von Br. Anno Schütte OSB

„Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ – Die gerade gehörten Verse bildeten ursprünglich den Schluss des Markusevangeliums. Erst deutlich nach der Erstverfassung fügten andere Autoren noch einige Verse an – sie berichten von verschiedenen Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus.

Ursprünglich also am Ende: Schrecken, Entsetzen und eine Flucht – keine Freude über den auferstandenen Jesus, kein Alleluja und kein Osterjubel. Noch dazu erfüllen die drei Frauen nicht den Auftrag, den sie im Grab erhalten haben: Sie gehen nicht zu den Jüngern und Petrus und berichten ihnen nicht – schlimmer noch: „Sie sagten niemandem etwas davon.“

Dieses Ende ist ein unerwarteter Paukenschlag, den man später – wie erwähnt – dämpfte. Das lässt aufhorchen: Endet so ein Evangelium, eine frohe Botschaft? Das Evangelium von Markus ist das älteste – es steht Jesus am nächsten – das verleiht ihm besondere Qualität. Warum gibt Markus sein Evangelium so aus der Hand?

Wer als Leser oder Hörer am Ende des Evangeliums angekommen ist, hat erfahren wie dieser Jesus von Nazareth gelebt hat, was er getan hat, was ihm wichtig war, was er verkündete. Und er steht noch ganz unter dem Eindruck der brutalen Hinrichtung am Kreuz und der Grablegung – davon wurde direkt vorher berichtet.

Dieses mörderische Ende hatte Jesus selbst mehrfach angekündigt, was seine Jüngerschaft ignorierte – besonders Petrus hatte es heftig bestritten. Da überrascht es auch nicht, dass in der Katastrophe der Kreuzigung alle Jünger geflohen sind. Nur die drei Frauen aus seiner Bewegung – (Wo sind eigentlich die Männer?) – nur sie hatten zumindest aus der Ferne das furchtbare Geschehen beobachtet – sie stehen am Ende des Evangeliums im Mittelpunkt.

So tapfer die Drei auch sind, als sie in aller Frühe zum Grab Jesu aufbrechen – so liegen sie doch mehrfach daneben: Sie wollen den toten Jesus salben – doch dafür sind sie zu spät – Jesus ist schon begraben. Zudem hatte eine Frau ihn kurz zuvor bereits mit kostbarem Nardenöl gesalbt. — Dann der ausdrücklich sehr große Stein vor dem Grab – für die drei Frauen allein ein unverrückbares Hindernis. — Und schließlich suchen sie einen Toten – auch sie hatten der Ankündigung seiner Auferstehung keinen Glauben geschenkt. Ihre Realität wird vom offenen und leeren Grab mit dem jungen Mann darin zerstört. Und sein Auftrag, die Jünger zu Jesus nach Galiläa zu schicken, überfordert sie vollkommen, damit können sie überhaupt nicht umgehen.

An dieser Stelle legte Markus das Evangelium aus seiner Hand und lässt uns damit weiterleben – er legt es in unsere Hände. Sein markanter Schlusspunkt kann für uns ein weiterführender Doppelpunkt werden: Wenn die Frauen den Auftrag, den sie im Grab erhalten haben, nicht erfüllen, dann – so will er uns anbieten – ist es an uns, das zu tun. Wir sind dazu berufen, den Auftrag zu erfüllen, wir sollen nach Galiläa aufzubrechen, wir sollen Menschen von der Auferstehung Jesu, seinem Vorausgehen und seiner neuen Gegenwart berichten.

In Galiläa hatte alles mit Jesus begonnen, von dort waren sie mit ihm nach Jerusalem gezogen, dort war ihre Heimat und ihr Alltag. Dahin geht er ihnen – und uns – voraus, nicht nur geografisch geht es wieder dorthin hinab. Weil Jesus vorausgeht, bleiben alle in der Nachfolge. Galiläa steht für den Grund des Lebens, für Existentielles – so wie das Leben nun mal ist. Hier wird Jesus gegenwärtig, wenn Menschen in seinem Sinn leben – und was das bedeutet, ist am Ende des Evangeliums allen gesagt. Besonders den Gescheiterten gilt diese Zusage – ausdrücklich wird Petrus erwähnt, der mit der Verleugnung Jesu kürzlich vor der Kreuzigung so versagt hatte.

