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von P. Maurus Runge OSB

„Stell dir vor, es ist Ostern, und keiner geht hin. Weil uns keiner mehr glaubt, dass wir der Fülle des Lebens verschrieben sind. Weil wir zwar das Leben schon vor der Geburt und am Ende mit Pathos verteidigen, aber zu wenig leidenschaftlich das lieben, was dazwischen – und zwar ziemlich bunt – ist, lebt und leben dürfen will.“

So schreibt es Markus Nolte, Chefredakteur der Münsteraner Kirchenzeitung Kirche+Leben und in unserer Abtei kein Unbekannter, in einem sorgenvoll-frommen Zwischenruf zur Karwoche. Und bringt damit ziemlich genau das auf den Punkt, was mich schon seit Wochen beschäftigt.

Wie können wir Ostern feiern, wenn die Zustände in Welt, Gesellschaft und Kirche der „Fülle des Lebens“ diametral entgegengesetzt sind?
Wie können wir vom Segen Gottes sprechen, der an Ostern so machtvoll erneuert wurde, wenn ein gefühlloser Machtapparat diesen Segen, diese Gutheißung der Schöpfung durch Gott selbst, an Bedingungen knüpfen will und ihn – welche Anmaßung – Menschen, die sich aufrichtig lieben, verweigert?
Wie können wir das Leben feiern, wenn unzähligen Menschen, die in der Kirche Opfer sexualisierter Gewalt wurden, so lange nicht zugehört wurde und ihnen damit zum wiederholten Mal das Leben verweigert wurde?
Wie können wir das Halleluja singen, wenn unzählige Menschen auf der ganzen Welt erkranken, oft mit immensen Spätfolgen, ja sogar sterben und der Politik anscheinend das wirtschaftliche Funktionieren wichtiger ist als die Sorge um die Schwachen?

Können wir angesichts dieser Ereignisse überhaupt ruhigen Gewissens Ostern feiern, das Wunder der Auferstehung, das Fest des Lebens? Ist es nicht ein Hohn, angesichts solcher Ereignisse von der Liebe zu sprechen, die den Tod besiegt hat? Müssen wir nicht vielmehr beim Karfreitag bleiben, beim Tod am Kreuz, beim Leiden so vieler unschuldiger Menschen? Oder einfach den Karsamstag aushalten, den Tag der Grabesruhe, des Schweigens? Ist nicht jedes Wort ein Wort zu viel?

Je lauter diese Gedanken in mir wurden, desto mehr drängte sich ein anderer Gedanke auf, der sich nicht zum Schweigen bringen ließ: Nein, gerade TROTZ der scheinbar aussichtslosen Lage der Kirche, TROTZ des unermesslichen Leids und TROTZ des katastrophalen Zustands unserer Welt dürfen wir gerade nicht verstummen. Noch nie war es wichtiger, die Botschaft des Lebens und der Auferstehung zu verkünden als heute. Nicht am Karfreitag und am Leid der Menschen vorbei. Auch Jesus ist mit den Wundmalen, den Zeichen seines Leidens, auferstanden. Er ist nicht als strahlender Held in die Wirklichkeit Gottes eingegangen, sondern als vermeintlich Gescheiterter am Kreuz. Wenn wir angesichts des Zustands unserer Welt und unserer Kirche schweigen würden, dann hätten die triumphiert, die alles beim Alten lassen möchten, ja dann hätten sie noch einmal über die Opfer von Gewalt und Tod triumphiert. Wir dürfen uns unsere Botschaft der Hoffnung nicht nehmen lassen.

Das Osterevangelium zeigt, dass die Botschaft der Auferstehung nicht plump und triumphalistisch daherkommt, sondern mitten durch das Leid der Menschen hindurchgeht und dabei die leisen Töne bevorzugt. Jesus ist nicht am Tod vorbei auferstanden, sondern mitten durch den Tod hindurch. Seine Wundmale bleiben. Maria von Magdala ist frühmorgens zum Grab gekommen, „als es noch dunkel war“. Sie ist nicht gekommen, um einem Lebenden zu begegnen, sondern um einen Toten zu salben. Petrus und Johannes haben nur die Zeichen des Todes gesehen, die Leinenbinden und das Schweißtuch – sie kehrten nach Hause zurück, ohne den Lebenden gesehen zu haben.

Und: es fließen Tränen. Maria darf weinen, sie darf all ihre Trauer herauslassen, muss sie nicht herunterschlucken. Die Trauer um den Verstorbenen, um all das Unrecht auf dieser Welt darf sein. Und in diese Trauer hinein geschieht Begegnung. Mitten in die Tränen, in das Leid hinein ruft Jesus sie beim Namen. Und er gibt Maria den Auftrag, die Botschaft des Lebens weiterzusagen, TROTZ des Leids Botin der Hoffnung zu sein. Maria schweigt nicht, sie leistet dem Unrecht und dem Leid Widerstand.

Ja, wir dürfen heute Ostern feiern. All dem Leid auf der Welt, all der physischen und psychischen Gewalt dürfen, ja müssen wir unser HALLELUJA entgegensingen. Den Geschichten des Todes und der Verzweiflung zum Trotz müssen wir die Geschichten des Lebens und der Hoffnung erzählen. Das HALLELUJA mag in diesem Jahr leiser erklingen, stiller – aber es wird erklingen.

