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von Abt Stephan Schröer OSB

Meine Schwestern, meine Brüder,

in einer bedrückenden, verwirrenden und bedrohlichen Zeit feiern wir Gottesdienst, heute am Gründonnerstag. Politische Skandale, Korruption, Gewalt und Elend in vielen Teilen unserer Welt. Die Kirche wie gelähmt angesichts mancher Unglaubwürdigkeit, mancher ungelöster Fragen und mancher interner Erschütterungen, und das begleitet von vielen Menschen, die sich von ihr verabschieden.

Und die Corona-Pandemie, die nun schon lange dauert und wohl noch dauern wird, der Druck der steigenden Zahlen, die Unsicherheit, wie es weiter geht, und all das, was uns im Alltag ganz nah und persönlich berührt. Eine Fülle von Nachrichten stürzt auf uns ein, oft widersprüchlich, oft im nächsten Augenblick von einer neuen Meldung überholt. Oft ist es schwer, sich ein Bild zu machen und eine verlässliche Orientierung zu finden. Eine verwirrende Zeit.

Wenn ich mit Freunden spreche, oder mit meinen Brüdern, spüre ich, wie die Pandemie auch unsere Gespräche begleitet. Durchaus einsichtig ist vieles, was geregelt werden muss, aber auch mancher Unmut und manches Unverständnis ist nicht zu überhören.

Für viele ist es eine schwere Zeit, wenn im nächsten Umfeld jemand „coronabedingt“ erkrankt, wenn es im Beruf nicht läuft, oder in der Ausbildung, in der Schule, im Studium, wenn diese Zeit mir manche Einschränkung zumutet, wenn Reisen nicht möglich sind oder kulturelle Ereignisse oder Familienfeste.

Ganz direkt spüren wir es, wenn alltägliche Kontakte nicht sein können, und Distanzregelungen selbstverständliche Nähe verbieten, wenn man sich nicht treffen, nicht besuchen kann und gemeinsame Unternehmungen gestrichen werden.

Viele sind allein. Viele sind müde, verdrossen und gereizt. Viele sind einsam.

Wir, meine Brüder und Sie, die Sie uns im Internet begleiten, feiern heute Gründonnerstag. Wir feiern in einer leeren Kirche. Das ist für mich kein schöner Anblick, der verlassene große Raum und die leeren Bänke.

Und traurig erinnere ich mich an die früheren Jahre, in denen wir gerade in den Kar- und Ostertagen mit vielen Menschen zusammen sein und feiern konnten, darunter auch die, die immer wieder kamen und für uns ein vertrauter Teil von Ostern waren.

Meine Schwestern, meine Brüder,

Sie, die Sie jetzt über das Internet dabei sind, möchte ich ganz herzlich auch im Namen meiner Brüder begrüßen. Ich möchte uns allen wünschen, dass wir trotz der Distanz etwas von dem Gemeinsamen erfahren dürfen, was uns gerade heute, am Gründonnerstag, miteinander verbindet. Fühlen sie sich in den Kreis unserer Gemeinschaft hineingenommen, so gut es geht.

Ein Mahl feiern wir heute.

Der Apostel Paulus hat uns gerade im ersten Brief an die Korinther daran erinnert, und der Evangelist Johannes. Kurze Texte sind es, aber sehr eindringlich und  denen, die sich Christen nennen, vertraut wie kaum andere Worte der Heiligen Schrift.

Johannes erinnert  kurz und bündig:  „Es fand ein Mahl statt.“

Ein Mahl, das ist Alltag, die Mitte des Alltags. Der Ort, sich zu treffen, sich zu stärken, zu erzählen, gemeinsam zu überlegen und zu planen, zu genießen und zu spüren, wir gehören zusammen.

„Es fand ein Mahl statt.“

Und es war ein besonderes Mahl. Paulus hat es uns gerade erklärt, wenn er sagt:

„Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Tut dies, so oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“

Wenn ich in der Bibel lese, sind oft gerade die kurzen Worte, die von Jesus erzählen, auch die, die mich am meisten bewegen und in der Erinnerung lebendig bleiben.

Und noch etwas:

Wir wissen auch, wie oft die Stunden vor wichtigen Ereignissen eine besondere Bedeutung bekommen. Vielleicht erschließt es sich erst im Rückblick. Auch hier  wissen wir um die dunklen Tage, die kommen werden: Die Verurteilung Jesu, sein Leiden, sein Tod, und: das Unglaubliche seiner Auferstehung.

