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von P. Klaus-Ludger Söbbeler OSB

„Mensch, – öffne dich!“

Es gehört zu den wirklich schönen Seiten meines Lehrerberufs, manchmal miterleben zu dürfen, wie jemand von Taubheit und Stummheit geheilt wird. Fast in jeder Lerngruppe stößt man auf den einen oder anderen Schüler, der offenkundig „nichts mitbekommt“ und, sauerländisch gesprochen, „die Zähne nicht auseinanderkriegt“. Jeder Versuch, daran durch gutes Zureden oder durch mehr oder weniger starken Druck etwas zu ändern, läuft monate-, manchmal jahrelang ins Leere. Garantiert völlig fruchtlos bleibt der berüchtigte Elternsprechtagssatz: „Er/sie muss mündlich besser werden.“ Im Gegenteil: Je verbissener man als Lehrer versucht, auf jemanden einzureden, desto verschlossener wird er.

Denn: Wer nicht hören und sprechen kann, hat Angst und hat das Vertrauen verloren.
Da braucht es Zuwendung und den langen Atem, der sich auch dann nicht entmutigen lässt, wenn nichts zu helfen scheint. Helfen wird da nur eins: Daran glauben, dass jemand mehr ist und kann, als er sich zu zeigen traut. Und oft, völlig überraschend und meist in einem Zusammenhang, in dem man nicht damit gerechnet hätte, sieht man einer solchen Schülerin, einem solchen Schüler auf einmal an, dass er/sie zuhört, dass er/sie aufnimmt, was sich abspielt. Und schließlich, im nächsten Schritt, redet sie/er mit, macht sein/ihr Wort. Auf einmal sitzt da nicht mehr ein Menschlein, das herumsitzt wie ein geprügelter Hund, sondern da steht jemand, der einem in die Augen schaut und ein wirkliches Gegenüber ist. Es ist buchstäblich „wunder“bar, wenn man so etwas erleben darf und vielleicht ein bisschen dazu beigetragen hat.

Wie Jesus ein solches Wunder bewirkt, davon erzählt der gerade gelesene Abschnitt aus dem Markusevangelium. Ganz sicher verfügte Jesus über so etwas wie eine „therapeutische Naturbegabung“. Aber das wirkliche Geheimnis hinter dem Gelingen dieser Heilung liegt darin, dass Jesus diesem Menschen die Angst nahm, nur Unerträgliches zu hören zu bekommen und sowieso von niemandem gehört zu werden. Jesus gab ihm die Er-innerung daran zurück, dass der allererste Satz, der ihm gesagt worden ist ein bedingungsloses „JA“ gewesen ist: Ja, ich, Gott, will dass es dich gibt, dich, so wie du bist. Und: Ich, Gott, warte seitdem darauf, dass du endlich antwortest. Egal wie lange es dauert, ich lasse mich von meinem Vertrauen zu dir nicht abbringen, auch wenn Du dich bis zur Verstocktheit betäubst und meinst, du könntest nur stumm und stotternd am Rand des Geschehens herumsitzen.

Taubheit und Stummheit zu heilen, setzt voraus, ohne Wenn und Aber daran festzuhalten, dass der innerste Kern meiner selbst und jedes Menschen in diesem einen besteht: Ich bin, du bist von Gott gewollt und dazu ins Leben gekommen, dass sich deine Begabung zum Lieben, zum Hören, zum Sprechen und zum Handeln entfaltet. Ja, es stimmt, dass ich mir selbst und meinen Menschenschwestern und –brüdern geschenkt bin, um mit ihnen in lebendiger und liebender Beziehung, im Wechselspiel von Hören und Antworten zu leben.

Die gegenwärtige Weltlage, die gesellschaftliche und nicht zuletzt unsere kirchliche Situation kann einen stumm machen, kann einen dazu treiben sich so zu betäuben, dass man nichts mehr mitbekommt. Auch hier merken wir: Den Druck und die Betriebsamkeit immer mehr erhöhen, macht nur noch tauber und stummer. Immer schmerzhafter wird dann, dass wir vor lauter Tumult in uns und um uns einander nicht hören können und wollen und dass das Durcheinander einem die Sprache verschlägt.

Hier ist gefragt, sich an dem zu orientieren, was Jesus für den Taubstummen tut: Beiseite gehen, um sich dem Bann des „Drunter und Drüber“ zu entziehen. Einen Menschen so berühren, dass er seine Angst hinter sich lassen kann, um den Blick auf Gott zu richten, der in seinem Innersten auf ihn wartet und ihm so vermitteln, dass in dem Wort „Effata“: – „Öffne dich“ – nicht Bedrohung und Überforderung stecken, sondern Erlösung und Befreiung.

So kann geschehen, was wir in der gegenwärtigen Drucksituation grundlegend brauchen: Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.

Diese Dimension unseres Glaubens ist jeder und jedem von uns in der Taufe zugesprochen. Zur Feier der Taufe gehört unter anderem der „Effata-Ritus“, der offensichtlich dem heutigen Evangelium nachgebildet ist: Der Taufende berührt den Täufling am Ohr und am Mund und sagt dazu: „Effata, Mensch, tu dich auf!“

Das ist der Zuspruch und Anspruch der Taufgnade, in deren Kraft jede Christin und jeder Christ den Weg durchs Leben gehen darf: Mensch, öffne dich und höre mit dem Ohr deines Herzens, dass Gott vor allem anderen „JA“ zu dir gesagt hat. – Mensch, öffne dich und sag‘ deinen Menschenschwestern und –brüdern dieses göttliche Grundwort, aus dem du selber lebst: JA, es ist gut, dass es dich gibt.

von P. Cosmas Hoffmann OSB

Spätestens seit der nun allgemein bekannten AHA-Regel und den an allen öffentlichen Orten bereitstehenden Spendern von Desinfektionsmitteln ist der Begriff Hygiene ein sehr alltäglicher geworden.
Das Wort „Hygiene“ leitet sich vom griechischen Wort für Gesundheit hygíeia ab, das zugleich der Name der für die Gesundheit zuständigen Göttin ist.

Die identische Bezeichnung von Göttin und Zuständigkeitsbereich macht deutlich, wie eng der Zusammenhang von hygienischen Maßnahmen und religiösen Geboten und Verboten in den großen antiken Kulturen gewesen ist.
Im Wissen darum, dass der Mensch bei all seinen Bemühungen und Sorgen um Gesundheit und Wohlergehen diese letztlich nicht mit seinen Mitteln völlig sichern kann, sondern des Beistands höherer Mächte bedarf, wurden Regeln und Maßnahmen zur Gewährleistung von Gesundheit und Wohlergehen des Volkes religiös sanktioniert, um ihre Einhaltung zu sichern.
So finden sich in den religiösen Traditionen vieler Völker und Kulturen, vor allem im Kontext von Gottesdienst, Essen und Trinken, Reinigungsgebote und -riten, die nicht nur als Teil des religiösen Lebens beachtet werden, sondern auch als Ausdruck der eigenen Kultur, der Zivilisation überhaupt gelten und die Identität und das Selbstwertgefühl dieser Völker prägen.

Wie in der heutigen Lesung aus dem Buch Deuteronomium deutlich wird, gilt das auch vom Volk Israel, wenn es heißt: „Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk. … welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?“

Israels Auszeichnung vor allen Völkern ist seine Erwählung durch Gott, der ihm seine Weisung, die Tora, gegeben hat, damit es so das Leben hat.
Um zu verhindern, dass die göttlich Weisung übertreten wird, kam es in der Folge zu Ausführungsbestimmungen, d.h. zu konkreten Regeln, die das Gesetz auf alltägliche Situationen anwendeten. Später nannte man dies „den Zaun des Gesetzes“, denn so wie der Zaun um einen Garten diesen schützen soll, sollen diese Regeln die Einhaltung des Gesetzes garantieren.
Allerdings besteht dabei die Gefahr, dass dann mehr auf die äußerliche Einhaltung der menschlichen Regeln geachtet wird, als auf das eigentliche Anliegen. Dass es zu einer Veräußerlichung kommt, die das alltägliche Leben einschnürt und den inneren Sinn der Weisungen aus dem Blick verliert.