Markus Nolte schreibt am Ende seines Zwischenrufs: „Diese Woche könnte alles ändern. Sie hat es schon einmal geschafft, mindestens. Stell dir vor.“

Die Kölner Rockband Brings hat in der letzten Karnevalssession ein Lied geschrieben, das für mich den Nerv dieser Zeit trifft. Sie ermutigt uns dazu, das ALAAF, den Kölschen Karnevalsruf, auch in diesem Jahr zu singen, „vielleicht ein bisschen stiller“. Sie ermutigt uns dazu, gegen die Verzweiflung anzusingen, „denn sonst sind wir verloren“. Sie ermutigt uns dazu, ein Licht anzuzünden gegen die Hoffnungslosigkeit und Angst unserer Zeit, so wie wir gestern die Osterkerze entzündet haben, die unser Bruder Justus in den Farben des Regenbogens gestaltet hat, DES Symbols der christlichen Hoffnung. Ich erlaube mir, den kölschen Ruf der Freude, das Alaaf (beim Helau wird es noch deutlicher) mit dem österlichen Ruf der Freude HALLELUJA zu übersetzen:

Sieht es auch so aus, als ginge die Welt gerade unter
Mach ein Licht an
Nichts bleibt, wie es war, alles drunter und drüber
Mach ein Licht an
Ein Licht für die Stadt
Und ein Licht für die Menschen
Denn wir glauben daran
Das Leben kehrt zurück

Und wir singen Halleluja, vielleicht ein wenig stiller
Und das, was mal war, kommt ganz bestimmt bald wieder
Komm, wir singen Halleluja, denn sonst sind wir verloren
Und wir singen ganz zart für ein besseres Morgen

Wie ein kleines Kind, das im Keller Angst hat
Mach ein Licht an
Doch wir kommen da durch, schau, es wird schon heller
Mach ein Licht an
Ein Licht für die Guten
Und ein Licht für die Schlechten
Ein Licht für die Krummen
Und für die Gerechten

Und ich singe Halleluja, vielleicht ein bisschen stiller
Und das, was mal war, kommt ganz bestimmt bald wieder…

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Tageslesung: Lk 24,1-12

Ostermorgen

Die Nacht wird hell wie der Tag sein, wie strahlendes Licht
Die Nacht
Das Licht
Die Sonne – Morgenrot
Maria Magdalena mit Tränen der Trauer in den Augen
In der Morgenstille macht sie sich auf zum Grab

Halleluja! Wer gleicht dem Herrn, unserem Gotte,
der oben thront in der Höhe?
Erhaben ist seine Herrlichkeit über alle Himmel.
Halleluja! Halleluja!

Im Spiegel.Glanz des Mondes erstrahlt die Morgenröte
Der Fels
Das Grab
Der Stein – Felsengrabstein
Wer wird den Stein wohl wegrollen
Ein Engel kam vom Himmel und wälzte den Stein weg

Halleluja! Tanze du Erde und frohlocke
Er hat sein Volk herausgeführt in Freude,
seine Erwählten in Jubel.
Halleluja! Halleluja!

Das Licht eines neuen Morgens über der Stadt
Der Stein
Das Grab
Das Licht – Licht.Glanz
Warum weinst du Maria aus Magdala? Wen suchst du?
Yeshua, meinen Herrn! Hast du ihn weggebracht? Wo liegt er?

Halleluja! Er hat meine Fesseln gelöst.
Mein Leben entriss er dem Tod:
So wandle ich vor Gott, im Lande der Lebendigen.
Halleluja! Halleluja!

Rosen erblühen im Morgenlicht am Grab im Felsen
Die Rose
Der Stein
Das Grab – Klarheit
Im Morgentau des ersten Tages hörst du: Maria!
Rabbuni! Meister! Die Tränen klären sich im Licht.
Fürchte Dich nicht! Er ist auferstanden!
Wahrhaft auferstanden! Halleluja! Er lebt! Amen.

Br. Benedikt Müller OSB

von Br. Anno Schütte OSB

„Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ – Die gerade gehörten Verse bildeten ursprünglich den Schluss des Markusevangeliums. Erst deutlich nach der Erstverfassung fügten andere Autoren noch einige Verse an – sie berichten von verschiedenen Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus.

Ursprünglich also am Ende: Schrecken, Entsetzen und eine Flucht – keine Freude über den auferstandenen Jesus, kein Alleluja und kein Osterjubel. Noch dazu erfüllen die drei Frauen nicht den Auftrag, den sie im Grab erhalten haben: Sie gehen nicht zu den Jüngern und Petrus und berichten ihnen nicht – schlimmer noch: „Sie sagten niemandem etwas davon.“

Dieses Ende ist ein unerwarteter Paukenschlag, den man später – wie erwähnt – dämpfte. Das lässt aufhorchen: Endet so ein Evangelium, eine frohe Botschaft? Das Evangelium von Markus ist das älteste – es steht Jesus am nächsten – das verleiht ihm besondere Qualität. Warum gibt Markus sein Evangelium so aus der Hand?

Wer als Leser oder Hörer am Ende des Evangeliums angekommen ist, hat erfahren wie dieser Jesus von Nazareth gelebt hat, was er getan hat, was ihm wichtig war, was er verkündete. Und er steht noch ganz unter dem Eindruck der brutalen Hinrichtung am Kreuz und der Grablegung – davon wurde direkt vorher berichtet.

