von P. Cosmas Hoffmann OSB

Lesung: Jer 31, 31-34
Evangelium: Jo 12, 20-33

Eine sehr bewegte Woche liegt hinter uns: Nicht nur, dass uns nun schon seit einem Jahr die Pandemie begleitet und wir mehrere Lockdowns durchgemacht haben und der nächste wohl bevorsteht, sondern Anfang der vergangenen Woche wurde auch noch ein Impfstoff aufgrund von Nebenwirkungen ausgesetzt, was die schon bestehende Unruhe und Verunsicherung noch verstärkte.
Auf die so schon angespannte Stimmungslage trafen dann am Montag noch höchst irritierende Weisungen aus Rom zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und am Donnerstag wurde das Kölner Gutachten veröffentlicht, dessen Zweitvergabe schon im Vorfeld für Spannungen und eine Kirchenaustrittswelle gesorgt hat.
Wo führt all das noch hin? Wie geht es weiter? Wie mit all dem umgehen? Wie kommen wir durch diese Zeit?

Diese Fragen sind nicht neu, denn ähnliches fragten sich die Menschen zur Zeit des Propheten Jeremia. Auch sie lebten in einer sehr bewegten Zeit. Die Bevölkerung des Nordreiches Israel war in assyrische Gefangenschaft geführt und fremde Bevölkerungsgruppen dort angesiedelt worden.
Dennoch wähnten sich die meisten Bewohner des Südreichs Juda, vor allem die politischen Eliten und religiösen Führer, in Sicherheit. Denn sie waren davon überzeugt, dass der Tempel in Jerusalems Mauern sie vor einem ähnlichen Schicksal bewahren würde. Dieses Vertrauen auf alte, nun aber falsche Sicherheiten kritisierte Jeremia und forderte das Volk zur Umkehr auf:
„Vertraut nicht auf die trügerischen Worte: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist dies! Denn nur, wenn ihr euer Verhalten und Tun von Grund auf bessert, …,  wenn ihr die Fremden, die Waisen und Witwen nicht unterdrückt, dann will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort, in diesem Land…” (Jer 7,3-7a).
Dann kommt es schneller als erwartet zum Gau: Das Südreich Juda wird von den Babyloniern bedroht und 597 v. Chr. das erste Mal erobert. Ein Teil der Oberschicht wird nach Babylonien deportiert und Zidkija als König eingesetzt. Dieser wendet sich bald darauf, die Warnungen Jeremias in den Wind schlagend, gegen die Babylonier, so dass Jerusalem erneut erobert und schließlich auch samt Tempel zerstört wird. Der Rest der Oberschicht wird deportiert und ein verwüstetes Land bleibt zurück, in dem die Überlebenden sich fragen: Wie soll es weitergehen? Hat sich Gott ganz von uns abgewendet? – In diese Situation hinein sagt Jeremia seine Botschaft, die wir in der heutigen Lesung gehört haben. Mit der Zusage eines neuen Bundes will Jeremia den Überlebenden Mut machen.

Während im ersten Bund am Sinai dem Volk das Gesetz von Gott vorgelegt wurde, soll das Gesetz des neuen Bundes in das Herz des Menschen hineingeschrieben werden: „Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein.”
In dieser göttlichen Gegenwart im Herzen des Menschen zeigt sich die enge Verbindung zwischen Gott und seinem Volk.

Dieses Bild ist auch ein Hinweis darauf, dass wir Gott in unserem Herzen begegnen.
Damit ist uns eine erste Empfehlung im Umgang mit den aktuellen Herausforderungen gegeben: Es braucht das Innehalten, das in sich hineinspüren, damit die tiefe Verbindung zu Gott spürbar und lebendig wird. So können wir bei uns und bei ihm ankommen, zur Ruhe kommen und Kraft schöpfen, um die Unsicherheiten aushalten und mit ihnen umgehen zu können.
Damit das Wort Gottes im Herzen des Menschen wohnen kann, muss es nach Ambrosius entsprechend genügend Raum haben und weit genug sein, so schreibt er: „Mag der Weg eng sein, das Herz sei weit, damit nicht das Wort Gottes kommt und anklopft und sieht, dass die Enge seines Herzens unfähig ist zu bewohnen“ (Ambrosius, Psalmkommentar Ps. 118,4,27).

