Hier finden Sie die Predigten unserer Brüder – sofern diese mit der Veröffentlichung einverstanden sind – zum Nachlesen. Gerade in der Zeit, in der unsere Gottesdienste wegen der Verbreitung des Coronavirus nicht öffentlich sind, möchten wir Ihnen so Anteil geben an unserem Leben.

von Br. Justus Niehaus OSB

Was ist Gott für MICH?

Am Dreifaltigkeitssonntag lohnt es über diese Frage nachzudenken.

Für mich ist Gott nicht der alte Mann mit Bart der im Fernen Himmel sitzt.

Gott ist für mich Kreativität. Er ist der Schöpfer aller Dinge. Er durchdringt die ganze Schöpfung. Und sie ist sehr gut, wie wir es im Schöpfungsbericht hören können. Gott hat uns als seine Abbilder geschaffen. Wir alle sind Abbild Gottes.

Er ist ein Gott, der uns auf Augenhöhe begegnen will.

Wenn wir uns Gott öffnen kann er uns ganz durchdringen. Dann kann er sich in unsere DNA schreiben, wie es dieser Kirchenraum so wundervoll darstellt. Das Fünfeck des Menschen öffnet sich zur göttlichen Parabel hin. Es strebt auseinander, dass die Parabel – das Gott – es durchdringen kann und die unendliche Gotteskraft bis in die DNA-Stränge in den Schöpfungsfenstern dringt.

Für mich ist Gott die Weisheit. Die Klugheit. Er ist die Wahrheit und das Leben. Er ist Stärke und Kraft, die er uns weitergibt.

Er ist das Gute in dieser Welt. In unserer Ordensregel finden wir bei den Werken der geistlichen Kunst die Sätze:

Sieht man Gutes bei sich, es Gott zuschreiben, nicht sich selbst. Das Böse aber immer als eigenes Werk erkennen, sich selbst zuschreiben.

Ich habe das als Novize immer als Ungerecht empfunden. Wieso kann ich nichts Gutes selber tun, sondern nur Böses? Doch so sind diese Sätze nicht gemeint. Heute freue ich mich, dass wenn ich etwas Gutes getan habe, Gott in dieser Welt durch mich etwas sichtbar gemacht wurde. Das er durch mich in diese Welt kommen durfte. Das Böse tut aber weder mir noch der Welt gut.

Gott ist für mich die Hoffnung. Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Die Hoffnung auf ein ewiges Leben in Freude. Die Hoffnung geliebte Menschen wiederzusehen. Die Hoffnung, die im Schmerz und Angst, in Trauer und Not Trost spenden kann. An der ich mich festhalten kann. Die mich niemals im Stich lässt. Er ist die Zuversicht

Gott ist für mich die Liebe, in all ihren Formen. Ob es die Liebe des Vaters, die Liebe der Mutter, die geschwisterliche Liebe, die kindliche Liebe oder die Liebe zur Partnerin oder zum Partner ist. Ob es die Liebe zu Mitbrüdern, zu Freunden, die Nächstenliebe, die Akzeptanz oder die Hilfsbereitschaft ist. Oder ob es die Liebe zu Gott oder Von Gott ist. Ja und auch die Liebe zu uns selbst. In allen diesen Formen ist Gott präsent. In all diesen Formen können wir Gott erfahren – ihm begegnen im Andern und in mir.

Für mich ist Gott Barmherzigkeit. Einer der stärksten Sätze unserer Ordensregel ist für mich:

Und an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln.

Gott ist erbarmungslos Barmherzig. Er vergibt uns. Er bleibt bei uns. Er ist der Ich-bin-da, wie er es Mose im Dornbusch zugesagt hat und wie Christus es uns am Ende des heutigen Evangeliums zugesagt hat:

„Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Er ist das Licht in dieser Welt, dass uns leuchtet und uns Orientierung geben will.

Er ist Frieden in all seinen Formen. Frieden im Kleinen und im Großen, mit mir selbst, mit anderen und in der Welt.

Und Gott ist für mich Beziehung. Was heute am Dreifaltigkeitssonntag besonders zum Ausdruck kommt. Er ist dreifaltig einer. Er ist in sich Gemeinschaft. Also ist auch unsere Gemeinschaft jetzt und hier Abbild Gottes. Wir sind sein Leib als Christinnen und Christen. Wir sind seine Hände und Füße, durch die er in die Welt kommt.

Gott ist für mich das Positive in dieser Welt. Und dies haben wir mit der Taufe als unauslöschliches Mahl aufgeprägt bekommen. Was für eine Zusage an uns.

Seine Gebote wollen uns nicht einengen, sondern ihn in uns und in diese Welt bringen. Sie wollen das Positive in dieser Welt und in uns zum Leuchten bringen.

Um diesen Reichtum wieder mehr Menschen zugänglich zu machen merke ich, dass ich anscheinend neue Sprachen lernen muss. Das wir neue Worte finden müssen, die die Menschen auf der Such verstehen. Um diese Froh und freimachende Botschaft in der Welt strahlen zu lassen. Um sie Wirklichkeit werden zu lassen, so dass immer wieder eine Ahnung vom Himmel in dieser Zeit aufblitzen kann.

Das ist Gott für mich. Dass ist meine Hoffnung.

Aber was ist mit DIR? Was ist Gott für DICH?

 

von P. Abraham Fischer OSB

Es bleibt Abschied – auch Christi Himmelfahrt ist ein Fest des Lassens, des Loslassens.

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Zwar ist der Abschied von „Himmelfahrt“ ein anderer als der damals an Karfreitag, als der Meister, der Rabbi und Lehrer Israels am Kreuz verendete, als sich die Resignation breit machte und nur noch das Gefühl des Scheiterns wichtig war – das war der erste Abschied: Trostlos, schmerzhaft, von der Ausweglosigkeit und von der Sinnlosigkeit geleitet. Ein menschlicher Abschied, wie er auch uns heutigen in jedem Moment bevorstehen kann. Karfreitag ist ein Abschied in das Dunkel, in das Sterben aller Hoffnung. Karfreitag – ein abgrundtiefes Scheiden ins Nichts.
Aber bleibt nicht auch an Himmelfahrt letztlich Abschied?

Meiner Empfindung nach wird den Jüngern an Himmelfahrt ein zweiter Abschied zugemutet. Wohl anders als der auf Golgatha. Vielleicht heller, lichter. Nicht das bittere Getrennte, das allen Menschen im Tod begegnet, sondern ein getröstetes Zurückbleiben scheint diesen Abschied, den wir im heutigen Fest meditieren, einzufärben.

Was die Jünger an Ostern zurückgesehen bekamen, all das Leben und diese wirkliche Gemeinschaft mit Jesus – sie können es nicht halten. Damals wie heute gilt: Es geht alles weiter. Neues will wachsen und sich entwickeln – auch in Jerusalem war das so. Dass dieses so lichte und helle, ja dieses begeisternde und glaubensfeste Ostergefühl endlich ist, dass der Alltag und das Leben es verändern und neu gestalten, das hatte ja schon der Auferstandene in der ersten Ostererfahrung der Maria von Magdala kundgetan: Dieser starken Frau wird schon am Ostermorgen selbst der Abschied von Himmelfahrt zugemutet. In der Theologie des Johannes fallen all die Feste, die wir nacheinander feiern, um die Geheimnisse wenigstens ein wenig fassen und verinnerlichen zu können, in der Theologie des Johannes fallen Karfreitag, Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt in eins. „Noli me tangere“ so spricht der Auferstandene zu Maria – Noli me tangere – Klammere nicht, erstarre nicht; noli me tangere: lass mich in dir wachsen, mache keine endgültigen Bilder von mir, habe Mut, mich jeden Tag neu zu sehen, anderes zu erfahren; noli me tangere: lass mich sein, so wie ich bin, bleibe offen für all mein Sein, für all meine Wahrheit und für die vielen verschiedenen Formen der Liebe. Noli me tangere! Halt mich nicht fest.