Genau diese Entwicklung kritisieren schon die Propheten Israels, so heißt es im Buch des Propheten Jesaja: „Dieses Volk ehrt mich mit seinen Lippen, sein Herz aber ist fern von mir. Ihre Furcht vor mir wurde zu einem angelernten menschlichen Gebot“ (vgl. Jes 29,13; Mk 7,6b-7).

Diese Kritik nimmt Jesus im heutigen Evangelium auf und erinnert daran, dass es bei aller Achtsamkeit für die äußere Reinheit, letztlich auf die Reinheit des Herzens ankommt.

Jesus lehnt Reinheit und Hygiene nicht ab, doch ihm geht es zuerst um die Hygiene des Herzens, in der die Reinheit von Gedanken, Worten und Werken gründet, denn „Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein“ (Mk 7,20-23).

Während Jesus hier betont, dass aus dem Inneren, dem Herzen das Böse hervorgeht, sagt er in der Bergpredigt, dass die Folge eines reinen Herzen die Schau Gottes ist: „Selig die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). Das Herz hier als Quelle des Guten.

Doch was macht das Herz rein? Wie wird es rein? Wer sind die Menschen mit reinem Herzen, die im Geist der Bergpredigt Gott schauen können? Wer oder was kann das Herz reinigen und wie kann es rein bewahrt werden? Und woran erkennt man ein reines Herz?

Diese Fragen beschäftigten vor allem das frühe Mönchtum, dessen erklärtes Ziel die contemplatio Dei[1] die möglichst beständige Betrachtung Gottes, die andauernde Ausrichtung auf ihn war.

Dabei verglichen sie das reine Herz in seiner Ruhe mit der Oberfläche eines spiegelglatten Sees, in dem sich der Himmel spiegelt. Doch die Wirklichkeit des menschlichen Herzens ist eher von unruhigem Wogen und Tosen geprägt. Gedanken, Gefühle, Impulse treiben ihn um und das Licht des Himmels wird in unzähligen Wellen und Wogen gebrochen.
Um das Herz zur Ruhe zu bringen, empfehlen die Mönchsväter und –mütter, die Stille zu suchen, sich an Christus, am Wort Gottes festzumachen, das unruhige Herz immer wieder in die heilende Gegenwart Gottes zu bringen.
Der heilige Benedikt ermutigt dazu, den Weg der Gebote Gottes zu gehen und im Glauben voranzuschreiten, damit der Geist Gottes das Herz berühren, es weiten und rein machen kann, und das unsagbare Glück der Liebe in ihm weckt.

Denn das ist ein reines Herz, das nicht in sich verschlossen ist, sondern aus der lebendigen Beziehung zu Gott, zu sich und zum Nächsten lebt.

Wenn wir uns wirklich und ernsthaft um die Gottes- und Nächstenliebe mühen und so unsere Herzen von allem reinigen, was uns voneinander und von Gott trennt, dann werden wir selbst Formen finden, uns in Liebe mit Gott und den Menschen zu verbinden. Wir werden uns als Erstes fragen, ob wir die Liebe leben und nicht, ob wir die Vorschriften auch peinlich eingehalten haben.
Der Prüfstein für die Reinheit des Herzens ist somit das Verhältnis zum Nächsten, vor allem die Wahrnehmung des anderen, der Umgang mit ihm und das Denken über ihn.

Sehr schön bringt das ein Wort des Mönchsvater Isaak von Ninive (+ um 700) zum Ausdruck:
„Ein junger Mann fragte: „Wie kann einer wissen, ob sein Herz rein ist?“
Der Lehrer antwortete: „Vollkommene Reinheit hat der erlangt, der alle Menschen in einem guten Licht sieht und von niemanden den Eindruck hat, er wäre unrein oder verdorben. Ein solcher Mensch hat vollkommene Reinheit erlangt.“

[1] Cassian, Conlationes 1,15f.

von P. Julian M. Schaumlöffel OSB

Das eigentliche und auch erste Meisterwerk von Egid Quirin Asam ist der 1722–1723 erstellte szenische Hochaltar, der den Kirchenraum der Benediktinerabtei Rohr in Niederbayern dominiert, «eine mit allen rhetorischen, perspektivisch-illusionistischen und theatralischen Kunstgriffen visualisierte plastische Darstellung der Himmelfahrt Mariens».
Die Ausmaße dieser raumbeherrschenden Altarinstallation sind eindrücklich und haben mich beim Betrachten überwältigt.
Der offene Sarkophag steht weit über dem Chorboden. Die beiden Altarbauten sind sieben Meter tief und deren Säulen fast 8 Meter hoch, bilden aber für den Betrachter eine einzige Schauwand. Für dieses eindrückliche «Theatrum sacrum» setzten die Asam ihre Kenntnisse aus dem Studium der Lichtinszenierungen Berninis genial um.
Eine mächtige goldene Krone von 5 Metern Durchmesser schließt die Giebelstücke des Alters zusammen. Auf der Monumentalbühne erscheint als lebendes Bild die Himmelfahrt Mariens. Über drei Stufen steht der Sarkophag. Von allen Seiten eilen die Apostel in erregter Bewegung herbei. Sie finden das Grab leer, der Deckel lehnt an der Rückwand. Maria aber schwebt, von Engeln getragen in die übergroße Krone hinein und zum Himmel empor, wo sie von der Hl. Dreifaltigkeit und Engelschören erwartet wird. Ein gelbes Fenster an der Rückwand wirft goldenes Licht auf die himmlische Szenerie.

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir feiern heute das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Am 1. November 1950 hat Papst Pius XII. feierlich das Dogma verkündet, die Gottesmutter Maria sei nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. Das heutige Fest hat seinen wahren Ursprung jedoch nicht in diesem Dogma; der Glaubenssatz hält auf feierliche Weise fest, was seit dem 4. Jahrhundert aus der Volksfrömmigkeit (vor allem der Ostkirche) in das Glaubensbewusstsein der Kirche gelangt ist und dort seit anderthalb Jahrtausenden seinen festen Platz hat.
Und genau dieses Glaubensbewusstsein hat die Künstler aller Epochen inspiriert, die Himmelfahrt Mariens darzustellen. Ein Beispiel dafür ist das eingangs beschriebene Kunstwerk der Asam in Rohr.
Genau 300 Jahre später wurde hier im Sauerland für die Gemeinde St. Clemens in Drolshagen ein Flügelaltar in Auftrag gegeben. Schon die Tatsache, dass eine Gemeinde im 21. Jahrhundert einen Hochaltar in Auftrag gibt ist ungewöhnlich, noch ungewöhnlicher aber ist die dortige Darstellung der Himmelfahrt Mariens.
Das Altarbild des Künstlers Thomas Jessen aus Eslohe zeigt im Zentrum die Gottesmutter Maria auf einer Klappleiter stehend. Die fotorealistisch gemalten, lebensgroßen Figuren wirken dabei auf den ersten Blick eher wie Gemeindemitglieder oder Handwerker, die dabei sind, den im Hintergrund erkennbaren Altarraum neu zu gestalten. Das am Pfingstmontag dieses Jahres zur Altarweihe enthüllte Bild soll die Himmelfahrt Mariens in einer modernen Version zeigen. Die Mutter Jesu trägt dabei Jeans und Rollkragenpullover und steht auf einer Trittleiter unter dem Kreuz. Neben Maria stehen die heilige Veronika als Handwerkerin, ebenfalls in moderner Alltagskleidung und ohne Heiligenschein, sowie der ungläubige Thomas in Jeans und mit freiem Oberkörper – ein Selbstbildnis des Künstlers. Im Sauerland und gerade in Drolshagen erregt dieser Altar nun seit Wochen die Gemüter. Darf man die Gottesmutter und die anderen Heiligen so darstellen?
Während Maria im barocken Rohr von Engeln getragen in die Glorie des Himmels entschwebt, muss die Gottesmutter in Drolshagen in Arbeitskleidung selbst die Holzleiter erklimmen, um in den Bereich ihres am Kreuz dargestellten Sohnes zu gelangen. Die Leiter ist hier das verbindende Moment, denn während der Körper Mariens noch vor dem Rot irdischen Liebens und Leidens dargestellt ist, reicht ihr Kopf schon in die Kreuzigungsszene des Himmels hinein, in der das kräftige Blau dominiert.

