Tageslesung: Psalm 22,1-22

„Hilf mir!“ (V. 22a) Ein Schrei dringt aus der Tiefe der Not. Hier ist einer, dem jede Hoffnung geschwunden ist. „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch.“ (V. 7a) Wo ist da die Gottesebenbildlichkeit? Wo ist da die Würde des Menschen? Seine Alltagserfahrung ist geprägt von Ablehnung seiner Nächsten. Spott und Hohn, Lästern und Gaffen – so begegnen ihm seine Mitmenschen.
Tag und Nacht betet er. Aber im Beten erfährt er doch nur Leere. „Doch du antwortest nicht.“ (V. 3a) Hier tut sich ein schwarzes Loch auf. Die Stille erdrückt und Unruhe greift um sich. Wo ist er, der doch versprochen hat, ein Fels zu sein? „Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.“ (V. 2b) Was ist passiert mit der Erfahrung, dass Gott ein Fels, eine Hilfe, eine bergende Burg ist? (Vgl. Ps 62,3) Hier leuchtet im Hintergrund der Zion auf, der Hügel mit dem Heiligtum JHWHs – befestigt wie eine ragende Feste. Es wurde gesagt, er würde nicht wanken. Wurde das nicht auch von denen gesagt, die glauben: „Die auf den HERRN hoffen, werden nicht fallen, sondern ewig bleiben wie der Berg Zion.“ (Ps 125,1)? Jetzt aber bricht alles ein. Der Glaubende wankt, der Gottesberg erzittert, weil jede Sicherheit fehlt.
Wo sind die Erfahrungen der Errettung von früher? Gott hat seinen Glaubenden doch immer geholfen. „Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.“ (V. 4) Der Gottesberg, der Zion wird überragt. Im Lobgesang, in der glaubenden Erhöhung tritt der sichtbare Hügel, auf den der Blick gefallen ist, in den Hintergrund. Aber doch kann diese Erkenntnis nicht die Not mildern.
„Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.“ (V. 12) Er hat – von den Menschen verlassen – sich auf Gott verlassen. Aber bisher? Nichts. Es bleibt eine Frage, die alles durchdringt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (V. 2) Von ihr gehen alle Gedanken aus.

Wir, Christen, verbinden mit diesem Vers die letzten Worte Jesu. Am Kreuz erhöht, außerhalb der Stadt hatte er all dies vor Augen. Seine Feinde verspotten ihn. Seine Freunde haben ihn verlassen. Gott, auf den er seine Hoffnung setzte, hält sich scheinbar fern. Und so schleudert er vom Kreuz dem Zion, dem Tempel, der Wohnstatt seines Gottes, die die Stadt überragt, diese Frage entgegen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Bleibt es bei dieser düsteren Perspektive? Nein! „Du hast mich erhört!“ (V. 22b) Ein starker Gegensatz zur verzweifelten Frage. Eine neue Perspektive ist eröffnet. „Du hast mich erhört!“ Es bleibt nicht in der Dunkelheit. Es bleibt nicht beim Gefühl der Gottverlassenheit. Es bleibt nicht beim Karfreitag, sondern Ostern kommt bestimmt. Das Licht des Morgens eines neuen Tages schenkt Hoffnung. Die Hoffnung auf eine neue Welt.

Kann ich das glauben? Im Hier und Jetzt? In meiner aktuellen Situation? In der Situation unserer Welt?

Br. Symeon Müller OSB