Abschied und Trennung sind auch Gefühle von Himmelfahrt. Geduld und Hoffnung aber unterschieden diesen Abschied von Karfreitag. Der heilige Geist – der ja mit Recht „der Tröster“ genannt wird – er ist das eine Abschiedsgeschenk, er ist die Erinnerung an Jesus, die alle Menschen verbinden kann.

Wer aber im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit… So der hl. Benedikt.

Oder mit den Worten der großen Theresa:

O Seele, suche dich in mir
und, Seele, suche mich in dir

Die Liebe hat in meinem Wesen
dich abgebildet treu und klar:
kein Maler lässt so wunderbar,
o Seele, deine Züge lesen.
Hat doch die Liebe dich erkoren
als meines Herzens schönste Zier:
bist Du verirrt, bist du verloren,
o Seele, suche dich in mir!

In meines Herzens Tiefe trage
ich dein Porträt, so echt gemalt;
sähst du, wie es vor Leben strahlt,
verstummte jede bange Frage.
Und wenn dein Sehnen mich nicht findet,
dann such‘ nicht dort und such‘ nicht hier:
gedenk‘, was dich im Tiefsten bindet,
und, Seele, suche mich in dir!

Du bist mein Haus und meine Bleibe,
bist meine Heimat für und für:
Ich klopfe stets an deine Tür,
dass dich kein Trachten von mir treibe.
Und meinst du, ich sei fern von hier,
dann ruf‘ mich und du wirst erfassen,
dass ich dich keinen Schritt verlassen,
und, Seele, suche mich in dir!

Teresa von Avila

Und es bleibt ein zweites Abschiedsgeschenk. Von ihm spricht das Evangelium und schlägt damit die Brücke von damals zu heute. Dieses zweite Abschiedsgeschenk wird nicht unbedingt auf den ersten Blick als Gabe und Geschenk deutlich. Und trotzdem ist es eine Hilfe – vielleicht die einzige echte und wirkungsvolle – gerade in Trauer und Abschied. Dieses zweite Vermächtnis Jesu ist ein ganz einfaches, ein völlig alltägliches: Es ist sinnvolle Arbeit. Das mag nun für jeden und jede verschieden aussehen, liebe Schwestern, liebe Brüder. Im weitesten Sinn ist es die Arbeit im Weinberg des Herrn, im Reiche Gottes. Das meint die Liebe zu allen und allem.

Der Missionsauftrag: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ – er hat ganz viel Alltägliches an sich. Er fordert uns auf, gerade im Alltag und im Kleinen treu zu bleiben. Das Vermächtnis Jesu bedeutet uns allen viel alltägliche Kleinarbeit – manchmal fordert es nur jene, dass wir dem eigenen Leben treu und liebevoll auf der Spur bleiben und nicht in Tod und Trauer, im ständigen Abschied, den das Leben täglich fordert, verhaften. Wer seine Arbeit liebt – und ich meine hier nicht nur die spezifisch kirchlich seelsorgerische – wer seine Arbeit liebt, der weiß um das Geheimnis, das jedem sinnvollen Tun innewohnt.

Wer langsam und geduldig seine Schwimmbewegungen im Meer des Alltags macht, den trägt das Wasser. Wer in Beharrlichkeit und innerem Glauben sein alltägliches Tun beginnt, der wird mit der Zeit vielleicht wirklich Berge versetzen. Und nur wer ausharrt im Guten – auch wenn alles dunkel wird – kann die Welt verändern und  – was mir wichtiger scheint – sich selbst.

 

Himmelfahrt bleibt somit ein Fest. Diese Feiertage spenden in der Erinnerung des Geistes Jesu Trost und Zuversicht. Solche Feste sind Haltepunkte, an denen Gewesenes sich wieder neu verwirklicht und an dem wir Kraft und Mut schöpfen für das alltägliche Tun.

Im Alltag selber jedoch, im Segen sinnvoller Arbeit, in Mühe und Beharrlichkeit erfüllt sich das Geheimnis eines solchen Festes. Dort erprobt sich die Lebendigkeit der Verheißung: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Amen.

 

von P. Guido Hügen OSB

Viola Kohlberger.
Eine junge Frau aus Augsburg, 32 Jahre alt.
Ewig engagiert bei den Pfadfinderinnen und Pfadfindern
und seit 2021 Kuratin,
sprich: Geistliche Leiterin des Diözesanverbandes dort.

Angestellt vom Bistum,
im Moment promoviert sie in Kirchengeschichte.

Gerade für die Anliegen der Jugend
engagierte sie sich beim „Synodalen Weg“.
Setzte sich kritisch auseinander
vor allem mit einigen Bischöfen und deren Verhalten.

Sie kandidiert zur Bundeskuratin,
eine Aufgabe, die ich selber von 2001 bis 2010 erfüllt habe.

Seit Wochen tourt sie durch Deutschland,
um sich den Diözesen und Gremien vorzustellen.

Am letzten Montag wurde ihre Kandidatur
vom Ständigen Rat der Bischofskonferenz abgelehnt.

Natürlich werden keine Informationen gegeben,
wer und überhaupt.
Keine Gründe benannt.

Doch schon der Vorgang an sich ist ein Skandal.
Darf ein Jugendverband nicht selber entscheiden,
wer in ihm Verantwortung übernimmt?

Wäre es nicht mindestens ein Ansatz von Transparenz,
die doch auch von den Bischöfen so groß geschrieben wird,
Gründe zu benennen?

 

Und dann höre ich die Lesung des heutigen Tages
aus der Apostelgeschichte.

Da hatte die Gemeinde in Jerusalem
Angst vor Saulus,
dem jetzt bekehrten Paulus.

Was steckt denn hinter und in ihm?
Kann man ihm vertrauen?
Ist er wirklich der Bekehrte?
Ist er nicht der Feind?

Will er nicht das, was wir nicht wollen?

Barnabas setzte sich für ihn ein.
Machte deutlich,
wie Paulus sich für das Evangelium einsetzt.

Bis sich auch die anderen „Brüder“
(Schwestern werden nicht genannt …) für Paulus einsetzten
und dann – so sagt es die Apostelgeschichte –
„die ganze Kirche in Judäa, Galiläa und Samarien
nun Frieden hatte.“

Wie schön wäre es,
wenn auch wir das heute sagen könnten …

Dass es nicht so ist,
nicht einmal in unserer deutschen Kirche,
ist traurig genug.

Was sind denn die Ängste,
die uns und die Entscheidungsträger erfüllen?

Ja, und ich frage mich noch mehr:
sind wir uns denn noch des Verbindenden
hinter allem bewusst?

„Ich bin der Weinstock.
Ihr seid die Rebzweige.“

Viele sind gern selber der Weinstock
und geben vor, was denn die Reben sollen.

Sie wissen ja,
wo es lang geht,
was unsere Kirche rettet,
was „dran“ ist.

Wer nimmt das nicht alles für sich in Anspruch.
Gerade auf sogenannten konservativen Seiten.

Verlieren wir dabei nicht zu oft
die frohe Botschaft Jesu aus dem Blick?

 

Viola Kohlberger darf nicht kandidieren.
Und wie viele schließen wir aus
– ob bei der Kommunion
oder von geistlichen Ämtern?
Wie viele schließen wir aus
wegen ihres Geschlechts,
ihrer sexuellen Orientierung?

Die Liste lässt sich fortsetzen …

Und es meint nicht nur „die Kirche“,
sondern jeden und jede von uns.
Auch mich.

Und das, obwohl das Evangelium heute
uns wieder einmal so deutlich macht,
dass wir doch gemeinsam Reben sind
am Weinstock Gottes?

 

Glauben bedeutet,
auf den zu vertrauen,
der sich selbst offenbart hat als der ICH BIN DER ICH BIN DA.

Der da ist für alle.
Für seine geliebten Kinder.

Und das muss Folgen haben,
soll es nicht bei einer versunkenen Innerlichkeit bleiben.

Unser Glaube soll Frucht bringen
wie die Reben am Weinstock.

Unser Glaube soll uns offen machen
für die Menschen um uns herum.