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich Ihnen zum heutigen Hochfest diese Kunstpredigt halte. Ich meine, dass die beiden beschriebenen Darstellungen uns gut an das Festgeheimnis heranführen können. Wenn mich persönlich – und meine Brüder kennen mich – die barocke Szenerie letztlich mehr bewegt und meine Seele anrührt, so vermag die moderne Darstellung eine intensivere Auseinandersetzung mit deren Inhalt zu entfachen.
Fragen wir uns angesichts der Aufnahme Mariens in den Himmel doch einmal, wie wir uns den Himmel eigentlich vorstellen. Ist es der Garten Eden, ein Paradies, eine Art Schlaraffenland, ein Ort des Friedens und der Gerechtigkeit oder die Begegnung mit allen schon Verstorbenen?
Der Himmel – jeder hat vermutlich seine ganz eigene Vorstellung davon.
Wenn wir im biblisch-christlichen Sinn von Himmel sprechen, meinen wir das uns von Gott zugedachte Ziel der persönlichen und universalen Geschichte; also das endgültige, rundum beseligende „Aufgehobensein“ in der Gemeinschaft mit Gott. Himmel so verstanden ist ein anderes Wort für Vollendung.
„Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“, hörten wir in der Lesung aus dem Korintherbrief. Quelle und Mitte aller Vollendung ist Gottes versöhnende Liebe, die uns in Christus bereits innergeschichtlich erschienen ist und im Himmel in ihrer ungehinderten Wirksamkeit offenbar wird. Der Seher Johannes nennt sie die Hochzeit des Lammes, die Gott mit seiner Schöpfung im himmlischen Jerusalem feiern will. „In dieses Fest wird all das mit einbezogen, was uns auch jetzt schon in unserem irdischen Leben mit dankbarer Freude erfüllt, was unsere mitlachende und mitweinende Sympathie weckt, ja, was uns einfach zutiefst menschlich sein lässt“, wie es Medard Kehl formuliert.
In unserer eigenen Vollendung sollen wir endgültig Ja sagen können, auch zu all dem Schmerzlichen, das erst im Licht der versöhnenden Liebe Gottes ganz und heil werden kann. Diesen Prozess der je eigenen Vollendung meinen wir im christlichen Glauben, wenn wir vom Himmel sprechen.
Was wir in der Lesung vom Hl. Paulus über die Vollendung aller Menschen hörten, sagt die Kirche in ihrem Lehramt nun eigens von Maria: „Die Gottesmutter ist derart in das Geheimnis Christi eingeschrieben, dass sie der Auferstehung ihres Sohnes mit ihrem ganzen Sein bereits am Ende ihres irdischen Lebens teilhaftig wird; sie lebt das, was wir alle am Ende der Zeiten erwarten, wenn der »letzte Feind«, der Tod, entmachtet werden wird.“
Die Begründung für die unmittelbare Aufnahme Mariens in den Himmel liefert uns der Lobgesang der Gottesmutter im Evangelium. Das Magnifikat ist eine einzige große Zustimmung zu Gottes Plan mit ihr. Maria spricht – schon während sie Christus in sich trägt – das endgültige Ja ihrer zukünftigen Vollendung und kann daher nach ihrem irdischen Leben unmittelbar am großen Fest der kommenden Welt teilnehmen. Durch all die Erfahrungen der Verlassenheit, in Schmerz und unsagbarem Leid, hat sie dieses einmal gegebene Ja nie zurückgenommen.
So ist die Gottesmutter uns Vorbild im täglichen Durchhalten, in der Treue und schließlich auch in der himmlischen Vollendung.

Das Leben der Gottesmutter, ihre alltäglichen Mühen und Sorgen, ihren Schmerz und ihr Leid bringt das Kunstwerk von Thomas Jessen in Drolshagen besser zum Ausdruck, zeigt es uns Maria doch als Menschen aus Fleisch und Blut, der an Christi Vollendung Anteil nehmen darf.

Die Treue der Gottesmutter, das ein Leben lang durchgehaltene, unbedingte Ja zu Gott, vermag dagegen den barocken Glanz der Asam-Szenerie zu erklären, wenn in dieser golden-lichtvollen Darstellung eine Ahnung unserer je eigenen österlichen Vollendung aufleuchtet.

Amen.

von Br. Benjamin Altemeier OSB

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Auch wenn Jesus heute im Evangelium auf den tieferen Sinn von Sättigung hinweist, hat er doch zunächst den leiblichen Hunger in der Brotvermehrung gestillt. Davon wurde uns letzten Sonntag berichtet. Das ist wichtig, denn Hungernden eine wie auch immer gestaltete Religiosität mit auf den Weg geben zu wollen, ohne vorher das Grundbedürfnis nach Nahrung, Gesundheit, Wohnung gestillt zu haben, macht keinen Sinn. Daher ist eine Evangelisation in Gegenden der Not ohne begleitende Hilfe undenkbar. So gibt es auch in unseren Missionsgebieten immer auch die konkrete Linderung von Notlagen. Es gibt Krankenhäuser, Brunnenbau und Schulen wie auch Ausbildungsstätten, um an einer Gerechtigkeit mitzubauen.

Gleichzeitig aber gibt es ja auch einen Hunger, der nicht durch Nahrungsaufnahme gestillt wird. Ich denke, wir alle kennen diesen Hunger. Es ist der Hunger nach Anerkennung, der Hunger nach Liebe, der Hunger nach Sinn und der Hunger nach Ewigkeit. Wir kennen die Sehnsucht nach unendlicher Liebe. Wir kennen das Sehnen, das zur Sucht werden kann, wenn es keine Erfüllung findet. Wir kennen die Werbestrategien, die auf subtile Weise versuchen, uns Ersatz anzubieten. Diese Formen des Konsumierens wirken zumindest nur sehr kurz. Wahre Erfüllung unserer Sehnsüchte ist nicht zu kaufen.  Das wissen wir eigentlich alles.

Und nun bietet sich Jesus im heutigen Evangelium  selbst als das „wahre Brot“ an. Mit der Verheißung, dass wir danach nicht mehr hungern und nicht mehr dürsten werden. Ich muss schon sagen: Das ist ja eine steile These. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass wir einfach aufhören zu essen und zu trinken. Aber auch die Vorstellung, dass unsere Sehnsucht durch Jesus gänzlich gestillt werden kann, wird doch augenscheinlich durch die Erfahrungen des Alltags widerlegt. Hatte es zu Beginn der Pandemie noch die Meinung gegeben, dass sich das Konsumverhalten verändern könnte, so ist dies inzwischen durch die Zahlen der Wirtschaft widerlegt.

War da Jesus von Menschen ausgegangen, die es so eben nicht gibt? Ich glaube tatsächlich, dass wir uns immer wieder auf den Weg machen dürfen und müssen, uns neu die „Nahrungsquelle Jesus“ zu erschließen.

Welche Nahrung bietet uns Jesus an? Da ist die Nahrung des  tiefen Verstehens und des Verständnisses für jeden Menschen, gerade auch in der Schwachheit. Sei es Zachäus auf dem Baum, sei es die Ehebrecherin, seien es die Aussätzigen oder die Kranken. Ich darf mich so in meiner Gebrochenheit angenommen wissen, wie es Jesus in den Begegnungen gelebt hat und immer wieder auch bei jedem von uns tut. Wir alle sind von Gott Angenommene. Da ist die Nahrung der sich selbst verschenkenden Liebe, die an keine Bedingung geknüpft ist. Diese Liebe zu den Menschen, aber auch zu jedem Einzelnen von uns, ist grenzenlos. Bedingungslos bis hin zum Kreuz. Es gibt also jemanden, ein wirkliches Gegenüber, das mich so liebt, wie ich bin und nicht Bedingungen an die Liebe formuliert. Ich darf mich also geliebt und verstanden fühlen, ohne in Vorleistungen treten zu müssen. Da ist die Nahrung der Vergebung, die nicht verurteilt, sondern heilt. In allem, was mir nicht gelungen ist, in allem, wo mir Fehler unterlaufen sind, werde ich nicht verurteilt, sondern von göttlicher Vergebung umfangen.  Denken Sie an das Gleichnis des verlorenen Sohnes oder besser des barmherzigen Vaters. So in den Arm genommen zu werden und liebkost zu werden, obwohl wir Schuld tragen, ist wahrlich ein lebenswichtiges und heilendes Lebensmittel. Gottes Vergebung ist grenzenlos. Und da ist noch die Nahrungsquelle der Ewigkeit. Alles Sehnen will Erfüllung und Ewigkeit. Durch Jesu Tod und Auferstehung ist uns die Perspektive auf Ewigkeit hin eröffnet.

