von P. Cosmas Hoffmann OSB

Spätestens seit der nun allgemein bekannten AHA-Regel und den an allen öffentlichen Orten bereitstehenden Spendern von Desinfektionsmitteln ist der Begriff Hygiene ein sehr alltäglicher geworden.
Das Wort „Hygiene“ leitet sich vom griechischen Wort für Gesundheit hygíeia ab, das zugleich der Name der für die Gesundheit zuständigen Göttin ist.

Die identische Bezeichnung von Göttin und Zuständigkeitsbereich macht deutlich, wie eng der Zusammenhang von hygienischen Maßnahmen und religiösen Geboten und Verboten in den großen antiken Kulturen gewesen ist.
Im Wissen darum, dass der Mensch bei all seinen Bemühungen und Sorgen um Gesundheit und Wohlergehen diese letztlich nicht mit seinen Mitteln völlig sichern kann, sondern des Beistands höherer Mächte bedarf, wurden Regeln und Maßnahmen zur Gewährleistung von Gesundheit und Wohlergehen des Volkes religiös sanktioniert, um ihre Einhaltung zu sichern.
So finden sich in den religiösen Traditionen vieler Völker und Kulturen, vor allem im Kontext von Gottesdienst, Essen und Trinken, Reinigungsgebote und -riten, die nicht nur als Teil des religiösen Lebens beachtet werden, sondern auch als Ausdruck der eigenen Kultur, der Zivilisation überhaupt gelten und die Identität und das Selbstwertgefühl dieser Völker prägen.

Wie in der heutigen Lesung aus dem Buch Deuteronomium deutlich wird, gilt das auch vom Volk Israel, wenn es heißt: „Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk. … welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?“

Israels Auszeichnung vor allen Völkern ist seine Erwählung durch Gott, der ihm seine Weisung, die Tora, gegeben hat, damit es so das Leben hat.
Um zu verhindern, dass die göttlich Weisung übertreten wird, kam es in der Folge zu Ausführungsbestimmungen, d.h. zu konkreten Regeln, die das Gesetz auf alltägliche Situationen anwendeten. Später nannte man dies „den Zaun des Gesetzes“, denn so wie der Zaun um einen Garten diesen schützen soll, sollen diese Regeln die Einhaltung des Gesetzes garantieren.
Allerdings besteht dabei die Gefahr, dass dann mehr auf die äußerliche Einhaltung der menschlichen Regeln geachtet wird, als auf das eigentliche Anliegen. Dass es zu einer Veräußerlichung kommt, die das alltägliche Leben einschnürt und den inneren Sinn der Weisungen aus dem Blick verliert.

Genau diese Entwicklung kritisieren schon die Propheten Israels, so heißt es im Buch des Propheten Jesaja: „Dieses Volk ehrt mich mit seinen Lippen, sein Herz aber ist fern von mir. Ihre Furcht vor mir wurde zu einem angelernten menschlichen Gebot“ (vgl. Jes 29,13; Mk 7,6b-7).

Diese Kritik nimmt Jesus im heutigen Evangelium auf und erinnert daran, dass es bei aller Achtsamkeit für die äußere Reinheit, letztlich auf die Reinheit des Herzens ankommt.

Jesus lehnt Reinheit und Hygiene nicht ab, doch ihm geht es zuerst um die Hygiene des Herzens, in der die Reinheit von Gedanken, Worten und Werken gründet, denn „Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein“ (Mk 7,20-23).

Während Jesus hier betont, dass aus dem Inneren, dem Herzen das Böse hervorgeht, sagt er in der Bergpredigt, dass die Folge eines reinen Herzen die Schau Gottes ist: „Selig die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). Das Herz hier als Quelle des Guten.

Doch was macht das Herz rein? Wie wird es rein? Wer sind die Menschen mit reinem Herzen, die im Geist der Bergpredigt Gott schauen können? Wer oder was kann das Herz reinigen und wie kann es rein bewahrt werden? Und woran erkennt man ein reines Herz?

Diese Fragen beschäftigten vor allem das frühe Mönchtum, dessen erklärtes Ziel die contemplatio Dei[1] die möglichst beständige Betrachtung Gottes, die andauernde Ausrichtung auf ihn war.

Dabei verglichen sie das reine Herz in seiner Ruhe mit der Oberfläche eines spiegelglatten Sees, in dem sich der Himmel spiegelt. Doch die Wirklichkeit des menschlichen Herzens ist eher von unruhigem Wogen und Tosen geprägt. Gedanken, Gefühle, Impulse treiben ihn um und das Licht des Himmels wird in unzähligen Wellen und Wogen gebrochen.
Um das Herz zur Ruhe zu bringen, empfehlen die Mönchsväter und –mütter, die Stille zu suchen, sich an Christus, am Wort Gottes festzumachen, das unruhige Herz immer wieder in die heilende Gegenwart Gottes zu bringen.
Der heilige Benedikt ermutigt dazu, den Weg der Gebote Gottes zu gehen und im Glauben voranzuschreiten, damit der Geist Gottes das Herz berühren, es weiten und rein machen kann, und das unsagbare Glück der Liebe in ihm weckt.

Denn das ist ein reines Herz, das nicht in sich verschlossen ist, sondern aus der lebendigen Beziehung zu Gott, zu sich und zum Nächsten lebt.

Wenn wir uns wirklich und ernsthaft um die Gottes- und Nächstenliebe mühen und so unsere Herzen von allem reinigen, was uns voneinander und von Gott trennt, dann werden wir selbst Formen finden, uns in Liebe mit Gott und den Menschen zu verbinden. Wir werden uns als Erstes fragen, ob wir die Liebe leben und nicht, ob wir die Vorschriften auch peinlich eingehalten haben.
Der Prüfstein für die Reinheit des Herzens ist somit das Verhältnis zum Nächsten, vor allem die Wahrnehmung des anderen, der Umgang mit ihm und das Denken über ihn.

Sehr schön bringt das ein Wort des Mönchsvater Isaak von Ninive (+ um 700) zum Ausdruck:
„Ein junger Mann fragte: „Wie kann einer wissen, ob sein Herz rein ist?“
Der Lehrer antwortete: „Vollkommene Reinheit hat der erlangt, der alle Menschen in einem guten Licht sieht und von niemanden den Eindruck hat, er wäre unrein oder verdorben. Ein solcher Mensch hat vollkommene Reinheit erlangt.“

[1] Cassian, Conlationes 1,15f.