten der Gemeinschaft, in dieser Gemeinschaft mit all den Schwächen und Fehlern, aber einer Gemeinschaft, die sich dennoch ganz in den Dienst Jesu gestellt hatte, die sich ganz seiner Führung anvertraut hatte.

So vertraue ich weiterhin der Kirche, dass sie uns durch die Kraft des Heiligen Geistes mit Christus zusammenführen kann, damit wir durch ihn geheiligt werden und zum ewigen Leben beim Vater im Himmel gelangen. Ich vertraue der Kirche, dass sie trotz aller Fehler und Schwächen immer noch wahrheitsgetreu die Hoffnungen, Zusagen und Gebote unseres Herrn Jesus Christus verkündet. Ich vertraue der Kirche, dass sie durch ihr tägliches Gebet und Lobpreis auf den einzigen und wahren Gott hinweist, der Sinn und Ziel unseres Lebens ist. Und ich vertraue, dass die Kirche ihre Tore weiterhin offenhält für alle, die – wie Thomas – unserem Auferstandenen begegnen und in seinen Dienst treten wollen.

von Bruder Benedikt Müller OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist Ostern und wir dürfen es 50 Tage feiern. Jedes Jahr neu bekennen wir mit einem besonders feierlichen Ton am Ostertag: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!“. Seit einer Woche scheint es, dass wir aus dem liturgischen Feiern nicht mehr herauskommen. So viele Feier- und Festtage mit ihrem je eigenen Schwerpunkt. Was wir da alles feiern – das kann ich schlecht in einem Satz zusammenfassen. Zu viele Bilder und Gefühle aus der letzten Woche bewegen mein Herz. Da muss ich innerlich schmunzelnd an eines meiner ehemaligen Kindergartenkinder aus meiner Heimat Mengeringhausen denken. Ich war vor 26 Jahren Erzieherpraktikant im Anerkennungsjahr, da hatte mir ein sechsjähriger Junge – er heißt auch Benedikt – die festlichen Inhalte der Kar– und Ostertage in der Mengeringhäuser Kirche nach einem Kindergottesdienst zusammenfassend so erklärt: „Erst kommt Jesus mit seinen Kumpels nach Jerusalem. Dann essen wir mit ihm. Danach schlagen wir ihn alle ans Kreuz. Dann ruht er im Grab und steht wieder auf. Bis abends geht er mit Freunden spazieren, erschreckt immer wieder die Jünger am See, und dann fährt er zu seinem Vater auf.“ Dann schaute er auf den Hochaltar. Auf einem der Altarbilder sieht man Jesus in Gethsemane beten und ein Lichtstrahl fällt in dunkler Nacht auf ihn. Der Junge war nun fest überzeugt: „Jetzt weiß ich endlich, an was Jesus gestorben ist. An einem Sonnenbrand!“ Auf den Punkt gebracht. Naja, bis auf die Todesursache. Und abends geht er mit seinen Freunden spazieren – der erste Osterspaziergang. An den Ostern meiner Kindheit gehörte der Osterspaziergang traditionell dazu, und für mich war das immer: ein Stück mit nach Emmaus zu gehen.

Liebe Geschwister! Es ist der Ostertag. Die Jünger sitzen versteckt in ihrem Haus in Jerusalem und haben die Fenster und Türen verschlossen. Sie gehen nicht spazieren. Wie zitternde Angsthasen haben sie sich in ihren Angsthasenbau zurückgezogen. Also kein Osterspaziergang? Doch: Denn zwei Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus, weg von Jerusalem, weg von den anderen Jüngern, weg von den Ereignissen der letzten Tage. Sie müssen die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem, das Geschehen um Jesus und sein Sterben, noch verarbeiten.  Nicht eine Aufbruchsstimmung ist auf ihrem Weg spürbar, sondern Resignation und Verzweiflung. Es gibt Wegstrecken im menschlichen Leben, die holprig und steinig sind, wo uns der Gegenwind oder ein Virus ins Gesicht bläst. Eine Krankheit oder auch die aktuelle Pandemie kann uns mutlos machen.

Es gibt Lebenswege, da werden wir von Mitmenschen enttäuscht. Es gibt Wegkreuzungen auf unserem Lebensweg, wo uns der Tod eines geliebten Menschen jede Hoffnung nehmen kann. Schwer wird dann der Schritt, und es kommt die Frage auf nach dem „Wohin“ und „Wozu“ und dem „Warum“. Vielleicht ist es den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus ähnlich ergangen. Sie können JERSUALEM, den Ort der Hoffnungslosigkeit, nicht mehr ertragen – der Wind des Schmerzes hat hier in den letzten Tagen zu sehr geweht. Sie kehren der Stadt den Rücken zu. Sie geben auf und fliehen. Versunken in Traurigkeit und Verzweiflung. Denn dieser Jesus von Nazareth, der ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben hatte, der die Mitte ihrer Gemeinschaft von Jüngerinnen und Jüngern war, ist ihnen gewaltsam genommen, er wurde ans Kreuz geschlagen. Alles ist zerstört, rabenschwarz, tot. Die dunkle Nacht der Seele. Und noch lange ist jene Nacht nicht vorgedrungen, und es scheint kein Morgenstern und schon gar keine Ostersonne für sie.

Die Trauer macht die beiden Jünger blind. Blind auch für den, der nun zu ihnen kommt – sich zu ihnen gesellt –  und den Weg mit ihnen geht. Und doch spüren sie, dass Kraft und Trost von ihm und seinen Worten ausgeht. Christus begleitet uns, ob wir es wahrnehmen oder nicht. ER ist da. Wenn wir Christus zum Gefährten haben, leuchtet im Herz alles in schönerem Licht. Wenn wir ihm glauben und vertrauen, brennt unser Herz wie ein Feuer in dunkler Nacht. Seine Nähe erfüllt unser ganzes Sein. Er wird unsere Hoffnung und unsere Freude – unsere Stärke und unser Licht. Und liegt auch ein mühsamer Weg vor uns, mit Christus als Gefährten können wir diesen Weg getröstet zurücklegen. Seine Liebe und Nähe treibt uns immer neu an, dass wir nicht ermüden. Jesus hat uns versprochen, mit uns zu gehen, jetzt ist ER bei uns. ER hat uns seine Gegenwart versprochen. ER ist jetzt in dieser Feier bei uns und wird in Brot und Wein gegenwärtig. Er trägt uns, auch wenn wir in manchen Situationen unseres Lebens meinen, dass es nicht mehr weitergeht.

Liebe Schwestern und Brüder! Es ist Ostern! Wir sind wie die Jünger von Emmaus noch unterwegs. Aber wir wissen, da ist jemand, der mit uns geht: Jesus Christus. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat die Emmausjünger mit unbeschreiblicher Freude erfüllt. So große Freude, dass sie nicht anders können, als diese Freude zu anderen Menschen zu tragen. Das heutige Evangelium ist eine Anforderung an uns: Uns immer wieder auf die Nähe des HERRN einzulassen, in seiner Nähe Kraft und Freude zu finden und dann Boten der Freude für unsere Mitmenschen zu sein. Die Jünger haben den HERRN im heutigen Evangelium gebeten, bei ihnen zu bleiben. „HERR, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Der zu Gast Gebetene wird zum Gastgeber. Seine Hände brechen vor ihren Augen das Brot. Und „da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn“. Im Buch Jesus Sirach heißt es. „Er gab ihnen ein Herz zum Denken. Sein Auge setzte er ihnen ins Herz!“ Es hängt davon ab, dass uns die Augen und das Herz aufgehen. Wenn wir Christus geschaut haben, wissen wir, wofür wir leben. Jeder, der seines Herzens Ohr neigt und IHN sucht, der wird auch finden. Der HERR lässt sich nicht vergeblich suchen. Aber es muss ein Suchen sein, das eine Offenheit im Herzen zeigt. Denn: Offenheit ist Voraussetzung für den Augenblick des Erkennens. Ein Erkennen, dass das Herz öffnet und entflammt und das uns sagen lässt: ER ist es. ER, den wir so oft in der Ferne suchen, ohne zu ahnen, dass er unser nächster Begleiter war. Die heilige Gertrud von Helfta hat diese österliche Erfahrung wunderschön so ausgedrückt: „Da fühlte mein Herz, dass du angekommen und in mir gegenwärtig warst.“ Amen, Halleluja!

von P. Julian Schaumlöffel OSB

Liebe Brüder hier im Königsmünster,

liebe Schwestern und Brüder unserer Mescheder Gemeinden, liebe Freunde und Förderer, Schwestern und Brüder im Glauben, die Sie heute über den Livestream mit uns verbunden sind!