Schauen wir jetzt auf unsere Praxis.

Gibt es denn Menschen, die aufgrund dieser göttlichen Nahrung ihren Hunger und ihren Durst so gestillt haben, dass sie es fruchtbar machen können für sich und andere  – in der konkreten Nachfolge Jesu?

Ich habe über die Medien in den letzten 14 Tagen mitbekommen,  wieviel Kraft Menschen zukommt, egal ob sie sich als religiös bezeichnen  würden oder nicht, und die diese Kraft für andere zum Einsatz gebracht haben. Ich meine die Helfer und Helferinnen in den überflutenden  Hochwasser-Gegenden, hier vor unserer Haustür. Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um anderen in existentieller Not beizustehen. Da sind Feuerwehrangehörige, die ihr Leben, um anderen zu helfen, gefährdet haben. Soviel an praktisch gelebter Religiosität. Über 60 Millionen Euro sind von Menschen gespendet worden. Ich glaube, dass diese Bereitschaft zur Hilfe den Helfern selbst wirklich Sättigung für Ihr eigenes Leben verschafft hat. Es klingt paradox. Wer sich hingibt, empfängt und wird gesättigt!

Wenn wir gleich vom Tisch des Herrn Christus empfangen, dann wird uns in diesem Brot auch seine Botschaft der sich hingebenden Liebe und Güte ausgeteilt. Durch das geschwisterliche Mahl sind wir zur Hingabe befähigt. Geben wir das Empfangene an unsere nächsten Schwestern und Brüder weiter.

Ich möchte schließen mit einem Gebet:

„ Der du der Erde Brot gegessen,
mit Sündern hast zu Tisch gesessen,
Herr Jesu, komm und mach uns satt,
dass Leib und Seel Genüge hat.
Amen.“

von P. Erasmus Kulke OSB

„Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!“
Liebe Schwestern und Brüder, ich könnte mir vorstellen, dass eine ganze Reihe von uns sich von diesen Worten Jesu angesprochen fühlen und innerlich seufzen: Ja, das wäre schön. Einmal so richtig entspannen und ausruhen, durchatmen und wieder aufatmen.
Viele tun auch genau das jetzt in der Ferienzeit und sind im Urlaub, in dem sie hoffentlich auch Erholung finden. Doch viele fühlen sich sicher urlaubsreif und haben keine Mög­lichkeit, Ferien zu machen.
Ruhe haben wir alle nötig. Gerade unsere Zeit ist so voller Stress, Hektik, Lärm und Unruhe wie wohl kaum eine Zeit zuvor. Und Corona und der Lockdown haben vieles noch ein­mal verschärft. Home Office und Home Schooling haben viel­fach für Konflikte in den Familien gesorgt, und ein Ausgleich dazu wurde durch Kontaktbeschränkungen und viele andere Einschränkungen sehr erschwert. Dass da so mancher am Ende seiner Kräfte ist und dringend Ruhe und Erholung braucht, ist nur allzu verständlich.
Ja, es ist wichtig, dass wir uns immer wieder Zeiten der Ruhe nehmen und uns Orte suchen, an denen wir uns erholen und auftanken können. So wie die Apostel nach ihrer Missions­reise Ruhe brauchten, um neue Kräfte sammeln zu können, so brauchen auch wir immer wieder Ruhe und Erholung, Zeiten, in denen wir nichts leisten müssen, wo wir tun und lassen können, was uns gerade Spaß macht, wo wir ganz zweckfrei sein, da sein können und das Leben genießen können.
Mein Eindruck ist aber, dass das Abschalten und Ausruhen vielen zunehmend schwer fällt. Wir stehen ständig unter Druck, sind ständig erreichbar, die Welt um uns herum wird immer schneller, komplexer und verwirrender, und da ist es oft gar nicht so leicht, aus diesem Hamsterrad auszusteigen, abzuschalten und dann die Ruhe auszuhalten. Vielleicht hatten es Jesus und seine Apostel da grundsätzlich leichter. Natürlich, das heutige Evangelium erzählt uns davon, dass es auch für sie schwierig war, Ruhe zu finden, weil Tausende von Leuten hinter ihnen her waren. Aber als gläubige Juden waren sie es gewohnt, regelmäßig auszuruhen, nämlich am Sabbat. Das hatten sie von Kindes Beinen an „gelernt“.
Am Sabbat darf ein Jude sich nicht nur ganz offiziell aus­ruhen und das Leben genießen, er soll es sogar und ist aus­drücklich dazu verpflichtet. Es ist eine heilige Pflicht. Ein Jude genießt am Sabbat die Zeit mit Familie und Freunden, genießt festliches Essen. Es wird erzählt, gespielt, gesungen und gelacht. Es werden die Schöpfung und der Schöpfer gefeiert, auch durch Gebet und Gottesdienst. Und jüdische Ehepaare kommen ihren „ehelichen Pflichten“ nach. Am Sabbat muss man sich für das Nichtstun nicht rechtfertigen, sondern ganz im Gegenteil, das Arbeiten bedarf einer Recht­fertigung. Ich glaube, dass wir davon eine Menge lernen können. Denn manchmal habe ich den Eindruck, dass wir das wahre Ausruhen verlernt haben, dass wir oft gar nicht mehr wissen, was uns wirklich gut tut und Erholung verschafft. Da wird die Freizeit vollgepackt mit vielen Dingen, die uns letzt­lich nicht nur keine Erholung bringen, sondern uns zusätz­lich ermüden und entkräften. Oder die Zeit wird sinnlos ver­daddelt mit Dingen, die unserer Seele keine Erholung bringen, sondern sie mit einem Gefühl der Leere zurück­lassen.
Im Talmud, eine der bedeutendsten Schriften des Juden­tums, heißt es, dass der Sabbat nicht deshalb geschaffen wurde, weil Gott Ruhe gebraucht hätte, sondern Gott wollte, dass die Ruhe geheiligt werde. Die Ruhe ist also etwas Gött­liches. Ohne Frage, schaffen und erschaffen, dass was Gott an den ersten sechs Tagen seiner Schöpfung getan hat, ist auch etwas Göttliches. Aber mit der Ruhe „krönt“ Gott seine Schöpfung. Wenn wir uns also Zeiten der Ruhe nehmen und gönnen, heiligen wir uns selbst und unsere Zeit, und im „Heiligen“ geschieht Heilung. Wenn wir uns in der Mühe des Alltags immer wieder Zeiten der Ruhe nehmen, dann kommen wir, die wir Abbilder Gottes sind, zu uns selbst. Und da muss jede und jeder für sich selbst schauen, was wahre Ruhe und Erholung bringt. Ein Weg ist sicherlich die Einladung Jesu anzunehmen und zu ihm zu kommen mit all dem, was uns belastet. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“, sagt Jesus zu uns. „Ich will euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28) Ja, Jesus verheißt uns Ruhe für die Seele. (11,29)

Schließen möchte ich mit Gedanken der kleinen Anna aus dem Buch „Hallo Mister Gott, hier spricht Anna“, denn die sind bedenkenswert:

