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Hier finden Sie die Predigten unserer Brüder – sofern diese mit der Veröffentlichung einverstanden sind – zum Nachlesen. Gerade in der Zeit, in der unsere Gottesdienste wegen der Verbreitung des Coronavirus nicht öffentlich sind, möchten wir Ihnen so Anteil geben an unserem Leben.

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis (08.11.2020)

Predigt

von Br. Emmanuel Panchyrz OSB

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Laut orientalischem Brauch haben die Freundinnen der Braut bei einer Hochzeit den Auftrag, den Bräutigam mit Lampen – die Exegeten sprechen von ölgetauchten Lichtfackeln – zu empfangen und ihn in den Hochzeitssaal zur Braut zu geleiten. Es sind zehn an der Zahl. Der Bräutigam kommt in der Nacht – verspätet. Die fünf klugen haben vorgesorgt, sie haben Ölvorräte; die törichten bzw. die dummen haben kein Öl mehr. Sie müssen zum Krämer, um neues Öl zu besorgen. Diese kommen dann zu spät zum Hochzeitssaal. Die Tür ist bereits verschlossen. Sie rufen: „Herr, mach uns auf!“  Darauf die Stimme des Bräutigams: „Ich kenne euch nicht“. Die genug Öl dabei hatten, können zum Feiern in den Hochzeitssaal, den Gedankenlosen wird die Tür vor der Nase zugesperrt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Unser gerade gehörtes Gleichnis, das für das Himmelreich, die gerechte Welt Gottes, steht, befindet sich in der großen Endzeitrede des 24.  und des 25. Kapitels des Matthäusevangeliums. Eingerahmt ist es in die Beschreibung der Zerstörung des Jerusalemer Tempels und der Schilderung der Wiederkunft Christi. Bedeutend ist die Aussage, dass niemand die Stunde kennt, wann der Menschensohn kommen wird, nicht die Engel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.  Der Rahmen am Ende: Das große Weltgericht mit der Scheidung der Schafe von den Böcken. Dann folgt die Aussage des Weltenherrn: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dazwischen zeichnet Matthäus vier Gleichnisse. Das heutige ist das dritte. Die jeweilige Hauptintention ist es, jetzt Christus zu begegnen. Wir werden aufgefordert, wie die klugen Jungfrauen wachsam zu sein, um dem Bräutigam zu begegnen. Der Bräutigam ist Christus. Dieser Christus kommt jetzt und überraschend.

Beim Lesen des Gleichnisses stellten sich bei mir auch Widerstände ein. Diese Widerstände waren auch mit Verstörung gepaart. Die klugen Frauen teilen nicht ihr Öl. Werden wir uns nicht gerade diese Woche, am Martinsfest, der christlichen Haltung des Teilens erinnern? So wie Martin von Tours seinen Mantel mit dem Bettler teilt, so sind wir als Christen eingeladen zu teilen. Das Öl möchte ich deuten als die Bereitschaft, dem kommenden Bräutigam entgegen zu gehen, den gegenwärtigen Christus zu empfangen. Diese sehnsuchtsvolle Offenheit und Bereitschaft, den gegenwärtigen Christus zu empfangen, kann nur eine innere Haltung sein. Diese innere Haltung will ein Leben lang in einem spirituellen Prozess eingeübt werden. Diese innere Haltung kann ich nicht an einen anderen Menschen weitergeben. Ich kann diese Haltung auch nicht dem Anderen überstülpen. Ebenso kann ich diese spirituelle Haltung nicht einfach beim Händler besorgen. Auf mich kommt es an.

So möchte ich heute das Gleichnis verstehen: Eine Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit wird gefordert in meiner persönlichen Nachfolge.  Auf das Heute und auf das Jetzt kommt es an. Es ist eine klare Absage bezüglich all unserer Aufschiebetaktiken: demnächst irgendwann einmal. Wir wissen es ja alle schon, dass es auf das Jetzt ankommt. Das ist unsere innere Wachsamkeit. So beten wir jeden Dienstag im Morgengebet: „Herr, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Wann das sein wird, weiß keiner von uns. Uns bleibt heute allein der Schluss des Gleichnisses: „Seid also wachsam. Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“

Mein zweiter Widerstand beim Lesen: Die Tür wird vor der Nase zugesperrt. Es gleicht einem kalten Fallen der Tür ins Schloss. Heißt es nicht bei Lukas: „Klopft an, und es wird euch geöffnet“? Und heißt es nicht in der Offenbarung des Johannes: „Siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann“? Wenn wir ehrlich auf unser Leben schauen, kennen wir das Phänomen der vertanen Chancen. Es ist das Unwiederbringliche, das nicht mehr Nachzuholende. Wir alle kennen das Zuwenig und das Zuspät. Das, was wir noch gerne gesagt oder getan hätten: Ein Wort der Liebe, eine Bitte um Vergebung. Ein Letztes: Es ist alles gut jetzt. Töricht sind wir alle. Wir kennen doch unsere ablaufende Frist. Der November  mit seiner vergänglichen Stimmung erinnert uns daran. Wir können in unserem Leben nichts verschieben. Unsere Zeit steht nicht in unseren Händen. Und es bleibt ernst: Es gibt die Wahrheit des vertanen Lebens. Welche Lebensschule ergibt sich daraus? Wir müssen gegenwärtig sein und dem gegenwärtigen Christus begegnen. Gott selbst ist Gegenwart. Es bedarf unserer inneren Aufmerksamkeit und unserer Achtsamkeit und einer Beachtung unserer Innerlichkeit, um dem Göttlichen in unserem Leben zu begegnen. Eine Möglichkeit ist in unserer mönchischen Tradition die Vertiefung in das Wort Gottes.  Der Christ wie der geistliche Mensch übt. Es genügt aber nicht nur, innerlich zu sein und „Herr, Herr“ zu sagen, sondern der lautere Ausdruck der spirituellen Haltung ist der Blich auf die Ränder des Lebens. Den gegenwärtigen Christus erkennen wir im Armen, im Entrechteten, im Kranken und im Fremden.