Drei Begebenheiten der letzten Tage kamen mir bei der Vorbereitung der heutigen Osterpredigt in den Sinn. Drei Erlebnisse, die mich berührt und die sich mir eingeprägt haben.

Am Mittag des Gründonnerstags traf ich in unserer hiesigen Sparkasse eine Bekannte, die ich aufgrund des einzuhaltenden Sicherheitsabstands zunächst gar nicht wahrnahm. Im Vorübergehen rief sie mir zu, ich möge in diesen Tagen besonders an ihre Familie denken, die es schwer getroffen habe. Besonders schwer habe es ihren Bruder getroffen, der, obwohl er eine stabile Gesundheit hatte und aufgrund seiner 56 Lebensjahre auch noch nicht unbedingt zur Risikogruppe gehöre, nun schwer an Covid-19 erkrankt sei und an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen im Krankenhaus auf der Intensivstation läge. Wirkliche Angst konnte ich ihren Worten entnehmen. Lebensangst. Überlebensangst. Ich versprach das Gedenken und das Gebet. Das Gespräch war zu Ende, aber das Gesagte wirkte noch lange in mir fort.

Lebensangst. Überlebensangst. Sie ist mächtig in diesen Tagen!

Die zweite Begebenheit datiert einen Tag – oder auch 2000 Jahre – zuvor. Am Mittwochabend haben wir im Kreis der Brüder den Film „Maria Magdalena“ aus dem Jahre 2018 geschaut. Obwohl die Gestalt der Maria Magdalena sehr zu begeistern vermochte, blieb ich an einem anderen Charakter hängen: Judas. Sehr warmherzig, liebevoll und bedingungslos treu in der Nachfolge wurde Judas im Film gezeichnet. Einer, der die Kraft seiner unbedingten Nachfolge aus der verheißenen Hoffnung der bald schon anbrechenden Königsherrschaft Gottes zieht. In diesem Reich der Liebe und der Gerechtigkeit will er auf ewig wohnen und all seine Lieben wiedersehen, die er so schmerzlich vermisst. Doch wann geht es los? Wann beginnt dieses Reich? Er wird ungeduldig. Lebensangst. Überlebensangst. Er hat Angst, dass seine Hoffnung enttäuscht wird. Er will nachhelfen. Sein Verrat wird hier eher als ein verzweifeltes Anschubsen Jesu dargestellt. Jetzt muss der Messias sich doch endlich offenbaren und seine Königsherrschaft beginnen. Jetzt kann er nicht mehr anders. Judas will es nach seinen menschlichen Vorstellungen verwirklicht wissen. Er hat die Botschaft eben noch nicht verstanden. Und er wird sie innerweltlich auch nicht mehr verstehen, denn der Blick ins leere Grab, die tröstende Begegnung mit dem Auferstandenen ist ihm nicht mehr möglich. Angst. Überlebensangst. Sie war zu mächtig und hat ihm im Letzten das wahre Leben nicht ermöglicht, es am Ende sogar vernichtet.

Der dritte Moment, der sich mir eingeprägt hat, war nochmals einige Tage zuvor. Es war die Aussage einer älteren Frau aus Oberammergau im Rahmen einer Reportage über die abgesagten Passionsspiele. Der Ort und seine Bewohner haben über Jahre in die Leidensgeschichte investiert. Die Passionsspiele sind eine wichtige Einnahmequelle für das kleine oberbayrische Dorf. Über die Hälfte der Bevölkerung steht mehrere Monate auf der Bühne, um das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu getreu einem über 380 Jahre alten Pestgelöbnis darzustellen. Nun sind die Passionsspiele abgesagt und auf 2022 verschoben. Die Reportage zeigte in diesem Zusammenhang auch eine junge Muslima, die der besagten älteren Dame ihre benötigten Lebensmittel vor die Haustür stellte. Der Dank und die Freude über die aktuelle Hilfsbereitschaft der Dorfbevölkerung – insbesondere der jungen Muslima – brachte die ältere Dame vor laufender Kamera zum Weinen: „So lange schon lebe ich hier, so viele Passionsspiele habe ich miterlebt, aber erst jetzt, da sie abgesagt werden mussten, habe ich in dieser jungen Frau zum ersten Mal die barmherzige Liebe Gottes wirklich erfahren dürfen.“  Ein Satz, der nachdenklich macht.

Was verbindet diese drei Begebenheiten miteinander? Auf den ersten Blick ist es die Angst einzelner Menschen. Angst. Überlebensangst.

Über die Angst zu sprechen, fällt an diesem Osterfest, das durch Kontaktverbot, abgesagte gesellschaftliche Ereignisse, fehlende Familienbesuche und Gottesdienste hinter verschlossenen Kirchentüren geprägt ist, nicht schwer. Die Angst überschattet unseren Alltag in Deutschland seit nunmehr vier Wochen.

Mit dieser Angst und Unsicherheit sind wir durchaus auch im Kern des heutigen Osterevangeliums. Im noch diffusen Licht des frühen Ostermorgens kommt Maria von Magdala zum Grab und findet den Stein weggewälzt. Es ist die Angst um den geliebten Meister, die sie schnell zu den Jüngern laufen lässt, die Angst und Unsicherheit um den Verbleib ihres Herrn, der sie rennen lässt. Überhaupt ist hier viel von Bewegung die Rede, denn nun rennen die Jünger ihrerseits zum Grab. Der Evangelist beschreibt es wie einen Wettlauf, denn wir hören, wer schneller ist und zuerst ankommt. Angst kann zu Aktionismus führen, der aber nicht ans Ziel bringt, solange das Vertrauen und die Hoffnung fehlen. Petrus, der zwar langsamer ist und später am Grab ankommt, traut sich dagegen hinein in das Grab, hinein in die dunkle Ungewissheit. Die Hoffnung, den Worten Jesu trauen zu dürfen, dass der Tod nicht das Ende ist, trägt ihn in die Grabkammer hinein, und aus der Ungewissheit und Angst kann österliches Licht aufstrahlen. Das ängstliche und verschlossene Herz wird weit und die Selbstbezogenheit öffnet sich zum anderen hin. Die eigene Auferstehung beginnt. Das nimmt auch der andere Jünger wahr und traut sich jetzt ebenfalls hinein. „Er sah und glaubte“ berichtet uns das Evangelium. Den Auferstandenen selber sehen sie zwar noch nicht, aber der Glaube an die Worte ihres Meisters trägt jetzt wieder und wird mächtiger als die Angst, die sie bisher gefangen hielt. Auferstehung ist eben nicht das große Zauberkunststück oder die Effekthascherei mancher Zeitgenossen. Auferstehung beginnt zaghaft, eben im noch diffusen Licht des Ostermorgens. Auferstehung beginnt dort, wo ich der Botschaft Jesu wieder traue, wo meine Hoffnung und mein Glaube wieder stärker werden als die Angst. Dann kann so vieles um mich herum wieder heller und leichter werden, dann kann die österliche Sonne wirklich strahlen und mein Leben bis in den letzten dunklen Winkel hinein erhellen. Das ist Ostern, das ist Auferstehung!