Anna fragte: „Was ist wohl das Größte, was Gott gemacht hat?“
Fynn überlegte und sagte: „Das Größte ist die Erschaffung des Menschen.“
Sie schüttelte den Kopf und war nicht einverstanden.
Fynn rätselte herum: „Vielleicht die Tiere, die Blumen oder das Weltall?“ Er fragte sich durch die sechstägige Schöpfungsge­schichte hindurch, erntete aber nichts als weiteres Kopfschüt­teln. Mehr fiel ihm nicht ein.
Plötzlich legte Anna ihre Hände vor sich auf den Tisch und stand auf. Auf ihrem Gesicht malte sich Freude und Erstaunen über sich selbst. Sie holte tief Luft und sagte: „Das größte ist der siebte Tag.“
„Das kapier ich nicht“, sagte Fynn. „Da hat er nun alle seine Wunder in sechs Tagen fertiggekriegt. Und dann ruht er sich aus am siebten Tag. Was ist da so Besonderes dran?“
„Warum hat er sich denn am siebten Tag ausgeruht?“ fragte Anna.
„Na, das Ganze war doch ’ne hübsche Menge Arbeit. Da braucht man dann mal ’ne Pause.“
„Er hat sich aber nicht ausgeruht, weil er müde war. Er nicht. Er war nicht müde.“
„Bestimmt nicht?“
„Am siebten Tag hat er die Ruhe geschaffen, und das ist das wirkliche Wunder. Er hat sich die Ruhe ausgedacht und sie dann gemacht. Wie, glaubst du, war das alles, bevor er am ersten Tag angefangen hat mit der Arbeit?“
„Ein ziemlich schauerliches Durcheinander, nehme ich an.“
„Ja, und du kannst dich doch nirgendwo ausruhen, wenn alles so’n Riesendurcheinander ist, oder?“
„Wahrscheinlich nicht. Und dann?“
„Siehst du, als er dann angefangen hat, alle Sachen zu machen, da war es schon gleich ein bisschen weniger unor­dentlich. Und als er mit allem fertig war, hatte er die ganze Unordnung in Ordnung gebracht. Und erst jetzt konnte er sich die Ruhe ausdenken. Und darum ist die Ruhe das alleraller­größte Wunder.“

von P. Guido Hügen OSB

Opa Bär und der kleine Bär saßen vor dem Haus und betrachteten den Abendstern.
Es war ziemlich kühl und Opa Bär hatte seinen Schal um.
Der kleine Bär strich sanft mit der Pfote darüber.
„Ich mag deinen Schal“, sagte er. „Er ist so lang und kuschelig.“
„Ja, er ist ein Teil von mir“, sagte Opa Bär.
„Er wird immer länger – genau wie mein Leben immer länger wird,
je älter ich werde.
Als ich angefangen habe, ihn zu weben, war ich so alt wie du.“

So beginnt ein wunderbares Kinderbuch:
„Opa Bär und sein langer bunter Schal“,
in dem Opa Bär von seinem Lebens-Schal erzählt.

„Wenn du dir meinen Schal genau anschaust,
siehst du zwei Arten von Fäden,
Die einen gehen rauf und runter, die anderen kreuz und quer.
Die langen Rauf-und-runter-Fäden halten meinen Schal zusammen
und geben ihm seine Form –
so wie die Eigenheiten, die du von Mama und Papa geerbt hast
oder sogar von mir
– zum Beispiel, dass du gern Beeren isst
oder Angst vor Bienen hast oder große Pfoten …“
„Ich habe Papas Nase“, rief der kleine Bär aufgeregt.
„Alle sagen das!“

Erben wir Nasen?
Bestimmte Charaktereigenschaften vermutlich schon.
Und selbst solche Dinge wie unsere Namen.

In einer Supervision oder Fortbildung
hätten Sie jetzt eine halbe Stunde Zeit,
Ihre Rauf-und-runter-Fäden,
das Ihnen Mitgegebene, Geerbte,
das was Ihr Leben hält, aufzuschreiben.

Würden Ihnen dabei auch Dinge einfallen,
die „göttlich“ geerbt sind?

Wir haben es doch gerade in der Lesung gehört.
Paulus schreibt es an die Gemeinde in Rom:

Wir sind Kinder Gottes, Erben Gottes.

Das geht weit über das Biologische hinaus.
Von Gott her erben wir unsere Einmaligkeit,
unsere Ebenbildlichkeit mit IHM.
Gott vererbt sich selbst in uns …

Wenn wir in der Dreifaltigkeit feiern,
dass Gott kein einsamer Einzelkämpfer ist,
und die „Dreifaltigkeit“ nicht nur ein theologisches Konstrukt ist,
dann ist Gott in sich selber Lebendigkeit und Beziehung,
ist Geber und Empfänger,
Wort und Antwort.

Und ER zeigt sich als ein großmütiger,
freigiebiger Gott, der sich mitteilt,
der uns Menschen nahe kommt,
der uns erfüllen und das Leben mit uns teilen will.

Der für uns Vater und Bruder ist.

Und uns sein Erbe vermacht.

Allerdings:
Erben heißt auch, Verantwortung zu übernehmen.

Wir sind keine Alleinerben.
Wir sind – im wahrsten Sinne des Wortes –
eine weltweite Erbengemeinschaft.

Und wie so oft, wenn es um das Erbe geht,
bringt das Konflikte mit sich.

Das fängt schon bei der Deutungshoheit an.
Zwar haben wir sogar zwei „Testamente“
und die Weisung Jesu im Evangelium ist klar:
„Lehrt sie alles zu befolgen, was ich Euch geboten habe.“

Dass das längst nicht so klar und einfach ist,
zeigt uns der Blick in die Kirchengeschichte
oder schlichtweg in so manche Diskussionen unserer Tage.
Was ist Gottes Wille?
Wer darf was entscheiden,
wer ist Verwalter und Vollstrecker des Erbes?
Schwarz-weiß oder grau oder bunt?

Und wie so manche Erbengemeinschaft
geraten wir in Streit und Krieg.
Nichts von Geschwisterlichkeit.
Nichts vom Blick auf den gemeinsamen Vater.

Wenn nicht einmal wir Christen,
nicht einmal in einer Gemeinde und Gemeinschaft
es hinbekommen,
uns in aller Buntheit und Verschiedenartigkeit
als „Sein Volk“ zu sehen:
wie sollte es Frieden geben in dieser Welt?

Wir machen uns doch selbst das Leben schwer.
Wir sprechen uns gegenseitig ab,
die gegebenen Fähigkeiten, unser Erbe gut einzusetzen.

Ich kann doch besser entscheiden,
was dem anderen gut tut …

Ja, und noch ein Blick weiter:
Und wie gehen wir denn mit dem uns gegebenen Erbe um?
Es ist ja nicht nur das ganz persönliche.

Das fängt beim ganz kleinen an:
bin ich der bevorzugte Erbe, der als erstes eine Impfung braucht?
Und endet längst nicht beim Weltweiten:

Dürfen wir mit dem Erbe von Schöpfung und Natur so umgehen,
dass andere Miterben in die Röhre schauen?

Wenn wir Gott „Abba, Vater!“ nennen,
muss das Folgen haben.
Wenn wir in Jesus Christus unseren Bruder und Herrn erkennen,
muss das Folgen haben.
Wenn wir auf den Heiligen Geist, der Kraft gibt und Mut macht, vertrauen, muss das Folgen haben.

Wie können diese Folgen anders sein
als geprägt von der Botschaft der Liebe
und dem Geschenk der Freiheit?

Ich müsste sie halt auch den anderen zugestehen
– und nicht glauben, ich könnte über das Erbe entscheiden.

Ich müsste mich selber in der Freiheit sehen,
die Gottes Geist mir schenkt.

Und diese Freiheit dem anderen zutrauen.
In unserer Kirche,
ja auch in unseren Gemeinschaften
ist das leider oft nicht der Fall.
Unter Verboten, Unterstellungen, Verleumdungen
leiden viele von uns.

Und doch gilt:
Ich habe den Geist der Kindschaft empfangen,
in der Einmaligkeit meines Lebens will Gott aufscheinen,
macht ER mir Mut, mich selber anzusehen
und den langen bunten Schal meines Lebens.

 

„Es ist wichtig, dass du dir die Farben deines Schals
und seiner Fäden ab und zu ganz genau ansiehst“, sagt Opa Bär.
„Vielleicht hat dir irgendjemand ein paar trübe, langweilige Fäden gegeben.
Fäden die aussehen wie die Tage,
an denen man am besten gleich im Bett bleibt.
Willst du die wirklich in deinem Schal haben?
Du kannst sie natürlich nicht aus dem Stück nehmen,
das schon gewebt ist,
aber du kannst sie durch neue Fäden ersetzen,
wenn du weiterwebst.“

Entdecken wir die goldenen Fäden der Kinder Gottes,
die Fäden der Liebe und des Mutes.
Und weben wir in sie die bunten Fäden unseres Lebens!

Denn die Verheißung gilt:
„Siehe, ich bin mit euch alle Tage
bis zum Ende der Welt!“

von Abt Aloysius Althaus OSB

Schwestern und Brüder,

wie gut können wir mit den Aposteln fühlen. Jesus, ihr Lehrer und Freund war mit ihnen zusammen. Sie teilten mit IHM ihr Leben. Seine Nähe war wohltuend und sinnstiftend. Vieles lernten sie mit neuen Augen sehen. Neues hat sich ihnen eröffnet.

