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Die Geburt eines Sternes

Vor einigen Tagen war auf einem großen deutschen Nachrichtenportal ein Foto der sogenannten „Wishing Wall“ auf dem New Yorker Times Square zu sehen. Hierbei handelte es sich um eine Wand, bei der Passanten Wünsche für das neue Jahr auf kleine bunte Zettel schreiben und dann auf ihr anpinnen konnten. In der Silvesternacht wurden diese Wunsch-Zettel dann als Konfetti verwendet.

 

Besonders im Fokus der gezeigten Fotografie, auf der also bereits angepinnte Zettel zu sehen waren, war der Wunsch, der Coronavirus möge besiegt werden – das ist wohl ein Wunsch, den wir alle nachvollziehen können.

Ein weiterer Wunsch, der mich nachdenklich gestimmt hat, war allerdings unscharf dahinter zu sehen: „I wish to meet my idols“ – zu Deutsch: „Ich wünsche mir, meine Vorbilder zu treffen“ oder, etwas genauer und dazu prägnanter übersetzt: „Ich wünsche mir, meine Idole/Götzen zu treffen“.

 

Zur Zeit der Geburt Jesu war die Vorstellung verbreitet, jeder Mensch habe seinen Stern, bedeutende und reiche Leute einen hellen, die anderen einen unscheinbaren, der mit der Geburt entsteht und mit dem Tod erlischt.

 

Die Magier vertrauten wohl dieser Überzeugung. Sie nahmen – so geht die Erzählung im Evangelium zum heutigen Tag – einen neuen, hellen Stern wahr, sodass sie sich auf den langen Weg nach Betlehem machten, um dem neugeborenen König zu huldigen.

 

König Herodes war – als Herrscher – das, was man heute vielleicht als „Star“ bezeichnen würde. Er sieht seine Macht durch den neuen König angezweifelt, schließlich erfährt auch er von dem neuen, hellen Stern. Der neue Stern passt weder in sein Selbstbild, noch in sein Weltbild, denn er und seine Herrschergewalt sind gewissermaßen sein eigenes Idol. Er macht sich selbst zum Götzen. Dies wird im weiteren Verlauf der Geschichte zu großem Unglück führen (Mt 2,16).

Die Magier scheinen seinen Aberglauben jedoch zu durchschauen. Sie machen sich voll Vertrauen auf den Weg zu Christus, dem wahren König, der sein Volk nicht mit Gewalt beherrscht, sondern voll Dienstbarkeit in die Welt kommt. Von ihm lassen sie sich zutiefst berühren, geben sich ihm hin und werden durch ihn gewandelt.

 

Welche Wünsche habe ich für das neue Jahr? Wer ist mein Stern, was sind meine Sterne? Gibt es Wünsche, die nur vermeintlich Sterne sind, die ich aber als Götzen entlarven kann, sodass ich stattdessen Ausschau nach dem wahren Stern, Ausschau nach dem wahren König halten kann?

Br. Josef Ellendorff OSB

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Schlussgebet der heutigen Eucharistiefeier heißt es: Gib uns Kraft für unseren Weg zu dir und schütze uns in deiner nie versagenden Liebe.

Wir sind auf dem Weg, unserem Lebensweg. Wir pilgern unserer himmlischen Heimat entgegen, dem Licht, das keinen Abend kennt. Für jeden Schritt und alle Lebenssituationen, die wir erleben und in die wir gestellt werden, tut es Not, den Schutz und die Hilfe Gottes zu erbitten.

Schütze uns in deiner nie versagenden Liebe. Auch diese Worte gilt es „auszukosten“, immer wieder, täglich neu.

Gott ist Liebe. Er ist treu und sorgsam!

Diethard Zils hat es in einem Liedtext so zum Ausdruck gebracht: Weil wir neues Leben suchen, darum folgen wir dem Stern (Gotteslob Nr. 262).

Ich wünsche Ihnen einen solchen Stern, einen Orientierungspunkt, der Halt und Richtung schenkt.