Und die Aufforderung „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ fordert unsere Antwort und nimmt uns in die Verantwortung, bis heute. Das letzte Abendmahl Jesu feiern wir als sein Vermächtnis, jetzt, in dieser Stunde, wie so oft.

Gott selbst wählt das Mahl als Zeichen seiner Fürsorge. So kümmert er sich um uns Menschen. Er will uns nah sein und uns stärken. Er lässt uns nicht im Stich

Es geht  um die verborgene Gegenwart Jesu in unserer Mitte Nicht umsonst sprechen wir vom Geheimnis unseres Glaubens, um dann zu bestätigen:

„Deinen Tod , o Herr, verkünden wir,
und deine Auferstehung preisen wir,
bis du kommst in Herrlichkeit.“

Wie gesagt: „Wir“.

Es geht nicht nur um Erinnerung, heute am Gründonnerstag. Erinnerung wird Gegenwart.

Und wenn wir, die Gemeinschaft der Mönche, gleich einen großen Kreis um den Altar, den Ort des Abendmahls, bilden, spüren wir, wie sehr es hier um die Mitte unseres Glaubens geht und uns diese Mitte zusammen bindet. So sehr mich auch unsere leere Kirche in diesem Jahr traurig stimmt, im Wechselspiel der Steinmauern und der Lichtöffnungen erlebe ich ganz neu und klar, wie sehr alles auf den Altar hin ausgerichtet  ist, wie unsere Kirche um diesen  Altar herum gebaut ist und den Blick frei gibt auf das, was wir heute feiern. Gemeinschaft in Gottes Gegenwart.

„Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Das fordert unsere Antwort.

Und wenn der Evangelist Johannes menschlich anrührend davon erzählt, dass Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht und sie so einlädt, einander zu dienen, unterstreicht das für mich noch einmal, wie sehr Gottes Gegenwart seinen Ort in unserem Alltag hat, mit uns zu tun hat, und wie sehr wir in der Pflicht sind, diesen Alltag zu gestalten, durch unseren Dienst.

Meine Schwestern, meine Brüder,

wir feiern Gründonnerstag in der Zeit der Pandemie. Wir feiern in einer leeren Kirche. Wir feiern in einer schweren Zeit. Müde fühlen wir uns vielleicht, gereizt und einsam.

Andererseits feiern wir die bergende Gegenwart Gottes. Das hat mit Trost zu tun und mit der Ahnung, ja der Sehnsucht, was Alltag, was Leben in seinem Reichtum sein kann Und mit der Gelassenheit, daran mitwirken zu dürfen. Das Abendmahl Jesu mit den Jüngern, ein immer neuer Beginn zu einer gastlichen Welt.

In diesen Tagen werden es wahrscheinlich nur ganz kleine Schritte sein, die wir gehen können. Der aufmerksame Blick auf die, die einsam sind, und dankbar sind für einen Gruß, einen Besuch oder ein Gespräch, eine Ermunterung oder eine Hilfe im Alltag.

Und wenn Sie heute Abend in der kleinen Runde der Familie oder der Freunde Mahl halten, und wenn wir, die Mönche, uns in unserem Refektorium zu einem festlichen Abendessen und zu einem Glas Wein versammeln, erfahren wir mit aller Dankbarkeit, was wir aneinander haben. Und dass wir Kraft schöpfen dürfen, um aufzubrechen, in aller Gelassenheit, weil Gott dabei ist.

Zum Schluss nur noch dieses kurze Wort an die Freunde unserer Gemeinschaft, die sonst ganz selbstverständlich hier mit uns Ostern gefeiert haben. Ich hoffe, dass wir im kommenden Jahr wieder gemeinsam diese Tage begehen können und im wirklich großen Kreis Gründonnerstag Abendmahl halten können, um danach in vertrauter Runde zusammen zu sein. Ich freue mich darauf, dass wir uns wiedersehen.

26 Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie Simon, einen Mann aus Kyrene, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage. 27 Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. 28 Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder! 29 Denn siehe, es kommen Tage, da wird man sagen: Selig die Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. 30 Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns! und zu den Hügeln: Deckt uns zu! 31 Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden? (Lk 23,26-31)

An den letzten drei Tagen der Karwoche folgt der Schluss des 23. Kapitels des Lukasevangeliums. Dieser wird besonders von einem Thema bestimmt: Jesus trifft auf seinem Leidensweg – bis in die Kreuzigung hinein – auf verschiedene Menschen und Menschengruppen. Seine Situation und seine Worte fordern die Anwesenden hierbei heraus und beziehen sie mit ein. Sein Leiden betrifft nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern auch das Schicksal zahlreicher anderer Menschen.