Dann der grausame Tod. Ein Nicht-Verstehen der Situation. All ihre Hoffnungen sind zerstört. War alles eine Illusion?

Aber dann die glücklich machende Erfahrung: Jesus lebt, er ist nicht tot. Sie dürfen IHN berühren, damit sie die Wirklichkeit seiner Auferstehung im wahrsten Sinne des Wortes be-greifen können.

Und dann noch ein Abschied. Jesus wird vor ihren Augen emporgehoben und entschwindet ihren Blicken. Wehmütig schauen sie IHM nach. Ihre Augen kleben am Himmel. Nun scheint Jesus endgültig gegangen zu sein.

 

Zwei Männer in weißen Gewändern holen die Jünger wieder zurück auf den Boden. – Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?

Als wollten sie sagen: Wenn ihr weiter nach oben schaut, dann kommt ihr hier nicht mehr weiter, dann seht ihr ja hier unten nichts mehr. Ihr steht da wie angewurzelt. Schaut wieder nach unten und bewegt euch! Hier findet euer Leben statt. Ihr habt doch seinen Auftrag gehört, dass ihr sein Wort verkünden sollt an alle Menschen.

 

Schwestern und Brüder,

das Fest Christi Himmelfahrt wird zum Fest der ganzen Welt, zum Fest unserer Erde, zum Fest des Glaubens, der die Erde lieben darf, weil diese Erde nun in Christus eine Mitte, einen Sinn und ihr großes Geheimnis gefunden hat. Das Fest des Himmels wird zum Fest der Erde, des Jenseits zum Fest des Diesseits, denn nun ist dieses unser Diesseits Raum Gottes geworden, da der ferne Gott durch Jesus und durch seinen Geist, „der in uns ausgegossen ist“, zum nahen Gott und zum Gott unseres Herzens geworden ist.

Angelus Silesius formuliert: Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.

Für Angelus Silesius ist also der Himmel in mir selbst schon gegenwärtig. Ich muss ihn nur in mir suchen. Ja, näher als in mir selbst kann mir der Himmel nicht mehr kommen.

 

Und sicher stimmt es: Wenn wir nur nach oben schauen und von weit her auf den Himmel warten, sehen wir wirklich nicht mehr das, was dicht vor unseren Füßen liegt: Das Naheliegende, das, was unser Handeln erfordert, unser lebendiges Zeugnis als Christen, die mit beiden Beinen in dieser Welt stehen und leben.

Schwestern und Brüder,

Christsein heißt Hoffnung haben. Immer war Hoffnung zugleich Wagnis,

Wagnis inmitten vielfältiger Gefahren und Unsicherheiten.

Immer war Hoffen ein Hoffen trotz allem – und zu allen Zeiten gab es Krisen, aber zu allen Zeiten gab es auch, wenn auch manchmal nur wie eine kleine Flamme, die Hoffnung, die auf das Versprechen des Herrn gründete: „Seht, ich bin bei euch bis zur Vollendung der Welt“.

Eine Hoffnung also, die aus der Gegenwart des Herrn lebt!

Deshalb gilt: Nicht auf die Krise starren, sondern immer wieder neu Chancen wahrnehmen, neue Ausblicke wagen, auf Zukunft hin leben.

Vielleicht ist es wieder an der Zeit, einem Wort von Ida Friederike Görres Beachtung zu schenken:

Die Weltgeschichte ist voller Überraschungen und Gott ist nicht bei den stärkeren Kanonen. Was an die Zukunft der Kirche glauben lässt, ist nicht zuletzt das unermessliche Leid ihrer Glieder.

 

Nun bleibt die Frage, die jede und jeden von uns selbst betrifft:

Was bin ich für ein Christ?

Eine / Einer, der ängstlich auf all das Beunruhigende unserer Zeit starrt und daher keine Kraft hat für die Zukunft des Reiches Gottes in dieser Welt, oder der neue Chancen sieht und wahrnimmt?

Was bin ich für ein Christ? Eine / einer, der ängstlich nach Halt sucht oder der anderen durch seine Zuversicht zu neuer Hoffnung verhilft?

Wer in Gefahr ist, zum Pessimisten zu werden, der sollte einmal auf all das Hoffnungsvolle schauen, das sich um uns ereignet.

Mit dem heutigen Fest treten wir in die große Pfingstnovene ein. Er, Jesus verspricht uns allen den Heiligen Geist. Er ist der Geist, mit dem wir gefirmt worden sind. Er gibt uns die Kraft zum Leben, den Mut zur Nachfolge. Er bewirkt in uns, dass wir Gott in unserem Leben entdecken können und dass wir Jesus in dieser Welt erkennen, ja IHM lebendig begegnen. Er treibt uns an, dass wir nicht nachlassen, uns in dieser Welt, in unseren Gemeinschaften, Gemeinden und Familien für das Gute, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Liebe unter den Menschen, also für den Himmel einsetzen.

Wenn wir immer wieder um die Entfaltung des uns geschenkten Heiligen Geistes beten, dann kann er bewirken, dass wir nicht lau werden, sondern dass in all unserem Tun Feuer steckt, dass wir zu feurigen, begeisterten Christen werden. Dann sind wir alles andere als Träumer und Utopisten, sondern Menschen, die Zeugnis geben, nicht abgehoben, sondern mitten drin.

Ja, dann sind wir wie Leuchttürme. Dann werden sicher – und das bewirkt auch Gottes Geist – andere Menschen erkennen und erfahren dürfen: Ja, der Herr lebt. Der Himmel hat jetzt schon hier unter uns Menschen, ja sogar in mir selbst, begonnen.

Ich möchte schließen mit Worten von Wilhelm Willms:

Gott, lass uns nicht ins Leere schauen.
Lass uns nicht in falsche Richtungen schauen.
Lass uns nicht Zeit verlieren.
Gib, dass wir uns nicht vertrösten lassen auf später.
Denn der Himmel ist an Ort und Stelle.
Der Himmel ist zwischen uns.
Der Himmel ist in uns und unter uns.
Der Himmel ist heute und war gestern schon.
Der Himmel wird morgen sein und übermorgen.
Amen.

von Br. Balthasar Hartmann OSB

Liebe Schwestern und Brüder,

vielleicht kennen sie ja auch diese berühmte Filmszene.
Ein Mann, gerade frisch verliebt, tanzt vor Glück durch das nächtliche Hollywood, und das auch noch bei starkem Regen. Der Himmel weint, aber er ist glücklich und verschenkt seinen Regenschirm.
Sie stammt, vielleicht haben Sie es ja schon erraten, aus dem Musical-Klassiker „Singing in the Rain“ aus dem Jahr 1952.
Ein liebenswertes Musical mit beschwingten Songs, voller Witz und Charme und Hoffnung. Wunderbarstes Technicolor-Kino. Wir sehen Gene Kelly, wie er im strömenden Regen singt und steppt und tanzt, und dabei immer leichter wird.

I am singing in the Rain
Ich singe im Regen
Singe einfach nur im Regen
Was für ein wundervolles Gefühl
Ich bin wieder glücklich

Ich lache die Wolken aus
So dunkel und drohend dort oben über mir
Die Sonne ist in meinem Herzen
Und ich bin bereit für die Liebe

Die Zeit, in der der Film in Amerika in die Kinos kam, war keine leichte Zeit. Es herrschte der kalte Krieg, die USA waren im Korea-Krieg, und die Welt stand mal wieder am Abgrund.
Und auch im Film selbst geht es um eine Krise. Er spielt in den Jahren des frühen Hollywood. Das Kino steht vor einem großen Umbruch, und niemand weiß so recht, wie es weitergehen wird. Der Stummfilm wird durch den Tonfilm verdrängt, und viele Menschen in der Filmbranche müssen um ihre Existenz bangen.

Auch das heutige Evangelium handelt von einer Umbruchszeit.
Es ist eine Abschiedsrede von Jesus an seine Jünger und Jüngerinnen.
In mehreren Abschnitten teilt er ihnen sein Vermächtnis mit, für die Zeit, wenn er nicht mehr bei ihnen sein wird.
Der Abschied liegt in der Luft, aber für die Jünger ist er noch nicht begreifbar. Auch hier ist die Unsicherheit zu spüren.