Papst Franziskus drückte es bei seiner Video-Generalaudienz am vergangenen Mittwoch so aus:

„Gott ist allmächtig in der Liebe und nicht anders. Es ist seine Natur, er ist so. Er ist die Liebe. Du könntest einwenden: „Was will ich mit einem so schwachen Gott, der stirbt? Ich würde einen starken und mächtigen Gott vorziehen.“ Aber wisse: Alle Macht der Welt vergeht, doch die Liebe bleibt. Nur die Liebe wacht über das Leben, das wir haben, denn sie umarmt unsere Schwächen und verwandelt sie. Es ist die Liebe Gottes, die zu Ostern unsere Sünde durch seine Vergebung tilgte, die den Tod zu einem Übergang zum Leben machte, die unsere Angst in Vertrauen, unsere Verzweiflung in Hoffnung verwandelte. Ostern sagt uns, dass Gott alles zum Guten wenden kann.“

Noch einmal zurück zu den drei Begebenheiten, die ich eingangs erzählte. Was verbindet sie? Es ist nur auf den ersten Blick die Angst. Genauer betrachtet verbindet sie die Sehnsucht nach Leben!

Die Sehnsucht meiner Bekannten, dass der geliebte Bruder die schwere Corona-Erkrankung übersteht.

Die Sehnsucht des Judas, dass die Gerechtigkeit des verheißenen Gottesreiches endlich anbricht.

Die Sehnsucht der älteren Dame aus Oberammergau, die so oft gespielte Passion als Lebenswirklichkeit in der Gemeinschaft ihres Ortes am eigenen Leibe erfahren zu dürfen.

Das ist Ostern, das ist Auferstehung!

Beginnen wir, liebe Schwestern und Brüder, noch heute mit unserer eigenen Auferstehung aus den dunklen Grabkammern unserer Ängste und vertrauen wir darauf, dass Gott wirklich alles zum Guten wenden kann. Spüren wir neu unsere eigene Sehnsucht nach Leben!

Dann kann es Ostern werden – auch in dieser schweren Zeit.

Christus ist wahrhaft vom Tode erstanden!

Amen. Halleluja.

von P. Reinald Rickert OSB

Meine lieben Brüder und Schwestern, die Sie über das Internet mit uns verbunden sind, meine lieben Brüder hier in der Abtei!

Am Osterfest geht es immer um Leben und Tod! Am Osterfest 2020 geht es in besonderer Weise um Leben und Tod, oder besser gesagt um Tod und Leben!

Es ist eine Folge der Globalisierung – und noch nie dagewesen -, dass eine Viruserkrankung, die sehr viele Todesopfer fordert, sich so rasant ausbreitet: Sie macht vor keinem Erdteil, vor keiner Nation halt. Sie unterscheidet nicht zwischen hochentwickelten und weniger entwickelten Ländern. Corona betrifft alle Menschen – ohne Ausnahme: Die Infizierten und die Nicht-Infizierten, die noch Lebenden und die schon Verstorbenen.

Der Münsteraner Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz sprach schon vor Jahren davon, dass sich die Menschheit in einer allumfassenden „Koalition der Lebenden und der Toten“ befindet. Er stellt „eine Gleichheit aller Menschen unter Berücksichtigung der unterschiedlichsten Lebens- und Handlungsbedingungen“ fest. Metz sieht diese Gleichheit als Folge einer „rettenden Gottesgerechtigkeit“.

Und da sind wir wieder beim Thema „Ostern“.

„Es gibt kein Leid in der Welt, das uns nicht angeht.“ Diese elementare und solidarische Gleichheit aller Menschen zielt auf „die Anerkennung einer Autorität, die allen Menschen zugänglich und zumutbar ist, auf die Autorität der Leidenden, der ungerecht und unschuldig leidenden Opfer.“ Alle Leidenden haben uns etwas zu sagen, haben eine Botschaft auch ohne große Worte.

Wie hätte Jesus darauf reagiert? Wir wissen, dass er sich überwiegend in Gleichnissen, weniger in dogmatischen Sätzen äußerte. Im Johannesevangelium stoßen wir – kurz vor seiner eigenen Leidensgeschichte – auf ein Bildwort aus dem bäuerlichen Milieu seiner Zeit: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh. 12, 24) Jesus beschreibt einen biologischen Vorgang, der jedem seiner Zuhörer geläufig ist: Wenn nach der winterlichen Ruhepause die Natur sich regt und alles wieder sprießt und sprosst: Frühjahr, eine Zeit des beginnenden Lebens! Darauf kann man sich verlassen: Leben – Sterben – Leben — Leben – Tod – Geburt.

Genauso stellten sich die griechischen Philosophen den „Kosmos“ vor. Platon wusste um das lebendige Walten der Physis: Werden und Vergehen – Anwesen und Abwesen – Wachsen und Sterben. Für die Antike war der Mensch fester Bestandteil dieses Kosmos; auf Augenhöhe mit Flora und Fauna, in Harmonie mit Pflanzen und Tieren inklusive ihrer Vergänglichkeit. Kosmos konnte nur einen göttlichen Ursprung haben. Auch die intellektuellen Juden zur Zeit Jesu wussten darum.

Heute ist dies anscheinend alles unvorstellbar geworden. Schon lange haben sich die meisten modernen Menschen vom Kosmos emanzipiert, „befreit“ und sich in und mit einer mechanisch-technischen Weltanschauung eingerichtet.

Dass menschliches Sterben nicht nur ein biologischer Vorgang ist, weiß auch Jesus: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh. 12, 25) Der Inhalt des christlichen Osterfestes bleibt paradox: Wir leben nicht unserem Tod entgegen, sondern wir sterben unserem Leben entgegen. Wir wechseln im Sterben unsere Lebensform, doch wir werden nicht zerstört.

Übrigens hat Pythagoras (570 – 510 v.Chr.) die Lehre der Unsterblichkeit der Seele aus Ägypten nach Hellas importiert. Denn in der Frömmigkeit der alten Griechen findet man nicht den geringsten Hinweis auf ein Fortleben der Seele nach dem Tod.

Die praktische Seelsorge beschränkt sich derzeit auf Beerdigungen direkt am Grab im engsten Familienkreis. Ich hatte also in den letzten Wochen viel Zeit zur Muße. Bei gutem Wetter sitze ich dann auf der runden Bank in unserem Garten, rauche eine Zigarre und beobachte den kleinen frühlingshaften Kosmos auf dem Klosterberg: Die eiweißreichen Kerne eines jeden Samenkorns verzehren sich zugunsten einer neuen Pflanze; alles sprießt und sprosst; „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Die verschiedenen Vogelarten liefern sich Revierkämpfe und zeigen Balzrituale. Bruder Isidors Mutterschafe führen ihre Lämmer aus. Ein Bild des Lebens! Keine Corona-Panik! Ein Gleichnis für den inneren und äußeren Frieden der Menschen.

Vielleicht brechen wir innerlich auf – wo wir an diesem Osterfest ja nicht weg können – und machen uns auf die Suche nach der verlorenen Harmonie und lernen wieder den Kosmos bewusst wahrzunehmen.

Tiere und Pflanzen machen uns vor identisch zu leben. Auf ihre Art hat Ute Latendorf die österliche Botschaft in einem Gedicht beschrieben:

Leben lernen

Von der Sonne lernen, zu wärmen,

von den Wolken lernen, leicht zu schweben.

Von dem Wind lernen, Anstöße zu geben,

Von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen,

Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein.

Von den Blumen das Leuchten lernen,

Von den Steinen das Bleiben lernen,

Von den Büschen im Frühling Erneuerung lernen,

Von den Blättern im Herbst das Fallenlassen lernen,

Vom Sturm die Leidenschaft lernen.

Vom Regen lernen, sich zu verströmen,

Von der Erde lernen, mütterlich zu sein.