P. Gabriel O.C.D. hat in einer Betrachtung zum Fest Epiphanie folgende Gebetsworte gesprochen:

Lass auch mir heute deinen Stern erstrahlen, und weise mir den Weg zu dir hin. Lass auch mich heute eine wahre Epiphanie erleben, eine neue Offenbarung deiner selbst an meinem Geist und meinem Herz.

In herzlicher Weggemeinschaft

Ihr
+ Aloysius Althaus OSB

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Jahr 2021.

Im Evangelium des Tages heißt es bei Johannes: „Jesus antwortete: „Kommt und seht“! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte.“

Diese Einladung gilt jeder und jedem persönlich.

Lassen wir uns erneut auf diese Einladung ein. Öffnen wir Augen und Ohren. Ja, beginnen wir wieder neu, uns auf IHN, das Lamm Gottes, auszurichten.

Ich möchte Ihnen Gebetsworte von Alkuin von York anvertrauen:

Ewiges Erbarmen, werde uns zuteil, damit wir mit unserem ganzen Herzen und Verstand, mit unserer Seele und Kraft dein Antlitz suchen und durch deine unendliche Gnade und Barmherzigkeit zu deiner heiligen Anschauung gelangen.

Ihr

+ Aloysius Althaus OSB

von P. Klaus-Ludger Söbbeler OSB

„Passwort vergessen?“ – Ärgerlich ist das, wenn ich beim Arbeiten am Rechner den Zugang zu einem Programm oder einer Homepage brauche; schnell habe ich eingetippt, was mir als das zugehörige Passwort in Erinnerung ist und dann poppt auf: „Passwort vergessen?“. Meist war es nur ein leicht zu korrigierender Flüchtigkeitsfehler, manchmal ist aber auch ein lästiges Herumsuchen fällig, bis ich schließlich weiterkomme. Es fehlt das richtige, entscheidende Wort, damit etwas passiert, – das Passwort eben. Übrigens kein Phänomen, das erst mit der Digitalisierung aufgetaucht ist. Schon der alte Goethe kannte das, als er 1797 die Ballade vom Zauberlehrling schrieb: Immerhin kennt der Zauberlehrling das Passwort, um in Gang zu bringen, was er vorhat. Viele werden die Verse noch aus der Schulzeit kennen:

Walle! walle
Manche Strecke,
Dass, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Damit wird der Besen zum Hausknecht, der das Wasser aus dem Brunnen holt, um das Bad für den ebenso vorwitzigen wie bequemen Herrn Zauberlehrling zu füllen. – Aber dann, oh Schreck: es fehlt das Wort, um das Ganze zu beenden, bevor das Haus völlig unter Wasser steht.

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen!

In dieser humorigen Szene aus Goethezeiten spiegelt sich etwas, was mir in ziemlich ernsthafter Version in unserer augenblicklichen Corona-Bedrückung durch den Kopf geht. Es fühlt sich an wie „Passwort vergessen?“ oder Wehe! wehe! Hab ich doch das Wort vergessen! Ach, das Wort, worauf am Ende er das wird, was er gewesen!

Neben der konkreten Bedrohung für Leib und Leben durch das Corona-Virus zerrt an den Nerven, dass im Augenblick kein Mensch wirklich weiß, wann und wie das Ganze zu stoppen ist. Wir meinten, alles im Griff zu haben und jetzt haben wir die Kontrolle verloren! Unsere Gedanken und Gespräche, unzählige Äußerungen von Experten und Politikern behaupten alles Mögliche, aber bis jetzt hat keiner das Wort gefunden, mit dem wir Corona loswerden; wir stehen da wie Zauberlehrlinge: Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, Werd ich nun nicht los.

Liebe Schwestern und Brüder,

Angesichts dieser, so möchte ich es einmal nennen, allumfassenden Wortfindungsstörung wirken die großen, souveränen Worte des Johannesprologs, die wir gerade als Evangelium gehört haben, wie aus der Zeit gefallen:

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.