Ein dritter Widerstand: Die Stimme des Bräutigams: „ Ich kenne Euch nicht!“ Eines der unheimlichsten Worte der Evangelien, wie ich finde. Warum erkennt der Bräutigam sie nicht?

Ein wesentlicher Punkt im Gleichnis ist die Erwartung des Bräutigams. Kluge wie Dumme wollen den Bräutigam sehen. Das Erwarten meint doch die Hoffnung. Existentielle Hoffnung meint im Christlichen immer, dass uns über unseren Tod hinaus Heil geschenkt wird. Göttliches Heil steht jenseits unserer Todesgrenze. Der Hochzeitssaal steht ja für unser seelisches Erlösungsbild. Im Fest werden wir jenseits unseres Todes Gott von Angesicht zu Angesicht schauen. Heil will uns allen von Gott her geschenkt werden. Diese Zuwendung Gottes haben wir nicht in der Hand. Wir haben es nicht im Griff. Wir Menschen bleiben Empfangende. Wir dürfen Hoffnung haben. Diese Hoffnungsperspektive ist das Erkennungsmerkmal derer, die mit der Sache Jesu, seinem Reich, ernst machen. Und wenn nicht? Wenn wir diese Hoffnung nicht in uns schüren, dann verändern wir uns bis zur Unkenntlichkeit. Wir werden nicht erkannt! Auch im geistlichen Leben können wir uns bis zur Unkenntlichkeit verändern.

In Hinblick auf unsere Sterblichkeit möge unser Hoffnungsbild von Folgendem geprägt sein:

Das Lebenslicht unserer Lebenslampe wird einmal ausgelöscht, da die göttliche Sonne, die keinen Untergang mehr kennt, über unserer Existenz aufgegangen ist. Möge dieses Hoffnungsbild mich,  uns alle hier trösten. Amen.

09.11.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/11/lamp-639489_1280.jpg 1189 1280 Bruder Maurus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Maurus2020-11-09 17:38:412021-02-18 16:06:23Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis (08.11.2020)

Predigt an Allerheiligen (1.11.2020)

Predigt

von P. Helmut Bochnick OSB

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Frage, die hinter dem Fest Allerheiligen, das wir heute feiern, steht, könnte so lauten: Was ist das Ziel unseres Lebens? Woraufhin sind wir unterwegs?

Gerade in der momentanen Jahreszeit, in der sich die Natur mehr und mehr in den winterlichen Ruhezustand zurückzieht, wo vieles abstirbt und zu Ende geht und wo vielleicht auch wir selber uns mit unserer eigenen Endlichkeit konfrontiert sehen oder sie uns neu bewusst wird, erinnert uns das Fest Allerheiligen an unsere christliche Berufung und Hoffnung.

Berufung und Hoffnung:
Beides nämlich, der Ruf Jesu in die Nachfolge, der an uns in der Taufe ergangen ist, aber auch die in der Auferstehung Jesu begründete Hoffnung im Tod und über den Tod hinaus, machen deutlich, dass es sich beim Fest Allerheiligen um ein Fest des Lebens, um ein im wahrsten Sinne des Wortes lebendiges Fest, ein freudiges, hoffnungsvolles und Hoffnung machendes Fest handelt.
Das die Liturgie einleitende Tagesgebet hielt uns vor Augen, dass wir heute eingeladen sind, „die Verdienste aller Heiligen zu feiern.“

Einige dieser Heiligen sind uns von Kindheit an wohl vertraut, wie zum Beispiel St. Martin, der heilige Nikolaus oder die heilige Barbara, deren Lebensgeschichten wir nicht zuletzt in liebgewordenen Traditionen alljährlich erinnern. Andere Heiligengestalten wiederum sind uns im Gegensatz dazu selbst vom Namen her weniger oder gar nicht bekannt.

Doch wer die Heiligenlisten zu Rate zieht, wird sehr schnell feststellen, dass hier Frauen und Männer aus ganz verschiedenen Zeiten mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichem Alter und Wesen verzeichnet sind.

Aber all diese Heiligen haben gemeinsam, dass sie sich von der Botschaft Jesu haben ansprechen und treffen lassen, und dass sie Jesus nachgefolgt sind und in ihrer Betroffenheit die Seligpreisungen, die wir im heutigen Evangelium gehört haben, zum Maßstab ihres Lebens gemacht haben.

Diese Menschen haben sich auf Jesu Botschaft eingelassen und sie zu ihrer Lebensmitte gemacht, haben ihr mit ihren je eigenen, von Gott geschenkten Talenten und Möglichkeiten eine Gestalt gegeben und auf diese Weise die Botschaft vom Reich Gottes schon in dieser Welt Wirklichkeit werden lassen.

Sie haben eine oder mehrere dieser Verheißungen des heutigen Evangeliums lebendig werden lassen und damit gezeigt, dass es sich bei den Seligpreisungen nicht um eine bloße Traumwelt, eine Vision oder Utopie handelt. Ihre Lebensgeschichten lehren uns vielmehr, dass die Botschaft Jesu lebbar und verwirklichbar ist.

Grundlage dafür war, dass sich die Heiligen vor Gott arm gemacht und arm gewusst haben. Sie sind mit offenen, leeren Händen vor Gott gestanden, einerseits im Wissen, dass sie von seiner Zuwendung abhängig sind und andererseits mit dem Vertrauen, dass Gott es ist, der ihre leeren Hände mit seiner Nähe, mit seinem Frieden, mit seiner Kraft füllen kann.