Vom Mond lernen, sich zu verändern,

Von den Sternen lernen, einer von vielen zu sein,

Von den Jahreszeiten lernen, dass das Leben immer von Neuem beginnt.

Amen.

von P. Johannes Sauerwald OSB

Liebe Brüder hier in der Abteikirche,
liebe Schwestern und Brüder, die Sie vom Bildschirm aus mit uns die Karfreitagsliturgie feiern!

An diesem Karfreitag strahlt zwar draußen die Sonne, doch unsere Feier wird überschattet von Vorsichtsmaßnahmen, die mit der Covid-19 Pandemie zusammenhängen. Es ist sehr schade, dass Sie, die Kirchengemeinden und wir Mönche hier, dieses für unseren Glauben zentrale Fest nicht gemeinsam im Kirchenraum begehen können, so wie wir es gewohnt sind, und das gilt auch für Ostern, den Tag der Auferstehung. Das beeinträchtigt sehr wohl das unmittelbare Erleben.

Was bleibt dann von dem Kern eines starken Glaubensereignisses an diesem hohen Feiertag noch übrig, wenn wir in einer zugesperrten Kirche zusammenkommen und die anderen nur über das Internet dabei sein können?

Anders gefragt:  Was steht jetzt in dieser Stunde im Mittelpunkt der Karfreitagsliturgie? Es ist das Gedenken an Christi heilsames Leiden und Sterben und an seine Auferstehung. Gerade jetzt angesichts der bedrohlichen Lage sind wir darauf angewiesen, nach dem tragenden Grund unseres Glaubens und unserer Hoffnung zu fragen. Jesus sichert seinen Jüngern zu: „Wo zwei oder drei in meinen Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Über die Zeiten hinweg kommt er zu uns, wir sind nicht passive Zuschauer, sondern werden in seine Gegenwart hineingeholt. Wir schauen auf ihn und werden so Zeugen all dessen, was mit ihm geschehen ist.

Denn soeben haben wir die Leidensgeschichte nach dem Johannesevangelium gehört, und wieder einmal läuft dann das dramatische Geschehen der letzten beiden Tage Jesu von Nazareth vor unserem inneren Auge ab. Es geht dabei um mehr als eine Erzählung des beklagenswerten Todes eines großen Menschen, der vor zwei Jahrtausenden zu Unrecht verurteilt und hingerichtet worden ist. Wir schauen auf den Durchbohrten, betrachten seinen letzten Weg, und versuchen zu verstehen, was sein letzter Gang für uns bedeutet. Wir schauen auch auf die beteiligten Personen: welche Rolle haben jene gespielt, die in die Passionsgeschichte verwickelt sind? Seine Mutter, seine Jüngerinnen und Jünger, seine Feinde und Gegner, die Mächtigen wie Pilatus und König Herodes, und die Vertreter des jüdischen Volkes, dann die namenlosen Randfiguren, die Soldaten und alle jene, die auch noch zufällig mit in diese Geschichte hineingeraten, etwa Simon aus Zyrene und die beiden Verbrecher, die links und rechts neben dem Unschuldigen am Kreuz aufgehängt werden.

An jedem einzelnen von ihnen wird deutlich, wie Menschen mit der Passion Jesu umgehen, wie sie darauf reagieren. Wir können an ihnen auf unsere eigenen Reaktionsweisen stoßen. Vielleicht gibt es jemanden unter ihnen, mit dem ich mich in irgendeiner Weise identifizieren kann?

Keine dieser Gestalten ist unwichtig, bedeutungslos. Nehmen wir nur die beiden Mitgekreuzigten. In den Evangelien werden sie Räuber, Verbrecher, Übeltäter genannt, wir sagen heute Kriminelle, vielleicht Terroristen. Es ist nicht von Belang, was sie verbrochen haben und warum sie rechtmäßig zum Tode verurteilt worden sind. Nur dass sie Jesus in der Stunde seines Sterbens räumlich am nächsten waren, sein Kreuz links und rechts flankierten, Jesus also in ihre Mitte kam. Das war natürlich kein Ehrenplatz. Ihn so zu positionieren hieß, ihn als Verbrecher einzustufen und verächtlich zu machen. Dorthin hat ihn seine Sendung, seine Berufung geführt, dort ist er gelandet mit seinem Einsatz für das Heil der Menschen. Nun erntet er Schimpf und Schande. Er wird zum Spielball seiner Gegner, zum Abscheu für die religiös Reinen mit ihren fixen Vorstellungen von Gott, die sie pflegen, um nicht wirklich an Gott glauben zu müssen. Auch die beiden Mitgekreuzigten reagieren auf diesen Menschen in ihrer Mitte, der allerdings aus ganz anderen Gründen als sie hingerichtet wird. Das Lukasevangelium lässt einen der zwei Kriminellen in die Verhöhnung der Schaulustigen um ihn herum einstimmen, der andere dagegen öffnet sich für die menschgewordene Liebe Gottes an seiner Seite und bittet um das ewige Leben. Es ist unbegreiflich, was da in dieser Begegnung passiert. Noch im Sterben wendet sich Jesus ihm zu, offenbart seine erbarmende Liebe zum Sünder, indem er ihm, allen Begleitumständen zum Trotz, verheißt, umgewandelt zu werden und bald im Paradies zu sein.

Diese Episode kennt das Johannesevangelium nicht, sondern erwähnt nur die Tatsache, dass Jesus zusammen mit zwei Verbrechern gekreuzigt worden ist. Das aber nicht der Vollständigkeit halber, quasi aus protokollarischen Gründen, sondern um ganz deutlich zu betonen, dass der Gekreuzigte in jene Zone gerät, wo menschliche Würde nicht mehr zählt. Diesen letzten Akt seines Lebens lässt Jesus nicht einfach stumpf und passiv über sich ergehen als sei er nur von äußeren Mächten aufgezwungen. Vielmehr lässt er sich unter die Verbrecher zählen, um in allem uns gleich zu sein, außer der Sünde. Er nimmt den letzten Platz bewusst an. Er nimmt ebenso die Folgen menschlichen Fehlverhaltens auf sich. Er erlebt an sich selbst, was es heißt, auf die unterste Stufe herabzufallen, ohne Solidarität schutzlos da zu stehen. Anscheinend gibt es keinen Unterschied zwischen ihm und den Sündern. Er ist es, der sich mit ihnen solidarisiert. Er nimmt an der Not ihrer Zweifel teil, an dem Gefühl, dass alles sinnlos zu sein scheint, wird im Ölberg von der Angst gepackt und muss durch das Dunkel der Gottesferne hindurch. “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Weil Jesu alles loslässt, erreicht Gottes Gnade den tiefsten Punkt des Menschlichen, dringt in den Abgrund menschlichen Dunkels vor, um es dort in Jesus selbst zu heilen und in göttliches Licht zu verwandeln.

