von P. Karl Brahm OSB

Als Jesus am Abend nach seiner Auferstehung den Aposteln erscheint, ist Thomas nicht dabei. Da wird uns kein Grund genannt, warum er nicht da ist. Vermutlich aber will er sich von diesem Kreis absetzen, der ja – seiner Meinung nach – ohnehin dabei ist, sich nach dem Tod des Meisters aufzulösen. Allein fühlt er sich sicherer, denn das gemeinsame Versteck könnte ganz schnell zur Falle werden. Und doch lässt er sich von den anderen noch kontaktieren, die ihm freudig mitteilen: Jesus ist von den Toten auferstanden; er lebt.

Aber der Zweifel in ihm ist stärker als die freudige Mitteilung seiner Mitbrüder. Er kennt sie ja auch alle nur zu gut. Angefangen von Petrus, diesem Maulhelden, den Zebedäus-Brüdern, die immer die erste Geige spielen wollten und deshalb mit Petrus immer sofort um den Meister herumscharwenzelten, den Verzagten am Ölberg und von Judas, dem Verräter und Dieb, den Jesus auch noch gewähren lässt, ganz zu schweigen. Ja, in diesem Kreis hat er nur Schöntuer erlebt, die sich, als es ernst wurde, in Angsthasen und Versager umwandelten. Schon bei der Kreuzigung waren ja fast alle verschwunden, und jetzt sitzen sie die meiste Zeit immer noch hinter verschlossenen Türen. Also: vermutlich alles nur Blöff.

Und doch fühlt er sich durch die erhaltene Neuigkeit getrieben, nochmals diesen Kreis aufzusuchen. Und dieser Kreis gewährt ihm weiterhin Eintritt, ohne ihm Vorwürfe zu machen, wo er abgeblieben war. Und jetzt sieht er mit eigenen Augen, dass ihre Botschaft echt ist. Jesus lebt – er lebt ein neues Leben im Lichte seines Vaters. Ja, diese Schöntuer, Angsthasen, Versager, diese Menschen mit all ihren Fehlern und Schwächen, denen Thomas ja auch nicht nachsteht, die haben die Wahrheit gesprochen. Ja, und genau diese Leute hat Jesus als Zeugen für seine Auferstehung und die damit verbundene Frohbotschaft auserwählt. Und vom auferstandenen Jesus angerührt, kann Thomas nun auch nicht mehr anders, als sich ganz in seinen Dienst zu stellen.

Ich denke, in der Geschichte von Thomas finden wir ein Spiegelbild der Kirche. Ja, in unserer Kirche, aufgegliedert in Gemeinden und Gemeinschaften, sind wir alle Menschen mit Schwächen und Fehlern. Und dennoch ist jeder, der da ehrlich mitmacht, von Jesus gerufen, die Frohbotschaft zu verkünden und seine Liebe weiter zu geben, so wie er damals die Apostel mit ihren Schwächen und Fehlern dazu berufen hat.

Aber weil wir Menschen nun mal so sind, die eigenen Schwächen und Fehler nicht zu sehen oder sehen zu wollen, und das Gute, das andere tun, schon gar nicht, findet man leicht einen Grund, sich von der kirchlichen Gemeinschaft, zu der man gehört, zu distanzieren. So war das ja auch bei Thomas. Und die Schlagworte, die heutzutage über die Kirche ausgebreitet werden, kennen wir ja alle. Wasser predigen und Wein trinken. Prink, Glorie, Geldgier und Karrieresucht statt Dienst am Menschen. Lieblosigkeit statt Liebe, und natürlich Missbrauch statt die Würde des Menschen zu achten. Kurzum: die Kirche ist unglaubwürdig, und Gutes sucht man vergeblich. Da bleibe ich lieber draußen vor der Tür, da bleibe ich lieber bei mir selbst, denn man muss sich ja schämen, dazuzugehören.

Wäre Thomas draußen vor der Tür geblieben, hätte er den Auferstandenen nie erlebt, hätte er sich nie bekehrt, wäre er nie in seinen Dienst getreten und hätte nie das Heil Christi erfahren. Denn der Treffpunkt mit dem Auferstandenen war nicht draußen vor der Tür, sondern inmitten der Gemeinschaft, in dieser Gemeinschaft mit all den Schwächen und Fehlern, aber einer Gemeinschaft, die sich dennoch ganz in den Dienst Jesu gestellt hatte, die sich ganz seiner Führung anvertraut hatte.

So vertraue ich weiterhin der Kirche, dass sie uns durch die Kraft des Heiligen Geistes mit Christus zusammenführen kann, damit wir durch ihn geheiligt werden und zum ewigen Leben beim Vater im Himmel gelangen. Ich vertraue der Kirche, dass sie trotz aller Fehler und Schwächen immer noch wahrheitsgetreu die Hoffnungen, Zusagen und Gebote unseres Herrn Jesus Christus verkündet. Ich vertraue der Kirche, dass sie durch ihr tägliches Gebet und Lobpreis auf den einzigen und wahren Gott hinweist, der Sinn und Ziel unseres Lebens ist. Und ich vertraue, dass die Kirche ihre Tore weiterhin offenhält für alle, die – wie Thomas – unserem Auferstandenen begegnen und in seinen Dienst treten wollen.