Diese empfangende Haltung hat die Heiligen die Welt mit den Augen Gottes anschauen lassen. Und das hat sie zu jenen Akzentsetzungen in ihrem Leben, zu jenen Taten, Entscheidungen oder Haltungen verholfen, auf die wir, wenn wir ihr Leben betrachten, manchmal mit Bewunderung, manchmal auch mit Verwunderung, manchmal vielleicht auch mit Entsetzen und dann auch wieder mit großem Staunen blicken.

Das Fest Allerheiligen nimmt also alle Menschen in den Blick, die den Weg der Nachfolge Jesu gegangen sind und seine Botschaft in ihrem Umfeld, in ihrer Zeit, in ihrer Situation und mit ihren Möglichkeiten gelebt haben.
Und dazu zählen nicht nur jene Menschen, die wir als Heilige verehren.
Dazu zählen auch all jene stillen, unbekannten, zum Teil längst vergessenen Menschen, die dem Glauben Gestalt gegeben haben und die bei Gott zur Vollendung gelangt sind.

Sie alle sind die „große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“, von denen Johannes im Buch der Geheimen Offenbarung im 7. Kapitel, Vers 9 sagt, dass „sie niemand zählen konnte“.

In der Präfation des heutigen Festtages heißt es:
„Heute schauen wir deine heilige Stadt, unsere Heimat, das himmlische Jerusalem. Dort loben dich auf ewig die verherrlichten Glieder der Kirche, unsere Schwestern und Brüder, die schon zur Vollendung gelangt sind.“

Es sind unsere Schwestern und Brüder, nicht irgendwelche Übermenschen, die das heutige Fest in den Blick nimmt.

Dieser Lobpreis ist bemerkenswert, denn er schlägt förmlich eine Brücke zwischen denen, die bei Gott schon vollendet sind und uns, die wir noch auf dem Weg zum Ziel unseres Lebens sind.

Als Christen wissen wir um die Vorläufigkeit dieses Lebens und richten unseren Blick nach vorne, wo uns ein Leben über den Tod hinaus verheißen ist.

Die Heiligen, auf die wir heute blicken, halten uns diesen Blick und die Hoffnung auf den Himmel offen.

Ihr Leben, ihre Verdienste sollen uns nicht frustrieren oder demotivieren, weil wir meinen, sie kopieren zu müssen und gleichzeitig spüren, dass uns manche ihrer Taten zu groß, zu heroisch, zu unerreichbar erscheinen.

Was unsere Schwestern und Brüder in der Vollendung in ihrem Leben auf Erden ausgezeichnet hat, ist, dass sie der Verheißung gefolgt sind, die Jesus mit den Seligpreisungen seinen Jüngern mit auf den Weg gegeben hat.

Die große Anzahl der Heiligen zeigt, wie vielfältig diese Nachfolge aussehen kann und wie vielfältig daher auch Heiligkeit gelebt, erkennbar und spürbar werden kann.

Das heutige Fest Allerheiligen macht uns deshalb Mut, wie viele Menschen vor uns auf dem Weg der Nachfolge Jesu zu gehen und dabei heilig zu werden. Denn dazu sind wir berufen: Heilige zu sein! Jetzt schon! Wir wissen es bloß noch nicht – oder schon nicht mehr…

Und es ist ein Weg, der uns zum Leben führt: zum Leben Gottes und seiner Heiligen, unserer Schwestern und Brüder. Amen.

04.11.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/11/all-saints-2887463_1280.jpg 853 1280 Bruder Maurus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Maurus2020-11-04 16:43:522021-02-18 16:06:23Predigt an Allerheiligen (1.11.2020)

Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis (25.10.2020)

Predigt

von P. Guido Hügen OSB

„Gönne dich dir selbst!
An der Lust des Tages, die dir zusteht,
geh nicht achtlos vorbei!“

Liebe Schwestern und Brüder,
was klingt wie Zeilen aus einem Ratgeber zur Selbstfindung
oder einer Anleitung zum Glücklichsein,
sind tatsächlich Worte aus der Bibel,
aus dem Buch Jesus Sirach im 14. Kapitel.

Gönne Dich dir selbst!
Sei dir selber wertvoll!
Weil du Gott wertvoll bist.

Achte auf Dich, nimm dich selber ernst,
schau auf das, was dir gut tut
– es ist dir geschenkt!

Und dann – so heißt es weiter bei Jesus Sirach:
„Wer sich selbst nichts Gutes gönnt,
wem kann der Gutes tun?!“

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“
benennt es Jesus im Evangelium.

Das „Liebe deinen Nächsten“ hat uns unsere christliche Prägung
gut anerzogen.
Und es ist ja auch wichtig – gerade in Zeiten wie dieser.
Den Anderen sehen,
auf den Anderen Rücksicht nehmen,
für den Anderen da sein.

Und trotzdem:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Das „wie dich selbst“ gehört sich nicht bei uns
– egoistisch sein gehört sich nicht.

In Supervisionen und Beratungen sage ich immer wieder:
der Mensch muss egoistisch sein,
muss sich um sich selbst sorgen.

Wenn nicht gerade in sozialen Berufen
am Ende nicht immer öfter der Burn-out stehen soll.
Ich kann nicht mehr… !!!

Er darf nur nicht egozentrisch werden
– mich selber immer in den Mittelpunkt stellen
und ständig um mich kreisen.

Aber wie will ich andere lieben, für andere da sein,
wenn ich mich selbst nicht liebe,
nicht für mich da bin?

Und andere lieben – gelingt uns das?!

Für andere da sein?
Andere akzeptieren, mich selber zurücknehmen,
den anderen wertschätzen, ihm Chancen geben?

