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von P. Marian Reke OSB

Die heutige Lesung aus dem Johannesevangelium (18,33-37) ist nicht nur – wie alle biblischen Texte in der Liturgie – ein Fragment, sondern eher ein Torso. Ein wesentliches Detail fehlt, nämlich die sprichwörtlich gewordene Pilatusfrage.

Sie erinnern sich: Als Pontius Pilatus Jesus verhört, will er zunächst nur eines wissen: „Bist du der König der Juden?“ Jesus erklärt, kein König mit weltlicher Macht zu sein. Aber damit gibt sich Pilatus nicht zufrieden und hakt nach: „Also bist du doch ein König!?“ Darauf Jesu Antwort: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Damit nun kann Pilatus anscheinend nicht viel anfangen und stellt die berühmte Pilatusfrage: „Was ist Wahrheit?!“

Dieser Satz nun hat für meine Ohren einen ganz eigenen Klang, als würde hinter ihm gleichzeitig ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen stehen. Also: Wahrheit – was soll das schon sein!? Die Reaktion des Pilatus auf die klare Selbstaussage Jesu changiert zwischen ratlos, gleichgültig, aber auch irgendwie erleichtert. Mit einem Achselzucken geht er irritiert weg. Immerhin: Die offenkundig religiöse Angelegenheit scheint ihm ohne jede politische Bedeutung zu sein – und das ist für ihn, den Repräsentanten der Macht, einzig von Belang.

In diesem kurzen Dialog spiegeln sich zwei Haltungen, die konsequent säkular eingestellte Menschen der organisierten Religion gegenüber zumeist einnehmen. Da ist zum einen die Angst vor dem Machtanspruch der Religion, eine Angst, die Pilatus fragen lässt: Bist du der König der Juden? Diese durchaus begründete Angst kleidet sich heute in die Vorsicht und Abwehr gegenüber jedwedem Fundamentalismus. Zum anderen ist da die weitverbreitete  achselzuckende oder naserümpfende Gleichgültigkeit, mit der religiöse Themen einfach abgetan werden: Was ist schon Wahrheit? Was soll das?

Angst vor Fundamentalismus oder Indifferentismus als Option – werden diese beiden Reaktionen der christlichen Botschaft gerecht? Was ist die Wahrheit, die sie bezeugen soll und will – in einer pluralistischen, multireligiösen oder areligiösen Gesellschaft?

Im Erzählverlauf des Prozesses Jesu bleibt die Frage des Pilatus nach der Wahrheit zunächst unbeantwortet im Raum stehen. Das ist auch gut so. Die Pilatusfrage, beim Wort genommen, gehört zu den Fragen, die so gut sind, dass es schade wäre, sie mit einer voreiligen oder wohlfeilen Antwort zu erledigen. Es gilt, sie offen zu halten – jedoch wie Fenster, um immer wieder hindurchzuschauen.

Zwischen den Zeilen der Passionsgeschichte gibt der Evangelist Johannes allerdings zu verstehen, wie die Antwort für ihn lautet: Die Wahrheit ist ein Mensch. Sie begegnet in dem Menschen Jesus. Und: Sie ereignet sich als Geschichte – als seine Lebensgeschichte und als die Lebensgeschichten aller, die ihm begegnen.

Davon ist in einer anderen bekannten Selbstaussage Jesu die Rede:  „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Viele sehen darin den Absolutheitsanspruch des Christentums begründet. Jahrhundertelang wurde dieses Jesuswort zu Machtzwecken missbraucht. Aus der Verheißung, an der Wahrheit teilzuhaben, wurde die Behauptung, sie selbst zu haben und das ausschließlich.

Doch die Wahrheit bleibt unverfügbar – vielgestaltig und vielschichtig, wie sie erscheint: im Menschen und in der gesamten Schöpfung. Es gilt, sie im je eigenen Leben wahrzunehmen und zu bezeugen. Dazu ist ein jeder und eine jede von uns geboren und in die Welt gekommen. Das ist der Weg – und das sollte der Weg der Kirche sein, von dem Papst Johannes Paul II. zu Beginn seines Pontifikats gesagt hat: „Der Weg der Kirche ist der Mensch.“ Mich hat das damals stark beeindruckt.

