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von Br. Justus Niehaus OSB

„ ‚Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.‘ Die Münze trägt sein Bild. Dadurch gehört sie ihm. Wem gehören wir? Doch wohl kaum dem Staat. Zwar sind wir auch geprägt, gleichsam als eine lebendige Münze. Wir tragen das Bild Gottes. Wir sind Geschöpfe Gottes, geschaffen nach seinem Bilde. Diese Prägung besiegelt unsere Verpflichtung Gott gegenüber. Das Siegel fordert uns mehr als das Siegel des Kaisers. Alle Menschen tragen das Bild Gottes in sich, alle gehören ihm. Und deswegen sind wir alle Gott verpflichtet: ‚Gebt Gott, was Gottes ist.‘
Was wir Gott zu geben haben, … sind wir selber, wir ganz, mit Leib und Seele. Wir gehören keiner Macht dieser Welt, sondern Gott allein.“

Dies sind nicht meine Worte, sondern Franz Kamphaus hat sich so zu diesem Evangelium geäußert. Mir sind die Worte des Geprägt seins nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Prägen kann man von der Handwerklichen Seite sehen oder von der Menschlichen. Was hat uns geprägt? Was hat sich uns eingeprägt? Was heißt es geprägt zu sein?

Ich erinnere mich noch als ich als Kind bei einem Ausflug zum Marine-Ehrenmal Laboe zum ersten Mal vor einem Automaten in dem man Münzen umprägen konnte stand. Man musste eine Münze hineinwerfen und eine Gebühr bezahlen um dann mit der eigenen Kraft einen großen Hebel zu drehen und so die Münze umzuprägen, so dass sie kein Geldstück mehr war, sondern das Ehrenmal zeigte. Als Kind war es unglaublich, dass so etwas möglich ist.

Lassen Sie uns heute auf beide Seiten schauen. Auf den handwerklichen Vorgang und die menschliche Prägung.

Schaut man sich an was beim Prägen passiert, fällt auf, dass der Rohling in seiner Masse bestehen bleibt. Es wird nichts hinzugefügt wie beim Modellieren und nichts Weggenommen wie beim sägen, gravieren, schleifen oder schnitzen. Es werden durch die Prägung nur Flächen hervorgehoben und andere treten in den Hintergrund um so ein Bild erstehen zu lassen.

Auch in uns ist Gottes Antlitz schon vorhanden. Es muss nichts hinzugefügt werden zu meiner Persönlichkeit und es muss auch nichts weggenommen werden von meiner Persönlichkeit um Gottes Antlitz auf mir erscheinen zu lassen, um Gott durch mich sichtbar zu machen. Ich bin schon vollkommen so wie ich bin. Ich bin ganz. Es ist alles in mir angelegt. Ich muss mich nur von ihm prägen lassen um sein Antlitz auf mir zum Vorschein zu bringen. Ich muss zulassen, dass Er durch mich sichtbar wird.

Zum Prägen braucht es Energie. Es braucht Kraft. Viel Kraft. Zum Handprägen einer Münze sind mehrere Schläge nötig. Gott hat diese Kraft, wie wir es in der Lesung gehört haben. Das Evangelium kam nicht nur im Wort, sondern mit Kraft und heiligem Geist. Er will, dass wir uns von ihm prägen lassen.

Nur nützt der beste Prägestempel nichts wenn er ins Leere haut. Zum Prägen braucht es nicht nur Prägestempel und Hammer, sondern auch ein Fundament das auf der Erde steht, das die Kraft aufnimmt und so das prägen erst möglich macht. Das sich zum Prägestempel hin ausrichtet um die Kraft aufzunehmen.

Bin ich bereit mich von Gott prägen zu lassen. Mich und meine Kraft auf ihn hin auszurichten. Seine Kraft an mir wirken zu lassen. Mich von ihm Formen zu lassen. Meine Kraft einzubringen, fest auf der Erde stehend. Paulus schreibt im Brief an die Gemeinde in Thessalonich von Standhaftigkeit eurer Hoffnung auf Jesus Christus und von der Mühe der Liebe die wir haben.

Oder lasse ich mich von anderen Dingen umprägen die nach Aufmerksamkeit schreien, die meine Kraft und Energie beanspruchen wollen. Wir kennen Sie: Hass, Neid, Angst, Vorurteile und Schubladen, Unsicherheiten, Wut, Unbarmherzigkeit,

in der Welt,

in unserer Gesellschaft aber auch

in unserem persönlichen Umfeld.

Sie wollen Aufmerksamkeit. Sie wollen, dass wir unsere Energie auf sie richten und uns so von Ihnen umprägen lassen.

Jesus lässt sich im heutigen Evangelium nicht darauf ein. Er lässt die Pharisäer auflaufen. Er lässt sich nicht provozieren. Er bleibt auf Gott ausgerichtet. Standhaft in seiner Kraft. Er lässt ihren Prägestempel quasi ins Leere schlagen.

Bleiben auch wir auf Gottes Barmherzigkeit, auf seine Kraft ausgerichtet und lassen wir die anderen Prägestempel, die uns umprägen wollen ins Leere schlagen.

„‚Gebt Gott, was Gottes ist.‘
Was wir Gott zu geben haben, … sind wir selber, wir ganz, mit Leib und Seele. Wir gehören keiner Macht dieser Welt, sondern Gott allein.“ So haben wir am Anfang von Franz Kamphaus gehört.

Lassen wir uns immer weiter von Gott prägen mit aller Kraft, damit sein Antlitz auf und durch uns immer stärker zu sehen ist. Damit er in dieser Welt durch uns sichtbar wird.

von Br. Benjamin Altemeier OSB

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

der Text des heutigen Evangeliums (Mt 22,1-14) wird besonders herausfordernd vom Ende her. Dort, wo der Mensch, der kein Hochzeitsgewand trägt, hinausgeworfen wird an den Ort der äußersten Finsternis. Und ganz am Ende des Evangeliums der Satz: „Viele sind berufen, wenige aber auserwählt.“ Was ist damit gemeint? Das lässt mich zunächst einmal ratlos zurück.

Gehen wir dennoch erst einmal an den Beginn des Evangeliums zurück.

Da lädt Gott in der Person des Königs die eingeladenen Gäste zum Hochzeitsmahl ein. Ein Bild für die Gottesschau. Die Gäste haben aber andere Dinge zu tun. Und natürlich ist der Mensch frei, die Einladung abzulehnen. Dann aber werden die Diener getötet, und der König reagiert, indem er sein Heer schickt und die Stadt in Schutt und Asche legen lässt. Müssen wir nun unsere Vorstellung eines liebenden Gottes korrigieren? Nein, denn hier lässt sich die konkrete geschichtliche Erfahrung ablesen, dass die Menschen des ersten Bundes in Israel sich nicht alle der Jesusbewegung anschließen, also die Einladung aus der Sicht der Christen nicht angenommen haben. Die Stadt, die in Schutt und Asche liegt. ist Jerusalem, die 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde, nicht von Gott.

Dennoch stellt sich uns heute die Frage: Lasse ich mich von Gott stören in meinem Alltag? Ist er für mich präsent? Oder lebe ich, als ob es Gott nicht gäbe?

Lasse ich mich von der Botschaft Jesu aufstören, gar aufschrecke? Oder hat sie längst keine Bedeutung mehr in meinem Leben? Höre ich „mit aufgeschrecktem Ohr“, wie es Benedikt im Prolog seiner Regel schreibt?

Die Botschaft Jesu, dass ein jeder Kind Gottes ist, wertvoll und geliebt;
die Botschaft Jesu: „Urteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet“;
die Botschaft Jesu der Hinwendung zu den Bedürftigen, die uns auch heute fordert.

Dann erfolgt die zweite Einladung Gottes an den Menschen, und dieses Mal füllt sich der Festsaal. Die Botschaft Gottes durch Jesus richtet sich an alle. Ausnahmslos alle. Juden wie Heiden, Griechen wie Römer, und sogar an Böse und Gute. Alle sind gerufen. Auch die Bösen, und diese sogar als Erstes. Das war auch für die Christen, an die sich Matthäus richtet, verstörend. Damals wie heute gibt es in der Kirche, in den Gemeinden, in den Gemeinschaften die Selbstgerechten, die entscheiden wollen: Du gehörst dazu  – und Du nicht. Matthäus warnt auch uns, nicht eine Kirche ohne Sünder zu bilden, sondern, wie es Papst Franziskus ausdrückt, eine verbeulte Kirche, eine verbeulte Gemeinde, ja, liebe Schwestern und Brüder, eine verbeulte Gemeinschaft, in der der Sünder seinen festen Platz hat.