Man ahnt: Diese Sätze hätten die Kraft zu wirken, wenn es gelänge, sich von ihnen ergreifen zu lassen. Doch klingen sie angesichts des Wortgedröhns um die Corona-Pandemie nicht „wie ein Märchen aus uralten Zeiten“? Das tut umso mehr weh, je mehr wir merken, wie sehr es gerade hier und jetzt auf solche „wirkenden Worte“ ankäme.

  • Wie Zugang finden zu einem Wort, das nicht ins Leere geht, sondern etwas „werden“ lässt.
  • Wie Zugang finden zu einem Wort, das nicht runterzieht und verdunkelt, sondern in dem „Licht und Leben“ steckt?
  • Wie Zugang finden zu einem Wort, das nicht „von der Finsternis verschluckt wird“, sondern in der Dunkelheit leuchtet?

Die Antwort auf solche Fragen wird nicht so einfach zu finden sein wie ein Zauberspruch oder wie ein Computerpasswort. – Doch, warum sich nicht zumindest auf die Suche machen? Ist es nicht eine grundlegende Lebenserfahrung, dass sich die wirklich wichtigen Dinge Schritt um Schritt erschließen, wenn man mit ihnen lebt, statt nur über sie zu grübeln und zu reden? – Deshalb: Was wären nächste Schritte, um das Wort zum Wirken zu bringen, das uns aus dem lähmenden Gerede befreit und einen Weg weist, der weiterführt?

Ich schlage die Schrittfolge der „Stationen auf dem Wege zur Freiheit“ vor, die Dietrich Bonhoeffer Ende Juli 1944 aufschrieb, als ihm klar vor Augen stand, dass seine persönliche Situation in der Nazi-Gefangenschaft aussichtslos war. Ich glaube, diese Sätze haben wirklich die Kraft, als Widerhall des „Licht und Leben“ bringenden „Wortes“ zu wirken, von dem das Evangelium spricht. Bonhoeffer sieht vier Stationen auf dem Weg, der das „Wort, das am Anfang war“, Wirklichkeit werden lässt bringt. Er spricht von der „Zucht“, von der „Tat“, vom „Leiden“ und schließlich vom „Tod“:

Zucht.
Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem Zucht der Sinne und deiner Seele, dass die Begierden und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen. Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen, und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist. Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

Tat.
Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen.

Leiden.
Wunderbare Verwandlung. Die starken tätigen Hände sind dir gebunden. Ohnmächtig einsam siehst du das Ende deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden. Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit, dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod.
Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit, Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele, dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist. Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden. Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.

Als tiefes Schweigen das All umfing, (…) da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab.  (Weish 18,14-15)

