von P. Reinald Rickert OSB

Meine lieben Brüder und Schwestern, die Sie über das Internet mit uns verbunden sind, meine lieben Brüder hier in der Abtei!

Am Osterfest geht es immer um Leben und Tod! Am Osterfest 2020 geht es in besonderer Weise um Leben und Tod, oder besser gesagt um Tod und Leben!

Es ist eine Folge der Globalisierung – und noch nie dagewesen -, dass eine Viruserkrankung, die sehr viele Todesopfer fordert, sich so rasant ausbreitet: Sie macht vor keinem Erdteil, vor keiner Nation halt. Sie unterscheidet nicht zwischen hochentwickelten und weniger entwickelten Ländern. Corona betrifft alle Menschen – ohne Ausnahme: Die Infizierten und die Nicht-Infizierten, die noch Lebenden und die schon Verstorbenen.

 

Der Münsteraner Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz sprach schon vor Jahren davon, dass sich die Menschheit in einer allumfassenden „Koalition der Lebenden und der Toten“ befindet. Er stellt „eine Gleichheit aller Menschen unter Berücksichtigung der unterschiedlichsten Lebens- und Handlungsbedingungen“ fest. Metz sieht diese Gleichheit als Folge einer „rettenden Gottesgerechtigkeit“.

Und da sind wir wieder beim Thema „Ostern“.

„Es gibt kein Leid in der Welt, das uns nicht angeht.“ Diese elementare und solidarische Gleichheit aller Menschen zielt auf „die Anerkennung einer Autorität, die allen Menschen zugänglich und zumutbar ist, auf die Autorität der Leidenden, der ungerecht und unschuldig leidenden Opfer.“ Alle Leidenden haben uns etwas zu sagen, haben eine Botschaft auch ohne große Worte.

Wie hätte Jesus darauf reagiert? Wir wissen, dass er sich überwiegend in Gleichnissen, weniger in dogmatischen Sätzen äußerte. Im Johannesevangelium stoßen wir – kurz vor seiner eigenen Leidensgeschichte – auf ein Bildwort aus dem bäuerlichen Milieu seiner Zeit: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh. 12, 24) Jesus beschreibt einen biologischen Vorgang, der jedem seiner Zuhörer geläufig ist: Wenn nach der winterlichen Ruhepause die Natur sich regt und alles wieder sprießt und sprosst: Frühjahr, eine Zeit des beginnenden Lebens! Darauf kann man sich verlassen: Leben – Sterben – Leben — Leben – Tod – Geburt.

Genauso stellten sich die griechischen Philosophen den „Kosmos“ vor. Platon wusste um das lebendige Walten der Physis: Werden und Vergehen – Anwesen und Abwesen – Wachsen und Sterben. Für die Antike war der Mensch fester Bestandteil dieses Kosmos; auf Augenhöhe mit Flora und Fauna, in Harmonie mit Pflanzen und Tieren inklusive ihrer Vergänglichkeit. Kosmos konnte nur einen göttlichen Ursprung haben. Auch die intellektuellen Juden zur Zeit Jesu wussten darum.

Heute ist dies anscheinend alles unvorstellbar geworden. Schon lange haben sich die meisten modernen Menschen vom Kosmos emanzipiert, „befreit“ und sich in und mit einer mechanisch-technischen Weltanschauung eingerichtet.

 

Dass menschliches Sterben nicht nur ein biologischer Vorgang ist, weiß auch Jesus: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh. 12, 25) Der Inhalt des christlichen Osterfestes bleibt paradox: Wir leben nicht unserem Tod entgegen, sondern wir sterben unserem Leben entgegen. Wir wechseln im Sterben unsere Lebensform, doch wir werden nicht zerstört.

Übrigens hat Pythagoras (570 – 510 v.Chr.) die Lehre der Unsterblichkeit der Seele aus Ägypten nach Hellas importiert. Denn in der Frömmigkeit der alten Griechen findet man nicht den geringsten Hinweis auf ein Fortleben der Seele nach dem Tod.

 

Die praktische Seelsorge beschränkt sich derzeit auf Beerdigungen direkt am Grab im engsten Familienkreis. Ich hatte also in den letzten Wochen viel Zeit zur Muße. Bei gutem Wetter sitze ich dann auf der runden Bank in unserem Garten, rauche eine Zigarre und beobachte den kleinen frühlingshaften Kosmos auf dem Klosterberg: Die eiweißreichen Kerne eines jeden Samenkorns verzehren sich zugunsten einer neuen Pflanze; alles sprießt und sprosst; „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Die verschiedenen Vogelarten liefern sich Revierkämpfe und zeigen Balzrituale. Bruder Isidors Mutterschafe führen ihre Lämmer aus. Ein Bild des Lebens! Keine Corona-Panik! Ein Gleichnis für den inneren und äußeren Frieden der Menschen.

Vielleicht brechen wir innerlich auf – wo wir an diesem Osterfest ja nicht weg können – und machen uns auf die Suche nach der verlorenen Harmonie und lernen wieder den Kosmos bewusst wahrzunehmen.

Tiere und Pflanzen machen uns vor identisch zu leben. Auf ihre Art hat Ute Latendorf die österliche Botschaft in einem Gedicht beschrieben:

 

Leben lernen

Von der Sonne lernen, zu wärmen,

von den Wolken lernen, leicht zu schweben.

Von dem Wind lernen, Anstöße zu geben,

Von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen,

Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein.

 

Von den Blumen das Leuchten lernen,

Von den Steinen das Bleiben lernen,

Von den Büschen im Frühling Erneuerung lernen,

Von den Blättern im Herbst das Fallenlassen lernen,

Vom Sturm die Leidenschaft lernen.

 

Vom Regen lernen, sich zu verströmen,

Von der Erde lernen, mütterlich zu sein.

Vom Mond lernen, sich zu verändern,

Von den Sternen lernen, einer von vielen zu sein,

Von den Jahreszeiten lernen, dass das Leben immer von Neuem beginnt.

Amen.