Aber nun zum Schluss, zum Menschen, der ohne Hochzeitsgewand kam und stumm blieb. Bei den Begriffen Hochzeit und Mahl wussten die Christen des Matthäus, dass es ums Ganze geht. Um die Gottesbegegnung, um den wiederkehrenden Christus, der uns begegnen will. Da müssen wir wachsam sein wie die klugen Jungfrauen, wachsam sein wie der Diener, der auf den Hausherrn wartet. Wir Christen sollen wachsam sein, kein verschnarchter und verschlafener müder Haufen.

Beim Hochzeitsgewand geht es nicht um den richtigen Dresscode. Wir Mönche nennen unser Gewand Habit. Daraus ableiten lässt sich der Begriff Habitus. Und dem schließt sich die Frage an: Habe ich den Habitus der Erwartung und der Sehnsucht?

Gott fragt uns: Was erwarten wir? Wonach sehnen wir uns? Hören wir die liebende, werbende Stimme Gottes noch? Die Frage Gottes lautet nicht: Was hast du erreicht? Was hast Du getan? Wieviel hast Du gebetet?

Gott fragt mich: Was bewegt mich? Was trägt mich? Was lässt mich hoffen?

Gott fragt mich: Wonach sehnst Du dich? Damit ich nicht stumm bleibe, kann ich mich vielleicht der Sehnsucht des Jesaja anschließen und antworten wie er:

Meine Sehnsucht ist:

Er hat den Tod für immer verschlungen, und Gott, der Herr wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen, und die Schande seines Volkes entfernt er von der ganzen Erde. Und weiter: Siehe, das ist unser Gott, auf ihn haben wir gehofft, dass er uns rettet. (Jes 25,8-9)

Wenn wir uns dieser Verheißung anschließen können, sind auch wir berufen und auserwählt.

von P. Maurus Runge OSB

„Theologie ist Biografie“ – dieser kleine Satz, der auch der Titel der Lebenserinnerungen des 2014 verstorbenen Theologen Herbert Vorgrimler ist, klingt zunächst nach einer Binsenweisheit. Jedes theologische (und auch nichttheologische) Denken ist von biografischen Voraussetzungen des Denkenden abhängig. Es ist für meine Theologie nicht unerheblich, ob ich in den Slums von Manila, in einer Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet oder in einem kleinen Dorf in Niederbayern geboren wurde. Jedes menschliche Denken und Handeln entsteht auch aus biografischen Prägungen, die zu entdecken zur Lebensaufgabe werden kann.

„Theologie ist Biografie“ – den Satz kann man aber auch in umgekehrter Perspektive verstehen, dass theologisches Denken rückgebunden sein muss an die eigene Biografie, den persönlichen Lebensvollzug. Lehre und Leben müssen im Einklang miteinander sein. Wer in seinem Denken ständig die Barmherzigkeit Gottes verkündet, in seinem Leben diese Barmherzigkeit aber oft genug vermissen lässt, der macht sich im Reden und Handeln unglaubwürdig, dem nimmt man die Botschaft irgendwann nicht mehr ab, die er in wohlfeilen Worten verkündet. Auch das kann zur Lebensaufgabe jedes mündigen Christen werden, hinter der wohl viele von uns manches Mal zurückbleiben.

Wohl kein anderer hat den Zusammenhang von Theologie und Biografie, von Lehre und Leben, so erfahren, ja erleiden müssen wie Paulus, der große Völkermissionar, der die christliche Botschaft der Erlösung bis an die Grenzen der damaligen Welt brachte. Besonders deutlich und berührend wird das für mich in den Kapiteln 9 bis 11 seines Römerbriefes, in denen er sein Ringen um seinen Weg eindrücklich beschreibt – als jemand, der einerseits Jesus Christus und seine Botschaft persönlich erfahren hat, der aber andererseits die Beziehung zu dem Volk, dem er sich biografisch immer noch zugehörig weiß, nicht kappen will. Den Anfang haben wir heute in der Lesung gehört (Röm 9,1-5).

Dieser Saulus-Paulus ist Jude und hat als Jude mit seinen Glaubensgeschwistern leidenschaftlich die Anhänger des „neuen Weges“ des Jesus Christus verfolgt. In einem für ihn überwältigenden und umstürzenden Bekehrungserlebnis wandelt er sich zum treuen und ebenso leidenschaftlichen Jünger Jesu – ohne seine biografischen Wurzeln und die Menschen, denen er sich auch weiterhin verbunden fühlt, zu verraten. Und er entgeht dabei der Gefahr vieler Neubekehrter heute, die von ihrem früheren Leben nichts mehr wissen wollen und die Menschen, die einmal ihre engsten Freunde und Gefährten waren, verdammen – nur weil sie einem anderen Glauben anhängen. Nein, Saulus-Paulus leidet darunter, dass so viele seiner früheren Weggefährten seinen Weg, den er doch als richtig und heilbringend erkannt hat, nicht mitgehen können. Er „möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein“ um seiner Brüder willen, „die der Abstammung nach mit mir verbunden sind.“ Er weigert sich, seine jüdischen Glaubensgeschwister einfach zu verdammen, sondern möchte in seinem theologischen Denken einen Weg finden, ihnen Erlösung und Heil nicht abzusprechen. Er möchte die Wurzel seines Lebens nicht abschneiden, sondern ist davon überzeugt, dass seine jüdischen Wurzeln auch den Christen Paulus tragen und bereichern können – „Theologie ist Biografie“.

Am 9. August gedenkt die Kirche der hl. Edith Stein (durch den Sonntag wird in diesem Jahr ihr Festtag liturgisch verdrängt). Auch sie ist eine Frau, deren theologisches Denken zutiefst geprägt ist von ihrer Biografie. Als geborene Jüdin, promovierte Philosophin und konvertierte Christin, die dann als Schwester Theresia Benedicta vom Kreuz in den Kölner Karmel eingetreten ist, wird ihr das Suchen und Fragen des Paulus nicht unbekannt gewesen sein. In Solidarität mit ihren jüdischen Geschwistern ist sie nach Auschwitz deportiert worden, wo sie von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Bei ihrem Abtransport in das Vernichtungslager soll sie zu ihrer leiblichen Schwester Rosa gesagt haben: „Komm, wir gehen für unser Volk.“ Stellvertretung bis zur letzten Konsequenz.

Stellvertretung – mit diesem kühnen Gedanken versucht auch Paulus, sein Dilemma zu lösen. Im Bild von dem Ölbaum und seinen Zweigen sieht er sich selbst, den gebürtigen Juden und neuen Christen, als „wilden Zweig“, der zeitweilig die Stelle der „edlen Zweige“, seiner jüdischen Geschwister, einnimmt, bis irgendwann einmal alle Zweige am Ölbaum vereint sein werden. Das ist für ihn kein Grund, überheblich auf seine jüdischen Glaubensgeschwister herabzuschauen, sondern bewusst an dieser Stelle, stellvertretend für sein Volk diesen Platz einzunehmen.

Wie Gott einmal die Erlösungsgemeinschaft zwischen Juden und Christen vollenden wird, das ist seine Sache, bleibt Geheimnis. Klar ist nur: „Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29). Gott kündigt seinen einmal geschlossenen Bund mit dem Volk Israel nicht auf. So ruft es Paulus am Ende seines theologischen Ringens um die bleibende Erwählung und Rettung Israels aus,wie es uns in den Kapiteln 9 bis 11 des Römerbriefes überliefert ist. Und am Ende überlässt er die Lösung seines existentiellen Dilemmas dem Gott, der immer größer ist als unsere theologischen Begriffe und zu dem Juden und Christen gleichermaßen beten: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! … Aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.“ (Röm 11,33.36)

 

von P. Cosmas Hoffmann OSB

Lesung:          1 Petr 3, 15 – 18        
Evangelium:  Joh 14, 15 – 21

Auch an diesem Wochenende demonstrieren Tausende Menschen in vielen Städten Deutschlands gegen die Beschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie. Dabei fällt die bunte Mischung der Teilnehmenden auf. Neben denen, die berechtigter Weise gegen die Einschränkungen einiger Grundfreiheiten protestieren, finden sich Verschwörungstheoretiker und Impfgegner, zudem versuchen Rechtspopulisten diese Proteste für ihr Interesse an Verunsicherung und Destabilisierung zu nutzen.