Wann haben Sie sich im Familien- oder Freundeskreis das letzte Mal Geschichten erzählt?
Eine Geschichte kann bedeuten: Ein Märchen, wie sie früher erzählt wurden. Oder: Den Kindern oder Enkelkindern von der eigenen Kindheit und ihren Abenteuern erzählen. Oder: lustige Geschichten, die man von anderen gehört hat. Oder: Ein Buch mit Geschichten nehmen, um vorzulesen.
Früher war es üblich, in der Winterzeit zu erzählen. Die Nächte sind lang und das Wetter kalt, Arbeit draußen ist kaum möglich. Da saß man in der „guten Stube“ am Ofen und einer erzählte oder las Geschichten vor, während die anderen zuhörten. Das stiftet Gemeinschaft und verankert jeden einzelnen in Kultur und Geschichte der Familie und der näheren Umgebung. Es ist ein urmenschliches Phänomen.
Papst Franziskus sagte dazu in seiner Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel 2020: „Der Mensch ist nicht nur das einzige Lebewesen, das Kleidung braucht, um seine Verwundbarkeit zu verhüllen (vgl. Gen 3,21) – er ist auch das einzige, das von sich erzählen, sich in Geschichten ‚kleiden‘ muss, um sein Leben zu bewahren. Wir weben nicht nur Kleider, sondern auch Erzählungen: die menschliche Fähigkeit zu ‚weben‘ bringt Textilien und Texte hervor.“
Ein schönes Bild: Texte und Geschichten sind die Textilien, die uns unsere seelische Verwundbarkeit verhüllen und uns mit einer ganz persönlichen Zugehörigkeit kleiden. Das ist etwas, was uns Sicherheit gibt und uns prägt. Wir werden durch unsere eigene Geschichte zu ganz einzigartigen Menschen, aber auch durch die Geschichten anderer.
Das weiß auch die Bibel. Aus diesem Grund besteht sie fast nur aus Geschichten, aus dem, was Menschen mit Gott und mit dem Nächsten erlebt haben, und sie ordnet an zu erzählen. „Wenn dich morgen dein Kind fragt (…), dann sollst du deinem Kind antworten:“ (Dtn 6, 20f.) und es soll die Geschichte des Exodus erzählt werden.
Wir leben in den schweren Zeiten einer Pandemie. Wir sind auf uns und auf unseren engsten Kreis zurückgeworfen. Die Welt umfängt scheinbar tiefes Schweigen, weil wir nicht so feiern können, wie wir es gewohnt sind. Müssen wir da in Trübsal  verstummen? Müssen uns die Worte fehlen?
Ich würde behaupten: Nein!
Warum? Weil ein Wort vom Himmel in die Welt gesprungen ist und es selbst, das die große Geschichte der Welt erzählt, soweit ging, dass es Fleisch wurde und es uns Kunde gebracht hat – also Geschichten erzählt. (vgl. Joh 1,14.18) Alle Texte der heutigen Messe fordern uns auf, zu erzählen von früher und von unserer Hoffnung.
Darum noch einmal meine Frage: Wann haben Sie sich das letzte Mal Geschichten erzählt?
Und mein Vorschlag: Nutzen Sie diese weihnachtliche Gelegenheit, um sich im Kreis Ihrer Lieben – real oder digital – zu treffen, es sich bei Gebäck und warmen Getränken gemütlich zu machen und um zu erzählen: Geschichten gegen die Einsamkeit und das Schweigen der Pandemie und den dunklen Winter, um uns so mit Worten zu stärken, wie auch Gottes Wort als Mensch uns stärken will.

Br. Symeon Müller OSB

So lass uns ruhig sein
In dieser Liebe
So lass uns ruhn
In unserer einen Liebe

So lass uns
Leben
Tag für Tag
Mit Menschen
Und allem
Was wir uns schaffen

So lass uns
Ganz innig
Und still
Und dankbar
Unsere Liebe bergen
In den Tiefen

Lass uns
Darin gründen

Und leben
Tag für Tag

(Verfasser unbekannt)

Er, die Liebe, ist Mensch geworden, ist konkret in mein Leben gekommen. Das haben wir an Weihnachten gefeiert. Meine Liebe und Sehnsucht zu IHM und seine Liebe zu mir – sie sind sich begegnet. Oder in den Worten des Weihnachtsliedes ‚Ich steh an deiner Krippen hier‘: „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast dich mir zu eigen gar, eh’ ich dich kannt’, erkoren. Eh’ ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“

In dieser Liebe, in diesem Geliebt-sein, mein Leben gestalten. Die Höhen und Tiefen des neuen Jahres 2021, die Begegnungen, das Freuen und Weinen – es soll gegründet sein in dieser Liebe. Sie soll das Fundament sein, was mir festen Stand, festen Halt gibt – in all dem, was auf mich, auf uns zukommt.

Ja – lassen Sie uns in diesem neuen Jahr wieder darin gründen, darauf gründen. Auf diese unerschütterliche Liebe Gottes zu mir – komme auch, was will.  ER IST DA!