Dieses mörderische Ende hatte Jesus selbst mehrfach angekündigt, was seine Jüngerschaft ignorierte – besonders Petrus hatte es heftig bestritten. Da überrascht es auch nicht, dass in der Katastrophe der Kreuzigung alle Jünger geflohen sind. Nur die drei Frauen aus seiner Bewegung – (Wo sind eigentlich die Männer?) – nur sie hatten zumindest aus der Ferne das furchtbare Geschehen beobachtet – sie stehen am Ende des Evangeliums im Mittelpunkt.

So tapfer die Drei auch sind, als sie in aller Frühe zum Grab Jesu aufbrechen – so liegen sie doch mehrfach daneben: Sie wollen den toten Jesus salben – doch dafür sind sie zu spät – Jesus ist schon begraben. Zudem hatte eine Frau ihn kurz zuvor bereits mit kostbarem Nardenöl gesalbt. — Dann der ausdrücklich sehr große Stein vor dem Grab – für die drei Frauen allein ein unverrückbares Hindernis. — Und schließlich suchen sie einen Toten – auch sie hatten der Ankündigung seiner Auferstehung keinen Glauben geschenkt. Ihre Realität wird vom offenen und leeren Grab mit dem jungen Mann darin zerstört. Und sein Auftrag, die Jünger zu Jesus nach Galiläa zu schicken, überfordert sie vollkommen, damit können sie überhaupt nicht umgehen.

An dieser Stelle legte Markus das Evangelium aus seiner Hand und lässt uns damit weiterleben – er legt es in unsere Hände. Sein markanter Schlusspunkt kann für uns ein weiterführender Doppelpunkt werden: Wenn die Frauen den Auftrag, den sie im Grab erhalten haben, nicht erfüllen, dann – so will er uns anbieten – ist es an uns, das zu tun. Wir sind dazu berufen, den Auftrag zu erfüllen, wir sollen nach Galiläa aufzubrechen, wir sollen Menschen von der Auferstehung Jesu, seinem Vorausgehen und seiner neuen Gegenwart berichten.

In Galiläa hatte alles mit Jesus begonnen, von dort waren sie mit ihm nach Jerusalem gezogen, dort war ihre Heimat und ihr Alltag. Dahin geht er ihnen – und uns – voraus, nicht nur geografisch geht es wieder dorthin hinab. Weil Jesus vorausgeht, bleiben alle in der Nachfolge. Galiläa steht für den Grund des Lebens, für Existentielles – so wie das Leben nun mal ist. Hier wird Jesus gegenwärtig, wenn Menschen in seinem Sinn leben – und was das bedeutet, ist am Ende des Evangeliums allen gesagt. Besonders den Gescheiterten gilt diese Zusage – ausdrücklich wird Petrus erwähnt, der mit der Verleugnung Jesu kürzlich vor der Kreuzigung so versagt hatte.

In einer Nacht haben auch wir uns hier versammelt. Ihr Dunkel steht auch für unser Inneres, das – einem Grab gleich – schon physisch dunkel ist. Unsere Seele kann sich verdunkeln, sie kann sich anfühlen wie ein Grab – mit schwerstem Stein verschlossen. Zweifel oder gar Verzweiflung bohren dann schmerzhaft in uns. Die Nacht ist auch bevorzugte Zeit des Bösen: Jesus war in einer Nacht verraten worden. Sie ist Raum entlarvender Nacktheit des Menschen – da hilft es nicht mehr, etwas zu machen oder gar sich vorzumachen. In diese existentielle Grabesnacht steigt Jesus hinab und Gott ganz in ihm um sie von innen her zu erleuchten. Auch wir können in uns einen Raum des Vertrauens, sogar persönlichster Intimität öffnen – Gottes Gegenwart will in uns aufgehen wie ein neuer Morgen. Das kann ganz zaghaft beginnen – so wie die eine kleine Flamme, die wir zu Beginn dieser Feier in die Kirche getragen haben. Sie ist auch ein Symbol der Verletzbarkeit des Menschen und seiner Rechte: Ein kleiner Stoß – und schon ist das Lebenslicht dahin. Enge und Angst treiben kleine und große Diktatoren – mitunter auch uns – sie urteilen und verurteilen, grenzen und löschen Leben aus – auch jetzt in dieser Nacht.

Das menschlich-göttliche Licht, das mit Jesus in diese Welt gekommen ist, wirbt – zart und schwach – um uns. Es will uns gewinnen und zeigt äußerlich, was wir alle im Innersten sind: Kinder und Geschwister des Lichtes. Diese kleine Flamme hat den ganzen Raum erfüllt! Als wir sie hereintrugen, war sie schon von überall her sichtbar. Schon physikalisch gilt: Nie löscht Dunkelheit das Licht – immer erhellt Licht die Dunkelheit – vielleicht schwach oder nur glimmend – aber doch existent. Es ist an uns, das Licht durch miteinander Teilen zu vermehren in eine ernsthaft gefährdete Welt.