In der Folge kommt es zu Polarisierungen, Verteufelung der anderen, Hass, Wut und Aggression, die sich in Angriffen auf Polizisten und auch auf Journalisten entladen.

Die Reaktionen seitens der Politik sind gemischt, einerseits eine gewisse Fassungslosigkeit angesichts der teilweisen Verweigerung notwendiger Verhaltensregeln, kruder Verschwörungsphantasien und aufgeheizter Stimmungen, andererseits die ausdrückliche Bestätigung des Rechts auf Meinungsfreiheit verbunden mit der Bitte, diese in angemessener und gewaltloser Weise zu nutzen.

In Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes heißt es dazu: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern“.

Dieses Recht ist zum einen Ausdruck der in Artikel 1 Absatz 1 gemachten Aussage und Forderung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zum anderen ist es für ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen wichtig, dass jeder seine Meinung frei äußern kann, um so in der gemeinsamen Auseinandersetzung dieses Gemeinwesen zum Wohle aller zu gestalten.

Dahinter steht die Einsicht, dass jede und jeder vor dem Hintergrund der persönlichen Lebensgeschichte und dem eigenen Kontext eine je eigene Weise der Wahrnehmung der Wirklichkeit hat. Keiner sieht alles, aber gemeinsam sieht man mehr und kann so der Wirklichkeit näher auf die Spur kommen und entsprechende Entscheidungen und Vereinbarungen treffen. Die Vielfalt der Meinungen somit als eine Ressource gemeinsamer Weltverantwortung und Lebensgestaltung.

Eine Ressource, die Benedikt in seiner Regel ausdrücklich zu nutzen empfiehlt, wenn er fordert, dass vor wichtigen Entscheidungen alle Brüder gehört werden sollen.

Doch die Vielfalt der Meinungen kann auch eine Herausforderung sein, die verunsichert und bedrohlich wirkt: Wem oder was soll oder kann ich glauben?

Zudem verwechseln manche die eigene Meinung mit Tatsachenbehauptung oder halten die Behauptung schon für eine Tatsache oder gar für die Wahrheit, um schließlich anderen fake news vorzuwerfen.

Je mehr ich jedoch von meiner Meinung als einer Tatsache oder der Wahrheit überzeugt bin, desto schärfer reagiere ich auf andere Meinungen.

Je mehr mich andere Meinungen nerven, desto verunsichernder und bedrohlicher empfinde ich die Vielfalt von Meinungen und klammere mich noch mehr an meine Meinung.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Teufelskreis, in dem der Mensch sich verrennt, sich einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Meinungen anderer entzieht, sich so dem Bemühen um eine gemeinsame Gestaltung von Gesellschaft und Welt verweigert.

Ganz anders klingt das heutige Evangelium, in dem Jesus seinen Jüngern, den Beistand, den Geist der Wahrheit verheißt, der sie führen soll.

Es ist die Fortsetzung des Evangeliums vom vergangenen Sonntag, wo Jesus von sich sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Somit ist dieser Geist der Wahrheit der Geist Jesu. Der Heilige Geist, das Band der Einheit zwischen Vater und Sohn, in dem auch wir durch den Sohn mit dem Vater verbunden sind.

Doch wie können wir diesen Geist der Wahrheit erkennen, um durch ihn die Wahrheit, Christus erkennen zu können?

Im Umgang mit dieser Frage kann ein zentraler Begriff der Benediktsregel hilfreich sein: discretio – mit diesem Begriff wird die Kunst der Unterscheidung bezeichnet.

Darunter verstehen wir heute zumeist die Bestimmung des guten Maßes, die Unterscheidung zwischen Zuviel und Zuwenig.

Im frühen Mönchtum verstand man darunter vor allem die Unterscheidung der Geister, die bereits der 1. Korintherbrief (12,10) als Geistesgabe, als Charisma nennt.

Dieses Charisma der Unterscheidung der Geister war in Korinth besonders gefordert, weil die Gemeinde dort in sich zerstritten war, so nennt Paulus gleich zu Beginn des Briefes vier Gruppierungen, die sich auf Paulus, Apollos, Kephas oder Christus beziehen, wobei jede meint, allein im Besitz der Wahrheit zu sein.

Diese Zerstrittenheit zeugt von keinem guten Geist, eher vom Widergeist oder Abergeist, der stets verneint und verwirrt und somit dem Geist Christi, der zur Einheit führt, völlig entgegensteht.

Joseph Ratzinger bringt es so auf den Punkt: Während der Geist Gottes „jenes Zwischen (ist), in dem der Vater und der Sohn eins sind als der eine Gott“ gilt vom Widergeist, dass er „allenthalben ‚dazwischen‘ steht und Einheit hindert“.

Damit ist ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung der Geister genannt: Der Geist Gottes verbindet, der Widergeist trennt. Wes Geistes Kind jemand ist, zeigt sich meist an seinem Tun und dessen Folgen. Diese Einsicht entspricht schon dem Unterscheidungskriterium zwischen wahrer und falscher Prophetie, auf das sich auch Jesus bezieht, wenn er sagt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7,16).

Paulus wird dazu in seinem Brief an die Galater ganz konkret und nennt die jeweiligen Geistesfrüchte (Gal 5, 19-25):

Der Widergeist bringt die Werke des Fleisches hervor: … Maßlosigkeit, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen.
Der Geist Gottes aber: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut …

Origenes, einer der Begründer einer Theologie der Spiritualität, der um 200 gelebt hat, nimmt diese Gedanken des Paulus auf, fasst sie zusammen und sieht die Wirkung des guten Geistes in tiefer Ruhe und echter Verbundenheit.

D.h. die Frucht des Geistes nach innen ist die Verbundenheit mit mir selbst, psychologisch ausgedrückt die Selbstkongruenz, die innere Stimmigkeit, das Ruhen in sich.

Die Frucht des Geistes nach außen ist die Verbundenheit mit den anderen, die ich als Nächste, als Schwestern und Brüder wahrnehme und achte.

Die Frucht des Geistes ist damit letztlich die communio, die Gemeinschaft, nach innen mit mir selbst, nach außen mit den anderen.

Das ist auch die Grundhaltung für gelungene Kommunikation genannt, für einen guten Umgang mit der Meinungsfreiheit: Bei-sich-selbst-sein und zugleich dem anderen zugewandt-sein.

Damit sind mir auch die Kriterien gegeben, mit denen ich mein eigenes Kommunikationsverhalten beurteilen kann:

Wie sage ich meine Meinung? Wann, wo, wem? Welche Worte wähle ich? Wie ist der Ton? Welche Einstellung oder Haltung dem anderen gegenüber wird darin erkennbar? Welche Bedeutung, welche Wirkung hat der Inhalt?

Dienen Inhalt und Form meiner Meinungsäußerung der communio, der Gemeinschaft, der Verbundenheit mit den anderen oder wirken sie eher trennend und untergraben ein gutes Miteinander?

Ein konkretes Beispiel dafür, wie wir Christen unseren Standpunkt vertreten sollen, findet sich in der heutigen Lesung aus dem 1. Petrusbrief, die uns dazu ermutigt, anderen zu begegnen und zu bezeugen, woran wir glauben und wofür wir stehen. Dabei wird hier noch ausdrücklich auf die Art und Weise aufmerksam gemacht, in der dies geschehen soll.

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber mit Sanftmut und Milde und in Bescheidenheit und Respekt.“

von Br. Justus Niehaus OSB

Schafe. Warum vergleicht Jesus uns mit Schafen? Warum keine Ziegen, Schweine, Kühe, Rinder? Warum Schafe? Schauen wir, was diese Tiere ausmacht, warum Jesus uns mit Schafen vergleicht. Zufällig besitzen wir ja einige Exemplare Waldschafe, und ich darf als „Mietling“ mich ab und zu mit ihnen beschäftigen.