Er soll uns bereit machen,
auf sie zuzugehen,
zu helfen, zu unterstützen,
vielleicht einfach einmal einander zuzuhören.

Glauben heißt zu lieben,
wie Jesus geliebt hat und liebt.
Ohne Voraussetzungen.
Obwohl wir, wie ich es gestern las,
so „vollkommen unvollkommen“ sind.

Ob wir es nicht einfach einmal wieder versuchen
– gerade mit denen, die uns nicht so liegen …?

Ob nicht doch wieder etwas von der Geistkraft Gottes
in unserer Kirche lebendig wird,
wir nicht doch irgendwann den Streit sein lassen,
damit „Frieden“ wird?

 

Ein Text von Adalbert Ludwig Balling:

Ein bisschen Christ sein,
aber nur ein bisschen;
ein bisschen lieben,
aber nur ein bisschen;
ein bisschen Solidarität,
aber nur ein bisschen;
ein bisschen Mitleid,
aber nur ein bisschen.
Ein bisschen von allem,
aber ja kein bisschen zuviel!

Du Bisschen-Mensch!
Wehe,
würde Gott
dich nur bisschen-weise
lieben!

von P. Abraham Fischer OSB

Ich kann mit dieser Kreuzigung nichts anfangen, sagte mir ein Freund, das Leben Jesu sei doch aussagekräftig und der Wanderrabbi Joshua sei auch ein beeindruckender Prediger gewesen. Aber dass Jesus sterben musste und dann noch diesen Tod, das entzog sich seiner Vorstellung. Und dass er das freiwillig getan habe, ohne Kampf, ohne Widerspruch, das befremde ihn. Ostern würde er auch gerne feiern, aber Karfreitag?
In der Rede vom guten Hirten geht es genau darum: Leben hinzugeben und das freiwillig.
Die Frage berührt die Menschen nicht nur im Bedauern um den Tod Jesu. Warum musste der Gottessohn sterben? Und warum musste er am Kreuz hingerichtet werden?
Sie berührt auch unser eigenes Leben. Früher betete man um einen guten Tod und nahm damit die Sterblichkeit des Lebens bewusst in den Blick. Und wir ahnen: Sterben ist loslassen, ausatmen, sein lassen. Für manche gehört ein Aufbäumen, ein Kampf dazu, andere willigen still ein und gehen hinüber. Das Geheimnis ist, dass Tod uns nicht einfach geschieht und wir eine Art Opfer sind, sondern dass jeder Mensch seinen Tod stirbt. Einzig die Tatsache, dass das Schicksal des sicheren Todes uns allen dräut, verbindet alle Menschen.
Welche Rolle nun spielt die Hingabe des Hirten Jesu in diesem Zusammenhang?
Was will uns Gott sagen?
Die alte Theologie schon hat sich diese Fragen gestellt und ihre Antwort versucht: Damit die Menschen gerettet werden, musste Gottes Sohn sterben. Es brauchte ein Opfer, das uns loskauft. Blut gegen Blut – Auge um Auge – Zahn um Zahn. Der Gedanke des Opfers, das sich freiwillig gibt, klingt auch in der Rede Jesu über den guten Hirten an. Er gibt das Leben für die Schafe. Und er gibt es freiwillig.
Das ist erst einmal ein starker Gedanke. Etwas nicht notgedrungen, nicht erzwungen tun, und dann gegen unser Wirtschaftsdenken: Er gibt sein Leben, ohne etwas dafür zu bekommen. Eine Nuance an dem Gedanken ist sehr wichtig: Jesus schenkt sich – opfert sich. Er wird nicht geopfert. Das ist passiv, wenn das Leben geraubt wird. Jesus bleibt aktiv. Er willigt innerlich ein – wenn auch in Angst, Zweifel und Einsamkeit.
Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin.
Unser Verhältnis zum Leben ist ein anderes. Wir vertrauen dem evolutionären Lebenstrieb und gehen davon aus, dass wir unser Leben selber gestalten, dass wir unser Überleben sichern. Wir erleben uns als Besitzende des Lebens, wollen aktiv sein, was meint, dass wir das Leben festhalten und meinen, es zu bewahren.
Und im innersten Herzen wissen wir, dass wir es nicht verhindern können, das Sterben – unser Sterben. Wir tragen das Todesleiden an unserem Leib – sind und bleiben Kreaturen – Geschaffene, Abhängige, Sterbliche.
Es ist nicht zu verschweigen, dass wir Verlängerung und Hinauszögerung erforschen und organisieren.
Eine berechtigte Reaktion ist unser Forscherdrang, der Kampf um das Leben, alle Strategie, den Tod wenn schon nicht zu besiegen so doch hinauszuschieben oder gar auszublenden.
Jesus aber verdrängt nichts. Er sieht den Tatsachen ins Auge. Er ist eben ganz Mensch geworden, der einzig wirklich göttliche. Er begreift, wer er ist und was sein Auftrag wird: Hirte sein, der sein Leben hingibt. So sehr der Tod erschüttern mag, er ist ja doch nicht sinnlos. So sehr unser Tod uns auch verängstigen mag, ist er sinnlos?
Jesus musste sterben, weil der Tod zum Menschsein gehört. Der Schandtod am Kreuz, das ungerechte Urteil, all das vertieft seinen Tod. Er stirbt den sozialen Tod, indem er als Verbrecher hingerichtet wird, er stirbt den rechtlichen Tod, indem er verurteilt wird, und er stirbt den emotionalen Tod in der Angst am Ölberg, dem Verlassensein von den schlafenden Gefährten, und dann stirbt er auch den Tod allen Lebens.
Jesus stirbt alle Tode. Alle unsere Tode. Er ist wirklich Mensch geworden.
Jesus ist als Lebender schon in den Abgrund des Todes hinabgestiegen. Und sein Schicksal, mit der Menschwerdung auch dem Tode verfallen zu sein, trägt er durch bis ans Ende.
Zwei Kräfte nun setzt Jesus seiner Sterblichkeit entgegen: die erste ist die Hoffnung. Leben folgt einer andersartigen Logik, als der menschengemachte Individualismus. Leben ist Kollektiv.
Es gibt nicht das Einzelne, sondern nur das Größere, die Gattung, die Spezies. Dafür lohnt es sich zu leben und dafür lohnt sich auch die Hingabe des Lebens an die Nachkommen. Ein archaischer Gedanke, dass wir in unseren Kindern weiterleben. Wir sollten das nicht unterschätzen. Unser gesamtes soziales System beruht darauf. Der Generationenvertrag, die Fürsorge, der Stolz und die Freude, wenn das Leben in den Nachkommen wächst.
Und die zweite Kraft gegen die Sterblichkeit ist die Freiheit. Solange wir den Tod einfach ignorieren, verschaffen wir uns eine Fristverlängerung – ja.
Aber wir verknüpfen unser Dasein auch mit einer Angst, die im Dunkel lauert. Dumpf kann sie uns beherrschen, die Lebenshektik, nicht genug zu bekommen, raubt den Atem und macht das Herz eng.
Wir können uns von der Angst zum Tode nur befreien, wenn wir so frei werden, dass wir sie annehmen. – Ein großes Wort, ich weiß, und so schwer zu leben. Solange wir jung sind, scheint es leichter, wenn eben noch so viele Jahre vor uns liegen. Beginnt der Zeitvorrat aber zu schwinden, dann erwachen wir in einer verstörenden Realität.
Wenn wir Menschen also am Ende vor einer solchen Herausforderung stehen, dann macht es Sinn, sich bestens vorzubereiten und ganz schlicht und einfach zu üben.
In vielen alltäglichen Zusammenhängen erleben wir Endlichkeit und so etwas wie Tod. Wir können das annehmen als Übung für das große Loslassen. Wenn etwas nicht gleich klappt, wenn etwas so völlig quer läuft, das sind die Widerwärtigkeiten.
Das Hirtenamt – auch in der Kirche sollten wir uns diese Zusammenhänge immer wieder verdeutlichen, erklären und mit dem Lebensbeispiel nahebringen.
Jesus, der wahre Hirt der Kirche aber sagt uns:
Verbinden sich die beiden Kräfte Hoffnung und Freiheit, dann geschieht das Wunder, zu dem nur Menschen fähig sind: Wir teilen und spüren, dass wir reicher werden. Wir sterben füreinander, werden Brot für das Leben der Welt. Amen, seien wir es!

von P. Maurus Runge OSB

„Was du auch sagst, ich fall dir ins Wort!
Wohin du auch gehst, ich bin immer schon dort!
Nimm’s einfach hin! Es gibt vor mir kein Entrinnen.
Versuch’s gar nicht erst, es hat keinen Sinn.