Überlegen Sie einmal, ob und wie Sie das
in der letzten Woche getan haben.

War es nicht oft eher das Gegenteil?
Kommen wir nicht viel zu oft an unsere Grenzen?

Es gibt doch so viele Gründe:
Wenn ich mich vom anderen bedrängt fühle,
wenn ich den anderen nicht verstehe,
wenn ich mich selber beweisen muss,
weil ich mich minderwertig fühle.
Den Menschen am Rande
lasse ich gerne am Rande stehen.

Wer meine Hilfe braucht
– bekommt er oder sie diese?

Wohl niemand von uns kann sich da ausnehmen.

Wir spüren es immer wieder:
wir verletzen und sind verletzt,
Eifersucht und Machtgelüste lodern in uns.

Der oder die neben mir:
Wie oft gönne ich ihm oder ihr nichts.

Weil ich mir selbst nichts gönne?

Weil ich nicht spüren kann,
dass ich Gottes geliebtes Kind bin
und auch im Anderen Gottes geliebtes Kind sehe?

Die anderen als meine Geschwister annehmen,
und mit Gottes Augen sehen kann?!

 

Die Lesung des heutigen Tages aus dem Buch Exodus
geht weit darüber hinaus.

„Einen Fremden sollst du nicht ausnützen
oder ausbeuten.“
„Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen.
Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit,
werde ich auf ihren Klageschrei hören.
Mein Zorn wird entbrennen …“

 

In mir höre ich das Geschrei von Menschen,
die ungerecht behandelt und versklavt werden,
die für sich und ihre Kinder ein besseres Leben wünschen,
und elendig ertrinken,
den stummen Ruf der Armen auch in unseren Orten,
die sich nicht wagen, herauszutreten.
Die gerade in dieser Zeit Vereinsamten und Verzweifelten.

„Wenn er zu mir schreit, höre ich es,
denn ich habe Mitleid.“

Haben wir Mitleid?
Oder ist es uns nicht eigentlich egal?!
Uns geht es ja gut.

 

Noch einmal zurück zum ganz Konkreten.

Was gönne ich denn dem Bruder, der Schwester neben mir?
Auch das, was mir vielleicht etwas „wegnimmt“,
was mich einschränkt, mich begrenzt?

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“
heißt eben auch: gönne auch dem anderen das,
von dem du meinst, dass es nur für ich ist.

Und bei allem:
„An der Lust des Tages, die dir zusteht,
geh nicht achtlos vorbei.“

Die Lust, die dir zusteht.
Du musst sie dir nicht erwerben, erkaufen, erschleichen.
Sie steht dir zu!

Also: geh nicht achtlos vorbei.

 

Ist das nicht die große Sünde:
dass wir Gottes Geschenk für uns – und für die anderen! –
nicht annehmen?!

Es achtlos liegen lassen?

„Den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen,
mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.“

Mein ganzes Leben soll ER prägen.
Sein Geschenk – mich selbst –
und die „Lust des Tages“ darf ich annehmen.

Lassen wir es uns ruhig von einem Heiligen sagen:

Aus einem Brief von Bernhard von Clairvaux
an Papst Gregor III.:

Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst.
Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft,
aber ich sage: Tu es immer wieder einmal.
Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da,
oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

26.10.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/10/Herbst.jpg 768 576 Bruder Maurus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Maurus2020-10-26 09:10:272021-02-18 16:06:23Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis (25.10.2020)

Predigt am 29. Sonntag im Jahreskreis (18.10.2020)

Predigt

von Br. Justus Niehaus OSB

„ ‚Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.‘ Die Münze trägt sein Bild. Dadurch gehört sie ihm. Wem gehören wir? Doch wohl kaum dem Staat. Zwar sind wir auch geprägt, gleichsam als eine lebendige Münze. Wir tragen das Bild Gottes. Wir sind Geschöpfe Gottes, geschaffen nach seinem Bilde. Diese Prägung besiegelt unsere Verpflichtung Gott gegenüber. Das Siegel fordert uns mehr als das Siegel des Kaisers. Alle Menschen tragen das Bild Gottes in sich, alle gehören ihm. Und deswegen sind wir alle Gott verpflichtet: ‚Gebt Gott, was Gottes ist.‘
Was wir Gott zu geben haben, … sind wir selber, wir ganz, mit Leib und Seele. Wir gehören keiner Macht dieser Welt, sondern Gott allein.“

Dies sind nicht meine Worte, sondern Franz Kamphaus hat sich so zu diesem Evangelium geäußert. Mir sind die Worte des Geprägt seins nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Prägen kann man von der Handwerklichen Seite sehen oder von der Menschlichen. Was hat uns geprägt? Was hat sich uns eingeprägt? Was heißt es geprägt zu sein?

Ich erinnere mich noch als ich als Kind bei einem Ausflug zum Marine-Ehrenmal Laboe zum ersten Mal vor einem Automaten in dem man Münzen umprägen konnte stand. Man musste eine Münze hineinwerfen und eine Gebühr bezahlen um dann mit der eigenen Kraft einen großen Hebel zu drehen und so die Münze umzuprägen, so dass sie kein Geldstück mehr war, sondern das Ehrenmal zeigte. Als Kind war es unglaublich, dass so etwas möglich ist.

Lassen Sie uns heute auf beide Seiten schauen. Auf den handwerklichen Vorgang und die menschliche Prägung.

Schaut man sich an was beim Prägen passiert, fällt auf, dass der Rohling in seiner Masse bestehen bleibt. Es wird nichts hinzugefügt wie beim Modellieren und nichts Weggenommen wie beim sägen, gravieren, schleifen oder schnitzen. Es werden durch die Prägung nur Flächen hervorgehoben und andere treten in den Hintergrund um so ein Bild erstehen zu lassen.