Eigentlich müsste also unser Bruder Isidor hier stehen und die Predigt halten. Aber hier nun einige Beobachtungen eines Mietlings im Schafstall.

Als ich über diese Predigt nachdachte, kam mir als erstes das letzte Silvesterfest in den Sinn.

Isidor sprach mich um halb neun abends an, ob ich ihm bitte bei den Schafen helfen könnte. Die Schafe sollten in den Stall, damit sie sich nicht durch die Böller um Mitternacht erschrecken, voll Panik in die Netze laufen und ungewollt ausbrechen. Im Schafstall musste irgendetwas passiert sein, dass die Schafe geängstigt hatte. Sie wollten nicht dorthin. Isidor hatte es seit fünf Uhr versucht, aber alleine war nichts zu machen. Wir trieben also zu zweit die Schafe durch eine Gasse von der Weide bis vor die Mistplatte. Hier weitete sich der Zaun und führte um die ganze Mistplatte. Isidor hatte vorne gelockt und ich stand als Absicherung hinten. Bis zur Mistplatte war es kein Problem, aber kein Schaf machte auch nur einen Schritt auf die Platte. Einige wollten schon zurück auf die Weide, aber dort stand ich nun im Weg. Pattsituation. Um die Schafe als Gruppe nicht in Panik zu versetzen, blieb ich relativ ruhig. Isidor hatte schon alle Lockmittel wie Kraftfutter und Äpfel bereit, aber es war nichts zu machen. Ab und zu schaffte er es, ein Schaf zu überzeugen, einen Schritt auf die Mistplatte zu machen, aber sobald dieses Schaf merkte, dass die anderen ihm nicht folgten, kehrte es um und löste so den Fluchtreflex der ganzen Herde aus. Auch wenn sich eines der ängstlicheren Tiere durch eine Kleinigkeit erschrak, blickten wieder alle Augen auf mich und den Fluchtweg zur vermeintlich sicheren Weide, anstatt auf die Stimme ihres Hirten zu hören und in den Stall zu gehen, wo es frisches Heu, Wasser und Kraftfutter gab. Wir spielten dieses Spiel eine gute Dreiviertelstunde. Ein Schaf durch langes Zureden auf die Mistplatte, eine kleine Unsicherheit, ein Fluchtreflex und alles war wieder auf Anfang. Es war zermürbend.

Dann nach einer gefühlten Ewigkeit das Einsehen. Warum auch immer. Ein Gefühl von Einsehen. Plötzlich setzte sich die Herde langsam und vorsichtig Richtung Stall in Bewegung. Auch die skeptischen Tiere gingen mit und lösten keinen Herdenfluchtinstinkt mehr aus. Es war geschafft. Einmal in Bewegung ging es ganz schnell. Es war kein Zögern mehr zu spüren. Die Herde hatte sich auf den Weg gemacht. Die Schafe waren im Stall. Was der letzte Auslöser war, kann ich nicht sagen. Warum sie sich schließlich fügten und ihrem Hirten folgten, kann ich nicht sagen.

Mir ist nur die Hilflosigkeit, ja die Machtlosigkeit des Hirten in der Situation vor Augen: dort zu stehen und außer gutem Zureden und Locken nichts machen zu können. Kein Zwang, kein Befehl, nur Geduld und Ausdauer, nur ruhig bleiben, frische Nahrung und gutes Zureden haben geholfen. Wer einmal so eine Situation erlebt hat, versteht, was Hirte sein bedeutet. Es heißt nicht herrschen, sondern Geduld und Barmherzigkeit. Es heißt sich in die Herde reindenken, dranbleiben, damit die Schafe den Klang der Stimme nicht verlernen, damit auch in Notsituationen wie dieser noch Vertrauen vorhanden ist. Es heißt sich alle Tiere anzusehen, zu bemerken, ob eines hinkt, ob es zurückbleibt, ob es niest, ob es krank ist. Ob es seine Lämmer versorgt oder Unterstützung braucht. Ob es im Frühjahr genug regnet, damit man im Sommer heuen kann, um im nächsten Winter genug Nahrung zu haben. Sie nachts heim zu holen in den sicheren Stall. Und all das nicht durch Befehl, sondern durch Locken und Rufen, durch Geduld und Barmherzigkeit.

Dies alles tut Gott für uns. Er allein ist der gute Hirte. An seiner Barmherzigkeit und Geduld sollen wir niemals verzweifeln, wie es so schön in der Benediktsregel heißt. Nur durch ihn kommen wir an frische Nahrung, wenn wir ihm unser Vertrauen schenken und auf seine Stimme hören, die uns ruft.

Wir sind alle Schafe. Das hat auch der Komponist des Allelujas und der Communio nochmal betont, da im Originaltext der Vulgata das Wort Schafe an dieser Stelle nicht steht. Er hat es also bewusst eingefügt und vertont.

Wir alle sind Schafe. Und jeder, der sich zum Hirten macht, stößt den eigentlichen Hirten weg. Er stößt Gott zur Seite. Damit keine Missverständnisse aufkommen: es gibt in einer Schafherde durchaus Leittiere und Hierarchie. Eine Schafherde ist aber kein Patriarchat mit dem Recht des Stärkeren, auch wenn die imposanten Böcke uns das weismachen möchten. Es ist ein Matriarchat in dem die älteren Muttertiere den Ton bestimmen.

Es gibt Tiere, die vorangehen und dem Hirten vertrauen, und es gibt die Skeptischen und alle Formen dazwischen. Es gib diejenigen, die im Alltag Vertrauen haben und in Notsituationen nicht. Und es gibt diejenigen, bei denen es genau anders herum ist. Es gibt diejenigen, die nur mitlaufen, diejenigen, die voranstürmen und diejenigen, die bremsen. Sie alle werden durch den Hirten zusammengehalten. Er kennt uns alle beim Namen und wir kennen ihn. Er hat uns alle im Blick und sorgt für uns.

Wir, die wir hier zusammen sind, gehören – hoffentlich –  zu den Schafen, die dem Hirten mehr vertrauen und auf seine Stimme hören und so andere ermutigen können, es uns gleich zu tun. Durch unser Beispiel und unser Vorangehen. Er führt uns an frische Wasser. Durch ihn bekommen wir Nahrung in Fülle und Schutz in der Nacht. Höre, das ist unser Auftrag. Und nicht zu zaghaft und misstrauisch zu sein gegenüber dem Hirten, sondern vertrauensvoll.

Dann können wir gleich in der Communio voll Freude in das Blöken einstimmen.  Me meae

von P. Werner Vullhorst OSB

„Die Renten sind sicher!“ – dieser Ausspruch Norbert Blüms von 1997 ist seit Freitag, seinem Sterbetag, immer wieder zu hören.
Einen ähnlichen Klang hatte die Aussage von Kanzlerin Merkel 2008, als sie inmitten der Finanzkrise ausdrücklich sagte: „Die Spareinlagen sind sicher!“ Beidesmal folgte Zweifel!
Seit Anfang März diesen Jahres ist sterotyp mal aus Berlin, mal aus Brüssel zu hören: „Die Versorgung mit Lebensmitteln ist sicher“ – denn die Hamsterkäufe waren da ein erstes Indiz dessen, was dann kam…
Ab Mitte März breitete sich europaweit und bald weltweit der große Shutdown angesichts der grassierenden Coronapandemie aus.

Seitdem begleitet uns dieses Wort, welches wir vorher nicht auf dem Schirm hatten: „Shutdown“ – und in Erweiterung das Wort „Lockdown“.
Der Shutdown bedeutet eine Situation, wie wir sie uns – als wir die diesjährige Fastenzeit begannen – noch nicht hätten vorstellen können. Per staatlicher Verfügungen wurden in kurzer Zeit das öffentliche und das private Leben in ungeahnter Weise heruntergefahren – nach und nach fast weltweit.
„Der unausweichliche Prozess der Globalisierung hat anscheinend seinen Höhepunkt erreicht: Jetzt zeigt sich die globale Verwundbarkeit der globalisierten Welt.“ So deutet der tschechische Soziologieprofessor und Priester Tomas Halik das, was sich zur Zeit ereignet.
Die Pandemie und der Shutdown sind zu zwei Seiten einer Medaille geworden.