In einer Nacht haben auch wir uns hier versammelt. Ihr Dunkel steht auch für unser Inneres, das – einem Grab gleich – schon physisch dunkel ist. Unsere Seele kann sich verdunkeln, sie kann sich anfühlen wie ein Grab – mit schwerstem Stein verschlossen. Zweifel oder gar Verzweiflung bohren dann schmerzhaft in uns. Die Nacht ist auch bevorzugte Zeit des Bösen: Jesus war in einer Nacht verraten worden. Sie ist Raum entlarvender Nacktheit des Menschen – da hilft es nicht mehr, etwas zu machen oder gar sich vorzumachen. In diese existentielle Grabesnacht steigt Jesus hinab und Gott ganz in ihm um sie von innen her zu erleuchten. Auch wir können in uns einen Raum des Vertrauens, sogar persönlichster Intimität öffnen – Gottes Gegenwart will in uns aufgehen wie ein neuer Morgen. Das kann ganz zaghaft beginnen – so wie die eine kleine Flamme, die wir zu Beginn dieser Feier in die Kirche getragen haben. Sie ist auch ein Symbol der Verletzbarkeit des Menschen und seiner Rechte: Ein kleiner Stoß – und schon ist das Lebenslicht dahin. Enge und Angst treiben kleine und große Diktatoren – mitunter auch uns – sie urteilen und verurteilen, grenzen und löschen Leben aus – auch jetzt in dieser Nacht.

Das menschlich-göttliche Licht, das mit Jesus in diese Welt gekommen ist, wirbt – zart und schwach – um uns. Es will uns gewinnen und zeigt äußerlich, was wir alle im Innersten sind: Kinder und Geschwister des Lichtes. Diese kleine Flamme hat den ganzen Raum erfüllt! Als wir sie hereintrugen, war sie schon von überall her sichtbar. Schon physikalisch gilt: Nie löscht Dunkelheit das Licht – immer erhellt Licht die Dunkelheit – vielleicht schwach oder nur glimmend – aber doch existent. Es ist an uns, das Licht durch miteinander Teilen zu vermehren in eine ernsthaft gefährdete Welt.

Wie kraftvoll konkret und positiv verwandelnd das wirken kann, zeigt ein Rückblick in den Herbst 1989. Da standen unsere ostdeutschen Landsleute auf und protestierten für Reformen, Freiheit und Demokratie. Die Staatsmacht verweigerte den Dialog und ließ Polizei und Militär zur gewaltsamen Unterdrückung auffahren. Aus Kirchen heraus zogen die Menschen mit Kerzen in den Händen auf Straßen und Plätze. Kleine Kerzen dämpften die Wut, stärkten die Solidarität und stützten die Friedfertigkeit der Menschen. Sie selbst strahlten ruhige Souveränität aus und entspannten die aufgeheizte Lage, die zu einem Blutbad eskalieren konnte. – Später äußerte sich ein ehemaliger Staatsfunktionär dazu so: „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen.“

Die frohe Botschaft aus dieser Nacht ist: Tote Sackgassen können zu Lebenswegen aufbrechen – trotz allem. Sogar der Tod wird – von Gott her – zu einer Lebensgeburt. Dieses Wunder aller Wunder wurde in Jesu Auferweckung unüberbietbar offenbart – und sehr konkret kann dieses Wunder weitergehen. Das ist eine echte Zu-Mutung – wachsender Mut ist möglich, das ist auch ein Gebot unserer Würde. Jeder Mensch ist frei und deshalb verantwortlich – jeder Mensch kann anfangen, Teil der Wandlungsbewegung vom Tod zum Leben zu werden. Es beginnt mit ersten Schritten, so begann auch der Weg mit Jesus.

Der Auftrag aus dem Grab lautete: „Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.“ Dieser Auftrag ist jetzt an uns gerichtet! Kurz und gut: Selbst aufbrechen, losgehen, auf Menschen zugehen, mit ihnen kommunizieren und offen sein für himmlische Überraschungen. Dann bietet uns das Leben irdische Lösungen an, die wir nicht für möglich hielten.

Das ist ein Grund zum Feiern in ein glänzendes Morgen hinein – bei Nacht fangen wir damit an – und alle sind eingeladen! Es wird – nein, es ist schon eine Freude – unbeschreiblich …