Die Geburt eines Sternes

Vor einigen Tagen war auf einem großen deutschen Nachrichtenportal ein Foto der sogenannten „Wishing Wall“ auf dem New Yorker Times Square zu sehen. Hierbei handelte es sich um eine Wand, bei der Passanten Wünsche für das neue Jahr auf kleine bunte Zettel schreiben und dann auf ihr anpinnen konnten. In der Silvesternacht wurden diese Wunsch-Zettel dann als Konfetti verwendet.

 

Besonders im Fokus der gezeigten Fotografie, auf der also bereits angepinnte Zettel zu sehen waren, war der Wunsch, der Coronavirus möge besiegt werden – das ist wohl ein Wunsch, den wir alle nachvollziehen können.

Ein weiterer Wunsch, der mich nachdenklich gestimmt hat, war allerdings unscharf dahinter zu sehen: „I wish to meet my idols“ – zu Deutsch: „Ich wünsche mir, meine Vorbilder zu treffen“ oder, etwas genauer und dazu prägnanter übersetzt: „Ich wünsche mir, meine Idole/Götzen zu treffen“.

 

Zur Zeit der Geburt Jesu war die Vorstellung verbreitet, jeder Mensch habe seinen Stern, bedeutende und reiche Leute einen hellen, die anderen einen unscheinbaren, der mit der Geburt entsteht und mit dem Tod erlischt.

 

Die Magier vertrauten wohl dieser Überzeugung. Sie nahmen – so geht die Erzählung im Evangelium zum heutigen Tag – einen neuen, hellen Stern wahr, sodass sie sich auf den langen Weg nach Betlehem machten, um dem neugeborenen König zu huldigen.

 

König Herodes war – als Herrscher – das, was man heute vielleicht als „Star“ bezeichnen würde. Er sieht seine Macht durch den neuen König angezweifelt, schließlich erfährt auch er von dem neuen, hellen Stern. Der neue Stern passt weder in sein Selbstbild, noch in sein Weltbild, denn er und seine Herrschergewalt sind gewissermaßen sein eigenes Idol. Er macht sich selbst zum Götzen. Dies wird im weiteren Verlauf der Geschichte zu großem Unglück führen (Mt 2,16).

Die Magier scheinen seinen Aberglauben jedoch zu durchschauen. Sie machen sich voll Vertrauen auf den Weg zu Christus, dem wahren König, der sein Volk nicht mit Gewalt beherrscht, sondern voll Dienstbarkeit in die Welt kommt. Von ihm lassen sie sich zutiefst berühren, geben sich ihm hin und werden durch ihn gewandelt.

 

Welche Wünsche habe ich für das neue Jahr? Wer ist mein Stern, was sind meine Sterne? Gibt es Wünsche, die nur vermeintlich Sterne sind, die ich aber als Götzen entlarven kann, sodass ich stattdessen Ausschau nach dem wahren Stern, Ausschau nach dem wahren König halten kann?

Br. Josef Ellendorff OSB