Wir können in gewisser Weise auch uns selbst zu den Anwesenden zählen, die Jesus auf dem Weg zum Kreuz beobachten, dieser abscheulichen Situation beiwohnen und sich ihr stellen müssen.

Wir begegnen also im heutigen Text- oder Wegabschnitt zuerst Simon von Kyrene, der das Kreuz Christi ein Stück weit hinter ihm herträgt. Anschließend stoßen wir auf eine große Volksmenge, die um Jesus klagt und weint. Sie nimmt Anteil an seinem Leid, obwohl sie zu der Gruppe gehört, die noch kurz vorher skandierten, Jesus müsse gekreuzigt werden, nämlich den Einwohnern Jerusalems. Womöglich finden sich in dieser Gruppe einige, die ebenfalls um Jesu Kreuzigung mitgebrüllt haben, und die es nun reut?

Wo stehe ich selbst als Anwesender?

Vermutlich geht es Ihnen, liebe*r Leser*In, wie mir: Ich nehme mich im Alltag meist ambivalent wahr, das heißt zum einen, ich ähnele manchmal (hoffentlich) dem Simon von Kyrene, der das Kreuz hinter Christus herträgt, und ihm so ein Stück weit in seiner Sache hilft.
Andere Male nehme ich aber wahr, wie ich an meinem Nächsten verräterisch handle, wie ich gegen ihn sündige, ähnlich wie es die Jerusalemer Bevölkerung getan hat, die Jesus ans Kreuz bringen wollte.

Jesus prophezeit dieser Gruppe Unheil. Das mag auch mich – angesichts meiner eigenen Verfehlungen – ganz real erschrecken, aber ich hoffe, dass die Absicht Jesu hierbei auch nur das Hervorrufen eben dieser Reaktion ist. So kann es sich bei dieser Prophezeiung weniger um ernste Feindschaft gegenüber den Bewohnern Jerusalems und auch mir handeln, sondern vielmehr um einen Aufruf zur Achtung vor der Allmacht des richtenden Gottes. Soll heißen: Sie wäre so etwas wie ein versteckter Wehe-Ruf, der zur Reue, zum Sich-Beklagen und schließlich zur Umkehr führt!

Durch Christi Passion und die mir ohne eigene Leistung erwiesene Liebe ist mir bereits meine Erlösung bewusst. Gott sei Dank!
Aber durch das Erkennen meiner eigenen Schuld kann ich stets neu auf den Weg der Umkehr geraten, mich so der Gottes- und Nächstenliebe neu öffnen und durch mein Handeln mir und der Welt Gottes Heil schon jetzt erfahrbarer machen.

So werden wir mit diesem Textabschnitt aufgerufen, den Gewinn der Passion entgegenzunehmen.

Br. Josef Ellendorff OSB

von P. Erasmus Kulke OSB

„Freiheit, Freiheit – ist die einzige, die fehlt“. So, liebe Schwestern und Brüder, heißt es in einer bekannten Rockballade von Marius Müller-Westernhagen, die zu einer Art Hymne der Befreiung von der DDR-Diktatur und der deutschen Wiedervereinigung wurde. Freiheit, Freiheit ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen, eine tiefe Sehnsucht in jedem von uns. Frei zu sein von inneren und äußeren Zwängen, frei zu sein von Sorgen und Ängsten, frei zu sein, das zu tun, was man will und was einem wichtig ist, frei zu sein, sich selbst zu verwirklichen, seinen eigenen Weg zu gehen und Glück, Erfüllung, Sinn und Frieden zu finden. Und es schmerzt uns oder wird gar unerträglich, wenn sie fehlt, die Freiheit.

Und sie fehlt uns in diesen Tagen und Wochen der Corona-Krise ganz deutlich. Wir sind zurzeit stark eingeschränkt.
Vieles ist gerade nicht möglich, nicht erlaubt. Durch staatliche Anordnungen verboten. Die sind zwar sinnvoll und
notwendig, aber trotzdem macht es uns das Leben mitunter schwer. Wir müssen Distanz zueinander wahren, auch wenn wir gerade jetzt das Bedürfnis nach Nähe verspüren. Und viele von uns sind in diesen Tagen sicher auch nicht frei von Sorgen und Ängsten.