Wie kraftvoll konkret und positiv verwandelnd das wirken kann, zeigt ein Rückblick in den Herbst 1989. Da standen unsere ostdeutschen Landsleute auf und protestierten für Reformen, Freiheit und Demokratie. Die Staatsmacht verweigerte den Dialog und ließ Polizei und Militär zur gewaltsamen Unterdrückung auffahren. Aus Kirchen heraus zogen die Menschen mit Kerzen in den Händen auf Straßen und Plätze. Kleine Kerzen dämpften die Wut, stärkten die Solidarität und stützten die Friedfertigkeit der Menschen. Sie selbst strahlten ruhige Souveränität aus und entspannten die aufgeheizte Lage, die zu einem Blutbad eskalieren konnte. – Später äußerte sich ein ehemaliger Staatsfunktionär dazu so: „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen.“

Die frohe Botschaft aus dieser Nacht ist: Tote Sackgassen können zu Lebenswegen aufbrechen – trotz allem. Sogar der Tod wird – von Gott her – zu einer Lebensgeburt. Dieses Wunder aller Wunder wurde in Jesu Auferweckung unüberbietbar offenbart – und sehr konkret kann dieses Wunder weitergehen. Das ist eine echte Zu-Mutung – wachsender Mut ist möglich, das ist auch ein Gebot unserer Würde. Jeder Mensch ist frei und deshalb verantwortlich – jeder Mensch kann anfangen, Teil der Wandlungsbewegung vom Tod zum Leben zu werden. Es beginnt mit ersten Schritten, so begann auch der Weg mit Jesus.

Der Auftrag aus dem Grab lautete: „Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.“ Dieser Auftrag ist jetzt an uns gerichtet! Kurz und gut: Selbst aufbrechen, losgehen, auf Menschen zugehen, mit ihnen kommunizieren und offen sein für himmlische Überraschungen. Dann bietet uns das Leben irdische Lösungen an, die wir nicht für möglich hielten.

Das ist ein Grund zum Feiern in ein glänzendes Morgen hinein – bei Nacht fangen wir damit an – und alle sind eingeladen! Es wird – nein, es ist schon eine Freude – unbeschreiblich …

Schon vor einigen Wochen haben wir uns schweren Herzens dazu entschlossen, sowohl den traditionellen Osterkurs in einem Onlineformat anzubieten als auch von Gründonnerstag bis Ostersonntag, an den Tagen des Österlichen Triduum (der Feier von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu) auf alle Präsenzgottesdienste zu verzichten. Bei steigenden Infektionszahlen in ganz Deutschland hätten wir nur sehr wenige Menschen zur Teilnahme an den Gottesdiensten zulassen können – mit Maskenpflicht, ohne Gesang und nur in einer sehr reduzierten Liturgie. Wir möchten aber unseren zahlreichen Freundinnen und Freunden dennoch die Möglichkeit bieten, die Kar- und Ostertage mit uns zu feiern und laden Sie daher ein, sich im Livestream mit uns zu verbinden und uns so nahe zu sein. Denn Ostern fällt nicht aus, egal an welchem Ort wir uns befinden, und die Gesundheit von Ihnen ist ein wichtiges Gut, das es gerade bei den neuen Variationen des Virus unbedingt zu schützen gilt.
Neben den üblichen Gottesdiensten an den Kar- und Ostertagen laden wir Sie auch zu Live-Videoimpulsen ein, die einige Brüder an diesen Tagen geben. Nachfolgend finden Sie eine Übersicht über alle Zeiten, die im Livestream zur Verfügung gestellt werden:

Karmittwoch – 31.03.2021
17.45  Konventamt und Vesper
19.40  Komplet
20.15  Einführung in die Feier der Kar- und Ostertage (P. Jonas)

Gründonnerstag – 01.04.2021
06.30  Trauermetten
09.00   Impuls (P. Jonas)
12.15  Mittagshore
15.00   Impuls (Br. Emmanuel)
17.30  Abendmahlsgottesdienst
20.15  Komplet
21.00   Ölbergstunde

Karfreitag – 02.04.2021
06.30  Trauermetten
09.00   Impuls (P. Jonas)
12.15  Mittagshore
15.00  Karfreitagsliturgie
19.00  Komplet
20.00   Orgelmeditation (P.Abraham)

Karsamstag – 03.04.2021
06.30  Trauermetten
09.00  Impuls (P. Jonas)
12.15  Mittagshore
15.00  Impuls (P. Maurus)
17.00  Vesper
21.00   Feier der Osternacht

Ostersonntag – 04.04.2021
10.30   Konventamt
13.00   Impuls und Verabschiedung (P. Jonas)

Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! (Joh 20,27)

Jesus lädt Thomas ein, seine Wunden zu berühren. Er lädt den ein, der an das Unglaubliche nicht glauben kann, weil es jeder menschlichen Erfahrung widerspricht, ihn zu berühren. Jesus lässt sich berühren.

In Coronazeiten bekommt dieses Evangelium der Begegnung des Auferstandenen mit dem Apostel Thomas eine ganz neue Sinnspitze. Undenkbar, dass in diesen Tagen jemand einen Mitmenschen dazu einlädt, ihn zu berühren. In Zeiten des Social Distancing ist körperliche Berührung gefährlich geworden, weil sie den Mindestabstand nicht einhält und die Gefahr einer Infektion vergrößert. „Distanz ist die neue Form von Zuneigung“, so hat es unsere Bundeskanzlerin am Beginn der Pandemie formuliert. Und sie hat zweifelsohne recht. Menschen, die mir etwas bedeuten und die ich schützen will, zu denen sollte ich in diesen Tagen auf Abstand gehen – so paradox das auch klingt und so schmerzhaft das sein mag. Zum Glück gibt es noch andere Wege der Berührung.