Im heutigen Teil des Evangeliums steht die Liebe im Mittelpunkt und wird von Jesus als das wesentlichste Gebot benannt, an das man sich halten soll.
Ein Freund verabschiedet sich von seinen Freunden und gibt ihnen das mit: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe!“
In den vergangenen Monaten haben viele von uns erleben müssen, wie es sich anfühlt, wenn wir von einem Menschen auf Zeit oder sogar für immer Abschied nehmen müssen. Eigentlich kurze Entfernungen wurden durch Kontaktbeschränkungen zu unüberwindbaren Mauern, Menschen sind gestorben, ohne dass wir sie noch einmal sehen konnten. Über drei Millionen Menschen sind bisher weltweit an Covid19 verstorben, unzählige erkrankt.
Wir alle haben erlebt, wie wichtig uns die Nähe, der Kontakt zu anderen Menschen ist, besonders zu denen, die wir lieben. Wir haben gemerkt, wie uns Nähe oder Geselligkeit fehlen. Auch hier eine Zeit mit vielen Brüchen und Umbrüchen, Abgründen und Ängsten. Eine Zeit, in der wir viel über unser Lieben erfahren haben.

Wir wünschen uns alle so sehr, dass diese unsichere Zeit bald zu Ende sein wird. Jeder hat einen Traum vom Ende dieser Pandemie, und was er dann machen wird.
Trotz so mancher dunklen Wolke am Himmel macht uns gerade jetzt der Frühling wieder Hoffnung.
Denn da wo dunkle Wolken zu sehen sind, da kann es auch regnen, und dieser Regen kann neues Leben bringen.
Ein englisches Sprichwort sagt: No rain, no rainbow.
Wo kein Regen ist, da gibt es keinen Regenbogen.
Tränen können heilsam sein, und der Regenbogen ist das Zeichen des Neuanfangs und der Verbundenheit.

Der Monat Mai steht besonders für dieses Aufblühen des neuen Lebens und für die Hoffnung des sichtbaren Neubeginns, und er wird nicht ohne Grund auch als der Monat der Liebenden bezeichnet. Erich Kästner nannte ihn einmal den Mozart der Monate.
Gerade jetzt im Monat Marias können wir besonders erleben, wie groß die Kraft des Neuerblühens ist.
Über Nacht ist alles grün und blüht. Die Natur tanzt, oder wie es der Mystiker Thomas Merton sagt: Der Kosmos
tanzt.
Das Leben wird in der Natur überall sichtbar, und in seiner Schönheit erfahren auch wir, dass unser Ursprung aus der gleichen göttlichen Kraft stammt. Wir alle sind eine Schöpfung aus Liebe, und dieser Ursprung ist unser Anfang und Ende. Wenn wir den Kosmos tanzen sehen, dann sehen wir Gott tanzen.
Wir wissen nicht, warum es die Abgründe im Leben gibt, die schmerzlichen Umbrüche, aber wir haben in den Wochen seit Ostern erlebt, dass es die Gewissheit gibt, dass Jesus sich für uns hingeben hat und in unsere Abgründe hinabgestiegen ist, und dass aus dem Abgrund des Todes seine Auferstehung gewachsen ist.
Wir durften glauben lernen, indem er uns in seine Wunden fassen ließ.
Das Geschenk seiner Liebe, das Geschenk seiner Freundschaft ist zum lebenspendenden Regen, zum Segen für uns alle geworden.
Für die, die gegangen sind, für die Hiergebliebenen, und für die, die kommen werden.

„Nicht ihr habt mich erwählt,
sondern ich habe euch erwählt
und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt
und dass eure Frucht bleibt.“

von Br. Benjamin Altemeier OSB

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

eben noch in Emmaus begegnet Jesus, der Auferstandene den Jüngern beim Brotbrechen, und sogleich entschwand er ihren Blicken. Jetzt in Jerusalem tritt er in ihre Mitte und sagt ihnen: Friede sei mit euch. Sie aber glaubten, es wäre ein Geist. Und dann die dringende Bitte Jesu, ihn als leibhaftig zu begreifen, ihm sogar Fisch zu essen zu geben. Warum ist das dem Auferstandenen so wichtig?  Jesus geht es nicht darum zu demonstrieren, dass er wirklich auferstanden ist, sondern dass eben der geschichtliche, konkrete Jesus aus Nazareth erstanden ist.

Ich glaube, dass die Kontinuität von Leben, Leiden und Auferstehen seiner Person wichtig ist. Ein Geist ist nicht leidensfähig. Ein Geist trägt keine Wundmale. Ein Geist erscheint und entschwindet und ist eben nicht radikal herabgestiegen aus den Himmeln und geblieben, um zu leben, um zu leiden und um auferweckt zu werden.

Der Auferstandene ist zugleich auch der historische Jesus von Nazareth. Untrennbar. Warum ist das so wichtig? Weil der Auferstandene und in den Himmel hinaufgestiegene und der als Richter wiederkommende Christus auch der historische Jesus von Nazareth ist. Und da ist es noch einmal hilfreich, sich zu erinnern, was diesen historischen Jesus ausmacht. Es ist der, der auf die Aussätzigen zugeht und sie heilt. Es ist der, der uns aufruft zur Feindesliebe und zum Verzicht auf Verurteilung. Es ist der, der uns ermahnt zur wahren Frömmigkeit, die nicht den Splitter im Auge seines Bruders, seiner Schwester sieht, sondern den Balken im eigenen Auge wahrnimmt und so der Selbstgerechtigkeit entflieht. Es ist der, der uns aufruft, Früchte zu bringen. Es ist der, der sich von der Sünderin salben lässt, es ist der, der uns die Angst nehmen möchte in den Stürmen unseres Lebens. Es ist der, der am Sabbat heilt und so die Liebe über das Gesetz stellt und nicht zuletzt der, der dem Verlorenen nachgeht, bis er es findet.

Der Auferstandene ist eben auch der Leidende und damit fähig zum Mitleiden. Daher sind die Wundmale so wichtig – sei es bei Thomas, sei es in der heutigen Perikope.

Und Jesus, der Auferstandene hat Anliegen an die Jünger damals und auch an uns heute. Da ist zuerst das Anliegen: Friede sei mit Euch. Nun, das kennen wir ja aus der Liturgie. Der Friede sei mit Euch. Aber ich muss gestehen, dass ich es manchmal einfach überhöre. Und worin soll dieser Friede bestehen? Was macht einen befriedeten Menschen aus? Ich glaube, dass es der Mensch ist, der eben in der Nachfolge auch des historischen Jesus steht. Der nicht auf Vergeltung aus ist, der nicht der Selbstgerechtigkeit nachgibt, der in der Hoffnung auf die Liebe Gottes die Angst im Leben zurückstellen kann in der Hoffnung auf die eigene Auferstehung.

Das zweite Anliegen ist es, den Jüngern den Sinn der Schrift zu eröffnen. Die Botschaft Jesu ist nicht am Kreuz gestorben und begraben worden, sondern die Botschaft Jesu ist nach seinem Leiden am dritten Tage auferstanden, und so lebt sie bis heute.

Das dritte Anliegen ist die Umkehr. Liebe Schwestern, liebe Brüder, nicht stehenbleiben, sondern sich in Bewegung setzen. Nicht resignieren, sondern ändern, was zu ändern ist. Umkehr ist, bei mir selbst zu beginnen und nicht auf die anderen zu warten. Auf unseren Wegen gibt es Umwege, auch Sackgassen. Das ist alles nicht tragisch. Wir müssen nur umkehren und dann weitergehen. Wir dürfen Jesus auf unseren Wegen nicht aus dem Blick verlieren.

Das letzte Anliegen an die Jünger lautet: Damit ihre Sünden vergeben werden. Wenn wir Jesu Leben, Leiden und Auferstehen in den Blick nehmen, dann werden uns die Sünden vergeben werden. Dann ist unsere Schuld getilgt. Dann können wir sagen:

Die Erlösten des Herrn werden wiederkehren und gen Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Diese Verheißung des Jesaja ist mit der Auferstehung Jesu erfüllt. Zugleich aber haben wir nicht einen Hohepriester, der nicht mit unseren Schwächen mitfühlen könnte, sondern der in allem versucht ist in ähnlicher Weise, doch ohne Sünde – so heißt es im Hebräerbrief.