Das tiefste Dunkel aber ist der Tod. Deshalb ist es die Überzeugung der Kirche, dass Jesus in das Reich des Todes herabgestiegen ist, wie es das Apostolische Glaubensbekenntnis formuliert. Gott hat keine Erlösung von oben herab verordnet oder einen Schalter umgelegt, sondern aus der Tiefe und von innen her den in sich verschlossenen Menschen an seinem tiefsten Punkt aufgesucht. Wie sehr es Jesus verlangt hat, den Menschen aus seiner selbstgewählten Quarantäne zu befreien, sehen wir am Kreuz. Auch die Ängste, in denen Menschen gefangen sind angesichts der eigenen Verfehlungen oder leidvoller Schicksalsschläge, können das göttliche Wirken nicht aufhalten.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir doch wirklich verstehen könnten, was uns in der Stunde der Krise und Angst entgegenkommt an göttlicher Langmut, an Milde, an lebensspendender Kraft! Wo uns doch nicht nur das Evangelium, sondern auch die Erfahrung vieler Menschen bezeugt, dass Gott ausgerechnet in der Stunde der Not den Abstand zu uns überwindet, und dort uns nahe kommt, wo wie es am wenigsten vermuten. Lasst uns daher das Kreuz verehren, auf den Durchbohrten schauen und uns aufschließen lassen für das österliche Leben.

von P. Erasmus Kulke OSB

„Freiheit, Freiheit – ist die einzige, die fehlt“. So, liebe Schwestern und Brüder, heißt es in einer bekannten Rockballade von Marius Müller-Westernhagen, die zu einer Art Hymne der Befreiung von der DDR-Diktatur und der deutschen Wiedervereinigung wurde. Freiheit, Freiheit ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen, eine tiefe Sehnsucht in jedem von uns. Frei zu sein von inneren und äußeren Zwängen, frei zu sein von Sorgen und Ängsten, frei zu sein, das zu tun, was man will und was einem wichtig ist, frei zu sein, sich selbst zu verwirklichen, seinen eigenen Weg zu gehen und Glück, Erfüllung, Sinn und Frieden zu finden. Und es schmerzt uns oder wird gar unerträglich, wenn sie fehlt, die Freiheit.

Und sie fehlt uns in diesen Tagen und Wochen der Corona-Krise ganz deutlich. Wir sind zurzeit stark eingeschränkt.
Vieles ist gerade nicht möglich, nicht erlaubt. Durch staatliche Anordnungen verboten. Die sind zwar sinnvoll und
notwendig, aber trotzdem macht es uns das Leben mitunter schwer. Wir müssen Distanz zueinander wahren, auch wenn wir gerade jetzt das Bedürfnis nach Nähe verspüren. Und viele von uns sind in diesen Tagen sicher auch nicht frei von Sorgen und Ängsten.

Doch wie frei waren wir eigentlich vor Corona? Wie frei waren und sind wir in einer Welt, in der Werbung und Medien uns subtil manipulieren und einflüstern, was wir alles brauchen, um glücklich zu sein, um „jemand“ zu sein? Wie frei sind wir in einer Welt, in der die Wirtschaft in hohem und zunehmenden Maße die Politik und Gesetzgebung bestimmt, in der es immer mehr nur um Gewinnmaximierung geht und der einzelne Mensch zum Mittel zum Zweck degradiert wird, in der die Kluft zwischen reich und arm immer größer wird, in der die soziale Marktwirtschaft immer mehr zu einem unmenschlichen und gnadenlosen Kapitalismus verkommt. Wie frei sind wir in einer Welt, in der unsere Demokratien, die doch für unsere Freiheit sorgen, immer stärker gefährdet sind, weil rechtspopulistische Ideen und Gruppen immer mehr Gehör und Anhänger finden und unsere Gesellschaften immer stärker gespalten und zerrissen sind, in der ein friedliches Zusammenleben und geteilter Wohlstand bedroht werden,
weil es vielen Nationen anscheinend nur noch um die eigenen Interessen geht und aus dem Blick gerät, dass wir Menschen alle Teil ein weltweiten Schicksalsgemeinschaft sind, Schwestern und Brüder.

Vieles wird uns jetzt in dieser Krise deutlich und erfährt eine erste Korrektur. Wir besinnen uns wieder darauf, was wirklich wichtig ist im Leben. Solidarität, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe nehmen wieder spürbar zu. Sind das nicht schon erste Schritte auf dem Weg zu mehr Freiheit? Und es gibt Stimmen, die sagen, die Krise muss noch ein wenig länger dauern, damit wir wirklich dauerhaft daraus lernen und unsere Welt sich dadurch nachhaltig zum Positiven verändert, auch wenn das für manche zynisch klingen mag. Doch warum rede ich die ganze Zeit von Freiheit? Weil mir dieses Thema aus den heutigen Lesungen sehr deutlich entgegenkommt. Und weil sie uns viel Ermutigendes dazu zu sagen haben.

Da ist das Volk Israel, das in Ägypten unterdrückt wird und versklavt ist. Doch Gott lässt sein Volk nicht im Stich. Er
offenbart sich dem Mose als der Ich bin da, der das Elend seines Volkes sieht und sein Leid kennt, der die Initiative
ergreift, um an der Seite der Israeliten gegen ihre Unterdrücker zu kämpfen und sie aus der Knechtschaft in die Freiheit zu führen. Direkt vor dem Aufbruch in die Freiheit stärkt sich das Volk nach göttlicher Anordnung mit einem gemeinsamen besonderen Mahl, dem Pessach- oder Paschamahl. Wir haben davon in der Lesung gehört. Das Pessachmahl ist also ein Mahl der Befreiung, in dem der Glaube, dass Gott all denen nahe ist, die in Unfreiheit leben und die leiden, lebendig wird.

Heute gedenken wir insbesondere des letzten Abendmahls, das Jesus mit seinen Jüngern gehalten hat. Hier hat Jesus, der Immanuel, der Gott mit uns, diesem Pessachmahl eine neue Bedeutung verliehen, indem er es mit seiner eigenen Lebenshingabe verbunden und uns als wertvolle Erinnerung daran hinterlassen hat. So erinnert uns dieses Mahl daran, wie unermesslich die Liebe Gottes ist, mit der er uns liebt, bedingungslos. Eine Liebe, die bis zum letzten geht, in der sich Gott in Jesus selbst ganz und gar hingibt. Es ist, wie das Exsultet in der Osternacht besingen wird, die „unbegreifliche Liebe des Vaters, die den Sohn dahingibt, um den Knecht zu erlösen“. Ja, Gott hat das Elend der Menschen, unser Elend gesehen. Wir sind verstrickt und gefangen in den Strukturen des Bösen, der Sünde. Wir leiden darunter und haben selbst Anteil daran. Eine Sünde verursacht die nächste. Eine Aktion zieht die nächste Re-aktion nach sich. Ein Teufelskreis. Durch seinen Tod am Kreuz, durch sein Opfer, hat Jesus uns daraus befreit. Er hat die Macht der Sünde für uns durchbrochen, indem er auf die Gewalt nicht mit Gegengewalt geantwortet hat, sondern sie aus Liebe scheinbar ohnmächtig erlitten hat.

Und wenn ich Gott seine maßlose Liebe zu mir glaube, und erkenne, was er am Kreuz für mich getan hat, – und das bringen wir in jeder Eucharistiefeier zum Ausdruck – dann wird mich das innerlich frei machen. Frei von Angst und Sorge, weil ich dann keine Angst mehr um mich selbst, mein kleines, oft so schnell gekränktes und eitles Ego haben muss. Denn dann weiß ich mich ja vollkommen umfangen und getragen von der Liebe Gottes, die alles Verstehen übersteigt. Dann stehe ich auch nicht mehr unter dem Zwang, mich selbst verwirklichen zu müssen, womöglich auf Kosten anderer, sondern dann wird es mir ein inneres Bedürfnis sein, auf diese Liebe mit meiner Liebe zu antworten, mich selbst in Liebe an Gott und die Menschen hinzugeben. Und gerade darin, indem ich mich selbst loslasse und hingebe, werde ich mich selbst finden, mich selbst verwirklichen, weil Gott uns als sein Ebenbild so angelegt hat, als Mitliebende, weil es unserer tiefsten Wahrheit entspricht. Und ich werde dabei Jesus ganz nahe sein, weil ich ihm dann nacheifere, in seinen Spuren gehe.