So spricht die Einladung Jesu an Thomas, seine Wunden zu berühren, vielleicht eine zutiefst menschliche Sehnsucht in uns an: die Sehnsucht nach Berührung, die Sehnsucht, umarmt zu werden und einem lieben Menschen auch körperlich nahe zu sein. Und vielleicht tröstet es uns, dass im Fortgang des Evangeliums von einer Berührung Jesu durch Thomas nicht die Rede ist, dass Thomas sein Glaubensbekenntnis – „Mein Herr und mein Gott“ – spricht, auch ohne Jesus körperlich zu berühren.

Es ist das Wesen menschlicher Sehnsucht, dass sie hier auf Erden unerfüllt bleibt. Und wenn sie – ansatzweise – Erfüllung findet, dann oft nur, um wieder neu, größer, anders aufzubrechen. Der Mensch ist das Wesen der Sehnsucht. „Alles beginnt mit der Sehnsucht“, schreibt die Dichterin Nelly Sachs. Vielleicht kann uns gerade das Unerfüllbare menschlicher Sehnsucht dazu antreiben, kreativ zu werden, Wege zu finden, die Distanz zwischen uns zu überwinden, Menschen nahe zu sein, auch wenn körperliche Nähe gerade nicht geboten ist. So ist das Evangelium gerade in unsere Zeit hinein geschrieben, für uns Jüngerinnen und Jünger „zweiter Hand“, die Jesus nicht mehr physisch berühren können, aber dennoch in seine Nähe eingeladen sind, damit auch wir einmal mit Thomas sagen können: „Mein Herr und mein Gott!“

P. Maurus Runge OSB

In den Klostern gibt es die Tradition der sog. „Laetiz“, was sich vom lateinischen Wort „Laetitia“ – Freude – ableitet. An Festtagen gab es früher ein besonderes Kaffeetrinken, wo die ganze Gemeinschaft in lockerer Runde zusammenkam. In Coronazeiten ist es gut, solche Traditionen wieder aufleben zu lassen. Und so haben Bruder Benedikt und Bruder Symeon den Konvent spontan am Nachmittag des Ostermontag zum Waffelessen ins Klosterrefektorium eingeladen. Wer schon einmal die Quarkwaffeln nach dem Rezept von Bruder Benedikt gekostet hat, wird bestätigen, dass es sich dabei wahrlich um ein himmlisches Vergnügen handelt, das sehr gut in die österliche Zeit der Freude über unsere Erlösung passt. Und weil das Klosterrektorium groß ist und nicht alle zur selben Zeit kamen, konnte auch ein angemessener Abstand zwischen den Mönchen eingehalten werden.

Vielen Dank an das Vorbereitungsteam für diese ganz besondere Osterfreude!

Bruder Symeon beim Waffelbacken

 

Die ersten Waffeln sehen schon gut aus.

von P. Julian Schaumlöffel OSB

Liebe Brüder hier im Königsmünster,

liebe Schwestern und Brüder unserer Mescheder Gemeinden, liebe Freunde und Förderer, Schwestern und Brüder im Glauben, die Sie heute über den Livestream mit uns verbunden sind!

 

Drei Begebenheiten der letzten Tage kamen mir bei der Vorbereitung der heutigen Osterpredigt in den Sinn. Drei Erlebnisse, die mich berührt und die sich mir eingeprägt haben.

Am Mittag des Gründonnerstags traf ich in unserer hiesigen Sparkasse eine Bekannte, die ich aufgrund des einzuhaltenden Sicherheitsabstands zunächst gar nicht wahrnahm. Im Vorübergehen rief sie mir zu, ich möge in diesen Tagen besonders an ihre Familie denken, die es schwer getroffen habe. Besonders schwer habe es ihren Bruder getroffen, der, obwohl er eine stabile Gesundheit hatte und aufgrund seiner 56 Lebensjahre auch noch nicht unbedingt zur Risikogruppe gehöre, nun schwer an Covid-19 erkrankt sei und an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen im Krankenhaus auf der Intensivstation läge. Wirkliche Angst konnte ich ihren Worten entnehmen. Lebensangst. Überlebensangst. Ich versprach das Gedenken und das Gebet. Das Gespräch war zu Ende, aber das Gesagte wirkte noch lange in mir fort.

Lebensangst. Überlebensangst. Sie ist mächtig in diesen Tagen!

 

Die zweite Begebenheit datiert einen Tag – oder auch 2000 Jahre – zuvor. Am Mittwochabend haben wir im Kreis der Brüder den Film „Maria Magdalena“ aus dem Jahre 2018 geschaut. Obwohl die Gestalt der Maria Magdalena sehr zu begeistern vermochte, blieb ich an einem anderen Charakter hängen: Judas. Sehr warmherzig, liebevoll und bedingungslos treu in der Nachfolge wurde Judas im Film gezeichnet. Einer, der die Kraft seiner unbedingten Nachfolge aus der verheißenen Hoffnung der bald schon anbrechenden Königsherrschaft Gottes zieht. In diesem Reich der Liebe und der Gerechtigkeit will er auf ewig wohnen und all seine Lieben wiedersehen, die er so schmerzlich vermisst. Doch wann geht es los? Wann beginnt dieses Reich? Er wird ungeduldig. Lebensangst. Überlebensangst. Er hat Angst, dass seine Hoffnung enttäuscht wird. Er will nachhelfen. Sein Verrat wird hier eher als ein verzweifeltes Anschubsen Jesu dargestellt. Jetzt muss der Messias sich doch endlich offenbaren und seine Königsherrschaft beginnen. Jetzt kann er nicht mehr anders. Judas will es nach seinen menschlichen Vorstellungen verwirklicht wissen. Er hat die Botschaft eben noch nicht verstanden. Und er wird sie innerweltlich auch nicht mehr verstehen, denn der Blick ins leere Grab, die tröstende Begegnung mit dem Auferstandenen ist ihm nicht mehr möglich. Angst. Überlebensangst. Sie war zu mächtig und hat ihm im Letzten das wahre Leben nicht ermöglicht, es am Ende sogar vernichtet.