P. Jonas Wiemann OSB

In jener Zeit lebte eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Pénuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. (Lk 2,36-38)

Hanna, die treue Prophetin

Sie hatte in ihrem langen Leben sicher so einiges durchgemacht. Schon nach wenigen Ehejahren wurde sie Witwe, und das bedeutete für sie, schutzlos und benachteiligt zu sein. Sie war angewiesen auf fremde Hilfe, und bestimmt war ihr Leben geprägt von großer Not. Doch Hanna, die der Evangelist Lukas eine Prophetin mit 84 Jahren nennt, scheint aus ihrem Leben das Beste gemacht zu haben, denn sie strahlt trotz allem Schweren, das ihr Leben prägte, eine unerschütterliche Hoffnung aus. Nichts und niemand konnte sie von ihrem Gottvertrauen abbringen.

Es scheint fast so, als hätten die Schicksalsschläge in ihrem Leben sie eher noch näher hin zu Gott gebracht, denn der Evangelist berichtet, dass sie sich ständig im Tempel aufhielt und Tag und Nacht Gott diente mit Fasten und Beten. Bis ins hohe Alter hatte sie nicht aufgehört, an die Erlösung Jerusalems zu glauben, und ihre Sehnsucht wurde erfüllt, als Maria und Josef ihren Sohn zu Simeon in den Tempel brachten. Auch wenn es Simeon mit seinem Lobgesang des „Nunc dimittis“ bis ins Nachtgebet der Kirche geschafft hat, so nennt der Evangelist Lukas jedoch sie eine Prophetin, und Hanna könnte für uns nicht nur eine Prophetin, sondern ein Vorbild im Glauben sein. Denn wir können nicht nur von ihrer Hoffnung und ihrer Ausdauer im Auf und Ab des Lebens lernen, sondern auch von ihrer Frömmigkeit, ihrer Demut und ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen.

Auch wenn nicht überliefert ist, was Hanna genau sagte, so lässt uns der Evangelist doch wissen, dass sie im Tempel hinzutrat und Gott lobte und sie mit allen sprach, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Wäre das nicht auch eine Aufgabe für uns, von Weihnachten und der Geburt Jesu weiterzuerzählen und Gott zu loben und ihm zu danken, dass er uns seinen Sohn als Mensch und Erlöser geschenkt hat.

P. Cornelius Wanner OSB

Am heutigen 29. Dezember, meinem Namenstag, der traditionell auch der Gedenktag König Davids ist, möchte ich ein paar Gedanken zu meinem Namenspatron Jonathan teilen:

Jonathan ist der Sohn Sauls, des ersten Königs des Volkes Israel. Er ist somit auch der geborene Nachfolger, wodurch die Rivalität zu David, der von JHWH zum zweiten König Israels erwählt wird, vorprogrammiert scheint. Jonathan hätte jeden Grund gehabt, David zu verachten – ganz wie sein Vater Saul, an dessen Seite er schließlich auch im Kampf stirbt (vgl. 1 Sam 31,2). Doch „Jonathan liebte David wie sein eigenes Leben“ (1 Sam 18,2). So rational und logisch sich Jonathan auch stets im 1. Buch Samuel verhält – sei es zu Beginn in den Vorstößen gegen die Philister oder später bei den Versuchen, David auf seiner Flucht vor Saul zu helfen – die Liebe zu David ist der Punkt, an dem er irrational handelt, an dem er sogar auf seinen eigenen Thronanspruch verzichtet:

Eine Unvernunft um der Liebe willen.

Jonathan gerät zwischen die Fronten von David und Saul. Er bleibt seinem Vater treu, ohne David zu verraten; und er hält seine Liebe zu David, ohne Saul zu verlassen. Jonathan nimmt die Gestalt des idealen Vermittlers ein, dem es irgendwie gelingt, den Todfeind seines eigenen Vaters über alles zu lieben, ohne dessen Zorn auf sich zu laden. Wie durch ein Wunder schafft er es, in solch einer problematischen Situation selbst ganz unparteiisch zu bleiben und keine der beiden ihm so lieben Seiten gegeneinander auszuspielen oder im Stich zu lassen. Jonathan ist somit auch der Inbegriff der Treue und der Zuverlässigkeit, und er ist für mich das Sinnbild des Brückenbauers.