Er lebte ganz aus dieser Liebe Gottes. Er wusste sich in dieser Liebe ganz geborgen. Im Evangelium heißt es, dass Jesus „wusste, dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte.“ Und deswegen war er innerlich ganz frei und konnte alles loslassen. Deswegen konnte er zum Sklaven werden, indem er, der Meister und Herr, seinen Jüngern die Füße wusch. Und deswegen konnte er zuletzt auch sein Leben loslassen. Das Mahl der Liebe, das Jesus uns hinterlassen und in dem er seinen Tod vorweggenommen hat, und das Beispiel seines Dienstes an uns im Zeichen der Fußwaschung, will uns frei machen. Frei von allen inneren Zwängen, von aller Angst und Sorge, ja, selbst von der Angst vor dem Tod, und frei zum Dienen, frei mich selbst loszulassen. Wenn wir also ernsthaft glauben, was wir heute und in diesen Tagen feiern, oder zumindest es immer mehr glauben, dann wird es uns, dann
wird es die Welt verändern. Der heutige Tag und auch die nächsten Tage wollen uns in diesem Glauben stärken. Öffnen wir uns für diese Botschaft! Öffnen wir dafür nicht nur unseren Verstand, sondern auch unsere Herzen, damit dieser Glaube uns wirklich ganz durchdringen und erfüllen kann!

Und so möchte ich Ihnen am Schluss meiner Predigt die letzten Zeilen des Liedes „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen mitgeben, die lauten: „Alle die von Freiheit träumen, sollen’s Feiern nicht versäumen, sollen tanzen auch auf Gräbern, Freiheit …“

Ja, Feiern und Tanzen, heute, am Gründonnerstag noch verhalten und Ostern dann aus ganzem, aus freiem Herzen!

Lazare, veni foras!

von P. Marian Reke OSB

An den Sonntagen der österlichen Bußzeit kommen in der Eucharistiefeier im Lesejahr A Passagen aus dem Johannesevangelium zum Vortrag. Dieses Evangelium wird auch das mystische genannt, ein Evangelium, das in Gänze sozusagen vom Glanz der Göttlichkeit Christi erstrahlt. Es spielte schon immer in der Liturgie der Fasten- und Passionszeit eine gewichtige Rolle. Die Reihe der teils ungewohnt langen und zugleich faszinierenden Perikopen richtete sich zuerst an die Katechumenen, an Frauen und Männer also, die auf ihre christliche Initiation in der Feier der Osternacht zugingen. Sie richtete sich auch an Christen, die mit einer schweren Schuld beladen als Poenitenten auf dem Weg der Wiederversöhnung waren. Ebenso richteten und richten sich diese Passagen des Johannesevangeliums an uns alle, denn unser Glaube kann nur als immerwährender Anfängergeist und im Geist steter Versöhnung lebendig bleiben.

Am dritten Fastensonntag hörten wir von der Verheißung lebendigen Wassers, die Jesus der Samariterin am Jakobsbrunnen offenbart. Wir alle sind mit dieser Frau aus Samarien gemeint. Jedem von uns will sich das doppelte Geheimnis des Durstes erschließen – des Durstes Christi, den es sozusagen nach dem Durst unserer Seelen dürstet, nach der tiefsten Sehnsucht des Menschen, die sich im Verfließen der Zeit allein aus der ursprünglichen Quelle der Ewigkeit stillen lässt. An ihr dürfen wir schon jetzt wieder und wieder zur inneren Ruhe kommen – und dessen bedürfen wir doch in diesen Tagen.

Am vierten Fastensonntag erfuhren wir vom Drama des blindgeborenen Mannes, dem Jesus mit dem Augenlicht auch eine neue Lebenssicht schenkte. Wir Menschen sind wie blindgeboren, doch ist jedem von uns das Licht Christi – der neue Blick – verheißen. Wahrhaftig erhellende Sichtweisen tun besonders in widerwärtiger Gegenwart not und sie können sich auftun im nüchternen Vertrauen gläubiger Herzen.

Heute, am fünften Fastensonntag, begegnen wir einem eindrucksvoll menschlichen Jesus, einem berührbaren, innerlich erregten und weinenden Mann auf dem Weg zum Grab seines geliebten Freundes, der nach vier Tagen schon zu stinken beginnt, wie es die Lutherbibel drastisch ins Wort fasst. Wir alle sind sterblich. Auch wenn es uns stinkt, wir sind definitiv „die Sterblichen“, wie in der Antike die Menschen genannt wurden – im Unterschied zu den unsterblichen Göttern. Jeder von uns ist in vielerlei Binden eng gebunden, in Bindungen der Angst, die uns bisweilen erstarren lässt. Immer wieder einmal sind einem Augen und Mund verdeckt vom Schweißtuch unserer Nöte, man will sie nicht anschauen oder darüber sprechen und irgendwann fühlt man sich geradezu eingeschlossen in die Einsamkeit – wie in eine Grabeshöhle.

Mit „Lazarus im Grab“ sind wir gemeint und zu uns als seinen geliebten Freunden ist Jesus auf dem Weg. Auch uns will derzeit – unter den gegebenen lebensfeindlichen Umständen – der Ruf der Auferstehung Christi auferwecken: zum Leben und zur Lebensfreude oder verhaltener gesagt zur Lebensfreundlichkeit in Wort und Tat … Ich wünsche sie uns derzeit von Herzen.

Das als erster Hinweis – und noch kurz zwei weitere auf zwei andere Texte der Liturgie dieses Sonntags:

Hören wir zunächst mit den gespannten Ohren des Anfängergeistes von Katechumenen und mit den auf das versöhnende Wort lauschenden Ohren von Poenitenten noch einmal die großartige Prophetie des Ezechiel in der heutigen Lesung: So spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. … Und ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig … Ich habe gesprochen und ich führe es aus – Spruch des HERRN. Diese Verheißung, einst erfüllt in der Auferweckung des Lazarus, will sich wieder und wieder erfüllen in der Geschichte der Menschheit und in den vielen Geschichten der Einzelschicksale. Wir sollen und dürfen lernen, die Geschicke der Welt und unseres eigenen Erdendaseins wie Katechumenen ganz neu zu sehen oder wie Poenitenten von Grund auf erneuert auch zu verstehen, und das schon jetzt und Tag für Tag … Dann werden wir es auch bald feiern können – im Licht der Nacht der Auferstehung Christi, jener Ostervigil, die der heilige Augustinus die „Mutter aller Vigilien“ genannt hat.

Und noch zuletzt – lasst uns nachher in gleicher Haltung die Communio der heutigen Messe singen. Sie ist zweifellos eine der machtvollsten Verflechtungen von Text und Melodie im Repertoire der lateinischen Liturgie. „Als der HERR sah, daß die Schwestern des Lazarus am Grab weinten, da brach er in Tränen aus vor den Juden und rief: ‚Lazarus, komm heraus!‘ Da kam er heraus; Hände und Füße waren mit Binden umwunden; seit vier Tagen war er tot gewesen.“ Jede Beschreibung dieses Gesangs greift zu kurz. Es genügt, ihn zu singen. Er erschließt sich von selbst und öffnet mir das Herz, wenn ich nur die impressive, expressive Kraft des Rufes Christi nicht scheue, dieses „Lazare, veni foras!“, mit dem er jeden von uns aus seinem Grab ruft – und auch das gilt heute.

FÜRBITTEN

Herr Jesus Christus, du rufst uns auf, zu glauben und auf dein Wort zu vertrauen. Es fällt uns oft schwer. Doch du versprichst uns neues Leben. So bitten wir dich:

Für die Corona-Patienten und alle Kranken, die körperliche und seelische Schmerzen ertragen müssen. – Christus, höre uns. Alle: Christus, erhöre uns.