Der dritte Moment, der sich mir eingeprägt hat, war nochmals einige Tage zuvor. Es war die Aussage einer älteren Frau aus Oberammergau im Rahmen einer Reportage über die abgesagten Passionsspiele. Der Ort und seine Bewohner haben über Jahre in die Leidensgeschichte investiert. Die Passionsspiele sind eine wichtige Einnahmequelle für das kleine oberbayrische Dorf. Über die Hälfte der Bevölkerung steht mehrere Monate auf der Bühne, um das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu getreu einem über 380 Jahre alten Pestgelöbnis darzustellen. Nun sind die Passionsspiele abgesagt und auf 2022 verschoben. Die Reportage zeigte in diesem Zusammenhang auch eine junge Muslima, die der besagten älteren Dame ihre benötigten Lebensmittel vor die Haustür stellte. Der Dank und die Freude über die aktuelle Hilfsbereitschaft der Dorfbevölkerung – insbesondere der jungen Muslima – brachte die ältere Dame vor laufender Kamera zum Weinen: „So lange schon lebe ich hier, so viele Passionsspiele habe ich miterlebt, aber erst jetzt, da sie abgesagt werden mussten, habe ich in dieser jungen Frau zum ersten Mal die barmherzige Liebe Gottes wirklich erfahren dürfen.“  Ein Satz, der nachdenklich macht.

Was verbindet diese drei Begebenheiten miteinander? Auf den ersten Blick ist es die Angst einzelner Menschen. Angst. Überlebensangst.

Über die Angst zu sprechen, fällt an diesem Osterfest, das durch Kontaktverbot, abgesagte gesellschaftliche Ereignisse, fehlende Familienbesuche und Gottesdienste hinter verschlossenen Kirchentüren geprägt ist, nicht schwer. Die Angst überschattet unseren Alltag in Deutschland seit nunmehr vier Wochen.

Mit dieser Angst und Unsicherheit sind wir durchaus auch im Kern des heutigen Osterevangeliums. Im noch diffusen Licht des frühen Ostermorgens kommt Maria von Magdala zum Grab und findet den Stein weggewälzt. Es ist die Angst um den geliebten Meister, die sie schnell zu den Jüngern laufen lässt, die Angst und Unsicherheit um den Verbleib ihres Herrn, der sie rennen lässt. Überhaupt ist hier viel von Bewegung die Rede, denn nun rennen die Jünger ihrerseits zum Grab. Der Evangelist beschreibt es wie einen Wettlauf, denn wir hören, wer schneller ist und zuerst ankommt. Angst kann zu Aktionismus führen, der aber nicht ans Ziel bringt, solange das Vertrauen und die Hoffnung fehlen. Petrus, der zwar langsamer ist und später am Grab ankommt, traut sich dagegen hinein in das Grab, hinein in die dunkle Ungewissheit. Die Hoffnung, den Worten Jesu trauen zu dürfen, dass der Tod nicht das Ende ist, trägt ihn in die Grabkammer hinein, und aus der Ungewissheit und Angst kann österliches Licht aufstrahlen. Das ängstliche und verschlossene Herz wird weit und die Selbstbezogenheit öffnet sich zum anderen hin. Die eigene Auferstehung beginnt. Das nimmt auch der andere Jünger wahr und traut sich jetzt ebenfalls hinein. „Er sah und glaubte“ berichtet uns das Evangelium. Den Auferstandenen selber sehen sie zwar noch nicht, aber der Glaube an die Worte ihres Meisters trägt jetzt wieder und wird mächtiger als die Angst, die sie bisher gefangen hielt. Auferstehung ist eben nicht das große Zauberkunststück oder die Effekthascherei mancher Zeitgenossen. Auferstehung beginnt zaghaft, eben im noch diffusen Licht des Ostermorgens. Auferstehung beginnt dort, wo ich der Botschaft Jesu wieder traue, wo meine Hoffnung und mein Glaube wieder stärker werden als die Angst. Dann kann so vieles um mich herum wieder heller und leichter werden, dann kann die österliche Sonne wirklich strahlen und mein Leben bis in den letzten dunklen Winkel hinein erhellen. Das ist Ostern, das ist Auferstehung!

Papst Franziskus drückte es bei seiner Video-Generalaudienz am vergangenen Mittwoch so aus:

„Gott ist allmächtig in der Liebe und nicht anders. Es ist seine Natur, er ist so. Er ist die Liebe. Du könntest einwenden: „Was will ich mit einem so schwachen Gott, der stirbt? Ich würde einen starken und mächtigen Gott vorziehen.“ Aber wisse: Alle Macht der Welt vergeht, doch die Liebe bleibt. Nur die Liebe wacht über das Leben, das wir haben, denn sie umarmt unsere Schwächen und verwandelt sie. Es ist die Liebe Gottes, die zu Ostern unsere Sünde durch seine Vergebung tilgte, die den Tod zu einem Übergang zum Leben machte, die unsere Angst in Vertrauen, unsere Verzweiflung in Hoffnung verwandelte. Ostern sagt uns, dass Gott alles zum Guten wenden kann.“

Noch einmal zurück zu den drei Begebenheiten, die ich eingangs erzählte. Was verbindet sie? Es ist nur auf den ersten Blick die Angst. Genauer betrachtet verbindet sie die Sehnsucht nach Leben!