Doch wie frei waren wir eigentlich vor Corona? Wie frei waren und sind wir in einer Welt, in der Werbung und Medien uns subtil manipulieren und einflüstern, was wir alles brauchen, um glücklich zu sein, um „jemand“ zu sein? Wie frei sind wir in einer Welt, in der die Wirtschaft in hohem und zunehmenden Maße die Politik und Gesetzgebung bestimmt, in der es immer mehr nur um Gewinnmaximierung geht und der einzelne Mensch zum Mittel zum Zweck degradiert wird, in der die Kluft zwischen reich und arm immer größer wird, in der die soziale Marktwirtschaft immer mehr zu einem unmenschlichen und gnadenlosen Kapitalismus verkommt. Wie frei sind wir in einer Welt, in der unsere Demokratien, die doch für unsere Freiheit sorgen, immer stärker gefährdet sind, weil rechtspopulistische Ideen und Gruppen immer mehr Gehör und Anhänger finden und unsere Gesellschaften immer stärker gespalten und zerrissen sind, in der ein friedliches Zusammenleben und geteilter Wohlstand bedroht werden,
weil es vielen Nationen anscheinend nur noch um die eigenen Interessen geht und aus dem Blick gerät, dass wir Menschen alle Teil ein weltweiten Schicksalsgemeinschaft sind, Schwestern und Brüder.

Vieles wird uns jetzt in dieser Krise deutlich und erfährt eine erste Korrektur. Wir besinnen uns wieder darauf, was wirklich wichtig ist im Leben. Solidarität, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe nehmen wieder spürbar zu. Sind das nicht schon erste Schritte auf dem Weg zu mehr Freiheit? Und es gibt Stimmen, die sagen, die Krise muss noch ein wenig länger dauern, damit wir wirklich dauerhaft daraus lernen und unsere Welt sich dadurch nachhaltig zum Positiven verändert, auch wenn das für manche zynisch klingen mag. Doch warum rede ich die ganze Zeit von Freiheit? Weil mir dieses Thema aus den heutigen Lesungen sehr deutlich entgegenkommt. Und weil sie uns viel Ermutigendes dazu zu sagen haben.

Da ist das Volk Israel, das in Ägypten unterdrückt wird und versklavt ist. Doch Gott lässt sein Volk nicht im Stich. Er
offenbart sich dem Mose als der Ich bin da, der das Elend seines Volkes sieht und sein Leid kennt, der die Initiative
ergreift, um an der Seite der Israeliten gegen ihre Unterdrücker zu kämpfen und sie aus der Knechtschaft in die Freiheit zu führen. Direkt vor dem Aufbruch in die Freiheit stärkt sich das Volk nach göttlicher Anordnung mit einem gemeinsamen besonderen Mahl, dem Pessach- oder Paschamahl. Wir haben davon in der Lesung gehört. Das Pessachmahl ist also ein Mahl der Befreiung, in dem der Glaube, dass Gott all denen nahe ist, die in Unfreiheit leben und die leiden, lebendig wird.

Heute gedenken wir insbesondere des letzten Abendmahls, das Jesus mit seinen Jüngern gehalten hat. Hier hat Jesus, der Immanuel, der Gott mit uns, diesem Pessachmahl eine neue Bedeutung verliehen, indem er es mit seiner eigenen Lebenshingabe verbunden und uns als wertvolle Erinnerung daran hinterlassen hat. So erinnert uns dieses Mahl daran, wie unermesslich die Liebe Gottes ist, mit der er uns liebt, bedingungslos. Eine Liebe, die bis zum letzten geht, in der sich Gott in Jesus selbst ganz und gar hingibt. Es ist, wie das Exsultet in der Osternacht besingen wird, die „unbegreifliche Liebe des Vaters, die den Sohn dahingibt, um den Knecht zu erlösen“. Ja, Gott hat das Elend der Menschen, unser Elend gesehen. Wir sind verstrickt und gefangen in den Strukturen des Bösen, der Sünde. Wir leiden darunter und haben selbst Anteil daran. Eine Sünde verursacht die nächste. Eine Aktion zieht die nächste Re-aktion nach sich. Ein Teufelskreis. Durch seinen Tod am Kreuz, durch sein Opfer, hat Jesus uns daraus befreit. Er hat die Macht der Sünde für uns durchbrochen, indem er auf die Gewalt nicht mit Gegengewalt geantwortet hat, sondern sie aus Liebe scheinbar ohnmächtig erlitten hat.