Was hier gesellschaftlich und vielfach auch persönlich existenziell geschieht, erfahren Menschen besonders, wenn der Tod in ihr Leben einbricht. Im Tod bricht nicht nur das einzelne Lebensgefüge eines Sterbenden zusammen, sondern vielfach das von Partnerschaften, Familien, Freundschaften und manchmal das von großen menschlichen Gefügen.
Auch wenn hier in der Kirche die Osterkerze brennt und das Halleluja diesen liturgischen Raum erobert hat, so ist doch in unserer Gesellschaft für unzählige Menschen ein fortwährender Karfreitag mit Arbeitslosigkeiten, Insolvenzen und Zukunftsängsten geblieben.

Ging es nicht auch „Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus – Zwilling -, Natánael aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei anderen von seinen Jüngern“ ebenso?
Sie fanden sich am See von Tiberias wieder, weil am Karfreitag in Jerusalem mit Jesus auch ihre Lebensperspektiven starben. Der Grund, warum sie drei Jahre zuvor am See von Tiberias ihre Boote und Netze hatten liegen lassen, war tot und damit auch ihr Glaube an den neuen Weg.

Die Jünger fingen wieder von vorn an mit dem, was sie konnten – und das hieß: „Ich gehe fischen“. Kein Startup-Erlebnis, sondern ganz nüchtern hieß es gerade im Evangelium: „aber in dieser Nacht fingen sie nichts.“ Ihr persönlicher Shutdown hielt also noch an!

Die Erfahrung von Ostern scheint nicht immer nach dem liturgischen Kalender zu verlaufen, wie auch unsere Tage zeigen…
Der Karfreitag kann unerträglich lang werden, wie sich gegenwärtig gesellschaftlich zeigt und nun die große Solidarität, die wir vor Wochen noch hatten, heftige Risse bekommt und der Blick auf den eigenen Kuchen zunimmt. Die globalisierte Speisekammer scheint gefühlt schneller leer zu werden als gedacht.

Und Karfreitagsaugen werden irgendwann trüb:
„Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“
Auf die Frage nach ihren messbaren Erfolgen kam nur die knappe Antwort: „Nein“!
Nun macht der Nichterkannte den Jüngern mit der Verheißung Mut, es nochmals zu versuchen: Ihr könnt das! Ihr werdet etwas fangen!
Vergemeinschaftet kann das dann heißen: „Wir schaffen das…“

Und siehe, zu was Menschen in der Lage sind, wenn sie erneut anpacken…
Siehe da, wenn Menschen aus dem Nichts als Trümmerfrauen Städte aufbauen oder als Optimisten blühende Landschaften schaffen. Manchmal ist es unglaublich, was Menschen erreichen, wenn sie Verheißungen vertrauen: der Überfluss droht die Netze zu zerreißen und die Zahl 153 – von der ich weiß, dass sie auch eine mystische Bedeutung haben kann – klingt wie steigende Börsenkurse.
Ihren Erfolg wertschätzt Jesus, indem er ihnen sogar sagt: „Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.“
Heißt das nicht, dass unsere Aufbaukräfte gut sind, dass Erfolge nicht fromm missachtet werden dürfen und Optimismus unschätzbar ist…

Der Nachtrag des Johannesevangeliums, der exegetisch das 21. Kapitel darstellt, und der damit zu einer Zeit entstanden ist, als die Kirche, als das Werk der Jünger schon etliche Jahrzehnte wuchs und vermutlich auch erfolgreich war, spricht von einer anderen Speise, die ihnen entgegenkommt und schon längst da ist, als sie an das neue Ufer kommen. Nicht Brot und Wein wie in Emmaus – denn die junge Kirche feiert schon längst die Eucharistie in den Häusern – sondern Jesus hat für die Jünger die zu diesem Zeitpunkt entscheidende Nahrung selbst bereitet:
Zu erkennen in einem Kohlenfeuer, auf dem Fisch und Brot sind.
Das Kohlenfeuer – kann es nicht sprechen von dem brennenden Dornbusch und dem Gott, der sagt „Ich bin der ich bin“?
Und Fisch und Brot – sind es nicht die Gaben der Brotvermehrung, wo Christus gegenwärtig ist, wenn zwei oder drei sich in seinem Namen versammeln, um das Brot und den Fisch, die „Gaben der Erde und der menschlichen Arbeit“, miteinander zu teilen?
Spricht an diesem dritten Ostersonntag 2020 die Gottesgabe auf dem Kohlenfeuer seiner Gegenwart vielleicht von der Gottesgabe der Geschwisterlichkeit und damit von der Gabe, welche die Pandemie verhindert, die laut Papst Franziskus noch schlimmer ist: der „Virus des gleichgültigen Egoismus“.

„Die Versorgung mit Lebensmitteln ist sicher“ – der Satz stimmt, wenn wir globale Geschwisterlichkeit als Anstiftung unseres gegenwärtigen Gottes leben.

 

 

von P. Karl Brahm OSB

Als Jesus am Abend nach seiner Auferstehung den Aposteln erscheint, ist Thomas nicht dabei. Da wird uns kein Grund genannt, warum er nicht da ist. Vermutlich aber will er sich von diesem Kreis absetzen, der ja – seiner Meinung nach – ohnehin dabei ist, sich nach dem Tod des Meisters aufzulösen. Allein fühlt er sich sicherer, denn das gemeinsame Versteck könnte ganz schnell zur Falle werden. Und doch lässt er sich von den anderen noch kontaktieren, die ihm freudig mitteilen: Jesus ist von den Toten auferstanden; er lebt.

Aber der Zweifel in ihm ist stärker als die freudige Mitteilung seiner Mitbrüder. Er kennt sie ja auch alle nur zu gut. Angefangen von Petrus, diesem Maulhelden, den Zebedäus-Brüdern, die immer die erste Geige spielen wollten und deshalb mit Petrus immer sofort um den Meister herumscharwenzelten, den Verzagten am Ölberg und von Judas, dem Verräter und Dieb, den Jesus auch noch gewähren lässt, ganz zu schweigen. Ja, in diesem Kreis hat er nur Schöntuer erlebt, die sich, als es ernst wurde, in Angsthasen und Versager umwandelten. Schon bei der Kreuzigung waren ja fast alle verschwunden, und jetzt sitzen sie die meiste Zeit immer noch hinter verschlossenen Türen. Also: vermutlich alles nur Blöff.

Und doch fühlt er sich durch die erhaltene Neuigkeit getrieben, nochmals diesen Kreis aufzusuchen. Und dieser Kreis gewährt ihm weiterhin Eintritt, ohne ihm Vorwürfe zu machen, wo er abgeblieben war. Und jetzt sieht er mit eigenen Augen, dass ihre Botschaft echt ist. Jesus lebt – er lebt ein neues Leben im Lichte seines Vaters. Ja, diese Schöntuer, Angsthasen, Versager, diese Menschen mit all ihren Fehlern und Schwächen, denen Thomas ja auch nicht nachsteht, die haben die Wahrheit gesprochen. Ja, und genau diese Leute hat Jesus als Zeugen für seine Auferstehung und die damit verbundene Frohbotschaft auserwählt. Und vom auferstandenen Jesus angerührt, kann Thomas nun auch nicht mehr anders, als sich ganz in seinen Dienst zu stellen.

Ich denke, in der Geschichte von Thomas finden wir ein Spiegelbild der Kirche. Ja, in unserer Kirche, aufgegliedert in Gemeinden und Gemeinschaften, sind wir alle Menschen mit Schwächen und Fehlern. Und dennoch ist jeder, der da ehrlich mitmacht, von Jesus gerufen, die Frohbotschaft zu verkünden und seine Liebe weiter zu geben, so wie er damals die Apostel mit ihren Schwächen und Fehlern dazu berufen hat.