Auch in uns ist Gottes Antlitz schon vorhanden. Es muss nichts hinzugefügt werden zu meiner Persönlichkeit und es muss auch nichts weggenommen werden von meiner Persönlichkeit um Gottes Antlitz auf mir erscheinen zu lassen, um Gott durch mich sichtbar zu machen. Ich bin schon vollkommen so wie ich bin. Ich bin ganz. Es ist alles in mir angelegt. Ich muss mich nur von ihm prägen lassen um sein Antlitz auf mir zum Vorschein zu bringen. Ich muss zulassen, dass Er durch mich sichtbar wird.

Zum Prägen braucht es Energie. Es braucht Kraft. Viel Kraft. Zum Handprägen einer Münze sind mehrere Schläge nötig. Gott hat diese Kraft, wie wir es in der Lesung gehört haben. Das Evangelium kam nicht nur im Wort, sondern mit Kraft und heiligem Geist. Er will, dass wir uns von ihm prägen lassen.

Nur nützt der beste Prägestempel nichts wenn er ins Leere haut. Zum Prägen braucht es nicht nur Prägestempel und Hammer, sondern auch ein Fundament das auf der Erde steht, das die Kraft aufnimmt und so das prägen erst möglich macht. Das sich zum Prägestempel hin ausrichtet um die Kraft aufzunehmen.

Bin ich bereit mich von Gott prägen zu lassen. Mich und meine Kraft auf ihn hin auszurichten. Seine Kraft an mir wirken zu lassen. Mich von ihm Formen zu lassen. Meine Kraft einzubringen, fest auf der Erde stehend. Paulus schreibt im Brief an die Gemeinde in Thessalonich von Standhaftigkeit eurer Hoffnung auf Jesus Christus und von der Mühe der Liebe die wir haben.

Oder lasse ich mich von anderen Dingen umprägen die nach Aufmerksamkeit schreien, die meine Kraft und Energie beanspruchen wollen. Wir kennen Sie: Hass, Neid, Angst, Vorurteile und Schubladen, Unsicherheiten, Wut, Unbarmherzigkeit,

in der Welt,

in unserer Gesellschaft aber auch

in unserem persönlichen Umfeld.

Sie wollen Aufmerksamkeit. Sie wollen, dass wir unsere Energie auf sie richten und uns so von Ihnen umprägen lassen.

Jesus lässt sich im heutigen Evangelium nicht darauf ein. Er lässt die Pharisäer auflaufen. Er lässt sich nicht provozieren. Er bleibt auf Gott ausgerichtet. Standhaft in seiner Kraft. Er lässt ihren Prägestempel quasi ins Leere schlagen.

Bleiben auch wir auf Gottes Barmherzigkeit, auf seine Kraft ausgerichtet und lassen wir die anderen Prägestempel, die uns umprägen wollen ins Leere schlagen.

„‚Gebt Gott, was Gottes ist.‘
Was wir Gott zu geben haben, … sind wir selber, wir ganz, mit Leib und Seele. Wir gehören keiner Macht dieser Welt, sondern Gott allein.“ So haben wir am Anfang von Franz Kamphaus gehört.

Lassen wir uns immer weiter von Gott prägen mit aller Kraft, damit sein Antlitz auf und durch uns immer stärker zu sehen ist. Damit er in dieser Welt durch uns sichtbar wird.

18.10.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/10/coins-3891268_640.jpg 426 640 Bruder Justus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Justus2020-10-18 14:01:322021-02-18 16:06:12Predigt am 29. Sonntag im Jahreskreis (18.10.2020)

Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis (11.10.2020)

Predigt

von Br. Benjamin Altemeier OSB

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

der Text des heutigen Evangeliums (Mt 22,1-14) wird besonders herausfordernd vom Ende her. Dort, wo der Mensch, der kein Hochzeitsgewand trägt, hinausgeworfen wird an den Ort der äußersten Finsternis. Und ganz am Ende des Evangeliums der Satz: „Viele sind berufen, wenige aber auserwählt.“ Was ist damit gemeint? Das lässt mich zunächst einmal ratlos zurück.

Gehen wir dennoch erst einmal an den Beginn des Evangeliums zurück.

Da lädt Gott in der Person des Königs die eingeladenen Gäste zum Hochzeitsmahl ein. Ein Bild für die Gottesschau. Die Gäste haben aber andere Dinge zu tun. Und natürlich ist der Mensch frei, die Einladung abzulehnen. Dann aber werden die Diener getötet, und der König reagiert, indem er sein Heer schickt und die Stadt in Schutt und Asche legen lässt. Müssen wir nun unsere Vorstellung eines liebenden Gottes korrigieren? Nein, denn hier lässt sich die konkrete geschichtliche Erfahrung ablesen, dass die Menschen des ersten Bundes in Israel sich nicht alle der Jesusbewegung anschließen, also die Einladung aus der Sicht der Christen nicht angenommen haben. Die Stadt, die in Schutt und Asche liegt. ist Jerusalem, die 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde, nicht von Gott.

Dennoch stellt sich uns heute die Frage: Lasse ich mich von Gott stören in meinem Alltag? Ist er für mich präsent? Oder lebe ich, als ob es Gott nicht gäbe?

Lasse ich mich von der Botschaft Jesu aufstören, gar aufschrecke? Oder hat sie längst keine Bedeutung mehr in meinem Leben? Höre ich „mit aufgeschrecktem Ohr“, wie es Benedikt im Prolog seiner Regel schreibt?

Die Botschaft Jesu, dass ein jeder Kind Gottes ist, wertvoll und geliebt;
die Botschaft Jesu: „Urteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet“;
die Botschaft Jesu der Hinwendung zu den Bedürftigen, die uns auch heute fordert.