Die Sehnsucht meiner Bekannten, dass der geliebte Bruder die schwere Corona-Erkrankung übersteht.

Die Sehnsucht des Judas, dass die Gerechtigkeit des verheißenen Gottesreiches endlich anbricht.

Die Sehnsucht der älteren Dame aus Oberammergau, die so oft gespielte Passion als Lebenswirklichkeit in der Gemeinschaft ihres Ortes am eigenen Leibe erfahren zu dürfen.

 

Das ist Ostern, das ist Auferstehung!

Beginnen wir, liebe Schwestern und Brüder, noch heute mit unserer eigenen Auferstehung aus den dunklen Grabkammern unserer Ängste und vertrauen wir darauf, dass Gott wirklich alles zum Guten wenden kann. Spüren wir neu unsere eigene Sehnsucht nach Leben!

Dann kann es Ostern werden – auch in dieser schweren Zeit.

Christus ist wahrhaft vom Tode erstanden!

Amen. Halleluja.

von P. Reinald Rickert OSB

Meine lieben Brüder und Schwestern, die Sie über das Internet mit uns verbunden sind, meine lieben Brüder hier in der Abtei!

Am Osterfest geht es immer um Leben und Tod! Am Osterfest 2020 geht es in besonderer Weise um Leben und Tod, oder besser gesagt um Tod und Leben!

Es ist eine Folge der Globalisierung – und noch nie dagewesen -, dass eine Viruserkrankung, die sehr viele Todesopfer fordert, sich so rasant ausbreitet: Sie macht vor keinem Erdteil, vor keiner Nation halt. Sie unterscheidet nicht zwischen hochentwickelten und weniger entwickelten Ländern. Corona betrifft alle Menschen – ohne Ausnahme: Die Infizierten und die Nicht-Infizierten, die noch Lebenden und die schon Verstorbenen.

 

Der Münsteraner Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz sprach schon vor Jahren davon, dass sich die Menschheit in einer allumfassenden „Koalition der Lebenden und der Toten“ befindet. Er stellt „eine Gleichheit aller Menschen unter Berücksichtigung der unterschiedlichsten Lebens- und Handlungsbedingungen“ fest. Metz sieht diese Gleichheit als Folge einer „rettenden Gottesgerechtigkeit“.

Und da sind wir wieder beim Thema „Ostern“.

„Es gibt kein Leid in der Welt, das uns nicht angeht.“ Diese elementare und solidarische Gleichheit aller Menschen zielt auf „die Anerkennung einer Autorität, die allen Menschen zugänglich und zumutbar ist, auf die Autorität der Leidenden, der ungerecht und unschuldig leidenden Opfer.“ Alle Leidenden haben uns etwas zu sagen, haben eine Botschaft auch ohne große Worte.

Wie hätte Jesus darauf reagiert? Wir wissen, dass er sich überwiegend in Gleichnissen, weniger in dogmatischen Sätzen äußerte. Im Johannesevangelium stoßen wir – kurz vor seiner eigenen Leidensgeschichte – auf ein Bildwort aus dem bäuerlichen Milieu seiner Zeit: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh. 12, 24) Jesus beschreibt einen biologischen Vorgang, der jedem seiner Zuhörer geläufig ist: Wenn nach der winterlichen Ruhepause die Natur sich regt und alles wieder sprießt und sprosst: Frühjahr, eine Zeit des beginnenden Lebens! Darauf kann man sich verlassen: Leben – Sterben – Leben — Leben – Tod – Geburt.

Genauso stellten sich die griechischen Philosophen den „Kosmos“ vor. Platon wusste um das lebendige Walten der Physis: Werden und Vergehen – Anwesen und Abwesen – Wachsen und Sterben. Für die Antike war der Mensch fester Bestandteil dieses Kosmos; auf Augenhöhe mit Flora und Fauna, in Harmonie mit Pflanzen und Tieren inklusive ihrer Vergänglichkeit. Kosmos konnte nur einen göttlichen Ursprung haben. Auch die intellektuellen Juden zur Zeit Jesu wussten darum.

Heute ist dies anscheinend alles unvorstellbar geworden. Schon lange haben sich die meisten modernen Menschen vom Kosmos emanzipiert, „befreit“ und sich in und mit einer mechanisch-technischen Weltanschauung eingerichtet.

 

Dass menschliches Sterben nicht nur ein biologischer Vorgang ist, weiß auch Jesus: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh. 12, 25) Der Inhalt des christlichen Osterfestes bleibt paradox: Wir leben nicht unserem Tod entgegen, sondern wir sterben unserem Leben entgegen. Wir wechseln im Sterben unsere Lebensform, doch wir werden nicht zerstört.

Übrigens hat Pythagoras (570 – 510 v.Chr.) die Lehre der Unsterblichkeit der Seele aus Ägypten nach Hellas importiert. Denn in der Frömmigkeit der alten Griechen findet man nicht den geringsten Hinweis auf ein Fortleben der Seele nach dem Tod.

