von Br. Anno Schütte OSB

Die Kirche feiert heute das Fest der Heiligen Familie. Es soll die Familie als Keimzelle von Kirche und Gesellschaft wertschätzen und fördern. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung tiefgreifende Umbrüche in der Gesellschaft verursachte, wurde es eingeführt. Seitdem hat sich die Welt beschleunigt weiter verändert – besonders erkennbar in Wirtschaft, Technik und Wissenschaft. Familien gibt es weiterhin – auch sie haben sich entwickelt. Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, dass ständig Umbruch ist – oder sanfter ausgedrückt: steter Wandel. Die Corona-Pandemie macht das noch deutlicher.

Kann das Fest uns inspirieren, den Wandel zu gestalten, um mehr zu leben – vielleicht sogar um zu überleben?

Von Jesu Familie – der Heiligen Familie – hörten wir gerade. Ort des Geschehens ist ein doppeltes Zentrum: Jerusalem – politisch, der Tempel – religiös. Das kündigt Bedeutendes an. Höhepunkt ist die Fokussierung auf das Kind Jesus – mehr Aufmerksamkeit und Mittelpunkt in der Öffentlichkeit geht nicht! Diese Präsentation wirkt: Die außerfamiliären fremden Menschen Simeon und Hanna öffnen sich für eine Begegnung – sie werden die zentralen aktiven Figuren der Erzählung – Maria und Josef als Eltern bleiben in Nebenrollen eher passiv – fast treten sie sogar in den Hintergrund. Auch der ursprüngliche Reiseanlass – das vom jüdischen Gesetz vorgeschriebene Ritual im Tempel – bildet nur noch den Rahmen der Begegnung mit Simeon und Hanna. Direkt nach dem Besuch der Hirten platziert der Evangelist Lukas dieses Ereignis in seine Kindheitsgeschichte, um die öffentliche Wirkung des folgenden Lebens Jesu von Anfang an zu zeigen. Simeon und Hanna sind so die beiden ersten namentlich genannten Menschen, denen Jesus begegnet – dieser Auftritt gehört ihnen. Eindrucksvoll weitet sich die Heilige Familie – Jesus wirkt über seine Kernfamilie hinaus – schon als Kleinkind.

Simeon empfängt das Kind Jesus in seinen Armen: Berührende Nähe, fast Intimität strahlt von Jesus aus – auch: schon jetzt. Weissagend erfasst und verkündet Simeon, was das nach der Kindheit anschließende Leben, Sterben und Auferstehen Jesu bedeutet: Heil, Licht und Herrlichkeit. Diese Erkenntnis setzt er gleich um: Mit Jesus wird er ein Segnender – er gibt von der Gnade, die er empfangen hat. Der Segen soll stärken, denn Simeon prophezeit Maria: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, …“ Das Leben dieses Menschen hat Konsequenzen – es wird nicht harmlos sein. Ein Hinweis auf die finale Katastrophe der Hinrichtung am Kreuz fehlt nicht: „… und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“

Simeon spürt, dass Gott als Kind – schwach und ohnmächtig – in diese Welt gekommen ist und sich ihr am Kreuz letztendlich ganz hingibt. Deshalb ist er schon jetzt in seinem Leben gegenwärtig – so konkret wie das Kind in seinem Arm. Die äußere Szenerie offenbart eine existentielle Wahrheit: Simeon und – ihm gleich Hanna – erfahren ihre eigene göttliche Kindschaft, die Gott mit diesem Jesus endgültig und unzerstörbar schenkt. Ihr langes Leben verlief nicht ohne Brüche und ihre Präsenz im Tempel verweist auch auf ihre innere Not. Hat die Lebenswirklichkeit sie für diese Begegnung vorbereitet – geöffnet? Von diesem armen und ohnmächtigen Kind lassen sie sich beschenken und nehmen die heilende Gegenwart Gottes als eine eigene innere personale Geburt wahr. Wenn Gott selbst sich in dieser Weise als Gabe für die ganze Welt offenbart, dann ist auch ihr Leben gutgeheißen, in Liebe geborgen, geheiligt und erleuchtet. Simeon und Hanna wandeln sich – als längst Erwachsene – zu Kindern Gottes. Ihre Antwort darauf kann nur der Lobpreis sein – am Ende ihres Lebens bricht der Jubel durch. Er ist äußeres Zeugnis ihres Aufbruchs in ein erlöstes Leben mit und in Gott – schon jetzt und durch den nahenden Tod hindurch. — Und Maria und Josef? Man hat den Eindruck, den jungen Eltern ist das alles ein bisschen viel: Die geheimnisvolle Schwangerschaft, die herausfordernde Geburt im Stall, der überraschende Besuch der Hirten und jetzt Simeon und Hanna – ihnen bleibt das Staunen.

Schon das eine frohe Botschaft zum Fest der Heiligen Familie.

Von der erfahren wir später noch einmal. Weil sie Mühe hat, zu Jesus zu gelangen, macht sie ihm den Vorwurf, dass seine Jüngerschaft ihm mehr bedeute. Jesu Antwort: Entgrenzung! Er weitet den Rahmen der Familie über die biologisch bestimmte Zugehörigkeit hinaus. Zu seiner Familie gehören alle, die den Willen Gottes suchen und erfüllen. Diese Zugehörigkeit wurzelt in existentieller gemeinsamer Gotteskindschaft. In Jesus, seinem Leben und seiner Botschaft, verkörpert sich der Wille Gottes als allumfassendes Angebot. Überängstliche verkürzen es zu einer ausgrenzend zerstörenden Doktrin. Die anderen suchen im allfältigen Angebot und wählen daraus – einzeln und gemeinsam – frei und verantwortlich – mitunter im fairen gewaltfreien Streit, denn manche Lösung wird nur durch ihn geboren. Diese Würde – manchmal auch Bürde – verbindet uns zu einer globalen heiligen Familie.

Sie kann die Aufgaben einer Welt im Wandel lösen – in froher Gelassenheit und mutigem Engagement. Das ist eine ziemlich aktuelle Botschaft – an Weihnachten und weit darüber hinaus.