Und wenn ich Gott seine maßlose Liebe zu mir glaube, und erkenne, was er am Kreuz für mich getan hat, – und das bringen wir in jeder Eucharistiefeier zum Ausdruck – dann wird mich das innerlich frei machen. Frei von Angst und Sorge, weil ich dann keine Angst mehr um mich selbst, mein kleines, oft so schnell gekränktes und eitles Ego haben muss. Denn dann weiß ich mich ja vollkommen umfangen und getragen von der Liebe Gottes, die alles Verstehen übersteigt. Dann stehe ich auch nicht mehr unter dem Zwang, mich selbst verwirklichen zu müssen, womöglich auf Kosten anderer, sondern dann wird es mir ein inneres Bedürfnis sein, auf diese Liebe mit meiner Liebe zu antworten, mich selbst in Liebe an Gott und die Menschen hinzugeben. Und gerade darin, indem ich mich selbst loslasse und hingebe, werde ich mich selbst finden, mich selbst verwirklichen, weil Gott uns als sein Ebenbild so angelegt hat, als Mitliebende, weil es unserer tiefsten Wahrheit entspricht. Und ich werde dabei Jesus ganz nahe sein, weil ich ihm dann nacheifere, in seinen Spuren gehe.

Er lebte ganz aus dieser Liebe Gottes. Er wusste sich in dieser Liebe ganz geborgen. Im Evangelium heißt es, dass Jesus „wusste, dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte.“ Und deswegen war er innerlich ganz frei und konnte alles loslassen. Deswegen konnte er zum Sklaven werden, indem er, der Meister und Herr, seinen Jüngern die Füße wusch. Und deswegen konnte er zuletzt auch sein Leben loslassen. Das Mahl der Liebe, das Jesus uns hinterlassen und in dem er seinen Tod vorweggenommen hat, und das Beispiel seines Dienstes an uns im Zeichen der Fußwaschung, will uns frei machen. Frei von allen inneren Zwängen, von aller Angst und Sorge, ja, selbst von der Angst vor dem Tod, und frei zum Dienen, frei mich selbst loszulassen. Wenn wir also ernsthaft glauben, was wir heute und in diesen Tagen feiern, oder zumindest es immer mehr glauben, dann wird es uns, dann
wird es die Welt verändern. Der heutige Tag und auch die nächsten Tage wollen uns in diesem Glauben stärken. Öffnen wir uns für diese Botschaft! Öffnen wir dafür nicht nur unseren Verstand, sondern auch unsere Herzen, damit dieser Glaube uns wirklich ganz durchdringen und erfüllen kann!

Und so möchte ich Ihnen am Schluss meiner Predigt die letzten Zeilen des Liedes „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen mitgeben, die lauten: „Alle die von Freiheit träumen, sollen’s Feiern nicht versäumen, sollen tanzen auch auf Gräbern, Freiheit …“

Ja, Feiern und Tanzen, heute, am Gründonnerstag noch verhalten und Ostern dann aus ganzem, aus freiem Herzen!

Mit der „Messe vom Letzten Abendmahl“, die wir am Gründonnerstag um 17.30 Uhr in der Abtei Königsmünster feiern, beginnt das sog. Österliche Triduum, die drei Tage von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Diese drei Tage gelten im Grunde als ein einziger Tag, als eine liturgische Feier, in der jeder Tag ein eigenes Gepräge hat.

Der Gründonnerstag ist geprägt vom sog. Letzten Abendmahl, dem Abschiedsmahl Jesu mit seinen Jüngern am Vorabend seines Todes. Dieses Mahl ist der Ursprung unserer heutigen Eucharistiefeier. Im Eucharistischen Hochgebet werden an diesem Tag beim sog. Einsetzungsbericht, der Erzählung vom Letzten Abendmahl, die Worte „das ist heute“ eingefügt: Erinnerung wird lebendig. Das, was in jeder Eucharistiefeier geschieht, ist nicht bloß eine vergangene Erzählung, sondern hat Auswirkungen auf unser Leben heute.

Beim Gloria läuten alle Glocken und spielt die Orgel, bevor beide bis zum Gloria in der Osternacht verstummen. In diesem Jahr werden zum Gloria alle Glocken der Kirchen des Pastoralen Raumes Meschede-Bestwig läuten – ein schönes Zeichen der Verbundenheit der Menschen untereinander in Zeiten der Coronakrise. Das wird gegen 17.40 Uhr sein.

Die Fußwaschung, von der wir im Johannesevangelium hören und die als Zeichen der gegenseitigen Liebe normalerweise an zwölf Mitchristen vollzogen wird, entfällt wegen der Umstände in diesem Jahr.