Du kannst dir noch so schöne Luftschlösser zimmern,
ich werde sie doch immer wieder zertrümmern!
Jeden Hoffnungsschimmer werd ich im Keim ersticken
und jeden Strohhalm, nach dem du greifst, einfach zerknicken!

Ich such dich heim, und das nicht zu knapp!
Und du kannst dir sicher sein, du schüttelst mich nicht ab.
All deine Bemühungen laufen ins Leere,
denn ich komm mit Vergnügen dir zuhauf in die Quere!

Und welch ein Pech! Niemand rettet dich!
Ich mach dir durch die Rechnung einen fetten Strich.
Da hilft dir auch kein Urvertrauen.
Ich werd tagaus und tagein dir die Tour versauen

mit meinem Gift, das ich dir ins Bewusstsein träufel,
ich listiger, illustrer Teufel!
Ich weiß, du kennst mich gut:
Ich bin der Zweifel!“

So besingt der Liedermacher Bodo Wartke in seinem Lied „Zweifel und Zuversicht“ den Zweifel. In einem fiktiven Dialog, der sich in jedem Menschen abspielt, lässt er Zweifel und Zuversicht zu Wort kommen und miteinander um die Deutungshoheit im Menschen wetteifern. Gerade in den Auferstehungserzählungen der Evangelien, besonders im heutigen Evangelium, hat der Zweifel seinen Platz – und darf, ja muss seinen Platz haben. Denn die Auferstehung Jesu war etwas so Neues, vorher noch nicht Dagewesenes, im wahrsten Sinn des Wortes Un-Glaubliches, dass der Zweifel darin vorkommen muss. Und der Zweifel ist nicht nur auf Thomas beschränkt, der dem Evangelium nach bei der ersten Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen nicht dabei war und nun das Ereignis bezweifelt, wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen und seinen Finger in die Seitenwunde Jesu gelegt hat. Ja, vor dem Zweifel gibt es kein Entrinnen, wie Bodo Wartke singt. Wohin wir auch gehen, wie im alten Spiel vom Hasen und vom Igel ist er „immer schon da“ – auch heute noch. Ein Glaube ohne Zweifel, ein Glaube, der nicht durch die Not des Zweifels hindurchgegangen ist, droht ins Fundamentalistische zu kippen.
Der Auferstehungsglaube der ersten Jünger ist kein triumphalistischer Glaube, sondern ein trotziger Glaube, der sich immer wieder vom Zweifel anfragen lässt, der das Verstehen sucht, der sich nicht zufriedengibt mit billigen Erklärungen. Er ist ein Glaube, der auch nicht hinter das zurückfallen will, was Jesus in seinem Leben verkündet hat: eine Gerechtigkeit, die vor Leid und Tod nicht haltmacht, die den Finger in die Wunde legt und nicht vorschnell bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“

Und doch kann der Zweifel, wenn er für sich bleibt, lähmend sein und in die Verzweiflung führen, gerade wenn wir uns die heutige Welt- und Kirchenlage ansehen. Sensiblere Gemüter, die sich vom Leid der Welt anfragen und betreffen lassen, spüren genau, was im Lied als Selbstaussage des Zweifels besungen wird: „Welch ein Pech! Niemand rettet dich! Ich mach dir durch die Rechnung einen fetten Strich!“

Aber da gibt es ja auch noch die zweite Stimme in unserem Innern, die Bodo Wartke besingt. Er nennt sie Zuversicht und meint damit keine billige Vertröstung, der das Leid und die Verzweiflung fremd sind. Hören wir nun auch die Zuversicht sprechen:

„Was du auch tust, hab keine Angst zu versagen!
Wohin du auch gehst, ich werde dich tragen!
Wir kriegen das hin! Es kann dir gelingen!
Erst recht dann, wenn ich bei dir bin.

Ich werd vorbehaltlos dir den Rücken stärken,
und schon sehr bald wirst du verzückt bemerken:
Das Leben steckt schier voller Möglichkeiten!
Und ich werde dir dafür den Weg bereiten!

Hab Vertrauen! Auf mich kannst du bauen!
Und mit staunenden Augen in die Zukunft schauen!
Es wird Zeit, dass wir dir die Flügel entstauben
und von nun an dir an dich zu glauben erlauben.

Zeit zu handeln! Hab Mut!
Und glaub mir: der Wandel tut dir ganz gut!
Ab jetzt ist Schluss mit dem bekloppten Zynismus!
Wie wär’s mit ’nem Schuss Optimismus?

Ich bin die, die, wenn der Vesuv ausbricht,
dich noch ans rettende Ufer kriegt.
Ich weiß, du kennst auch mich:
Ich bin die Zuversicht.“

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus zu Thomas und zu uns allen, die wir Jüngerinnen und Jünger zweiter Hand sind, die wir also den Auferstandenen nicht physisch gesehen haben, die wir aber doch unsere Erfahrungen mit ihm machen können. Selig sind die, die zuversichtlich sind durch den Zweifel hindurch, die sich getragen fühlen, auch wenn nichts zu gelingen scheint, die immer noch das Leben mit den unendlich vielen Möglichkeiten sehen.

„Es wird Zeit, Gesicht zu zeigen! Das heißt, du musst dich entscheiden. Wen wählst du von uns beiden?“ So die Frage am Ende des Liedes. Auch von uns ist immer neu die Entscheidung gefordert, und vermutlich wird sie von Tag zu Tag unterschiedlich aussehen. Manchmal überwiegt der Zweifel, manchmal die Zuversicht. Aber vielleicht ist der Osterglaube genau dies: ein zweifelnder Glaube, ein Glaube mit Zweifel UND Zuversicht. AMEN.

Copyright des Liedtextes: https://www.bodowartke.de/medien/775 

 

von P. Maurus Runge OSB

Eine kaiserliche Botschaft

Vom berühmten Schriftsteller Franz Kafka, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, ist eine kurze Geschichte überliefert, weniger als eine halbe Seite lang, die von einem Kaiser erzählt, der auf dem Sterbebett einem Boten eine wichtige Botschaft anvertraut – „eine kaiserliche Botschaft“. „So sehr war ihm an ihr gelegen, dass er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ“. Und der Bote macht sich auch gleich voller Elan auf den Weg, aber dann – typisch Kafka – wird es unheimlich und dunkel; die Literaturwissenschaft hat für diesen Stil ein eigenes Wort erfunden: „kafkaesk“. Der Bote kommt nicht so recht vorwärts, zu viele Menschen stehen ihm im Weg, zu viele Häuser, „wie nutzlos müht er sich ab“, und es scheint, als könnte er den riesigen Palast niemals durchqueren. Und selbst wenn er aus dem Palast herauskäme, und gleich heißt es wieder einschränkend: „aber niemals, niemals kann es geschehen“, so lautet das Fazit der kurzen Erzählung: „Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. – Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.“

„Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten.“ Ist das nicht eine treffende Beschreibung dessen, wie es uns heute in der Kirche oft zu ergehen scheint? Auch uns ist ja eine wahrhaft kaiserliche Botschaft anvertraut, eine Botschaft des Lebens, wie sie der ersten Zeugin Maria von Magdala anvertraut wurde. Aber oft scheint es doch eher so zu sein, dass wir eher mit der Botschaft eines Toten unterwegs sind, sei es, dass für die, die sie hören, diese Botschaft nichts mit ihrem Leben zu tun hat, sei es, dass die, die diese Botschaft überbringen sollen, unglaubwürdig geworden sind, weil sie sich in Streitigkeiten über den Inhalt dieser Botschaft verlieren oder darüber, wer würdig ist, diese Botschaft zu hören. Die Boten – wir – dringen mit unserer Botschaft nicht mehr durch zu den Menschen, weil der Palast so hoch und unüberwindlich geworden ist, dass er den Weg versperrt. Oder wir stolpern über unsere feinen Gewänder und stehen uns letztlich selbst im Weg. Oder wir versuchen, den festzuhalten, den wir verkünden wollen, und stutzen ihn so auf unser Maß zurecht. Ist also diese ganze Sache mit Ostern nur ein Traum, ein subjektives Hirngespinst derer, die Zeit genug haben, am Fenster zu sitzen und vor sich hinzuträumen?

„Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.“ Ich lese diesen letzten Satz aus Kafkas Erzählung gar nicht so negativ. Für mich atmet dieser Satz tatsächlich etwas von der leisen, zarten, österlichen Hoffnung, die Menschen immer wieder hinausgetrieben hat, sie anderen Menschen weiterzusagen. Denn was gibt uns eigentlich das Recht, so abfällig über Träume zu reden? Sind Träume wirklich nur sprichwörtliche Schäume, sind sie nur Hirngespinste, die in unserer hochrationalen Welt nichts zu suchen haben? Wer so denkt, für den ist Religion tatsächlich nur Opium für Menschen, die mit dieser harten Realität nicht zurechtkommen. Wer so denkt, der denkt allerdings auch sehr europäisch, andere würden sagen: kolonialistisch, weil er mit einem Handstreich das hinwegfegt, was für den größten Teil der Menschheit durchaus eine Erkenntnisquelle sein kann: Träume, Visionen, Phantasie. Wer so denkt, der denkt auch sehr unbiblisch, denn in der Bibel sind es oft Menschen, die träumen, die auf einmal die Kreativität zu ganz anderen Lösungen entdecken, ja, die manches Mal auch Lösungen träumen. Es heißt dann lapidar, dass ein Engel zu ihnen im Traum spreche. Und die sich dann auf den Weg machen, ihre Träume in die Tat umzusetzen. Maria Magdalena bleibt nicht weinend am Grab stehen, sondern sie macht sich auf den Weg, wird zur ersten Predigerin der Auferstehung und verändert so die Wirklichkeit.

„Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.“ Und dann kann es vielleicht passieren, dass ich in diesem Traum auf einmal die Mauern meines Palastes, der oft mehr ein Gefängnis als ein Palast ist, überwinde. Und ich werde entdecken, was für unendliche Möglichkeiten diese kaiserliche Botschaft beinhaltet, die mir anvertraut ist, mir schwachen Menschen voller Tränen und Selbstzweifel – und doch angesprochen und beim Namen gerufen. Und ich werde diese frei machende Botschaft allen Menschen weitersagen müssen, ohne Angst vor dem, was „man“ tut oder besser unterlässt. Wie gut, dass es Menschen gibt, die am Fenster sitzen und träumen. Wie gut, dass es Menschen gibt, die den Mut zu träumen nicht aufgegeben haben – und die darüber die Kraft zu kämpfen gewonnen haben – für eine bessere Welt, eine bessere Kirche, eine bessere Gesellschaft.

Mögen wir die kaiserliche Botschaft des Lebens, die uns anvertraut ist, in uns hineinträumen, und mögen wir den Mut finden, diesen Traum vom Leben, das keinen Tod mehr kennt, mit unseren Mitmenschen zu teilen. AMEN.

 

von Abt Cosmas Hoffmann OSB

„Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Kirche.
Sie werden antworten: Die Messe.
Frag hundert Katholiken, was das wichtigste ist in der Messe.
Sie werden antworten: Die Wandlung.
Sag hundert Katholiken, dass das wichtigste in der Kirche die Wandlung ist.
Sie werden empört sein: Nein, alles soll so bleiben, wie es ist.“

Dieser pointierte Gedankengang von Lothar Zenetti entlarvt die uns zur Selbstverständlichkeit gewordene Spaltung zwischen dem, was wir in Gebet, Kult und Ritus vollziehen, und dem was unser Lebensgefühl prägt.
Zugleich weist er hintergründig auf die große Bedeutung von Wandlung, wenn Kirche, Glaube und Spiritualität lebendig und belebend sein sollen.

Die Bedeutung der Wandlung in der Messe wird darin deutlich, dass wir gleich nach der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi, angesichts der gewandelten Gaben dazu aufgefordert werden, das Geheimnis des Glaubens, das mysterium fidei, zu bekennen:

„Deinen Tod, o Herr, verkünden wir,
und deine Auferstehung preisen wir,
bis du kommst in Herrlichkeit“

Dieses mysterium fidei ist letztlich eine Bekenntnisformel des mysterium paschale, des Paschamysteriums, mit dem der Benediktiner und Liturgiewissenschaftler Odo Casel sowohl die liturgische Feier als auch ihren Inhalt bezeichnete.

„Pascha“ , der Übergang Christi von Leiden und Tod zum Leben, ist für den Laacher Mönch der grundlegende Gehalt des Christentums, des Osterfestes und jeder liturgischen Feier. Am Christen soll sich durch die Feier der Liturgie schon in diesem Leben vollziehen, was sich an Christus vollzogen hat: Der Übergang in das neue Leben mit Christus beim Vater.

Hier ist die Spaltung zwischen Liturgie und Gottesdienst einerseits und dem persönlichen Leben andererseits überwunden. Dieses Denken ist keinesfalls neu, sondern gründet in der Theologie des frühen Christentums und der alten Kirche, mit deren Quellen sich Odo Casel zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts intensiv beschäftigt hat.
Auf diese Weise hat er mit anderen Theologen die Grundlagen für die Entwicklung einer neuen Theologie gelegt, die sich dann im II. Vatikanischen Konzil Bahn brach und in wichtigen Konzilsdokumenten ihren Ausdruck findet .

Von besonderer Bedeutung ist in dieser Theologie der Heilige Geist, so dass manche Kommentatoren des Konzils auch von einer Wiederentdeckung des Heiligen Geistes sprechen.
Dieser Geist ist es, der uns mit Christus verbindet, uns wandelt, um so Christus gleichförmig zu werden. So schreibt Paulus im 1. Korintherbrief: „Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: … wir werden alle verwandelt werden“ (15,51).

Durch den Geist des Auferstandenen, der uns zuerst durch Taufe und Firmung geschenkt wird, werden wir zu einer neuen Schöpfung, zu neuen Menschen, werden wir, paulinisch gesprochen, von „fleischlichen“ Menschen zu geistlichen Menschen.

Durch den Geist des Auferstandenen wohnt Gott in unseren Seelen, denn so verheißt Jesus seinen Jüngern beim letzten Abendmahl: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen“ (Jo 14,23).

Oder in den Worten Gregors des Großen: Gott wohnt durch den Geist „in der Herberge unserer Herzen“ (Homilie 30 zu den Evangelien).

Dieser Geist muss in uns wachsen und sich auswirken, bis der innere, himmlische Mensch zum Vollalter Christi heranreift Christ-sein ist also ein Prozess, ein Christ-werden. Um diesen Prozess in Bewegung zu halten, feiern wir einmal jährlich in der Feier der Kar- und Ostertage das Pascha Christi in entfalteter Form. Doch auch alle übrigen liturgischen Feiern verbinden uns in besonderer Weise mit Christus.

Der Geist Gottes, dessen Wirken wir in den heutigen Lesungen, wie uns zu Beginn des Wortgottesdienstes gesagt wurde, verfolgt haben, kann uns angesichts der Bedrohungen und Herausforderungen unserer Zeit, Beistand, Trost und Stärkung sein. Er ist es, der lebendig macht und aufrichtet.
Darum hat Jesus im Rahmen des letzten Abendmahles seinen Jüngern zugesagt: „ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit“ (Jo 14,16f).

Und als der Auferstandene am Abend des ersten Tages, an dem die Frauen den Jüngern vom leeren Grab erzählt hatten, durch die ängstlich verschlossenen Türen in ihre Mitte trat, „hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ (Jo 20,22). – Der Heilige Geist als erste Gabe des Auferstandenen.