Aber weil wir Menschen nun mal so sind, die eigenen Schwächen und Fehler nicht zu sehen oder sehen zu wollen, und das Gute, das andere tun, schon gar nicht, findet man leicht einen Grund, sich von der kirchlichen Gemeinschaft, zu der man gehört, zu distanzieren. So war das ja auch bei Thomas. Und die Schlagworte, die heutzutage über die Kirche ausgebreitet werden, kennen wir ja alle. Wasser predigen und Wein trinken. Prink, Glorie, Geldgier und Karrieresucht statt Dienst am Menschen. Lieblosigkeit statt Liebe, und natürlich Missbrauch statt die Würde des Menschen zu achten. Kurzum: die Kirche ist unglaubwürdig, und Gutes sucht man vergeblich. Da bleibe ich lieber draußen vor der Tür, da bleibe ich lieber bei mir selbst, denn man muss sich ja schämen, dazuzugehören.

Wäre Thomas draußen vor der Tür geblieben, hätte er den Auferstandenen nie erlebt, hätte er sich nie bekehrt, wäre er nie in seinen Dienst getreten und hätte nie das Heil Christi erfahren. Denn der Treffpunkt mit dem Auferstandenen war nicht draußen vor der Tür, sondern inmitten der Gemeinschaft, in dieser Gemeinschaft mit all den Schwächen und Fehlern, aber einer Gemeinschaft, die sich dennoch ganz in den Dienst Jesu gestellt hatte, die sich ganz seiner Führung anvertraut hatte.

So vertraue ich weiterhin der Kirche, dass sie uns durch die Kraft des Heiligen Geistes mit Christus zusammenführen kann, damit wir durch ihn geheiligt werden und zum ewigen Leben beim Vater im Himmel gelangen. Ich vertraue der Kirche, dass sie trotz aller Fehler und Schwächen immer noch wahrheitsgetreu die Hoffnungen, Zusagen und Gebote unseres Herrn Jesus Christus verkündet. Ich vertraue der Kirche, dass sie durch ihr tägliches Gebet und Lobpreis auf den einzigen und wahren Gott hinweist, der Sinn und Ziel unseres Lebens ist. Und ich vertraue, dass die Kirche ihre Tore weiterhin offenhält für alle, die – wie Thomas – unserem Auferstandenen begegnen und in seinen Dienst treten wollen.

 

von Bruder Benedikt Müller OSB

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist Ostern und wir dürfen es 50 Tage feiern. Jedes Jahr neu bekennen wir mit einem besonders feierlichen Ton am Ostertag: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!“. Seit einer Woche scheint es, dass wir aus dem liturgischen Feiern nicht mehr herauskommen. So viele Feier- und Festtage mit ihrem je eigenen Schwerpunkt. Was wir da alles feiern – das kann ich schlecht in einem Satz zusammenfassen. Zu viele Bilder und Gefühle aus der letzten Woche bewegen mein Herz. Da muss ich innerlich schmunzelnd an eines meiner ehemaligen Kindergartenkinder aus meiner Heimat Mengeringhausen denken. Ich war vor 26 Jahren Erzieherpraktikant im Anerkennungsjahr, da hatte mir ein sechsjähriger Junge – er heißt auch Benedikt – die festlichen Inhalte der Kar– und Ostertage in der Mengeringhäuser Kirche nach einem Kindergottesdienst zusammenfassend so erklärt: „Erst kommt Jesus mit seinen Kumpels nach Jerusalem. Dann essen wir mit ihm. Danach schlagen wir ihn alle ans Kreuz. Dann ruht er im Grab und steht wieder auf. Bis abends geht er mit Freunden spazieren, erschreckt immer wieder die Jünger am See, und dann fährt er zu seinem Vater auf.“ Dann schaute er auf den Hochaltar. Auf einem der Altarbilder sieht man Jesus in Gethsemane beten und ein Lichtstrahl fällt in dunkler Nacht auf ihn. Der Junge war nun fest überzeugt: „Jetzt weiß ich endlich, an was Jesus gestorben ist. An einem Sonnenbrand!“ Auf den Punkt gebracht. Naja, bis auf die Todesursache. Und abends geht er mit seinen Freunden spazieren – der erste Osterspaziergang. An den Ostern meiner Kindheit gehörte der Osterspaziergang traditionell dazu, und für mich war das immer: ein Stück mit nach Emmaus zu gehen.

Liebe Geschwister! Es ist der Ostertag. Die Jünger sitzen versteckt in ihrem Haus in Jerusalem und haben die Fenster und Türen verschlossen. Sie gehen nicht spazieren. Wie zitternde Angsthasen haben sie sich in ihren Angsthasenbau zurückgezogen. Also kein Osterspaziergang? Doch: Denn zwei Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus, weg von Jerusalem, weg von den anderen Jüngern, weg von den Ereignissen der letzten Tage. Sie müssen die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem, das Geschehen um Jesus und sein Sterben, noch verarbeiten.  Nicht eine Aufbruchsstimmung ist auf ihrem Weg spürbar, sondern Resignation und Verzweiflung. Es gibt Wegstrecken im menschlichen Leben, die holprig und steinig sind, wo uns der Gegenwind oder ein Virus ins Gesicht bläst. Eine Krankheit oder auch die aktuelle Pandemie kann uns mutlos machen.

Es gibt Lebenswege, da werden wir von Mitmenschen enttäuscht. Es gibt Wegkreuzungen auf unserem Lebensweg, wo uns der Tod eines geliebten Menschen jede Hoffnung nehmen kann. Schwer wird dann der Schritt, und es kommt die Frage auf nach dem „Wohin“ und „Wozu“ und dem „Warum“. Vielleicht ist es den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus ähnlich ergangen. Sie können JERSUALEM, den Ort der Hoffnungslosigkeit, nicht mehr ertragen – der Wind des Schmerzes hat hier in den letzten Tagen zu sehr geweht. Sie kehren der Stadt den Rücken zu. Sie geben auf und fliehen. Versunken in Traurigkeit und Verzweiflung. Denn dieser Jesus von Nazareth, der ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben hatte, der die Mitte ihrer Gemeinschaft von Jüngerinnen und Jüngern war, ist ihnen gewaltsam genommen, er wurde ans Kreuz geschlagen. Alles ist zerstört, rabenschwarz, tot. Die dunkle Nacht der Seele. Und noch lange ist jene Nacht nicht vorgedrungen, und es scheint kein Morgenstern und schon gar keine Ostersonne für sie.

Die Trauer macht die beiden Jünger blind. Blind auch für den, der nun zu ihnen kommt – sich zu ihnen gesellt –  und den Weg mit ihnen geht. Und doch spüren sie, dass Kraft und Trost von ihm und seinen Worten ausgeht. Christus begleitet uns, ob wir es wahrnehmen oder nicht. ER ist da. Wenn wir Christus zum Gefährten haben, leuchtet im Herz alles in schönerem Licht. Wenn wir ihm glauben und vertrauen, brennt unser Herz wie ein Feuer in dunkler Nacht. Seine Nähe erfüllt unser ganzes Sein. Er wird unsere Hoffnung und unsere Freude – unsere Stärke und unser Licht. Und liegt auch ein mühsamer Weg vor uns, mit Christus als Gefährten können wir diesen Weg getröstet zurücklegen. Seine Liebe und Nähe treibt uns immer neu an, dass wir nicht ermüden. Jesus hat uns versprochen, mit uns zu gehen, jetzt ist ER bei uns. ER hat uns seine Gegenwart versprochen. ER ist jetzt in dieser Feier bei uns und wird in Brot und Wein gegenwärtig. Er trägt uns, auch wenn wir in manchen Situationen unseres Lebens meinen, dass es nicht mehr weitergeht.