Für alle, die in Pflege und medizinischer Betreuung an die Grenzen ihrer Kraft geraten. – Christus, …

Für alle, die an ihren Arbeitsplätzen weiter ihre Pflicht tun, und für alle, die nicht mehr arbeiten dürfen. – Christus, …

Für alle, die auf engstem Raum mit ungewohnten Herausforderungen fertig werden müssen. – Christus, …

Für alle von Ängsten Geplagten und für alle im Glauben Erschütterten. – Christus, …

Für alle, die neue Wege des Miteinanders suchen und wagen. – Christus, …

Für alle, die wir in diesen Tagen aus dem Blick verlieren, weil uns die eigene Not zu sehr plagt. – Christus, …

Für uns selbst und unsere Lieben, die Lebenden und die Verstorbenen. – Christus, …

Gott, führe uns aus der Bedrängnis. Hauche uns deinen Geist ein, damit wir leben. Das erbitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn und unseren Herrn. – A: Amen.

von P. Guido Hügen OSB

„Welche Freiheit haben wir vor Tagen noch genossen. Die Freiheit zu sein, die Freiheit zu feiern, die Freiheit zu lieben, zu küssen, zu umarmen, die Freiheit zu gehen, wohin und wann wir wollten, und die Freiheit das Risiko zu tragen, uns an jedem Ort und bei jedem Kontakt mit irgendetwas zu infizieren.

Nun ist die Freiheit für den Augenblick verloren. Verloren, bis eine Krise beendet ist, deren Verlauf wir nicht kennen und deren Ende ungewiss ist. Die Maßnahmen sind hart und vernünftig. Schulen werden geschlossen und Kneipen gleich mit. Parties müssen abgesagt werden und Gottesdienste dürfen nicht mehr stattfinden. Das öffentliche Leben wird immer weiter lahmgelegt.“

So beschreibt es der Politikwissenschaftler Erik Flügge im gerade digital erschienen Büchlein Freiheit und Pandemie. Eine Erinnerung an das Leben danach.

„Die Unterbrechung unseres Lebens mag Wochen oder Monate dauern,“ schreibt er weiter, „und dennoch muss sie eine Unterbrechung bleiben. Denken Sie nur einige Zeit voraus. Wenn in Monaten endlich die Entwarnung gegeben wird, dass es geschafft ist. Dann wird die Diskussion los gehen. Wir werden uns die Frage stellen, was wir aus der Pandemie gelernt haben. Wie wir uns verändern wollen als Gesellschaft.“

Erst dann, liebe Brüder?

Theologinnen und Theologen stellen schon heute Fragen. Fragen nach dem Sinn und der Berechtigung der von Priestern privat gefeierten Messen. Ein Rückschritt im Eucharistieverständnis? Sie loben oder kritisieren die Möglichkeiten von Gerneralabsolution und Ablass.

Vielfältige Angebote und Vorschläge von Gemeinden und Diözesen und privaten Initiativen tun sich auf für Familien, die für sich zu Hause Gottesdienst feiern müssen oder wollen. Ein neuer Impuls für die Hauskirche? Selbst das Dikasterium für die Laien in Rom weist darauf hin. Gebetsinitiativen, Glockenläuten und Kerzen in den Fenstern führen Menschen in ihrer Getrenntheit zusammen. Ebenso wie digitale Verbindungen ganz persönlich, in Chats und Foren. Im Internet geteilte Gottesdienste und Gebete. Wir haben es ja noch gut hier in der Abtei. Wir können gemeinsam Gottesdienst feiern und beten. Bewegen uns aktuelle Fragen trotzdem? Es geht vom ganz Konkreten auch um das Grundsätzliche. Die Kirchen befolgen die Anordnungen aus Politik und Wissenschaft. Das betont auch das gemeinsame Schreiben der evangelischen. orthodoxen und katholischen Kirche in Deutschland. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden in anderen Fällen nicht so unbedingt übernommen. Gesetzliche Vorgaben nicht einfach akzeptiert. Die Bandbreite von Homosexualität bis zum kirchlichen Arbeitsrecht ist groß …

Dass sich die Kirche gerade nach oder in der Missbrauchskrise nicht traut, die Stimme zu erheben, vermutet der Fundmentaltheologe Magnus Striet. Und hofft: „… dass man einen Lernprozess durchgemacht hat und naturwissenschaftliche Kenntnisse, Wissenskomplexe schlicht und einfach akzeptiert.“

Doch noch einmal die Frage: was bedeutet das ganz konkret – auch hier für uns?!

„Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafé in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Straße bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona? Oder sogar besser?“ fragt der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx.
Er beschreibt seine Wahrnehmung leerer Städte und geschlossener Geschäfte nicht als Ausdruck einer Apokalypse, sondern als Moment des Neuanfangs. Er schreibt: „Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen.“

Kann die Fastenzeit noch einmal ganz neu, ganz anders werden? Uns bewusster mit uns und unserer Zeit umgehen lassen? Uns vielleicht neu ausrichten auf das Wesentliche? Vielleicht gibt uns das heutige Evangelium einen Leitfaden dazu an die Hand. Die Erzählung des Wunders Jesu ist ja von Johannes beschrieben wie eine Lehrerzählung. Das Heilungswunder Jesu führt zu einem Spinnennetz an Spekulation und Unterstellung, an Verurteilungen – und an Glauben.

Da ist der Geheilte – der sagen kaum sagen kann, was ihm geschah. Die Eltern, die sich sicherlich freuen über die Heilung ihres Sohnes – aber in der Auseinandersetzung ihren Sohn allein lassen. Da sind die Pharisäer, – vielleicht hin- und hergerissen zwischen ihren Moral- und Ritenvorschriften und der Erkenntnis, dass es sich vielleicht doch um ein Wunder, um ein Handeln Gottes handelt. Da sind die Vorurteile und Vorverurteilungen der verschiedenen Beteiligten.

Wo stehen wir in diesem Gefüge?
Bin ich der Blinde, die Eltern, die Pharisäer?
Bin ich die Menschen am Rande?
Bin ich die fragenden Jünger?

Corona gibt uns ja derzeit manche neue Zeit. Vielleicht nutzen wir sie, den Bibeltext von heute noch intensiver zu lesen und auf uns wirken zu lassen. Damit er uns im wahrsten Sinne des Wortes neu anregt.

Paulus hat uns ja im Brief an die Epheser gemahnt: „Lebt als Kinder des Lichts! Prüft, was dem Herrn gefällt, und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis.“

„Wir werden uns wundern,“ schaut Matthias Horx hoffnungsvoll in die Zukunft. Und beschreibt, was sich getan haben kann.

Werden auch wir uns wundern, was sich bei uns getan hat? In unserem Engagement in dieser Krise – oder auch das der Mitarbeitenden, das wir ermöglichen. Im Umgang miteinander und der Achtsamkeit umeinander. In Fragen des Alltags, der Liturgie. Werden wir uns wundern, was werden kann auch wenn unsere eigenen Pläne nicht umgesetzt werden können, durchkreuzt werden? Wenn nicht immer alles so ist, wie ich es gewohnt bin?

Kinder des Lichtes zu sein heißt auch, Kinder des Mutes und der Phantasie zu sein. Menschen, die lernen und neu sehen – wie der Blinde im Evangelium. Der griechische Urtext sagt, er sah nicht nur, sondern erkannte auch. und konnte bekennen: „Ich glaube, Herr!“

Doch vergessen wir nicht: Auch uns wird nur der Teig auf die Augen gestrichen. Zum Wasser laufen und uns waschen, das müssen wir selber.

Fürbitten

nach www.bistum-trier.de

Jesus Christus ist gekommen, um den Menschen Licht, Heil und Trost zu schenken. Er führt uns zusammen, auch wenn wir voneinander Abstand halten müssen. Zu ihm dürfen wir mit unseren Anliegen kommen und beten:

Wir beten für alle, die unter der Corona-Pandemie leiden: Für die an Covid19 Erkrankten, die im Krankenhaus sind und für alle in Quarantäne.

V: Jesus Christus, Du, unser Heil A: Wir bitten dich, erhöre uns

Für die Berufstätigen, die unsicher sind, wie es weitergeht. Für Arbeitgeber und Selbständige, deren Existenz in Gefahr gerät. Für alle, die voller Angst sind und sich bedroht fühlen.