Von dieser Gabe soll auch die diesjährige Osterkerze künden, bei der Br. Justus die Struktur des großen Fensters hier in der Apsis aufgenommen hat. Morgen, wenn das Licht hindurchfällt, ist dann gut zu erkennen, dass hier der Heilige Geist als Feuer dargestellt ist, das vom Himmel herabfällt. Dahinter steht die Prophezeiung aus dem Buch Joel (3,1): „Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, / eure Alten werden Träume haben / und eure jungen Männer haben Visionen.“

Wagen wir, bewegt vom Geist des Auferstandenen, zu träumen, entwickeln wir Visionen, und haben wir den Mut, uns immer tiefer mit Christus zu verbinden und von seinem Geist beleben, bewegen und wandeln zu lassen.

 

 

Die Gedanken zum Wirken des Heiligen Geistes verdanken sich dem Kapitel „Pfingsten“ der Schrift Odo Casels „Das christliche Festmysterium“ (Paderborn 1941), 76-83.

von P. Marian Reke OSB

“Es war Nacht.” (Joh 13,30) Der Satz wird schnell überlesen in der Passage, mit der das Johannesevangelium vom Vorabend der Passion Jesu berichtet: von seinem Abschiedsmahl mit den Jüngern, bei dem er ihnen – als sein Vermächtnis – die Füße wäscht. Die Liturgie des Gründonnerstags setzt es Jahr für Jahr in Szene. Ein ambivalenter Moment! In der Predigt der Abendmahlsfeier gestern erfuhr er vorweg eine erhellende Deutung. Was liturgisch nicht gezeigt wird, beschreibt umso eindringlicher Johannes in seinem Evangelium (Joh 13,21ff.): die Geste des Brotteilens, mit der Jesus den Verrat – seine bevorstehende Auslieferung – durch Judas nicht nur aufdeckt, sondern geradezu  provoziert.

“Als Judas den Bissen Brot, den Jesus ihm gab, gegessen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.” Auch wenn es so klingt, ist dieser Hinweis für den Verfasser des 4. Evangeliums keine Randbemerkung. „Draußen und Nacht“ – das ist mehr als eine bloße Orts- und Zeitangabe, da verdichten sich innere Erfahrungen. Draußen und Nacht sind Bilder des Menschen und seiner Welt. Zunächst dieses Menschen namens Judas und seiner Welt – in der Nachkommenschaft des Kain gewissermaßen, der verräterischen Gegenwelt des Brudermordes. Doch steht Judas auch für die Versuchbarkeit des Menschen überhaupt.

Draußen und Nacht. Dahinein bricht nach dem Abendmahl auch Jesus auf – mit seinen Gefährten. Doch nie und nirgends war er so einsam wie hier und jetzt. In ihm selbst ist Nacht, seit Judas ging. Er selbst ist innerlich draußen. So lässt er seine Gefährten auch bald zurück. Drei nimmt er noch mit – wie in einer letzten Anklammerung, dann trennt er sich auch von ihnen.

Einen Steinwurf weit, schreibt Johannes. Einen Steinwurf weit?! Das heißt doch: Jesus geht an den Ort der Sünder, wo man sie steinigt, wo man die Schuldigen mit dem Stein gerade noch treffen kann. Kennen wir das nicht?! Aus der Distanz der Selbstgerechtigkeit Urteile schleudernd – wie Steine.

Draußen inmitten der Nacht will Jesus sich finden lassen – von Judas, und er wird ihn Freund nennen. Dieses Weggehen Jesu von seinen Gefährten – Schritt für Schritt – bis ans Kreuz, wo er schreien wird, dieses Weggehen nach draußen in die Nacht, das zeigt Jesus noch einmal als den, der gekommen ist, das Verlorene zu suchen (vgl. Lk 19,9). Das zeigt ihn als den, der in den Bannkreis der Sünde hineingeht, an den Ort der Steinigung, um den Sünder Freund zu nennen. Er tut es um den Preis der Einsamkeit. Es kostet ihn die Gemeinschaft der Menschen und es wird ihn die Erfahrung der Nähe Gottes kosten, ihre Vertrautheit: Mein Gott, mein Gott – auch Du!?

In jener äußersten Stunde, an jenem äußersten Ort wird Jesu Einsamkeit, seine Verlassenheit am Kreuz, durchscheinend für den Blick des Glaubens. Das gottmenschliche Geheimnis schimmert auf: der Mensch in Gott und Gott im Menschen. Sie lassen einander nicht außen vor. Ent-äußerung im Wortsinn! In Jesus Christus hat Gott sich selbst verlassen – auf den Menschen zu, ohne jeden Vorbehalt, wie es der Philipperhymnus (Phil 2,5ff.) besingt. Und: In Jesus Christus ist der Mensch vorbehaltlos zu Gott hin aufgebrochen, wovon das „Halt mich nicht fest!“ (Joh 20,17) am Ostermorgen spricht.

Jesus am Kreuz – die Karfreitagsikone der Passion! Gleich wird sie uns vor Augen gestellt. Ostern aber müsste das Kreuz wie am Karsamstag eigentlich leer bleiben, weil die Passion der Liebe Pascha ist, ein Übergang – der Weg, der über alle Wege hinausführt in die Weite Gottes (vgl. 1 Kor 12,31 ff.). Das leere Kreuz zeigt als Wegweiser der Liebe über sich hinaus – auf Himmel und Erde, die oft in „Nacht“ getaucht sind, und zu den Menschen, vor allem zu denen, die „draußen“, die außen vor sind.

Draußen inmitten der Nacht – da irrt Judas umher, da flieht immer noch Kain. Draußen inmitten der Nacht ‑ da kann ich auf das Kreuz stoßen, mich an seinem Fuß niederlassen und ruhig werden. Ich und du – mit Spuren vom Kainsmal, mit Judasschatten in der Seele wie jeder Mensch. Vielleicht werden wir hören, was nach dem Schrei sein Schweigen jedem und  jeder von uns sagen will:

Freund, wozu bist du gekommen?
Mir bricht das Herz.
Jene Zwiespältigkeit, die dich sündigen lässt,
zieht sich auch mitten durch mich.
Gott hat mich zur Sünde gemacht,
damit alle in mir Gerechtigkeit Gottes werden (vgl. 2 Kor 5,21).
Sieh mich an! Wer mich sieht, sieht Gott.
Gott reißt den Riss durch die Schöpfung
in sich hinein und das zerreißt auch mir das Herz.
In mir bricht ihm das Herz,
bricht auf in grenzenlose Weite.
Du zweifelst?
Stoß zu mit der Lanze des Zweifels,
wenn du Gewissheit willst!
Mein gebrochenes Herz
– die offene Wunde –
soll dir ein Zeichen sein, ein zuverlässiges Zeugnis,
damit du glauben kannst:
Mitten in Gott ist der Ort der Sünder,
wo sie kein Stein mehr tödlich treffen kann.
Kein steinharter Vorwurf,
nicht einmal der Steinwurf der Selbstverurteilung.
Kain muss nicht länger fliehen,
Judas muss nicht mehr verzweifeln.
Und du – auf deinen Irrwegen zweifelnden Fliehens
willst du nicht umkehren, willst du nicht heimkehren
– ins Vertrauen?!

von P. Klaus-Ludger Söbbeler OSB

Der Liebe bedürftig und zur Liebe fähig

I.
„In jeder Generation ist jedermann verpflichtet, sich selbst so anzusehen, als wäre er dabei gewesen.“ Dieser Satz stammt aus der jüdischen Tradition; er macht deutlich, wie ein glaubender Mensch mit der überlieferten Tradition umgehen soll: Mach dir zu eigen, was vergangene Generationen erfahren und gelernt haben. Sei dir darüber im Klaren, dass es dabei nicht um einen sentimentalen Ausflug in die „gute alte Zeit“ geht, sondern um dich, um uns – hier und jetzt.
„Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.“
lässt Goethe seinen Faust sagen, als der nach einem Ausweg aus der Enge seiner einsamen Selbstbezogenheit sucht.