 

Die praktische Seelsorge beschränkt sich derzeit auf Beerdigungen direkt am Grab im engsten Familienkreis. Ich hatte also in den letzten Wochen viel Zeit zur Muße. Bei gutem Wetter sitze ich dann auf der runden Bank in unserem Garten, rauche eine Zigarre und beobachte den kleinen frühlingshaften Kosmos auf dem Klosterberg: Die eiweißreichen Kerne eines jeden Samenkorns verzehren sich zugunsten einer neuen Pflanze; alles sprießt und sprosst; „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Die verschiedenen Vogelarten liefern sich Revierkämpfe und zeigen Balzrituale. Bruder Isidors Mutterschafe führen ihre Lämmer aus. Ein Bild des Lebens! Keine Corona-Panik! Ein Gleichnis für den inneren und äußeren Frieden der Menschen.

Vielleicht brechen wir innerlich auf – wo wir an diesem Osterfest ja nicht weg können – und machen uns auf die Suche nach der verlorenen Harmonie und lernen wieder den Kosmos bewusst wahrzunehmen.

Tiere und Pflanzen machen uns vor identisch zu leben. Auf ihre Art hat Ute Latendorf die österliche Botschaft in einem Gedicht beschrieben:

 

Leben lernen

Von der Sonne lernen, zu wärmen,

von den Wolken lernen, leicht zu schweben.

Von dem Wind lernen, Anstöße zu geben,

Von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen,

Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein.

 

Von den Blumen das Leuchten lernen,

Von den Steinen das Bleiben lernen,

Von den Büschen im Frühling Erneuerung lernen,

Von den Blättern im Herbst das Fallenlassen lernen,

Vom Sturm die Leidenschaft lernen.

 

Vom Regen lernen, sich zu verströmen,

Von der Erde lernen, mütterlich zu sein.

Vom Mond lernen, sich zu verändern,

Von den Sternen lernen, einer von vielen zu sein,

Von den Jahreszeiten lernen, dass das Leben immer von Neuem beginnt.

Amen.

Kann man Ostern feiern mitten in der Coronakrise? Diese Frage ist in den letzten Wochen häufiger gestellt worden. Wie können Christen Ostern, ihr wichtigstes Gemeinschaftsfest, feiern, wenn keine öffentlichen Gottesdienste stattfinden und wenn davon abgeraten wird, die Familie zu besuchen oder zu verreisen? Wir sind uns des großen Privilegs bewusst, dass wir als Ordensgemeinschaft in diesen Zeiten immer noch miteinander beten können und dürfen, und haben doch die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass unsere Gäste, die gerade zu den großen Liturgien der Kar- und Ostertage aus ganz Deutschland anreisen, fehlen. Es ist ungewohnt, in einem leeren Kirchenschiff Gottesdienst zu feiern, „hinter verschlossenen Türen“, so ähnlich wie die Jünger am Ostermorgen. So haben wir uns möglichst bald dazu entschlossen, unsere Stundengebete per Audiolivestream und die großen Liturgien der Kar- und Ostertage per Videostream zu übertragen. So konnten viele Menschen sich über das Internet mit uns verbinden. Viele haben das tatsächlich getan; während der Osternacht waren durchschnittlich 400 Personen anwesend, wahrscheinlich sogar noch mehr, weil uns viele geschrieben haben, dass sie an der Liturgie mit ihrer ganzen Familie teilgenommen haben. Eine ganze Reihe von positiven Rückmeldungen haben wir erhalten – das hat uns tief bewegt und dafür sind wir dankbar.

Osterfeuer im Innenhof des Klosters

Das Osterfeuer haben wir im Innenhof unseres Klosters entzündet. An unserer Osterkerze, auf der viele bunte Schmetterlinge – Symboltier für die Auferstehung – nach oben fliegen, wurden die Osterkerzen aller Gemeinden aus Meschede und Bestwig, des Bergklosters in Bestwig und mehrerer Altenheime entzündet, die ab heute in den jeweiligen Kirchen brennen – ein bewegender Moment! In unserer Kirche, die heute und morgen von 13.00 Uhr bis 17.00 Uhr und ab Dienstag von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr zum Gebet geöffnet ist, können Sie eine kleine Osterkerze für Ihr Zuhause erwerben und am Osterlicht vorne entzünden; ebenso können Sie sich geweihtes Wasser mitnehmen.

Osterkerzen aller Kirchen von Meschede und Bestwig

Nach dem Osterhochamt sind wir singend auf unseren Klosterfriedhof gezogen, um unseren verstorbenen Mitbrüdern das Licht der Osterkerze zu bringen. Als wir dort sangen, sind die Schafe auf der Wiese nebenan in unseren Gesang eingestimmt – was zu einem spontanen „Risus paschalis“, dem traditionellen Osterlachen, bei den Mönchen geführt hat.

Schafe und Mönche singen gemeinsam

Beim Mittagessen schließlich hat Bruder Cyprian aus der Abtei Ndanda in Tansania das Tischgebet in seiner Muttersprache Swahili gesungen. Er hält sich gerade zum Studium in Deutschland auf. So wurde mitten in den Reisebeschränkungen, die auch das Alltagsleben unserer Kongregation der Missionsbenediktiner betreffen, ein Stück Weltkirche erlebbar.

Wir wünschen Ihnen weiterhin erfüllende und hoffnungsfrohe Ostertage! Bleiben Sie gesund! Wir freuen uns, Sie möglichst bald, spätestens aber zum Osterfest 2021 wieder in der Abtei begrüßen zu dürfen.