Dann erfolgt die zweite Einladung Gottes an den Menschen, und dieses Mal füllt sich der Festsaal. Die Botschaft Gottes durch Jesus richtet sich an alle. Ausnahmslos alle. Juden wie Heiden, Griechen wie Römer, und sogar an Böse und Gute. Alle sind gerufen. Auch die Bösen, und diese sogar als Erstes. Das war auch für die Christen, an die sich Matthäus richtet, verstörend. Damals wie heute gibt es in der Kirche, in den Gemeinden, in den Gemeinschaften die Selbstgerechten, die entscheiden wollen: Du gehörst dazu  – und Du nicht. Matthäus warnt auch uns, nicht eine Kirche ohne Sünder zu bilden, sondern, wie es Papst Franziskus ausdrückt, eine verbeulte Kirche, eine verbeulte Gemeinde, ja, liebe Schwestern und Brüder, eine verbeulte Gemeinschaft, in der der Sünder seinen festen Platz hat.

Aber nun zum Schluss, zum Menschen, der ohne Hochzeitsgewand kam und stumm blieb. Bei den Begriffen Hochzeit und Mahl wussten die Christen des Matthäus, dass es ums Ganze geht. Um die Gottesbegegnung, um den wiederkehrenden Christus, der uns begegnen will. Da müssen wir wachsam sein wie die klugen Jungfrauen, wachsam sein wie der Diener, der auf den Hausherrn wartet. Wir Christen sollen wachsam sein, kein verschnarchter und verschlafener müder Haufen.

Beim Hochzeitsgewand geht es nicht um den richtigen Dresscode. Wir Mönche nennen unser Gewand Habit. Daraus ableiten lässt sich der Begriff Habitus. Und dem schließt sich die Frage an: Habe ich den Habitus der Erwartung und der Sehnsucht?

Gott fragt uns: Was erwarten wir? Wonach sehnen wir uns? Hören wir die liebende, werbende Stimme Gottes noch? Die Frage Gottes lautet nicht: Was hast du erreicht? Was hast Du getan? Wieviel hast Du gebetet?

Gott fragt mich: Was bewegt mich? Was trägt mich? Was lässt mich hoffen?

Gott fragt mich: Wonach sehnst Du dich? Damit ich nicht stumm bleibe, kann ich mich vielleicht der Sehnsucht des Jesaja anschließen und antworten wie er:

Meine Sehnsucht ist:

Er hat den Tod für immer verschlungen, und Gott, der Herr wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen, und die Schande seines Volkes entfernt er von der ganzen Erde. Und weiter: Siehe, das ist unser Gott, auf ihn haben wir gehofft, dass er uns rettet. (Jes 25,8-9)

Wenn wir uns dieser Verheißung anschließen können, sind auch wir berufen und auserwählt.

15.10.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/10/table-decoration-1632127_1280.jpg 563 1280 Bruder Maurus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Maurus2020-10-15 08:57:422021-02-18 16:06:12Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis (11.10.2020)

Predigt am 19. Sonntag im Jahreskreis (09.08.2020)

Predigt

von P. Maurus Runge OSB

„Theologie ist Biografie“ – dieser kleine Satz, der auch der Titel der Lebenserinnerungen des 2014 verstorbenen Theologen Herbert Vorgrimler ist, klingt zunächst nach einer Binsenweisheit. Jedes theologische (und auch nichttheologische) Denken ist von biografischen Voraussetzungen des Denkenden abhängig. Es ist für meine Theologie nicht unerheblich, ob ich in den Slums von Manila, in einer Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet oder in einem kleinen Dorf in Niederbayern geboren wurde. Jedes menschliche Denken und Handeln entsteht auch aus biografischen Prägungen, die zu entdecken zur Lebensaufgabe werden kann.

„Theologie ist Biografie“ – den Satz kann man aber auch in umgekehrter Perspektive verstehen, dass theologisches Denken rückgebunden sein muss an die eigene Biografie, den persönlichen Lebensvollzug. Lehre und Leben müssen im Einklang miteinander sein. Wer in seinem Denken ständig die Barmherzigkeit Gottes verkündet, in seinem Leben diese Barmherzigkeit aber oft genug vermissen lässt, der macht sich im Reden und Handeln unglaubwürdig, dem nimmt man die Botschaft irgendwann nicht mehr ab, die er in wohlfeilen Worten verkündet. Auch das kann zur Lebensaufgabe jedes mündigen Christen werden, hinter der wohl viele von uns manches Mal zurückbleiben.

Wohl kein anderer hat den Zusammenhang von Theologie und Biografie, von Lehre und Leben, so erfahren, ja erleiden müssen wie Paulus, der große Völkermissionar, der die christliche Botschaft der Erlösung bis an die Grenzen der damaligen Welt brachte. Besonders deutlich und berührend wird das für mich in den Kapiteln 9 bis 11 seines Römerbriefes, in denen er sein Ringen um seinen Weg eindrücklich beschreibt – als jemand, der einerseits Jesus Christus und seine Botschaft persönlich erfahren hat, der aber andererseits die Beziehung zu dem Volk, dem er sich biografisch immer noch zugehörig weiß, nicht kappen will. Den Anfang haben wir heute in der Lesung gehört (Röm 9,1-5).