Die Tage von Gründonnerstag bis Ostersonntag sind der Erinnerung, besser der Verinnerlichung, des Lebens, Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu gewidmet; sie bieten eine überaus intensive Verdichtung von Lebens- und Glaubenserfahrungen, die es zu „erwerben“ gilt, damit sie uns für den aufgegebenen Augenblick nicht „belasten“ sondern „nützen“.

II.
Unter der Perspektive der Bedeutung für uns möchte ich heute Abend die Person des Petrus in den Blick nehmen, um mit ihm und von ihm zu lernen, wie Leben und Glauben zueinander finden.

In dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Joh 13,1-15), den wir gerade gehört haben, sieht Petrus Jesus auf sich zukommen, sein Idol, in dessen Windschatten er groß herauskommen will. Ausgerechnet der möchte ihm die Füße waschen. Mehr an Zuneigung, an Wertschätzung, an Liebe als dieses Angebot der Fußwaschung ist kaum vorstellbar. Das irritiert Petrus zutiefst.
Unsäglich ist deshalb die Verdrehtheit und Verstocktheit, mit der er auf dieses Angebot reagiert: „Du Herr, willst mir die Füße waschen? … Niemals sollst Du mir die Füße waschen“ schleudert Petrus Jesus ins Gesicht. – Jesus muss sich gefühlt haben wie einer, dem man mit lautem Getöse die Tür vor der Nase zudonnert: „Niemals sollst Du mir die Füße waschen.“ Das bedeutet: Ich lasse dich nicht an mich heran, untersteh‘ dich, mir zu nahe zu kommen. Mehr Misstrauen geht nicht.

Gott sei Dank reagiert Jesus auf diese brutale Zurückweisung nicht so, wie das vermutlich in den meisten Beziehungssituationen passieren würde: Er dreht sich nicht um und zieht nicht beleidigt und wutschnaubend ab. Vielmehr unternimmt er mit größtmöglicher Deutlichkeit einen neuen Anlauf: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“ Das bedeutet: Petrus, ist dir wirklich klar, was du da gerade tust? Du schneidest dich von dem ab, was dir doch als Grund und Kraft und Ziel deines Lebens aufgegangen ist. Willst du das wirklich? Das endlich sitzt bei Petrus – so massiv, dass er schlagartig aufs komplette Gegenteil umschaltet: „Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.“ Petrus hat verstanden – zumindest für diesen Augenblick: Gott ernst zu nehmen als Grund und Weg und Ziel des Lebens bedeutet, sich von ihm die Füße waschen zu lassen, ihn als Diener – nicht als Machthaber – an sich anzunehmen. Gott zu verehren heißt, sich nicht vor ihm zu schämen, keine Angst vor ihm zu haben. Gottes-dienst ist nicht verhuschte Unterwürfigkeit sondern grenzenloses Vertrauen!

Das ist im Kern anders als alles bisher Dagewesene – damals und heute immer noch. Hier unterscheidet sich der Glaube an Jesus Christus wirklich und grundlegend von allem, was es sonst im Bereich der Religionen gab und gibt. So mit Gott in Beziehung zu sein, war für die meisten Menschen im Umfeld Jesu noch viel unfassbarer als für Petrus. Sie geraten aufgrund seiner Art Gott zu verkörpern in blinde Aggression und nageln ihn ans Kreuz. Aus ihrer Machthabersicht ist das absolut folgerichtig: Wo kämen wir denn hin, wenn plötzlich Dienen und Vertrauen wirkungsvoller wären als Befehlen und Kontrollieren?

III.
Soweit, was uns in der Szene der Fußwaschung als „Erbe“ hinterlassen ist. Wie können wir es im Sinne Goethes „erwerben“? – Ich schlage vor, uns auf den Augenblick zu konzentrieren, in dem die Haltung des Petrus umschlägt, weil er glasklar spürt, was auf dem Spiel steht; als er innehält und sich dazu durchringt, Jesus an sich heranzulassen. Es muss ein atemberaubender Moment gewesen sein!

In dem Maß, wie wir dieses „Erbe“ des Petrus „erwerben“, dürfte es auch für uns atemberaubend werden! Haben wir doch ganz anderes mit der Muttermilch aufgesogen:
– dass keiner besser für uns sorgen kann als wir selbst.
– dass es „peinlich“ ist, Zuwendung annehmen zu „müssen“, ohne zu bezahlen.
– dass es darauf ankommt, oben zu sein und oben zu bleiben.
– dass die Mitgeschöpfe und die Mitmenschen mir als „Untergeschöpfe“ und „Untermenschen“ zur beliebigen Verfügung zu stehen haben, weil meine Selbstbezogenheit mich zwingt, den „Obermenschen“ zu spielen.

Mit Petrus innezuhalten bedeutet, die Einsicht an mich heranzulassen, dass da wo ich mich gegenüber der Zuwendung durch Mensch und Gott erhaben und unerreichbar mache, dass da die Welt aus den Fugen gerät und eine zerstörte Schöpfung, eine nicht zu unterbrechende Spirale von Missbrauch, Gewalt und Krieg die zwangsläufige Folge ist. Die dramatische Weltlage dieser Tage lässt uns das mit aller erdenklichen Deutlichkeit spüren und erleiden.

Zu „erwerben“, was wir in der atemberaubenden Begegnung zwischen Petrus und Jesus bei der Fußwaschung „ererbt“ haben, heißt:
Mensch, gib den Widerstand auf gegen das, was Gott eigentlich gewollt hat, als er seine Schöpfung und dich als sein Geschöpf ins Dasein gestellt hat.
Fang an, deine Bestimmung darin zu sehen, dich von Gott und den Menschen so lieben zu lassen, dass du eine Liebende, ein Liebender wirst.
Dein Dasein hat nicht dann sein Ziel erreicht, wenn du andere zwingen kannst, dir die Füße zu waschen. Dein Dasein ist vielmehr da am Ziel, wo Gott dir die Füße waschen darf und du deshalb nicht dein Gesicht verlierst, wenn du deinen Menschengeschwistern die Füße wäschst. –
Kurz: Mensch „erwirb“ endlich, was du „ererbt“ hast: Der Liebe bedürftig und zur Liebe fähig zu sein!

von Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz, Paderborn

Liebe Schwestern und Brüder,

in den vergangenen Tagen habe ich unzähligen Menschen die Hand geschüttelt. Sie haben sich bei mir mit Namen vorgestellt. Unmöglich, sich die Namen zu merken. Das hat auch niemand erwartet – erst recht nicht im Trubel rund um meine Amtseinführung. Dann waren aber auch noch intensivere Begegnungen dabei – im Bischofshaus, in kleineren Kreisen im Generalvikariat oder bei sonstigen Gelegenheiten – auch da das gleiche Bild: Ich schüttele Hände. Man stellt sich mit Namen vor. Bei solchen Gelegenheiten müsste ich mir die Namen merken. Aber das ist eine Schwäche: Es fällt mir nicht leicht, mir Namen zu merken. Ich höre den Namen. Ich habe ihn auch verstanden. Aber er ist gleich wieder weg. Ich höre und höre dennoch nicht. Vielleicht kennen Sie eine ähnliche Erfahrung aus anderen Zusammenhängen: Wenn man als Familie zusammen bei Tisch sitzt, es wird erzählt. Man selbst ist aber mit den Gedanken ganz woanders und erschrickt, wenn man plötzlich hört: „Du hörst mir ja gar nicht zu!“ Ich höre und höre dennoch nicht. Und wie nervig sind diejenigen Gesprächspartner, die einem ins Wort fallen, nicht zuhören, sondern sofort beginnen von sich zu erzählen. Die fragen, wie es einem geht und die Antwort gar nicht abwarten. Auch sie hören und hören dennoch nicht.