Um im Sinne dieses Papstvotums heute am Christkönigsfest eine besondere Facette der Wahrheit des Menschen hervorzuheben, möchte ich einen schönen Gedanken Martin Bubers zitieren, den er der Tradition des Chassidismus verdankt: „Es gibt nur eine wirkliche Sünde, nämlich zu vergessen, dass jeder Mensch ein Königskind ist.“

Wenn es um Könige oder Königinnen geht, ist manchmal auch die Rede von gekrönten Häuptern. Wer eine Krone trägt, geht wie von selbst aufrecht, sonst könnte die Krone zu Boden fallen. Die Krone verhilft also zum aufrechten Gang, in dem sich die Wahrheit des Menschen offenbart und der ein Zeichen der Würde des Menschen ist. Die Würde des Menschen ist eine königliche und sie ist sein Geburtsrecht, denn jeder Mensch ist zum aufrechten Gang geschaffen. Der aber meint nicht unversehrtes Leben, sondern eine innere Haltung. Zur Wahrheit des Menschen gehört auch seine Wunde.

In diesem Zusammenhang ist noch bemerkenswert, dass man mit Krone nicht nur das äußere Machtsymbol bezeichnet, sondern auch den Scheitelpunkt der Schädeldecke, so dass jeder Mensch – ob äußerlich gekrönt oder nicht – eine Krone trägt.

Zu den Weisheitsüberlieferungen der Menschheit gehört weiterhin die Vorstellung, durch die leibhaftige Krone komme am Lebensbeginn die Seele in den Körper des Menschen und verlasse ihn dort auch wieder im Tod. Deshalb bildet in der Leibsymbolik das Kronenchakra, wie man es nennt, die Verbindung des Menschen nach oben – zum Himmel, unserer ursprünglichen Heimat. In dieser Zugehörigkeit gründet die Menschenwürde. Wer das erkennt, dem geht buchstäblich ein Licht auf, an das er sich halten kann – als aufrichtende, ausrichtende Lebensorientierung.

Letztlich ist es diese erleuchtete Erkenntnis, die den Menschen krönt, und diese Krone fällt nicht, wenn er sein Haupt demütig neigt, um im Mitmenschen die Würde zu ehren, die auch seine eigene ist. So neigten sich die Magier vor dem Kind im Stall und offenbarten dadurch dessen königliche Würde, ohne ihre eigene zu verlieren.

Eins ist mir noch wichtig, was ich mir selbst immer wieder hinter die Ohren schreiben muss: In den Klageliedern des Jeremia wird in prophetischem Realismus von der bedrohten Krone gesungen. „Dahin ist unseres Herzens Freude, in Trauer gewandelt unser Reigen. Zu Boden rollte unseres Hauptes Krone. Wehe, wehe wir sind Sünder. Unser Herz ist krank und darum voll Traurigkeit. Dunkel sind unsere Augen.“  Wenn die Kronen unserer müden, manchmal gedeckelten oder ängstlich verwirrten Häupter zu Boden rollen, lasst sie uns nicht auch noch gegeneinander in den Schmutz treten. Lasst sie uns vielmehr gegenseitig aufheben und füreinander hüten. Allesamt sind wir doch Königskinder, gottgewollte Menschen …

von Abt Aloysius Althaus OSB

Das Christkönigsfest ist ein Fest des Lobpreises. Gott gebührt Lob und Ehre, weil er uns im Leben und Sterben und in der Auferweckung seines Sohnes gezeigt hat: Jesus Christus ist Alpha und Omega, ist Anfang und Ende. Jesus Christus und die Liebe werden das letzte Wort haben.
Und somit fragt Jesus im gehörten Evangelium nicht nach dem Glauben, sondern nach der Liebe.
Vielleicht sind wir und unsere Kirche viel zu sehr damit beschäftigt, wie wir Gottes Wort und den Glauben in die Sprache des modernen Menschen übersetzen können, während wir uns auf die einzige Sprache, die alle Menschen sprechen, auf die Sprache der Liebe, zu wenig verstehen.
In diesem Sinn finde ich ein Wort der Dichterin Hilde Domin anregend und hilfreich. Sie schrieb: „Nicht im Stich lassen – sich nicht und andere nicht. Das ist die Mindest-Utopie, ohne die es nicht lohnt, Mensch zu sein. An ihr halte ich fest bis zum letzten Atemzug.“ 

