Predigt an Pfingstsonntag (24.05.2026)

von P. Maurus Runge OSB

„Störungen haben Vorrang.“ So lautet ein Leitsatz aus gruppen-dynamischen Prozessen. Er besagt konkret, dass immer dann, wenn in einer Gruppe eine Störung, eine Irritation, ein Problem auftaucht, diese Störung vorrangig behandelt wird, dass man sich Zeit nimmt, genau anzuschauen, was da passiert, und gemeinsam zu einer guten Lösung kommt. Denn wenn eine bestimmte Irritation verschwiegen wird, unter den Teppich gekehrt, und wenn man einfach mit dem gewohnten Programm weitermacht, dann verschwindet diese Irritation nicht, sondern wirkt unbewusst weiter und kann sich schlimmstenfalls zu einem Flächenbrand ausweiten, der alles zerstören kann.

„Störungen haben Vorrang.“ Gilt das auch in unserer Kirche? Ich habe oft den Eindruck, dass hier eher ein „Weiter so“ um jeden Preis gilt – solange bis der Druck so groß wird, der sprichwörtliche Elefant im Raum so unübersehbar, dass die Störung quasi die Regie übernimmt und wir eher Getriebene sind als Handelnde.

Von Störungen ist auch in den heutigen Lesungen die Rede. „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.“ Die Apostelgeschichte beschreibt eine Gewohnheit, eine Normalität. Es ist von einem Haus die Rede, in dem die Jünger Jesu versammelt – eingeschlossen? – sind. Und dann bricht eine große Störung über sie herein: „Da erhob sich plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten.“ Es handelt sich hierbei nicht um ein Naturereignis – die Natur dient hier nur als Vergleichspunkt für eine Störung, welche die Natur übersteigt. „Mit heiligem Geist erfüllt“ – so lautet der theologische Ausdruck für diese göttliche Störung, die auf die Jünger herabkommt. Und diese Störung treibt die Jünger an, ihr Haus zu verlassen, die Türen zu öffnen und hinauszugehen, unter die Menschen. Eine Wirkung dieser Störung scheint mir wichtig zu sein: „Sie gerieten außer sich vor Staunen.“ Das Staunen ist oft der erste Anhaltspunkt, dass sich etwas bei mir ändert, dass etwas Neues einbricht, dass alte Gewohnheiten aufgebrochen werden. Das Schlimme ist doch, wenn wir uns so an unsere Situation gewöhnt haben, dass wir unfähig geworden sind zu staunen. Wir müssten als Einzelne, aber auch als Gemeinschaft, als Kirche wieder neu das Staunen lernen über die alltäglichen Wunder des Lebens, die kleinen Zeichen des Heiligen Geistes, der auch heute noch wirkt.
Wir haben in diesen Tagen oft um den Heiligen Geist gebetet – aber – provokante Frage – möchten wir wirklich, dass er über uns kommt? Denn dann könnte sich ja vielleicht etwas ändern, und es soll doch lieber alles so bleiben, wie es ist.

Auch das Evangelium spricht von einer Störung. Es führt uns in den Abendmahlssaal zurück, an den ersten Ostermorgen – und zeigt damit, dass Ostern und Pfingsten zuinnerst zusammengehören, dass sich an Pfingsten das Osterfest vollendet und in die Zukunft hinein überführt wird. Jesus selbst ist es, der die Grabesruhe der Jünger stört, der die verschlossenen Türen durchbricht und den Jüngern den Frieden zusagt und ihnen seine Wunden zeigt. Und er sendet sie in die Welt hinaus, er sendet sie dazu aus, die göttliche Störung, die an Ostern geschehen ist, weiterzutragen, selbst zu Störern des Geistes zu werden. Das ist die Botschaft des Pfingstfestes für uns, die wir ja auch Geist-Begabte sind: zu Störerinnen und Störern zu werden, die immer da stören, wo sich Menschen in ihrer Gewohnheit einschließen, auf dem Ist-Stand ausruhen wollen. Denn der Heilige Geist ist ein dynamisches, lebendiges Geschehen. Stillstand hat mit dem Geist nichts zu tun. Wo wären wir heute, wenn es nicht immer wieder Menschen in unserer Kirche gegeben hätte, die sich haben stören lassen in ihren Gewohnheiten und die dann selbst Neues gewagt – und damit andere in ihrer Ruhe gestört haben?

Bischof Wilhelm Stählin beschriebt in einem eindrucksvollen Text den Heiligen Geist als göttliche Störung, die einbricht überall da, wo wir uns selbstgenügsam eingerichtet haben:

Wir sollten nicht allzu selbstverständlich darum bitten, dass der Heilige Geist bei uns einkehren möge, weil der Heilige Geist da, wo er einkehrt und Wohnung nimmt, nicht nur seine „Gaben“ mitbringt, sondern zugleich ein in hohem Maß unbequemer, ja störender Gast ist…Der gleiche Heilige Geist, den wir, mit Recht, inbrünstig erbitten, ist zugleich die unheimliche STÖRUNG aller persönlichen und erst recht aller kirchlichen Selbstsicherheit; er ist der Angriff Gottes auf unsere Unlebendigkeit und Selbstgenügsamkeit; er hat keinen Respekt vor aller verfestigten Institution, vor äußerer Ordnung, wenn sie zum Selbstzweck geworden ist… Die beiden „Elemente“, die in der Pfingstgeschichte als die Begleiterscheinungen und Symbole des Heiligen Geistes erscheinen, Sturmwind und Feuer, sind die unheimlichsten unter allen Elementen, und sie lassen nichts, was sie ergreifen, an seinem Ort und in seinem Zustand… Wer an den Heiligen Geist als die schöpferische Aktivität Gottes glaubt und in diesem Glauben das Kommen des Geistes erbittet, der muss wissen, dass er damit die göttliche STÖRUNG herbeiruft und sich dafür offenhält, dass Gott ihn stört in seinem „Besitz“, in seinen Gewohnheiten, auch Denkgewohnheiten, wenn sie nicht mehr dafür taugen, ein Gefäß der heilsamen Unruhe und der aufregenden Wahrheit zu sein. Wer also bittet „Komm Heiliger Geist“, muss auch bereit sein zu bitten: Komm und STÖRE MICH, wo ich gestört werden muss.

Mögen wir unsere je eigene Geistesgabe immer neu entdecken, und lassen wir uns von den Überraschungen des Geistes da stören, wo wir bequemlich zu werden drohen. Und werden wir selbst zu Störerinnen und Störern des Geistes, die scheinbar verschlossene Türen aufsprengen und den Menschen die befreiende Botschaft des Lebens verkünden. AMEN.