Mit dem richtigen Hören scheint das so eine Sache zu sein. Wir hören, was wir hören wollen. Wir überhören, was wir nicht hören wollen. Wir hören. Und das Gehörte verflüchtigt sich. Da hat es das Bild einfacher: Man sieht etwas vor Augen. Der Schall, den wir hören, verflüchtigt sich. Das Bild, das wir sehen, bleibt. Das heißt, die Sichtbarkeit eines Gegenstands verleitet immer ziemlich dazu, ihn als gegeben und fassbar hinzunehmen. Der Philosoph Hans Blumenberg hat einmal gesagt, dass mit der Aufklärung die optischen Metaphern immer weiter an Bedeutung gewonnen haben. Gleichzeitig hat dann ein Begriff wie Evidenz, also der Sichtbarkeit, für die Bestimmung des Wahrheitsbegriffs an Bedeutung gewonnen. Die Wahrheit ist das, was ich klar vor Augen habe. Aber das Ohr neigt schon aufgrund der Flüchtigkeit des „nur“ Gehörten dazu, das Wahrgenommene auch stärker zu hinterfragen und hat damit ein vielleicht kritischeres Potenzial als das Auge. Dennoch – in unserer Geistes- und Kulturgeschichte fristet das Hören als Weg der Erkenntnis und der Lebensbewältigung eine eher kümmerliche Existenz. Das Hören wurde zumindest lange unterschätzt.

In der jüdischen und christlichen Überlieferung stand aber eigentlich das gesprochene Wort an erster Stelle. Das Verbot bildlicher Darstellungen Gottes bei den Juden richtete sich gerade gegen den Götzendienst, dem das Bild Vorschub leisten würde. Glaube kommt eben vom Hören und nicht vom Sehen oder vom Festhaltenwollen oder Ergreifenkönnen.

Nicht von ungefähr hat der heilige Benedikt in seiner Ordensregel an den Beginn als Prolog einen entscheidenden Satz gestellt, der wie eine Überschrift gelten kann für den, der Gott sucht. Benedikt sagt: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens!“ Es ist quasi eine „Kurzformel“ des benediktinischen Lebens. Höre – neige das Ohr! – wie viel Respekt für mein Gegenüber ist in diesem Wort enthalten – das heißt: mit sensibler Aufmerksamkeit sich respektvoll dem anderen zuzuwenden.

Benedikt geht es darum, das Hören zu einer Grundhaltung des Miteinanders, des gemeinsamen Lebens zu machen. Deshalb geht es nicht um ein einfaches akustisches Hören. Es geht um Verinnerlichung. Darum sagt Benedikt: Neige das Ohr deines Herzens! Das bloße Ohr reicht nicht, wenn das Herz weit weg ist. Ein Hörender werden, das heißt: von Grund auf bereit zu sein, sich auch belehren, sich auch beschenken zu lassen, sich nicht taub zu stellen und nur das eigene gelten lassen. Mit der Option, dass der andere mit dem Gesagten im Recht sein könnte. Nur so können wir im Hören einander die Wahrheit hinüberreichen! Wie es bei Hölderlin heißt: „Viel hat erfahren / seit ein Gespräch wir sind / der Mensch“.

Diese geistliche Tugend des Hörens mit dem Herzen verändert unsere Art, aufeinander zu- und miteinander umzugehen. Man hat doch den Eindruck, dass es derzeit im gesellschaftlichen Diskurs – und auch innerhalb unsrer Kirche – zu einer Grundhaltung geworden ist, dass man meint: Ich muss möglichst zugespitzt meine eigene Position zu Gehör bringen, damit ich überhaupt gehört werde. So entsteht der Eindruck, dass wir mehr damit beschäftigt sind, uns zu „positionieren“ als wirklich auf den anderen hinzuhören. Man bekommt leicht das Gefühl wie bei einem Gespräch, bei dem alle gleichzeitig sprechen, keiner aber dem anderen wirklich zuhört. Ist es das, was uns so frustriert und weshalb wir nicht weiterkommen?

Richtiges Hören fordert mich heraus, beim Hören nicht sofort damit beschäftigt zu sein, wie kompatibel das Gesagte mit meiner eigenen Position ist. Hören können heißt, meine Aufmerksamkeit von mir selbst weg auf den anderen hin zu lenken. Es ist eine radikale Wertschätzung des Menschen, mit dem ich jetzt gerade zu tun habe. Ihm das erste Wort zu überlassen, zeigt, dass ich ihn achte und respektiere. Nur wo ich versuche, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen, werde ich wirklich zuhören können, werde ich vor allen Dingen eine Sensibilität auch dafür bekommen, was „zwischen den Zeilen“ oder auch nicht gesagt wird. Der gute Zuhörer ist fähig, auch das Unausgesprochene mitzuhören! Erst das führt dazu, dass der andere sich verstanden fühlt. Erst dann kann das Gespräch sich weiterentwickeln. Deswegen gehört die Fähigkeit, still sein zu können, zum Hören mit dazu. Stille und Hören sind Tugenden des Gebets!

Mit dieser geistlichen Grundhaltung beschreibt Papst Franziskus immer wieder Synodalität als „Stil der Kirche“. Ein synodaler Stil der Kirche, wie Papst Franziskus ihn versteht, verwirklicht sich für ihn in drei Schritten, nämlich: „… in der Begegnung, im Einander-Zuhören und in der Unterscheidung.“ Papst Franziskus sagt: „Synodalität setzt das Zuhören voraus: Wir müssen das Zuhören in der Kirche entwickeln. Auf diese Weise zeigt Gott uns den Weg, dem wir folgen sollen, indem er uns aus unseren Gewohnheiten herausführt und uns auffordert, neue Wege zu gehen wie Abraham. Wir müssen Gott zuhören, wenn er zu uns spricht, und dürfen ihn nicht nur abgelenkt hören. (…) Es ist das Hören auf sein Wort, das uns zur Unterscheidung befähigt und uns erleuchtet. (…) Es ist diese Veränderung der Herzen, die es uns ermöglichen wird, die Welt zu verändern und das Gesicht der Kirche zu erneuern.“

Das erinnert mich auch an die Bitte des Königs Salomo an Gott, als er seine Verantwortung als König übernimmt. In diesem Augenblick hat er nämlich gerade nicht um Macht und Einfluss, Durchsetzungskraft oder etwas anderes gebetet, sondern er bat Gott „um ein hörendes Herz“ – die Fähigkeit hinhören zu können, ist in den biblischen Schriften von jeher eine Quelle der Weisheit für die Mächtigen.

Auch in der Regel des Heiligen Benedikt kehrt dieser Gedanke wieder, dass sich mit der Bereitschaft und Fähigkeit eines hörenden Herzens verbinden muss, will sie geistliche Autorität sein: Die jungen Mönche sollen auf die Stimme der Älteren hören, die Älteren auf die Stimme der Jüngeren, gemeinsam auf die Stimme des Herrn – nur so gelingt das gemeinschaftliche Leben. Nur so werden eine Gemeinschaft und der Einzelne in ihr zu Gottsuchern. Und allein darauf kommt es an. Eine der großen Weisheiten der Kirchenväter war, niemals etwas anzufangen, ohne vorher den Rat eines anderen gehört zu haben!

Vielleicht verstehen wir jetzt etwas besser, was der Heilige Benedikt meint, wenn er den Mönchen zuruft: „Höre … und neige das Ohr deines Herzens!“

Diese geistliche Tugend ist der Dreh- und Angelpunkt. Sie hält uns in der Einheit zusammen: eine monastische Gemeinschaft wie hier in der Abtei Königsmünster, eine Kirche wie die Kirche in Deutschland mit ihrer synodalen Dynamik und eine Weltkirche, die lernen muss, aufeinander zu hören, um Unterschiede in Einheit leben zu können.

Das gilt aber in gleicher Weise für unser Erzbistum und für mich persönlich auf dem gemeinsamen Weg, der nun begonnen hat: Höre … und neige das Ohr deines Herzens! Das soll auch meine geistliche Haltung, mit der ich mich mit Ihnen auf den Weg machen möchte und um die ich immer wieder im Gebet bitten möchte. Benedikt inspiriert uns, diesen Weg von nun an gemeinsam zu gehen.