Schwestern und Brüder,
ich denke, das könnte ein Weg für uns alle sein!
NICHT IM STICH LASSEN –SICH NICHT UND ANDERE AUCH NICHT.
Hören wir unter diesem Vorzeichen noch einmal die Worte des Evangeliums:
„Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben… ich war krank und ihr habt mich besucht…“

Eindringliche Worte. Manchmal sind wir selbst die Bedürftigen und wünschen uns sehnlichst, dass uns einer hilft, uns stärkt, uns besucht, zumindest uns mit einem Wort, mit einer Geste nahe ist. Die Rollen und die Lagen, in denen wir sind, wechseln im Lauf unseres Lebens immer wieder: Wir sind stark, um für andere da zu sein, wir sind schwach und auf andere angewiesen. Beides sind wir.
Ja, nicht im Stich lassen – sich nicht und andere nicht-.
Wo Menschen am Mitmenschen so handeln, dort ereignet sich das, was Jesus Reich Gottes nennt: Dort sind Frieden, Gerechtigkeit und Liebe möglich.
Gerade hier in unserer Friedenskirche, im Blick auf unser Christ-Königs-Kreuz, wird es mir immer wieder bewusst:

Lass dich lieben, denn nur in der Liebe wirst du dich selber aushalten können.
Du wirst Dich bekehren können, Dich zuwenden können und dann sehen, dass Du die Liebe brauchst, die du aus dir selber nicht hast, die Liebe, die dich heil machen kann. Lass mich an dich heran, damit Du liebend wirst.

Wo Menschen hingegen ihre Freiheit dazu nutzen, auf Kosten anderer zu leben, wachsen Unrecht, Neid, Gewalt und Krieg.

Eine Mysteriengeschichte

Da ist eine kleine französische Stadt, verschlafen, festgelegt, beengend, versunken in Grabesruh. Die Bewohner dieser Stadt: kleinbürgerlich, sittenstreng, ängstlich, irgendwie „gefesselt“. Keiner tanzt aus der Reihe. Sonntags geht man zur Kirche. Der Bürgermeister regiert und korrigiert dem Pfarrer auch die Sonntagspredigt.
Ausgerechnet in der Fastenzeit nimmt eine Frau in dieser Stadt Wohnung. Und eröffnet – in der Fastenzeit – eine Chocolaterie! Dort dreht sich alles um Pralinen, köstliche Dinge aus Schokolade, vielfältig und wohlschmeckend.
Und diese Frau versteht zu verkaufen. Energisch, charmant, einfühlsam und liebenswürdig. Sie bezaubert die Menschen in der kleinen Stadt. Manchmal ist sie allerdings auch traurig und unsicher und bedrückt. Ein Mensch eben und keine Ikone!
Dieser Laden, die Frau und die Schokolade stören die Leute auf, stören den Lebenslauf in der Stadt. Etwas Neues und Ungeahntes kommt in Gang. Es entsteht Bewegung.
Die Frau und ihre Schokolade gewinnen die Menschen. Der Laden wird zum Treffpunkt all derer, die der Kleinkariertheit ihrer Umgebung entfliehen wollen.
Begegnungen, Freundschaften, Gespräche wachsen.
Es gibt aber auch heftigen Widerstand, Feindschaft, Verleumdung, ja Todesgefahr.
Soll die Frau ihren Laden zumachen?
Doch der Strom der Offenheit, des neu erwachten Vertrauens, der Hoffnung ist nicht zu stoppen.
Lösung, Lockerung, Aufbruch, Heiterkeit, Fröhlichkeit, Lachen. Eine neue Zeit in dieser kleinen Stadt.

Mir scheint, diese Geschichte hat eine tiefe Symbolik. Diese Frau und das Medium „Schokolade“ stehen für Heil und Glück, für Verwandlung und Neugeburt, für Auferstehung, für Erlösung. Alles verändert sich. Es wächst eine neue Stadt, eine neue Welt.