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Manchmal mutet uns die Zeit viel zu. Manchmal habe ich das Gefühl, es bewegt sich nichts. Nicht einmal in der Natur. Nicht in der Pandemiebekämpfung, nicht in der Kirche, nicht in Gesellschaft und Politik. Was bleibt uns?

Die Hoffnung, dass der Auferstandene, der zugleich gelitten hat, mit uns fühlt und uns auf unseren Wegen begleitet.

Der Glaube, dass alles Leiden und Sterben in die Auferstehung Jesu münden wird.

Die Liebe, die uns Jesus Christus erwiesen hat, durch sein Leiden und seinen Tod, also durch seine Hingabe an uns Menschen, und der daraus folgende Auftrag an uns, einander auch die Liebe zu erweisen. Amen.

Lesung: 1 Joh 5,1-5
Evangelium: Joh 19,19-31

von P. Abraham Fischer OSB

„Unserm Herzen soll die Stunde ewig unvergesslich sein. Mit dem Herzen, mit dem Munde schwören wir Gott treu zu sein. Dieses Tages, dieser Pflicht wollen wir vergessen nicht…“

Viele von uns – liebe Schwestern, liebe Brüder – kennen diesen Satz.

Als ich vor 47 Jahren selber in einem wunderschönen Samtanzug mit Rüschenhemd – es waren die 1970er Jahre – gemeinsam mit über 40 Erstkommunionkindern die Altarstufen hinaufschritt, da sangen wir genau dieses Lied und waren sehr im Herzen berührt davon.

Der „Weiße Sonntag“ trägt diesen Namen vermutlich, weil die an Ostern Neugetauften eine Woche lang die weißen Taufgewänder trugen und auf diese Weise verinnerlichen konnten, welchen Weg sie an Ostern eingeschlagen hatten. So kann auch uns, die wir als Kinder zur Erstkommunion gingen, dieser Name an unseren Glaubensweg erinnern. Wir könnten diese Erinnerungen und ihre in der Tat unvergessliche emotionale Tiefe nutzen, um innezuhalten und um über den Stand der Dinge nachzudenken.

Denn Erinnerung vertut eine große Chance, wenn sie nur als Vergangenheit wahrgenommen wird. Das ist Nostalgie. Letztendlich sind große Teile unserer Psyche nichts anderes als gespeicherte Erinnerungen, die uns – mit Gefühlen verknüpft – motivieren und begeistern oder auch hemmen und bremsen. Das sind die großen Leistungen der Psychoanalyse, dass sie den Menschen aus seiner ureigenen persönlichen Biographie wahrnimmt und deren positive wie leider auch negative Auswirkungen auf die Gegenwart verstehen lehrt.

Erinnern oder präziser verlebendigen ist der Grundzug allen Glaubens. Weil Religion an sich umfassend – also wahrlich katholisch – ist, kann man diesen Zug in fast allen Religionen finden. Die Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam überliefern Texte und vor allem Geschichten, wie Menschen in der Vergangenheit ihren Glaubensweg gegangen sind. Sie teilen mit, was Menschen vorderer Generationen bewegt hat, wie sie Leben bewältigen konnten, wie sie Freude veränderte und wie sie durch Leid und Endlichkeitserfahrung geprägt immer wieder Schritte zum Leben fanden. Die Geschichten Gottes mit den Menschen und die Erzählung über Jesus den Christus bewegen nach wie vor viele suchende Menschen. Dabei kommt es nicht nur darauf an, historische Fakten zu tradieren, sondern es geht eher darum, Zeugnisse und persönliche Erfahrungen für andere fruchtbar zu machen. Religion kann nicht objektiv sein sondern sie ist immer ein persönlicher Weg.

Es geht im Glauben nicht mehr nur um ein Erinnern persönlicher Erfahrungen, sondern vielmehr um ein kollektives Gedächtnis menschlichen Lebens und Ringens. Sie befördert Menschheitserinnerung. Unzählige Erfahrungen von Menschen bilden sozusagen das Menschsein an sich ab und wir einzelne können daraus wieder Wege für das eigene Leben finden, wie auch eigene Erfahrungen deuten und umfassender verstehen.

Der Glaubensweg des Thomas wird uns im heutigen Evangelium erzählt. Der Inhalt ist schlicht und schnell begriffen: Die Jünger machen eine außergewöhnliche spirituelle Erfahrung: Sie begegnen dem totgeglaubten Jesus. Er kommt durch verschlossene Türen und erreicht die erstarrten Herzen der Jünger. Durch diese Erfahrung – was immer das auch war – kommen sie in neues Leben und erfahren, dass Tod und Leben durch eine Glaubensbrücke verbunden sind. Die Jünger bestellt Jesus zu Brückenbauern – zu Pontifices. Thomas verpasst das – aus welchem Grund auch immer. Als die anderen ihm berichten, weigert er sich, ihnen zu glauben. Erst als er dieselbe Erfahrung macht wie die anderen, kann er seine Vorstellungen ändern: Sein Todesglaube wird zum Lebensvertrauen!

Es gibt Dinge, die uns zu Ohren kommen und die einfach unfassbar bleiben. Das kennen wir aus der eigenen Erfahrung. Dann besteht die Herausforderung darin, jenen zu glauben, die die Zusammenhänge berichten. Im Gericht spricht man von Zeugen, die einen Tathergang schildern und dem Richter Rede und Antwort zu stehen haben.

Das ist keinem Menschen fremd: wir kennen das aus unseren inneren Gerichtsdialogen, die wir führen. Da gibt es immer viele Stimmen und Aspekte. Manchmal wird es daher schwer, sich zum Tun durchzuringen.

Thomas‘ Einwände spiegeln unsere Seele wieder! Er ist ein Beispiel für unsere eigene Suche, für unser Ringen um Vertrauen. Thomas ist – wie übrigens alle Jünger und Apostel – gerade in seiner Gebrochenheit – ein Bild des Menschen, wie er nun einmal ist. Immer wieder verpasst er wichtige Situationen und braucht seinen persönlichen Weg der Vergewisserung. Die Geschichte mit den Wundmalen wiederholt sich bei der Aufnahme Mariens in den Himmel. Er ist nicht dabei und soll den Jüngern glauben. Erst als Maria ihm erscheint und ihm als materiales Zeichen ihren Gürtel zuwirft, glaubt er. Die wunderschöne spätromanische Skulptur des Thomas in unserem Kapellenkranz bildet das ab.

Und Gott? Was macht Gott mit den Thomasmenschen? Wir Menschen verzweifeln immer wieder an den Grüblern. Sie scheinen permanent zu bremsen und haben auch immer etwas Urtrauriges an sich. Nicht selten stehen sie eher außerhalb der Gemeinschaft.

Das ist der Trost: Gott reagiert nicht menschlich, sondern wahrlich göttlich, indem er sich selber treu bleibt und sich damit als der höchste Vertrauenswürdige zeigt. Das wird in Jesu Tun deutlich. Er verbirgt sich nicht etwa vor Thomas, sondern er zeigt sich Thomas und erfüllt ihm sogar den Wunsch, sich von ihm berühren zu lassen. Es wird an keiner Stelle der Schrift berichtet, dass der Auferstandene angefasst wird – nur in den Thomasgeschichten. Zur weinenden Maria Magdalena sagt er „noli me tangere“ – fass mich nicht an – halte mich nicht fest. Thomas wird diese Bitte erfüllt, nicht nur weil er dadurch zum Glauben kommt, sondern weil er anscheinend einer ist, der einmal Erkanntes nicht mehr festhalten muss. Er ist ein Handfester. Sein Glaube ist am Schluss tief und stark und er wird zu einem großen Zeugen des Glaubens an den lebensspendenden Gott. Er hat andere begeistert und es wird ihm zugeschrieben, den indischen Kontinent mit der Botschaft der Auferstehung in einer sehr eigenen Art missioniert zu haben. Wie alle Apostel – gebrochene, endliche Menschen – ist er am Ende für die Botschaft gestorben.

Glaube erwächst eher nicht aus uns selbst, sondern wir werden angesteckt – in diesen Tagen der Pandemie ein zwielichtiges Wort, ich weiß – aber wir werden angesteckt von Menschen, die Glauben authentisch leben. Es beginnt ein Weg. Und oft glimmt das Feuer nur schwach… wir können aber zu einem Oster-Feuer werden, dass die Nacht erhellt.  Amen. Halleluja!