Dieser Saulus-Paulus ist Jude und hat als Jude mit seinen Glaubensgeschwistern leidenschaftlich die Anhänger des „neuen Weges“ des Jesus Christus verfolgt. In einem für ihn überwältigenden und umstürzenden Bekehrungserlebnis wandelt er sich zum treuen und ebenso leidenschaftlichen Jünger Jesu – ohne seine biografischen Wurzeln und die Menschen, denen er sich auch weiterhin verbunden fühlt, zu verraten. Und er entgeht dabei der Gefahr vieler Neubekehrter heute, die von ihrem früheren Leben nichts mehr wissen wollen und die Menschen, die einmal ihre engsten Freunde und Gefährten waren, verdammen – nur weil sie einem anderen Glauben anhängen. Nein, Saulus-Paulus leidet darunter, dass so viele seiner früheren Weggefährten seinen Weg, den er doch als richtig und heilbringend erkannt hat, nicht mitgehen können. Er „möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein“ um seiner Brüder willen, „die der Abstammung nach mit mir verbunden sind.“ Er weigert sich, seine jüdischen Glaubensgeschwister einfach zu verdammen, sondern möchte in seinem theologischen Denken einen Weg finden, ihnen Erlösung und Heil nicht abzusprechen. Er möchte die Wurzel seines Lebens nicht abschneiden, sondern ist davon überzeugt, dass seine jüdischen Wurzeln auch den Christen Paulus tragen und bereichern können – „Theologie ist Biografie“.

Am 9. August gedenkt die Kirche der hl. Edith Stein (durch den Sonntag wird in diesem Jahr ihr Festtag liturgisch verdrängt). Auch sie ist eine Frau, deren theologisches Denken zutiefst geprägt ist von ihrer Biografie. Als geborene Jüdin, promovierte Philosophin und konvertierte Christin, die dann als Schwester Theresia Benedicta vom Kreuz in den Kölner Karmel eingetreten ist, wird ihr das Suchen und Fragen des Paulus nicht unbekannt gewesen sein. In Solidarität mit ihren jüdischen Geschwistern ist sie nach Auschwitz deportiert worden, wo sie von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Bei ihrem Abtransport in das Vernichtungslager soll sie zu ihrer leiblichen Schwester Rosa gesagt haben: „Komm, wir gehen für unser Volk.“ Stellvertretung bis zur letzten Konsequenz.

Stellvertretung – mit diesem kühnen Gedanken versucht auch Paulus, sein Dilemma zu lösen. Im Bild von dem Ölbaum und seinen Zweigen sieht er sich selbst, den gebürtigen Juden und neuen Christen, als „wilden Zweig“, der zeitweilig die Stelle der „edlen Zweige“, seiner jüdischen Geschwister, einnimmt, bis irgendwann einmal alle Zweige am Ölbaum vereint sein werden. Das ist für ihn kein Grund, überheblich auf seine jüdischen Glaubensgeschwister herabzuschauen, sondern bewusst an dieser Stelle, stellvertretend für sein Volk diesen Platz einzunehmen.

Wie Gott einmal die Erlösungsgemeinschaft zwischen Juden und Christen vollenden wird, das ist seine Sache, bleibt Geheimnis. Klar ist nur: „Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29). Gott kündigt seinen einmal geschlossenen Bund mit dem Volk Israel nicht auf. So ruft es Paulus am Ende seines theologischen Ringens um die bleibende Erwählung und Rettung Israels aus,wie es uns in den Kapiteln 9 bis 11 des Römerbriefes überliefert ist. Und am Ende überlässt er die Lösung seines existentiellen Dilemmas dem Gott, der immer größer ist als unsere theologischen Begriffe und zu dem Juden und Christen gleichermaßen beten: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! … Aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.“ (Röm 11,33.36)

 

09.08.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/08/root-276636_1280.jpg 796 1280 Bruder Maurus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Maurus2020-08-09 13:15:482021-02-18 16:06:12Predigt am 19. Sonntag im Jahreskreis (09.08.2020)

Predigt zur Diakonenweihe Br. Vincent (06.06.2020)

Predigt

von Weihbischof Dominicus Meier OSB

 

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ –
So, liebe Schwestern und Brüder, lautet ein Buchtitel des Philosophen und Publizisten Richard David Precht. In 54 Kapiteln geht Precht den Fragen nach: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?, und meint, in der Beantwortung dieser Fragen komme man der eigenen Identität auf die Spur.
Auch uns Christen beschäftigt immer wieder die Suche nach unserer Identität. Ein Christ fragt: Was macht mich aus? Hat meine Identität mit meiner Gottesbeziehung zu tun? Und wo ist der Ort, diese Identität zu leben: in der Familie, in einer Gemeinschaft oder allein?
Zunächst gründet für Christen ihre Identität in der Beziehung zu Gott. Gott verspricht, dass wir seine Kinder sind, geliebte Söhne und Töchter. Er spricht uns bedingungslos als seine „geliebten Kinder“ an.
Gleichzeitig haben wir als Christen die überkommene Aufgabe, Gottsucher im konkreten Alltag und Nachfolger Jesu im Heute zu sein.
Dabei stellen sich weitere Fragen ein: was macht mich aus? Wie definiere ich mich? Wie viel Individualität ist gesund und wo ist es besser, sich anzupassen? Man muss sich ja irgendwie definieren, sonst ist man ein Niemand, oder?
Lieber Br. Vincent, solche Fragen sind Dir sicher nicht fremd. In den vergangenen Jahren als Student in Paderborn, als Novize und Zeitlicher Professe in unserer Abtei, in den Monaten des Pastoralkurses hast Du vermutlich immer wieder die Identitätsfrage gestellt und nach Antworten gesucht. Antworten, die zu Dir und Deinen Lebensvorstellungen passen, die Dich so sein lassen, wie Du bist und nicht verbiegen.
Du hast immer wieder die Frage gestellt, wer bin ich vor Gott und vor den Menschen, mit denen ich den Alltag teile.
Diese Pfingstwoche 2020 ist gleichsam Deine ganz persönliche Identitätswoche, in der sich alles Fragen nach Deiner Identität nochmals verdichtet.
Während am Pfingstsonntag der Mönch und seine Lebensweise im Mittelpunkt des Suchens und Fragens standen, ist es heute der Dienst des Diakons.
In einer einzigen Woche bist Du aufgerufen, den Mönch und den Diakon in Dir Gestalt zu geben. Du, Bruder Vincent bist aufgerufen, als Mönch und Diakon Gestalt zu sein, dem Mönch- und Diakonsein Gestalt zu geben. Was heißt das?

