von P. Klaus-Ludger Söbbeler OSB

„Mensch, – öffne dich!“

Es gehört zu den wirklich schönen Seiten meines Lehrerberufs, manchmal miterleben zu dürfen, wie jemand von Taubheit und Stummheit geheilt wird. Fast in jeder Lerngruppe stößt man auf den einen oder anderen Schüler, der offenkundig „nichts mitbekommt“ und, sauerländisch gesprochen, „die Zähne nicht auseinanderkriegt“. Jeder Versuch, daran durch gutes Zureden oder durch mehr oder weniger starken Druck etwas zu ändern, läuft monate-, manchmal jahrelang ins Leere. Garantiert völlig fruchtlos bleibt der berüchtigte Elternsprechtagssatz: „Er/sie muss mündlich besser werden.“ Im Gegenteil: Je verbissener man als Lehrer versucht, auf jemanden einzureden, desto verschlossener wird er.

Denn: Wer nicht hören und sprechen kann, hat Angst und hat das Vertrauen verloren.
Da braucht es Zuwendung und den langen Atem, der sich auch dann nicht entmutigen lässt, wenn nichts zu helfen scheint. Helfen wird da nur eins: Daran glauben, dass jemand mehr ist und kann, als er sich zu zeigen traut. Und oft, völlig überraschend und meist in einem Zusammenhang, in dem man nicht damit gerechnet hätte, sieht man einer solchen Schülerin, einem solchen Schüler auf einmal an, dass er/sie zuhört, dass er/sie aufnimmt, was sich abspielt. Und schließlich, im nächsten Schritt, redet sie/er mit, macht sein/ihr Wort. Auf einmal sitzt da nicht mehr ein Menschlein, das herumsitzt wie ein geprügelter Hund, sondern da steht jemand, der einem in die Augen schaut und ein wirkliches Gegenüber ist. Es ist buchstäblich „wunder“bar, wenn man so etwas erleben darf und vielleicht ein bisschen dazu beigetragen hat.

Wie Jesus ein solches Wunder bewirkt, davon erzählt der gerade gelesene Abschnitt aus dem Markusevangelium. Ganz sicher verfügte Jesus über so etwas wie eine „therapeutische Naturbegabung“. Aber das wirkliche Geheimnis hinter dem Gelingen dieser Heilung liegt darin, dass Jesus diesem Menschen die Angst nahm, nur Unerträgliches zu hören zu bekommen und sowieso von niemandem gehört zu werden. Jesus gab ihm die Er-innerung daran zurück, dass der allererste Satz, der ihm gesagt worden ist ein bedingungsloses „JA“ gewesen ist: Ja, ich, Gott, will dass es dich gibt, dich, so wie du bist. Und: Ich, Gott, warte seitdem darauf, dass du endlich antwortest. Egal wie lange es dauert, ich lasse mich von meinem Vertrauen zu dir nicht abbringen, auch wenn Du dich bis zur Verstocktheit betäubst und meinst, du könntest nur stumm und stotternd am Rand des Geschehens herumsitzen.

Taubheit und Stummheit zu heilen, setzt voraus, ohne Wenn und Aber daran festzuhalten, dass der innerste Kern meiner selbst und jedes Menschen in diesem einen besteht: Ich bin, du bist von Gott gewollt und dazu ins Leben gekommen, dass sich deine Begabung zum Lieben, zum Hören, zum Sprechen und zum Handeln entfaltet. Ja, es stimmt, dass ich mir selbst und meinen Menschenschwestern und –brüdern geschenkt bin, um mit ihnen in lebendiger und liebender Beziehung, im Wechselspiel von Hören und Antworten zu leben.

Die gegenwärtige Weltlage, die gesellschaftliche und nicht zuletzt unsere kirchliche Situation kann einen stumm machen, kann einen dazu treiben sich so zu betäuben, dass man nichts mehr mitbekommt. Auch hier merken wir: Den Druck und die Betriebsamkeit immer mehr erhöhen, macht nur noch tauber und stummer. Immer schmerzhafter wird dann, dass wir vor lauter Tumult in uns und um uns einander nicht hören können und wollen und dass das Durcheinander einem die Sprache verschlägt.

Hier ist gefragt, sich an dem zu orientieren, was Jesus für den Taubstummen tut: Beiseite gehen, um sich dem Bann des „Drunter und Drüber“ zu entziehen. Einen Menschen so berühren, dass er seine Angst hinter sich lassen kann, um den Blick auf Gott zu richten, der in seinem Innersten auf ihn wartet und ihm so vermitteln, dass in dem Wort „Effata“: – „Öffne dich“ – nicht Bedrohung und Überforderung stecken, sondern Erlösung und Befreiung.

So kann geschehen, was wir in der gegenwärtigen Drucksituation grundlegend brauchen: Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.

Diese Dimension unseres Glaubens ist jeder und jedem von uns in der Taufe zugesprochen. Zur Feier der Taufe gehört unter anderem der „Effata-Ritus“, der offensichtlich dem heutigen Evangelium nachgebildet ist: Der Taufende berührt den Täufling am Ohr und am Mund und sagt dazu: „Effata, Mensch, tu dich auf!“

Das ist der Zuspruch und Anspruch der Taufgnade, in deren Kraft jede Christin und jeder Christ den Weg durchs Leben gehen darf: Mensch, öffne dich und höre mit dem Ohr deines Herzens, dass Gott vor allem anderen „JA“ zu dir gesagt hat. – Mensch, öffne dich und sag‘ deinen Menschenschwestern und –brüdern dieses göttliche Grundwort, aus dem du selber lebst: JA, es ist gut, dass es dich gibt.