von Abt Aloysius Althaus OSB

Schwestern und Brüder,

wie gut können wir mit den Aposteln fühlen. Jesus, ihr Lehrer und Freund war mit ihnen zusammen. Sie teilten mit IHM ihr Leben. Seine Nähe war wohltuend und sinnstiftend. Vieles lernten sie mit neuen Augen sehen. Neues hat sich ihnen eröffnet.

Dann der grausame Tod. Ein Nicht-Verstehen der Situation. All ihre Hoffnungen sind zerstört. War alles eine Illusion?

Aber dann die glücklich machende Erfahrung: Jesus lebt, er ist nicht tot. Sie dürfen IHN berühren, damit sie die Wirklichkeit seiner Auferstehung im wahrsten Sinne des Wortes be-greifen können.

Und dann noch ein Abschied. Jesus wird vor ihren Augen emporgehoben und entschwindet ihren Blicken. Wehmütig schauen sie IHM nach. Ihre Augen kleben am Himmel. Nun scheint Jesus endgültig gegangen zu sein.

 

Zwei Männer in weißen Gewändern holen die Jünger wieder zurück auf den Boden. – Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?

Als wollten sie sagen: Wenn ihr weiter nach oben schaut, dann kommt ihr hier nicht mehr weiter, dann seht ihr ja hier unten nichts mehr. Ihr steht da wie angewurzelt. Schaut wieder nach unten und bewegt euch! Hier findet euer Leben statt. Ihr habt doch seinen Auftrag gehört, dass ihr sein Wort verkünden sollt an alle Menschen.

 

Schwestern und Brüder,

das Fest Christi Himmelfahrt wird zum Fest der ganzen Welt, zum Fest unserer Erde, zum Fest des Glaubens, der die Erde lieben darf, weil diese Erde nun in Christus eine Mitte, einen Sinn und ihr großes Geheimnis gefunden hat. Das Fest des Himmels wird zum Fest der Erde, des Jenseits zum Fest des Diesseits, denn nun ist dieses unser Diesseits Raum Gottes geworden, da der ferne Gott durch Jesus und durch seinen Geist, „der in uns ausgegossen ist“, zum nahen Gott und zum Gott unseres Herzens geworden ist.

Angelus Silesius formuliert: Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.

Für Angelus Silesius ist also der Himmel in mir selbst schon gegenwärtig. Ich muss ihn nur in mir suchen. Ja, näher als in mir selbst kann mir der Himmel nicht mehr kommen.

 

Und sicher stimmt es: Wenn wir nur nach oben schauen und von weit her auf den Himmel warten, sehen wir wirklich nicht mehr das, was dicht vor unseren Füßen liegt: Das Naheliegende, das, was unser Handeln erfordert, unser lebendiges Zeugnis als Christen, die mit beiden Beinen in dieser Welt stehen und leben.

Schwestern und Brüder,

Christsein heißt Hoffnung haben. Immer war Hoffnung zugleich Wagnis,

Wagnis inmitten vielfältiger Gefahren und Unsicherheiten.

Immer war Hoffen ein Hoffen trotz allem – und zu allen Zeiten gab es Krisen, aber zu allen Zeiten gab es auch, wenn auch manchmal nur wie eine kleine Flamme, die Hoffnung, die auf das Versprechen des Herrn gründete: „Seht, ich bin bei euch bis zur Vollendung der Welt“.

Eine Hoffnung also, die aus der Gegenwart des Herrn lebt!

Deshalb gilt: Nicht auf die Krise starren, sondern immer wieder neu Chancen wahrnehmen, neue Ausblicke wagen, auf Zukunft hin leben.

Vielleicht ist es wieder an der Zeit, einem Wort von Ida Friederike Görres Beachtung zu schenken:

Die Weltgeschichte ist voller Überraschungen und Gott ist nicht bei den stärkeren Kanonen. Was an die Zukunft der Kirche glauben lässt, ist nicht zuletzt das unermessliche Leid ihrer Glieder.

 

Nun bleibt die Frage, die jede und jeden von uns selbst betrifft:

Was bin ich für ein Christ?

Eine / Einer, der ängstlich auf all das Beunruhigende unserer Zeit starrt und daher keine Kraft hat für die Zukunft des Reiches Gottes in dieser Welt, oder der neue Chancen sieht und wahrnimmt?

Was bin ich für ein Christ? Eine / einer, der ängstlich nach Halt sucht oder der anderen durch seine Zuversicht zu neuer Hoffnung verhilft?

Wer in Gefahr ist, zum Pessimisten zu werden, der sollte einmal auf all das Hoffnungsvolle schauen, das sich um uns ereignet.

Mit dem heutigen Fest treten wir in die große Pfingstnovene ein. Er, Jesus verspricht uns allen den Heiligen Geist. Er ist der Geist, mit dem wir gefirmt worden sind. Er gibt uns die Kraft zum Leben, den Mut zur Nachfolge. Er bewirkt in uns, dass wir Gott in unserem Leben entdecken können und dass wir Jesus in dieser Welt erkennen, ja IHM lebendig begegnen. Er treibt uns an, dass wir nicht nachlassen, uns in dieser Welt, in unseren Gemeinschaften, Gemeinden und Familien für das Gute, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Liebe unter den Menschen, also für den Himmel einsetzen.

Wenn wir immer wieder um die Entfaltung des uns geschenkten Heiligen Geistes beten, dann kann er bewirken, dass wir nicht lau werden, sondern dass in all unserem Tun Feuer steckt, dass wir zu feurigen, begeisterten Christen werden. Dann sind wir alles andere als Träumer und Utopisten, sondern Menschen, die Zeugnis geben, nicht abgehoben, sondern mitten drin.

Ja, dann sind wir wie Leuchttürme. Dann werden sicher – und das bewirkt auch Gottes Geist – andere Menschen erkennen und erfahren dürfen: Ja, der Herr lebt. Der Himmel hat jetzt schon hier unter uns Menschen, ja sogar in mir selbst, begonnen.

Ich möchte schließen mit Worten von Wilhelm Willms:

Gott, lass uns nicht ins Leere schauen.
Lass uns nicht in falsche Richtungen schauen.
Lass uns nicht Zeit verlieren.
Gib, dass wir uns nicht vertrösten lassen auf später.
Denn der Himmel ist an Ort und Stelle.
Der Himmel ist zwischen uns.
Der Himmel ist in uns und unter uns.
Der Himmel ist heute und war gestern schon.
Der Himmel wird morgen sein und übermorgen.
Amen.