Um den Charakter des Mahles zu betonen, wird zur Gabenbereitung der Hymnus „Ubi caritas est vera, Deus ibi est. – Wo die wahre Liebe ist, dort ist Gott.“ gesungen. Dieser Hymnus beschreibt in poetischen Worten, dass es Christi Liebe ist, die uns zur Feier des Liebesmahles immer wieder zusammenführt.

Nach der Kommunion wird ein Gesang vorgetragen, der das „Hohepriesterliche Gebet Jesu“ genannt wird und den Abschiedsreden aus Joh 13-17 entnommen ist: „Die Stunde ist gekommen; Vater, verherrliche deinen Sohn!“ Die Passion Jesu ist kein blindes Schicksal, sondern sie ist seine „Stunde“. Es gibt keinen liturgischen Auszug am Ende des Gottesdienstes, sondern eine schlichte Übertragung des Allerheiligsten in die Hauskapelle unseres Klosters. Der Altar und die ganze Kirche werden leergeräumt. Wir sind eingeladen, Jesus auf seinem letzten Weg im Gebet zu begleiten – und dabei an die vielen Passionsgeschichten von Menschen heute zu denken.

 

Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Feiert ihn als Fest für den Herrn! (Ex 12,14)

Tut dies zu meinem Gedächtnis! (1 Kor 11,24)

Diese beiden Verse aus den heutigen Tageslesungen machen deutlich, worum es an diesem Gründonnerstag geht: um Erinnerung.

Die Israeliten feiern Jahr für Jahr das Paschafest, um sich an eines der wichtigsten Ereignisse ihrer Geschichte mit Gott zu erinnern: an die Befreiung ihrer Vorfahren aus der Sklaverei Ägyptens. Die verschiedenen Riten und Bräuche wollen Geschichte gegenwärtig setzen, um aus der Vergangenheit Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Durch Erinnerung hole ich in mein Inneres, was Gott für mich getan hat.

Auch die ersten Christen feiern den Ritus des Brotbrechens als Erinnerung an die Befreiungstat Jesu, die in seinem Leiden und seiner Auferstehung offenbar wurde. Das gilt bis heute. Immer wenn wir Eucharistie feiern, tun wir das im Gedächtnis an das, was Jesus für uns getan hat, im Gedächtnis an sein Leiden. Das Abschiedsmahl Jesu am Abend vor seinem Tod, das im Zentrum der heutigen Gründonnerstagsliturgie steht, macht diese Dimension deutlich. „Das ist heute“ – so wird es im Eucharistischen Hochgebet an diesem Tag eingefügt. Durch Erinnerung wird die Vergangenheit in uns lebendig.

In der Nähe unseres Klosters gibt es einen großen Soldatenfriedhof. Wenn man von der Autobahn aus Bestwig kommt, sieht man ihn von der Abfahrt. In der zum Friedhof zugehörigen Kapelle gibt es das sog. „Fenster der Erinnerung“, das unser P. Abraham in der Abteischmiede entworfen hat. In dieses offene Fenster sind auf verschiedenen Tafeln die Namen aller Kriegsgefallenen notiert, die in unserer Region im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind und die ermittelt werden konnten. Sie bekommen durch dieses Fenster einen Namen. Aber auch die unbekannten Menschen, die im Krieg gefallen sind, werden erinnert, sind nicht vergessen.

Ganz in der Nähe des heutigen Friedhofs ist in der Endphase des Zweiten Weltkriegs ein schreckliches Verbrechen geschehen. In der Nacht vom 22. auf den 23. März 1945 sind dort 80 russische und polnische Zwangsarbeiter erschossen worden – an zwei anderen Orten im Arnsberger Wald noch mehr. Lange hatten diese Opfer des Krieges keinen Namen, drohten in Vergessenheit zu geraten. Bis 1981 lagerte ein Sühnekreuz zum Gedenken an diese Verbrechen in einer Garage. Erst danach hat es in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt im Norden Meschedes einen Platz erhalten. Durch die akribische Arbeit einzelner Menschen unserer Region konnte dieser Teil der Geschichte inzwischen gut aufgearbeitet werden. Noch gibt es an besagtem Ort des Kriegsverbrechens kein sichtbares Zeichen der Erinnerung. Meine Hoffnung ist, dass dort einmal etwas entstehen wird – damit durch die Erinnerung Vergangenheit lebendig wird und Schritte in eine bessere Zukunft möglich werden. Denn nur wer sich erinnert, kann eine Zukunft haben!

P. Maurus Runge OSB