Liebe Schwestern und Brüder! Es ist Ostern! Wir sind wie die Jünger von Emmaus noch unterwegs. Aber wir wissen, da ist jemand, der mit uns geht: Jesus Christus. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat die Emmausjünger mit unbeschreiblicher Freude erfüllt. So große Freude, dass sie nicht anders können, als diese Freude zu anderen Menschen zu tragen. Das heutige Evangelium ist eine Anforderung an uns: Uns immer wieder auf die Nähe des HERRN einzulassen, in seiner Nähe Kraft und Freude zu finden und dann Boten der Freude für unsere Mitmenschen zu sein. Die Jünger haben den HERRN im heutigen Evangelium gebeten, bei ihnen zu bleiben. „HERR, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Der zu Gast Gebetene wird zum Gastgeber. Seine Hände brechen vor ihren Augen das Brot. Und „da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn“. Im Buch Jesus Sirach heißt es. „Er gab ihnen ein Herz zum Denken. Sein Auge setzte er ihnen ins Herz!“ Es hängt davon ab, dass uns die Augen und das Herz aufgehen. Wenn wir Christus geschaut haben, wissen wir, wofür wir leben. Jeder, der seines Herzens Ohr neigt und IHN sucht, der wird auch finden. Der HERR lässt sich nicht vergeblich suchen. Aber es muss ein Suchen sein, das eine Offenheit im Herzen zeigt. Denn: Offenheit ist Voraussetzung für den Augenblick des Erkennens. Ein Erkennen, dass das Herz öffnet und entflammt und das uns sagen lässt: ER ist es. ER, den wir so oft in der Ferne suchen, ohne zu ahnen, dass er unser nächster Begleiter war. Die heilige Gertrud von Helfta hat diese österliche Erfahrung wunderschön so ausgedrückt: „Da fühlte mein Herz, dass du angekommen und in mir gegenwärtig warst.“ Amen, Halleluja!

von P. Julian Schaumlöffel OSB

Liebe Brüder hier im Königsmünster,

liebe Schwestern und Brüder unserer Mescheder Gemeinden, liebe Freunde und Förderer, Schwestern und Brüder im Glauben, die Sie heute über den Livestream mit uns verbunden sind!

 

Drei Begebenheiten der letzten Tage kamen mir bei der Vorbereitung der heutigen Osterpredigt in den Sinn. Drei Erlebnisse, die mich berührt und die sich mir eingeprägt haben.

Am Mittag des Gründonnerstags traf ich in unserer hiesigen Sparkasse eine Bekannte, die ich aufgrund des einzuhaltenden Sicherheitsabstands zunächst gar nicht wahrnahm. Im Vorübergehen rief sie mir zu, ich möge in diesen Tagen besonders an ihre Familie denken, die es schwer getroffen habe. Besonders schwer habe es ihren Bruder getroffen, der, obwohl er eine stabile Gesundheit hatte und aufgrund seiner 56 Lebensjahre auch noch nicht unbedingt zur Risikogruppe gehöre, nun schwer an Covid-19 erkrankt sei und an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen im Krankenhaus auf der Intensivstation läge. Wirkliche Angst konnte ich ihren Worten entnehmen. Lebensangst. Überlebensangst. Ich versprach das Gedenken und das Gebet. Das Gespräch war zu Ende, aber das Gesagte wirkte noch lange in mir fort.

Lebensangst. Überlebensangst. Sie ist mächtig in diesen Tagen!

 

Die zweite Begebenheit datiert einen Tag – oder auch 2000 Jahre – zuvor. Am Mittwochabend haben wir im Kreis der Brüder den Film „Maria Magdalena“ aus dem Jahre 2018 geschaut. Obwohl die Gestalt der Maria Magdalena sehr zu begeistern vermochte, blieb ich an einem anderen Charakter hängen: Judas. Sehr warmherzig, liebevoll und bedingungslos treu in der Nachfolge wurde Judas im Film gezeichnet. Einer, der die Kraft seiner unbedingten Nachfolge aus der verheißenen Hoffnung der bald schon anbrechenden Königsherrschaft Gottes zieht. In diesem Reich der Liebe und der Gerechtigkeit will er auf ewig wohnen und all seine Lieben wiedersehen, die er so schmerzlich vermisst. Doch wann geht es los? Wann beginnt dieses Reich? Er wird ungeduldig. Lebensangst. Überlebensangst. Er hat Angst, dass seine Hoffnung enttäuscht wird. Er will nachhelfen. Sein Verrat wird hier eher als ein verzweifeltes Anschubsen Jesu dargestellt. Jetzt muss der Messias sich doch endlich offenbaren und seine Königsherrschaft beginnen. Jetzt kann er nicht mehr anders. Judas will es nach seinen menschlichen Vorstellungen verwirklicht wissen. Er hat die Botschaft eben noch nicht verstanden. Und er wird sie innerweltlich auch nicht mehr verstehen, denn der Blick ins leere Grab, die tröstende Begegnung mit dem Auferstandenen ist ihm nicht mehr möglich. Angst. Überlebensangst. Sie war zu mächtig und hat ihm im Letzten das wahre Leben nicht ermöglicht, es am Ende sogar vernichtet.

Der dritte Moment, der sich mir eingeprägt hat, war nochmals einige Tage zuvor. Es war die Aussage einer älteren Frau aus Oberammergau im Rahmen einer Reportage über die abgesagten Passionsspiele. Der Ort und seine Bewohner haben über Jahre in die Leidensgeschichte investiert. Die Passionsspiele sind eine wichtige Einnahmequelle für das kleine oberbayrische Dorf. Über die Hälfte der Bevölkerung steht mehrere Monate auf der Bühne, um das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu getreu einem über 380 Jahre alten Pestgelöbnis darzustellen. Nun sind die Passionsspiele abgesagt und auf 2022 verschoben. Die Reportage zeigte in diesem Zusammenhang auch eine junge Muslima, die der besagten älteren Dame ihre benötigten Lebensmittel vor die Haustür stellte. Der Dank und die Freude über die aktuelle Hilfsbereitschaft der Dorfbevölkerung – insbesondere der jungen Muslima – brachte die ältere Dame vor laufender Kamera zum Weinen: „So lange schon lebe ich hier, so viele Passionsspiele habe ich miterlebt, aber erst jetzt, da sie abgesagt werden mussten, habe ich in dieser jungen Frau zum ersten Mal die barmherzige Liebe Gottes wirklich erfahren dürfen.“  Ein Satz, der nachdenklich macht.

Was verbindet diese drei Begebenheiten miteinander? Auf den ersten Blick ist es die Angst einzelner Menschen. Angst. Überlebensangst.

Über die Angst zu sprechen, fällt an diesem Osterfest, das durch Kontaktverbot, abgesagte gesellschaftliche Ereignisse, fehlende Familienbesuche und Gottesdienste hinter verschlossenen Kirchentüren geprägt ist, nicht schwer. Die Angst überschattet unseren Alltag in Deutschland seit nunmehr vier Wochen.

Mit dieser Angst und Unsicherheit sind wir durchaus auch im Kern des heutigen Osterevangeliums. Im noch diffusen Licht des frühen Ostermorgens kommt Maria von Magdala zum Grab und findet den Stein weggewälzt. Es ist die Angst um den geliebten Meister, die sie schnell zu den Jüngern laufen lässt, die Angst und Unsicherheit um den Verbleib ihres Herrn, der sie rennen lässt. Überhaupt ist hier viel von Bewegung die Rede, denn nun rennen die Jünger ihrerseits zum Grab. Der Evangelist beschreibt es wie einen Wettlauf, denn wir hören, wer schneller ist und zuerst ankommt. Angst kann zu Aktionismus führen, der aber nicht ans Ziel bringt, solange das Vertrauen und die Hoffnung fehlen. Petrus, der zwar langsamer ist und später am Grab ankommt, traut sich dagegen hinein in das Grab, hinein in die dunkle Ungewissheit. Die Hoffnung, den Worten Jesu trauen zu dürfen, dass der Tod nicht das Ende ist, trägt ihn in die Grabkammer hinein, und aus der Ungewissheit und Angst kann österliches Licht aufstrahlen. Das ängstliche und verschlossene Herz wird weit und die Selbstbezogenheit öffnet sich zum anderen hin. Die eigene Auferstehung beginnt. Das nimmt auch der andere Jünger wahr und traut sich jetzt ebenfalls hinein. „Er sah und glaubte“ berichtet uns das Evangelium. Den Auferstandenen selber sehen sie zwar noch nicht, aber der Glaube an die Worte ihres Meisters trägt jetzt wieder und wird mächtiger als die Angst, die sie bisher gefangen hielt. Auferstehung ist eben nicht das große Zauberkunststück oder die Effekthascherei mancher Zeitgenossen. Auferstehung beginnt zaghaft, eben im noch diffusen Licht des Ostermorgens. Auferstehung beginnt dort, wo ich der Botschaft Jesu wieder traue, wo meine Hoffnung und mein Glaube wieder stärker werden als die Angst. Dann kann so vieles um mich herum wieder heller und leichter werden, dann kann die österliche Sonne wirklich strahlen und mein Leben bis in den letzten dunklen Winkel hinein erhellen. Das ist Ostern, das ist Auferstehung!