V: Jesus Christus, Du, unser Heil A: Wir bitten dich, erhöre uns

Wir beten für die vielen Menschen, die unermüdlich im Einsatz sind: in Arztpraxen und Krankenhäusern, im Lebensmittelhandel und in Apotheken

V: Jesus Christus, Du, unser Heil A: Wir bitten dich, erhöre uns

Für alle Verantwortlichen, die für das Land und für Europa wichtige Entscheidung treffen müssen. Und um Einsicht für alle, sich danach zu verhalten.

V: Jesus Christus, Du, unser Heil A: Wir bitten dich, erhöre uns

Wir beten für alle, denen die Gottesdienstgemeinschaft fehlt. Für alle, die einander beistehen und sich ermutigen und neue Formen entwickeln, wie Menschen ihren Glauben miteinander teilen.

V: Jesus Christus, Du, unser Heil A: Wir bitten dich, erhöre uns

Wir beten für die Frauen, Männer und Kinder, die auf der Flucht sind und unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Und für die Hilfsorganisationen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die selbst unter katastrophalen Bedingungen im Einsatz sind.

V: Jesus Christus, Du, unser Heil A: Wir bitten dich, erhöre uns

Jesus Christus, Du schenkst uns Dein Heil und Deinen Beistand gerade auch in diesen schweren Zeiten. Dafür danken wir Dir und preisen Dich heute und an jedem Tag. Amen.

von P. Julian Schaumlöffel OSB

Die heutigen Gedanken sollen weniger eine exegetische Auslegung der Erzählung von der Begegnung am Jakobsbrunnen sein als vielmehr ein Impuls zum Nachdenken über die Quelle in uns selbst, die uns vielleicht gerade in dieser schwierigen Zeit neuen Mut und Hoffnung schenken kann. Brunnen finden sich auf vielen Plätzen in Städten und Dörfern. Sind sie heute eher Blickfang, waren es früher wichtige Orte der Begegnung und Kommunikation. In vielen armen Ländern gehen auch heute noch Menschen zum Brunnen, um das lebensnotwendige Wasser für den Alltag der Familie zu holen. Der Brunnen ist ein wichtiger Ort, der im Alten wie im Neuen Testament immer wieder Erwähnung findet, der aber auch große symbolische Bedeutung in den Märchen hat. Es wird also kein Zufall sein, dass das Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin gerade an einem Brunnen stattfindet. Ein Brunnen birgt in sich eine Tiefe, aus der er mit Wasser gespeist wird. Sichtbar sind jedoch nur ein Teil des Brunnenschachtes und die Wasseroberfläche. „Brunnen“ – das ist seit alters her für die Menschen ein Bild, das für mehr steht als ein tieferes Wasserloch. Es ist das Bild für etwas, das in die Tiefe führt, uns auf den Grund bringt, auf den Grund von Dingen, ja, und eigentlich – denn darum geht es hier – auf den Grund unserer selbst. Der Brunnen steht als Bild für unseren eigenen Grund, der unter der sichtbaren Oberfläche liegt, unser eigenes Wesen, zu dem wir hinabsteigen können oder auch nicht. Und auch der Jakobsbrunnen des Evangeliums dient hier als ein solches Bild, das uns verständlicher machen soll, was Jesus uns sagen will. Eigentlich müssten wir mit der samaritischen Frau fragen: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast Du also das lebendige Wasser?“. Jesus aber will uns in die eigene Tiefe führen; und indem er uns führen will, schöpft er aus seiner eigenen Quelle: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht“! Da spricht ganz offensichtlich einer, der nicht nur vermutet und ahnt, sondern der weiß, wovon er redet. Da spricht einer, der um das weiß, was Gott uns schenken will, wenn wir ihn nur lassen. Und es ist klar: Wenn wir es wüssten, wäre alles andere unwichtig. Nun könnten wir einwenden: Dann soll Jesus, wenn er es doch weiß, uns sagen, worin die Gabe Gottes besteht. Dann wissen auch wir es und haben endlich das ersehnte Ziel erreicht. Ganz so einfach ist das dann doch nicht… Denn mit dem Wissen ist das so eine Sache. Wissen und Wissen sind eben nicht das Gleiche. Ich kann etwas wissen, im Sinne eines Auswendiglernens, einer intellektuellen Aneignung. Ich kann von der Schönheit der Natur wissen, weil ich davon in Büchern gelesen oder eine Dokumentation im Fernsehen gesehen habe. Ich kann aber auch etwas wissen, weil ich es erlebt und selbst erfahren habe. Bei einem Spaziergang durch die gerade am heutigen Sonntag so frühlingshafte Natur kann ich ihre Schönheit mit meinem ganzen Wesen erspüren: Ich rieche sie, sehe sie, spüre den Wind auf meiner Haut, fühle die Wärme der Sonne. Diese persönliche Wahrnehmung, dieser Prozess, ist eine ganz andere Art des Wissens. Schauen wir also auf den Einwand: „Jesus könne uns doch sagen, worin die Gabe Gottes besteht“, damit auch wir sie wissen und um sie bitten können. Auf diesen Einwand kann man entgegnen: Jesus sagt es uns ganz deutlich, er hat sich uns ganz offenbart, und wir können darum wissen – jedoch zunächst nur im ersten Sinne: Im Sinne der intellektuellen Aneignung, des Hörens und vermeintlichen Verstehens. Die Gabe Gottes ist Leben. Leben in Fülle, ewiges Leben, dessen Quelle bleibend in uns sprudelt. Ein nie versiegender Quell. Oder wie wir es in der Lesung aus dem Römerbrief gehört haben: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Nun wissen wir also um die Gabe Gottes. Aber lassen wir alles stehen und liegen und rennen los? Oder um mit Paulus zu fragen: Wissen wir um diese Gnade und „rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes“? Wir wissen eben nur in der ersten Weise darum. Und deswegen müssen wir uns weiter auf den Weg machen. Die Fastenzeit, diese Krisentage der Entschleunigung unseres Lebens, können uns dabei helfen. Sie könnten uns als Zeit dienen, in der wir uns ernsthaft auf die Suche nach dem Brunnen machen. Und dieser Brunnen ist Christus, es ist unser Herz, in das die Liebe Gottes ausgegossen ist. Dort ist der Ort der wahren Begegnung! Aber auch wenn wir zum Brunnen unseres Herzens hingefunden haben, werden wir feststellen müssen, dass es nicht so leicht ist, an die Quelle, an das Wasser heranzukommen. Denn der Brunnen ist zugeschüttet. Zugeschüttet mit all dem Unrat des Alltags, mit dem Lärm und der Ablenkung der Welt. Gerade in diesen Tagen auch zugeschüttet mit den Sorgen und Ängsten um unsere eigene Gesundheit und die unserer Familienangehörigen und Freunde oder zugeschüttet mit unseren Illusionen und unserem Egoismus. Die kommenden Tage könnten für uns zu einer Zeit werden, in der wir uns die Mühe machen, den Brunnen in uns, wenn wir ihn gefunden haben, freizulegen – Schicht für Schicht, ohne Angst, auch wenn wir immer tiefer hineingelangen in das Dunkel des Abgrunds, ungewiss, ob da am Ende wirklich eine Quelle auf uns wartet. Die Mühe des Freilegens ist die Treue im Glauben, die Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt. Ist es uns gelungen, den Brunnen freizulegen, können wir reichlich trinken vom Wasser. Ja, der Brunnen wird zur Quelle werden, die sprudelt und fließt, bei der ich nicht mehr mühsam graben und schöpfen muss. Wenn diese Quelle fließen kann, dann fließen Leben, Freude, Sinn und Ziel aus meinem Innern. Das ist das andere Wissen, das Wissen um die Gabe Gottes aus durchlebter, vielleicht auch durchlittener Erfahrung. „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen!“ Wagen wir uns also in die Tiefe….