Dabei fällt mir besonders auf, wie Jonathan stets unauffällig und diskret in seinem Vorgehen bleibt. Nicht zuletzt durch seinen Verzicht auf die Thronfolge wird deutlich, dass Jonathan niemand ist, der große Anerkennung und viel Reichtum (was er leicht haben könnte) braucht.

Für mich hängt dies auf eine bestimmte Weise auch mit Weihnachten zusammen.

Angenommen, wir wären dazu angehalten, eine Menschwerdung Gottes zu inszenieren, wie hätten wir das Ganze vonstatten gehen lassen?
Das Naheliegendste wäre es doch, ihn in einem Palast zur Welt kommen zu lassen, wo er als Thronfolger und neuer Herrscher über seine ganze Schöpfung regieren könnte. Wieso ist der Messias eigentlich nicht als Königssohn zur Welt gekommen? Möglich wäre das Gott doch gewesen. Und wir hätten ihm doch bestimmt gerne gehorcht in dieser Position – schließlich wäre er ja Sohn Gottes!

Gott wurde Mensch in den für uns denkbar unwürdigsten Verhältnissen: Er wurde in einer kalten Winternacht in einem Stall geboren, weil seine Eltern keinen Platz in einer Herberge bekamen. Keine Mutter würde ihr Kind in eine Futterkrippe legen – doch Maria hatte keine andere Wahl. Kurz darauf muss die Familie nach Ägypten fliehen, um dem kindermordenden Herodes zu entkommen.
Und es kommt noch schlimmer: Das Leben Gottes auf Erden endet mit Geißelung und Folter. Jesus wird bespuckt, geschlagen, mit Dornen gekrönt, zur Schau gestellt und verlacht. Er endet am Kreuz, sein Leben mit der Todesstrafe.
Warum tut Gott seinem Sohn und sich selbst das an?

Der Grund ist die Liebe zu seiner Schöpfung.

Gott möchte mehr von uns als unseren Gehorsam, er wünscht sich – so wie im Grunde wir alle (und da ist unsere Ähnlichkeit zu Gott besonders spürbar) – die Erwiderung seiner Liebe.
Am Oktavtag gedachte die Kirche früher (und die evangelische Kirche noch heute) der Beschneidung Jesu: Die menschliche Seite Jesu, die gehorsam unter dem jüdischen Gesetz steht, gerät in den Mittelpunkt.
Doch blinder Gehorsam wäre Gott viel zu einfach. Er sehnt sich nach seiner in Sünde verirrten Schöpfung und möchte, dass auch wir uns nach ihm sehnen. Und er macht es uns eigentlich ziemlich leicht:
Ein schwaches, wehrloses Kind in einer Krippe – man müsste gänzlich in Dunkelheit versunken sein, um kein Mitgefühl, keine Liebe zu empfinden.

Wäre er ein königlicher Herrscher, hätten wir vielleicht (mehr oder weniger) Gottes Geboten eine Zeit lang gehorcht. Wir hätten ihn aber niemals lieben können.
Nun wird Gott nicht nur als schwaches Kind geboren, sondern verzichtet sogar auf jeden Herrschaftsanspruch. Obendrein gibt er sein Leben für uns, seine Freunde, und für unsere Sünden dahin.

Gott handelt irrational um der Liebe willen.

Den Kreis schließen möchte ich, indem ich auf einen weiteren Namen zu sprechen komme:
Vor zwei Tagen, am 27.12., war der Gedenktag des Evangelisten Johannes, der in diesem Jahr ausnahmsweise vom Sonntag der Weihnachtsoktav verdrängt wurde.
Johannes zeigt uns in seinem Evangelium ein Beispiel wirklich verstandener mystischer Liebe Gottes. Der an Jesu Brust ruhende „geliebte Jünger“, der keines apostolischen Amtes bedarf (vgl. Joh 21,20-22) erinnert mich an den an Davids Brust ruhenden Jonathan. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich die Namen so ähneln und dass sie so dicht zusammen ihr Gedenken feiern.