Papst Franziskus drückte es bei seiner Video-Generalaudienz am vergangenen Mittwoch so aus:

„Gott ist allmächtig in der Liebe und nicht anders. Es ist seine Natur, er ist so. Er ist die Liebe. Du könntest einwenden: „Was will ich mit einem so schwachen Gott, der stirbt? Ich würde einen starken und mächtigen Gott vorziehen.“ Aber wisse: Alle Macht der Welt vergeht, doch die Liebe bleibt. Nur die Liebe wacht über das Leben, das wir haben, denn sie umarmt unsere Schwächen und verwandelt sie. Es ist die Liebe Gottes, die zu Ostern unsere Sünde durch seine Vergebung tilgte, die den Tod zu einem Übergang zum Leben machte, die unsere Angst in Vertrauen, unsere Verzweiflung in Hoffnung verwandelte. Ostern sagt uns, dass Gott alles zum Guten wenden kann.“

Noch einmal zurück zu den drei Begebenheiten, die ich eingangs erzählte. Was verbindet sie? Es ist nur auf den ersten Blick die Angst. Genauer betrachtet verbindet sie die Sehnsucht nach Leben!

Die Sehnsucht meiner Bekannten, dass der geliebte Bruder die schwere Corona-Erkrankung übersteht.

Die Sehnsucht des Judas, dass die Gerechtigkeit des verheißenen Gottesreiches endlich anbricht.

Die Sehnsucht der älteren Dame aus Oberammergau, die so oft gespielte Passion als Lebenswirklichkeit in der Gemeinschaft ihres Ortes am eigenen Leibe erfahren zu dürfen.

 

Das ist Ostern, das ist Auferstehung!

Beginnen wir, liebe Schwestern und Brüder, noch heute mit unserer eigenen Auferstehung aus den dunklen Grabkammern unserer Ängste und vertrauen wir darauf, dass Gott wirklich alles zum Guten wenden kann. Spüren wir neu unsere eigene Sehnsucht nach Leben!

Dann kann es Ostern werden – auch in dieser schweren Zeit.

Christus ist wahrhaft vom Tode erstanden!

Amen. Halleluja.

von P. Reinald Rickert OSB

Meine lieben Brüder und Schwestern, die Sie über das Internet mit uns verbunden sind, meine lieben Brüder hier in der Abtei!

Am Osterfest geht es immer um Leben und Tod! Am Osterfest 2020 geht es in besonderer Weise um Leben und Tod, oder besser gesagt um Tod und Leben!

Es ist eine Folge der Globalisierung – und noch nie dagewesen -, dass eine Viruserkrankung, die sehr viele Todesopfer fordert, sich so rasant ausbreitet: Sie macht vor keinem Erdteil, vor keiner Nation halt. Sie unterscheidet nicht zwischen hochentwickelten und weniger entwickelten Ländern. Corona betrifft alle Menschen – ohne Ausnahme: Die Infizierten und die Nicht-Infizierten, die noch Lebenden und die schon Verstorbenen.

 

Der Münsteraner Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz sprach schon vor Jahren davon, dass sich die Menschheit in einer allumfassenden „Koalition der Lebenden und der Toten“ befindet. Er stellt „eine Gleichheit aller Menschen unter Berücksichtigung der unterschiedlichsten Lebens- und Handlungsbedingungen“ fest. Metz sieht diese Gleichheit als Folge einer „rettenden Gottesgerechtigkeit“.

Und da sind wir wieder beim Thema „Ostern“.

„Es gibt kein Leid in der Welt, das uns nicht angeht.“ Diese elementare und solidarische Gleichheit aller Menschen zielt auf „die Anerkennung einer Autorität, die allen Menschen zugänglich und zumutbar ist, auf die Autorität der Leidenden, der ungerecht und unschuldig leidenden Opfer.“ Alle Leidenden haben uns etwas zu sagen, haben eine Botschaft auch ohne große Worte.

Wie hätte Jesus darauf reagiert? Wir wissen, dass er sich überwiegend in Gleichnissen, weniger in dogmatischen Sätzen äußerte. Im Johannesevangelium stoßen wir – kurz vor seiner eigenen Leidensgeschichte – auf ein Bildwort aus dem bäuerlichen Milieu seiner Zeit: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh. 12, 24) Jesus beschreibt einen biologischen Vorgang, der jedem seiner Zuhörer geläufig ist: Wenn nach der winterlichen Ruhepause die Natur sich regt und alles wieder sprießt und sprosst: Frühjahr, eine Zeit des beginnenden Lebens! Darauf kann man sich verlassen: Leben – Sterben – Leben — Leben – Tod – Geburt.

Genauso stellten sich die griechischen Philosophen den „Kosmos“ vor. Platon wusste um das lebendige Walten der Physis: Werden und Vergehen – Anwesen und Abwesen – Wachsen und Sterben. Für die Antike war der Mensch fester Bestandteil dieses Kosmos; auf Augenhöhe mit Flora und Fauna, in Harmonie mit Pflanzen und Tieren inklusive ihrer Vergänglichkeit. Kosmos konnte nur einen göttlichen Ursprung haben. Auch die intellektuellen Juden zur Zeit Jesu wussten darum.

Heute ist dies anscheinend alles unvorstellbar geworden. Schon lange haben sich die meisten modernen Menschen vom Kosmos emanzipiert, „befreit“ und sich in und mit einer mechanisch-technischen Weltanschauung eingerichtet.

 

Dass menschliches Sterben nicht nur ein biologischer Vorgang ist, weiß auch Jesus: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh. 12, 25) Der Inhalt des christlichen Osterfestes bleibt paradox: Wir leben nicht unserem Tod entgegen, sondern wir sterben unserem Leben entgegen. Wir wechseln im Sterben unsere Lebensform, doch wir werden nicht zerstört.

Übrigens hat Pythagoras (570 – 510 v.Chr.) die Lehre der Unsterblichkeit der Seele aus Ägypten nach Hellas importiert. Denn in der Frömmigkeit der alten Griechen findet man nicht den geringsten Hinweis auf ein Fortleben der Seele nach dem Tod.

 

Die praktische Seelsorge beschränkt sich derzeit auf Beerdigungen direkt am Grab im engsten Familienkreis. Ich hatte also in den letzten Wochen viel Zeit zur Muße. Bei gutem Wetter sitze ich dann auf der runden Bank in unserem Garten, rauche eine Zigarre und beobachte den kleinen frühlingshaften Kosmos auf dem Klosterberg: Die eiweißreichen Kerne eines jeden Samenkorns verzehren sich zugunsten einer neuen Pflanze; alles sprießt und sprosst; „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Die verschiedenen Vogelarten liefern sich Revierkämpfe und zeigen Balzrituale. Bruder Isidors Mutterschafe führen ihre Lämmer aus. Ein Bild des Lebens! Keine Corona-Panik! Ein Gleichnis für den inneren und äußeren Frieden der Menschen.

Vielleicht brechen wir innerlich auf – wo wir an diesem Osterfest ja nicht weg können – und machen uns auf die Suche nach der verlorenen Harmonie und lernen wieder den Kosmos bewusst wahrzunehmen.

Tiere und Pflanzen machen uns vor identisch zu leben. Auf ihre Art hat Ute Latendorf die österliche Botschaft in einem Gedicht beschrieben:

 

Leben lernen

Von der Sonne lernen, zu wärmen,

von den Wolken lernen, leicht zu schweben.

Von dem Wind lernen, Anstöße zu geben,

Von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen,

Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein.

 

Von den Blumen das Leuchten lernen,

Von den Steinen das Bleiben lernen,

Von den Büschen im Frühling Erneuerung lernen,

Von den Blättern im Herbst das Fallenlassen lernen,

Vom Sturm die Leidenschaft lernen.

 

Vom Regen lernen, sich zu verströmen,

Von der Erde lernen, mütterlich zu sein.

Vom Mond lernen, sich zu verändern,

Von den Sternen lernen, einer von vielen zu sein,

Von den Jahreszeiten lernen, dass das Leben immer von Neuem beginnt.

Amen.