Da wir heute am 21. März des Heimgangs des heiligen Benedikt gedenken, darf an dieser Stelle ein Hinweis auf seine Regel natürlich nicht fehlen. Zumal sich auch in ihr das Bild vom weiten Herzen findet. So bestärkt und ermutigt Benedikt am Ende des Prologs den Mönch, auf seinem Weg zu bleiben. Auf dem Weg, der eng werden kann, der mitunter schwer fällt, weil es darum geht, gemäß dem Evangelium den Willen Gottes zu tun und nicht dem Eigenwillen zu folgen. Es ist der Weg des Glaubens, der ein Prozess des Reifens, der Wandlung und immer wieder auch der Umkehr ist. Von diesem Weg schreibt Benedikt: „sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng. Wer aber im klösterlichen Leben und dem Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbaren Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes“ (RB Prol 47-49).

Johannes Cassian, auf dessen Schriften Benedikt am Ende seiner Regel ausdrücklich hinweist, empfiehlt die Weitung des Herzens als ein Mittel gegen Aufregung, aufbrausenden Zorn und heftige Empfindungen von Ärger und Wut.
Dabei folgt er den Weisungen des Mönchsvaters Joseph, der ihm und seinem Freund Germanus folgenden Rat gegeben hat: „euer Gemüth soll nicht so in der Engherzigkeit der Ungeduld und Kleinmuth zusammengeschrumpft sein, daß es den wilden Sturm der Aufregung, wenn er kommt, nicht aushalten kann; sondern erweitert euch im Herzen, indem ihr die feindlichen Fluthen des Zornes aufnehmt in den ausgedehnten Grenzen jener Liebe, die Alles erträgt, Alles aushält; und so möge euer Geist, ausgedehnt durch die Weite der Langmuth und Geduld, heilsame Zufluchtsstätten der Überlegung in sich haben, in welchen der häßliche Rauch des Zornes, sobald er gewissermaßen in sie aufgenommen und zerstreut ist, sogleich verschwindet.“ (Cassian, Collationes 16,27)

Dies ist eine weitere Empfehlung zum Umgang mit der aktuellen Situation der dauernden Anspannung und Dünnhäutigkeit, die sich schnell in Aufregung und Ärger entladen. Ein geweitetes Herz kann helfen, dass sich diese aufbrausenden Gefühle in weiten Räumen des Herzens verflüchtigen können.

Eine dritte Empfehlung finden wir am Beispiel Jesu im heutigen Evangelium. War im Johannesevangelium bis zu dieser Perikope immer die Rede davon, dass Jesu „Stunde“ noch nicht gekommen sei, heißt es jetzt: „Die Stunde ist gekommen.“ Dann sagt Jesus weiter: “Amen, Amen, ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Mit diesem Wort wird das Geschehen von Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu, dessen wir in den kommenden Tagen gedenken, gedeutet und erschlossen. Es entspricht Jesu Haltung des tiefen Vertrauens auf den Vater, der das Leben jener bewahrt, die ihm nachfolgen.

Angesichts dieser Situation ist es verständlich, dass Jesus sehr aufgewühlt ist und von sich sagt: „Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!“

Jesus findet Halt, indem er seine Angst und Erschütterung wahrnimmt und sie in die Gegenwart des Vaters bringt. Diese Besinnung und Ausrichtung auf die Gegenwart des Vaters bestärkt ihn in seiner Sendung und vertieft seine Beziehung zum Vater. Dies wird dann im Bild einer Stimme vom Himmel ausgedrückt, die sagt: „Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen.“

Franz von Sales hat das Bemühen um die stete Ausrichtung auf Gottes Gegenwart in ein anschauliches Bild vom Herzen gebracht:
„Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart Gottes.
Und selbst dann, wenn du nichts getan hast in deinem Leben, außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen – obwohl es jedesmal wieder fortlief, wenn du es zurückgeholt hattest -, dann hat sich dein Leben wohl erfüllt.“

Die Schrifttexte und der Heilige des heutigen Sonntags geben uns drei Empfehlungen, wie wir Halt und Ruhe finden können angesichts unruhiger Zeiten und der weiterhin andauernden Herausforderungen dieser Tage:
– Innehalten und Einkehren im Herzen bei sich und bei Gott.
– Weitung des Herzens, damit sich Aufregung und Ärger beruhigen können.
– das wandernde oder leidende Herz sanft in Gottes Gegenwart versetzen.