Bei den Menschen dieser Geschichte findet sich das, was Kennzeichen jeder christlichen Gemeinde und Gemeinschaft sein sollte:

  • Annahme des anderen
  • Offen für Freunde, Pilger und Fremde
  • Teilnehmen und teilgeben
  • Ein neuer kommunikativer Umgang miteinander
  • Dankbarkeit als Antwort auf das Geschenk des Lebens und der Gemeinsamkeit.

Die Geschichte hat mir wieder einmal die Augen geöffnet. Sie ist für mich eine Auferstehungsgeschichte, eine Ostergeschichte, eine Erlösungsgeschichte unseres Alltags. Der tiefste Sinn menschlichen Lebens und christlichen Glaubens bricht hier auf.

Meine Schwestern und Brüder,

uns bedrücken oft genug Sorgen und Ängste. Viele von uns kennen Einsamkeit, Armut und Leid. In der Welt, in der wir leben, verdüstert sich oft der Horizont.
Da hinein nun kommt die Botschaft dieses Sonntags, des Christkönigsfestes. Die liturgischen Texte sprechen von „Herrschaft Gottes über allen und allem“, vom „Menschensohn auf dem Thron seiner Herrlichkeit“, von der Gegenwart Christi in den Hungrigen und Durstigen, den Obdachlosen, Nackten und Kranken, sprechen vom Geschenk „ewigen Lebens“.
Der Christkönigssonntag ist eine Oster-Erinnerung. Ein Sonntag, der von der Nähe und Freundschaft Gottes berichtet; der uns an das tiefste Geheimnis unseres Lebens erinnern möchte: Du wirst geliebt und kannst lieben. Du bist in einer Gemeinschaft und kannst Gemeinschaft gewähren. Du bist erlöst und kannst andere erlösen. Mitten im Alltag treffen wir auf den gegenwärtigen Herrn und Bruder Jesus Christus, wenn wir nur die Augen des Glaubens öffnen.
Und am Ende unseres Lebens steht nicht die Dunkelheit des Grabes, sondern die Einladung zu einem großen Fest, zu neuem Leben!

Die Frohe Botschaft des heutigen Festes will Ermutigung sein, dass wir das Kreisen um uns selbst aufgeben und damit beginnen, ehrlichen Herzens nach unseren Mitmenschen Ausschau zu halten – und in ihnen nach Gott. Es geht um eine nüchterne, alltägliche und unspektakuläre Mitmenschlichkeit, in der sich doch nicht weniger als der Himmel öffnet.
Im Sinn Jesu beginnt das Reich Gottes da Wirklichkeit zu werden, wo Menschen einander aufrichten, weil sie sich gegenseitig als königliche Menschen zu sehen beginnen.
Wir vergegenwärtigen in dieser Eucharistiefeier und darüber hinaus Jesus als einen Menschen, der in wehrloser Liebe die Mächte und Gewalten erleidet, der sich hingibt in den Tod, der sich auf den Willen Gottes horchend der Gefahr des Scheiterns und der Vernichtung aussetzt und die Lebensbedrohung auf diese Weise entmachtet.
Es liegt an jeder und jedem von uns persönlich, ob ich mich von dieser Liebe prägen lasse.

Wenn wir es wagen, dann werden wir spüren, was die heutige Präfation so schön ausdrückt: Das Reich der Wahrheit, in dem es nicht um Rechthaben geht; das des Lebens, in dem Menschen befreit und angstfrei aufatmen können; das Reich der Heiligkeit, dass mich einlädt, ganz der zu sein, der ich bin; ein Reich der Gnade, da wir alle begreifen, dass wir das Wesentliche im Leben eh nur geschenkt bekommen können; ein Reich der Gerechtigkeit, die mehr meint, als Recht zu bekommen; ein Reich der Liebe, die unser Markenzeichen sein sollte und dann auch das Reich des Friedens, das dort einzieht, wo der Mensch Gott und den Nächsten wie sich selbst liebt.

Schwestern und Brüder,

wir sind eingeladen, uns vom auferstandenen Herrn berühren und von seiner Kraft verwandeln zu lassen. Um dann andere zu verwandeln. Wir sind eingeladen, an diesem Christkönigsfest noch einmal Ostern zu erfahren und weiterzugeben. Geschieht das, dann wird sich leise auch unser Lebensraum verändern, ja, liebevoll das Antlitz der Erde erneuern. Amen.