von Br. Benjamin Altemeier OSB

Liebe Schwestern, liebe Brüder, lieber Emmanuel!

Während einer zurückliegenden Exerzitienwoche ging Prof. Peter Knauer auf die Frage ein, ob nur die Menschen von Gott geliebt seien, die getauft sind. Er hat damals ein Bild genutzt, das ich auch heute noch ansprechend finde. Die Taufe ist wie eine Fahne, und die Liebe Gottes ist wie der Wind. Durch die Fahne wird der Wind sichtbar, und in der Taufe wird die Liebe Gottes für den Menschen sichtbar und im Zuspruch zugesagt. Als sich heute für Jesus der Himmel in der Taufe geöffnet hat und Gott zu ihm sprach: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen gefunden habe!“,  hat sich in gleicher Weise für uns dieser Himmel geöffnet, und Gott spricht zu uns: „Du bist meine geliebte Tochter, mein geliebter Sohn!“ Uns allen, die wir hier versammelt sind oder uns an anderen Orten befinden, gilt dieser Zuspruch. Das ist wesentlich.

Vor allem öffentlichen Wirken Jesu kommt zuerst der Zuspruch des Vaters. Vor aller Arbeit, vor allem Erfolg, vor allem Verdienst kommt der Zuspruch des Vaters zu uns. Du bist geliebt, weil du bist. Lieber Emmanuel, Dir ist den Jahren Graf Dürckheim zu einer zentralen Person geworden. Er ist ein Lehrer der Initiation. Die Taufe ist ein Initiationsmoment. Hier wird uns zugesagt, dass wir Kinder unserer Eltern und Kinder Gottes zugleich sind.

Während einer Führung mit Familien fragte mich ein Kind. Warum müssen die Mönche so viel beten? Kinder stellen ja häufig die besten Fragen. Ich musste ein wenig überlegen, und dann antwortete ich: Damit wir nicht vergessen, dass wir geliebte Kinder Gottes sind. Mit dieser Antwort war das Kind zufrieden. Wenn wir uns hier, wie in der Profess versprochen,  zum Gebet versammeln, dann eben auch, damit wir nicht vergessen, dass wir geliebte Kinder Gottes sind. Im Mönchtum gibt es den Begriff der „Ruminatio“, des Durchkauens der heiligen Schriften. Damit ist gemeint, dass wir nicht nur die Botschaft Jesu hören, sondern dass sie uns in Fleisch und Blut übergeht. Dass wir also nicht nur die Botschaft Jesu hören, sondern auch in unserem Leib abbilden. Die Botschaft Jesu, die im Wesentlichen aussagt: „Liebt einander, wie ich euch geliebt.“

Urteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden.
Vergebt einander, dann wird auch euch vergeben werden.
Habt Erbarmen mit den am Rande Stehenden, den Armen und Verzweifelten, und euch wird Erbarmen zuteil.

Das ist dann gelebte Nachfolge. Dann lebt das in mir, was in einem Gebet Christian de Chergé, der ermordete Prior der Trappisten von Tibhirine, so ausgedrückt hat: Ich in Ihm, Er in mir.  (Bruder Emmanuel hat dieses Gebet auf der Einladung zu seiner Silberprofess abdrucken lassen.)

Das Fest der Taufe Jesu ist ein Fest der Begegnung. Wir können es auch als Dreifaltigkeitsfest feiern. Die Begegnung Gottes mit seinem geliebten Sohn im heiligen Geist am Fluss Jordan. Martin Buber schreibt: Alles Wesentliche ist Begegnung. Gott ist Bezogenheit im dreifaltigen Sinne untereinander, aber eben auch in der Hinwendung zu uns Menschen. Und so leben wir unsere Nachfolge nicht in sterilen Räumen frömmelnder Ichbezogenheit, sondern in der konkreten Zuwendung zum Nächsten. Das meint der heilige Benedikt, wenn er im Gast, aber auch im Kranken Christus begegnet. Und vielleicht gelingen uns manche Begegnungen, und manche misslingen, aber all das ist besser als ein abgeschottetes, reines und steriles Christentum. Vorausgesetzt, die Begegnungen finden auf Augenhöhe statt, weil ja der Nächste genauso ein geliebter Sohn, eine geliebte Tochter ist wie ich.

Das Fest der Taufe Jesu ist ein Schwellenfest. Es schließt den Weihnachtfestkreis ab. Ab morgen ist wieder Alltag. Aber heute, lieber Emmanuel, feiern wir Deine Silberprofess. Bei einer unserer Wanderungen hast Du mir erzählt, dass Du ein weihnachtlicher Typ bist. Das drückt sich ja auch in Deinem Namen aus, der Dir überaus wichtig ist. Die Menschwerdung Gottes, damit alles auf dieser Erde geheiligt sei. Das ist Dir wichtig. Schwellenfest heißt aber auch: Übergang in den Alltag. Die Treue zu halten, manchmal auch auszuhalten, wie in der Profess versprochen. In guten wie in bösen Tagen. Auszuhalten, wenn das Gebet oder die Arbeit gerade nicht eine Aufeinanderfolge von Höhepunkten sind. Die Mühen der Ebene weitergehen. Das ist gelebte benediktinische Stabilitas.

Das Fest der Taufe Jesu ist ein Fest, welches das Leid nicht ausschließt. Denn die gleichen Worte, die wir eben gehört haben, hören wir am Berg der Verklärung wieder. Diesmal unmittelbar vor dem Leiden Jesu. Dieses Leiden führt zu Tod und Auferstehung Jesu. Und auch hier sind wir hineingenommen. Unser Leid ist nicht grenzenlos. Es findet sein Ende in der Auferstehung.

Zuletzt: Das Fest der Taufe Jesu ist ein Fest der Sinnstiftung. Ein jeder von uns hat seinen Ursprung aus Gott, von Ihm kommen wir. Wir sind, weil Gott möchte, dass wir sind. Das ist der Sinn unseres Lebens. Und in der Auferstehung ist das Ziel unseres Lebens vorgezeichnet. Unsere endgültige Heimat ist im Himmel. Amen.