Br. Jonathan von Holst OSB

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Die unschuldigen Martyrer haben nicht redend, sondern sterbend Gott verherrlicht“, so heißt es in der Liturgie des heutigen Tages.

Was bedeutet dieses Fest für mein Leben?

Eine Antwort könnte lauten: Auch mein Leben soll ein Lobhymnus an Gott, nicht durch das Wort, sondern durch die Tat sein.

In Psalm 103 lese ich: Preise den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht seine unendlichen Wohltaten.

Aber auch Schmerz und Trauer verbinde ich mit dem heutigen Festgeheimnis. Ich lade Sie ein, folgende Gedanken von Frère Roger auf sich wirken zu lassen:

Gott sieht der Qual der Menschen niemals unbewegt zu, er leidet mit den Unschuldigen, den Opfern unbegreiflicher Not, er leidet mit jedem.
Es gibt einen Schmerz Gottes, ein Leiden Christi. Im Evangelium macht sich Christus das unbegreifliche Leid Unschuldiger zu eigen, beweint den Tod der Menschen, die er liebt.
Ist Christus nicht auf die Erde gekommen, damit sich jeder Mensch geliebt weiß? Das Herz kann vor solcher Liebe schier ins Staunen geraten.

Tragen wir unsere persönliche Not und das Leid der Welt an das Herz dessen, der aus Liebe Mensch geworden ist.

In herzlicher Verbundenheit

Ihr

+ Aloysius Althaus OSB

Am Fest der heiligen  Familie stehen heute zwei  Gestalten der heiligen Schrift im Mittelpunkt, nämlich Hanna und Simeon. Explizit wird auf das Alter der beiden Gestalten hingewiesen. Das Alter spielt im biblischen Kontext eine große Rolle. So wird auch  Abraham  als alter Mann beschrieben.  Das bedeutet für mich, dass Gott die älteren Menschen beruft,  Zeugnis abzulegen. In ihnen verdichtet sich die Lebenserfahrung,  und daraus kann sich die Weisheit, die häufig aus älteren Menschen spricht, speisen.  Daher bin ich dankbar, in einer Gemeinschaft zu leben, wo der ältere Bruder  seinen festen Platz hat. Ich kann dann miterleben, was wirklich wichtig ist im Leben. Ich darf wahrnehmen, was wirklich nährt und was wirklich bleibt. Für mich hat das Alter eine ganz eigene Würde. Diese Würde ist unabhängig von der Leistungsfähigkeit des Menschen. Vielmehr ist es das Hinweisen auf das Wesentliche. Die Sehnsucht auf das Wesentliche wachhalten. Für Hanna und Simeon ist dies das Kommen des Messias. Die Sehnsucht nach einer Verheißung wachhalten, die über das Hier und Jetzt hinausgeht. Im Stundengebet hat die Aussage des Simeon ihren festen Platz: „Nun lässt Du, o Herr, mich in Frieden scheiden, denn ich habe das Heil gesehen, dass Du allen Völkern bereitet hast.“

Wenn ich glaube, dass das Heil schon gekommen ist und ich am  Ende in dieses Heil eingehe, dann kann ich in Frieden leben – jetzt in dieser Gegenwart.

Das Fest der heiligen Familie wurde häufig als Erziehungsmodell für Kinder genutzt. Auch als Projektionsfläche, um einem  Familienideal zu huldigen, das es nie gegeben hat. Aber das Fest ermutigt, Kontakt zu unseren älteren Mitmenschen zu suchen. Nicht um ihnen einen Gefallen zu tun, sondern um an ihrer Lebenserfahrung und Weisheit teilzuhaben.

Br. Benjamin Altemeier OSB