Gestalt sein

Es mag einigen von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder verwundern, dass ich von der Gestalt des Mönches und des Diakons spreche. Eine Gestalt ist eine Form, ein Umriss oder eine Erscheinungsbild, also etwas Äußerliches. Müsste es aber bei beiden Lebensidentitäten nicht eher um Innerlichkeit gehen?
Von Äußerlichkeit sprechen wir in der Kirche nur ungern. Denn schnell verbinden wir äußere Gestalt oder Form mit Schein und Eitelkeiten. Muss das so sein? Es gibt ja nun mal sowohl für den Mönch als auch den Diakon äußere Zeichen seiner Lebensgestalt.
Ist es die Kukulle als Zeichen der mönchischen Lebensweise, ist es beim Diakon die Dalmatik und die gekreuzte Stola. Diese äußeren Zeichen sind prägend für den Träger, und für die, die ihn anschauen, vermitteln sie einen Eindruck.
Mönchsgewand und Dalmatik sind in Form des Kreuzes geschnitten und weisen so auf den, der menschliche Gestalt annahm, sich den Menschen zuneigte, um uns schließlich am Kreuz zu erlösen: Jesus Christus.
Ja, man kann sich allein durch das Äußere, den mönchischen Habitus, definieren, sich ergehen in liturgischen Handlungen und diakonalen Riten, aber werden diese Äußerlichkeiten reichen, um die Lebens-Gestalt eines Mönches und eines Diakons ein Leben lang zu verwirklichen?
Mönch und Diakon sind unterwegs mit Gott auf der Basis ihrer Spiritualität im Dialog mit ihm. Im alltäglichen Handeln lassen sie sich von Gottes schöpferischen Geist durchdringen und formen. Dabei können sich immer wieder neue und unerwartete Wege auftun und Herausforderungen zeigen, auf die beide sich einzulassen haben. Je mehr sie Gott in ihrem Leben Raum geben und sich auf ihn einlassen, desto mehr werden sie selbst zu einer menschlichen Gestalt Gottes und können in einer glaubhaft gelebten Spiritualität als Mönch und Diakon gestaltend wirken.

Gestalt geben

In den letzten Jahren konntest Du, lieber Br. Vincent, dem Mönch in Dir eine Gestalt geben. Die Zeiten von Noviziat und zeitlicher Profess waren Zeiten des Erlernens, des sich Vergewisserns – Zeiten der Gestaltgebung.
Weil Du diese Lebensweise angenommen hast und Dich in sie hineingegeben hast, gestaltetest Du sie mit. Du konntest dem Mönch in Dir eine bestimmte Form geben. Bündelnder Ausdruck Deiner Gestaltungsjahre war das am vergangenen Sonntag im Kreis Deiner Brüder vertrauensvoll gesungenen „Suscipe me, Dominie“ auf dem Professpflaster unser Abteikirche.
Gleich wirst Du wieder an dieser Alltags-Stelle stehen und Deine Bereitschaft erklären, als Diakon in dieser Gemeinschaft zu leben und für diese Deine Brüder zu wirken.
Da wird es wieder um Form und Formung gehen, d.h. um den Gestaltungwillen, dem Evangelium Jesu Raum und Zeit zu geben, nicht nur im inneren Ringen um die eigene Identität, sondern im diakonalen Handeln unter den Menschen.
So wirst Du sicher nicht von ungefähr für diesen Gottesdienst die Berichte von der Fußwaschung Jesu im Abendmahlssaal und der Taufe des Äthiopiers gewählt haben. Aus beiden Perikopen spiegelt uns die diakonale Haltung des Dienens, der Wertschätzung und der Ehrfurcht vor dem Leben des anderen entgegen, einem von Gott geschenkten und gestalteten Leben.
Als Diakon gibst Du in der Gemeinschaft und an Deinen Einsatzorten diesem Gott eine Gestalt und ein menschliches Antlitz.
Das ist ab heute Deine Mission! Ich möchte es mit den Worten von Papst Franziskus formulieren:
„Ich bin immer eine Mission; du bist immer eine Mission; jede Getaufte und jeder Getaufte ist eine Mission. Wer liebt, setzt sich in Bewegung, es treibt ihn von sich selbst hinaus, er wird angezogen und zieht an, er schenkt sich dem anderen und knüpft Beziehungen, die Leben spenden“ – so Papst Franziskus.
Lieber Br. Vincent, ich wünsche Dir von Herzen, dass Du in den kommenden Jahren dieser Mission Gestalt geben und eine Gestalt dieser Mission sein kannst.
Ich wünsche Dir, dass Du den Mönch und den Diakon in Dir nicht als zwei unvereinbare Identitäten wahrnimmst, sondern als Deine Identität in zwei Gestalten zu leben vermagst.
Ich wünsche Dir, dass Du mit Gottes Hilfe erkennst, dass Du in den unterschiedlichen Aufgaben und Diensten ein- und derselbe bist:
Vincent, ein von Gott geliebter und von den Menschen geschätzter Bruder!

08.06.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/06/IMG_8377a.jpg 321 845 Bruder Justus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Justus2020-06-08 15:26:172021-02-18 16:05:59Predigt zur Diakonenweihe Br. Vincent (06.06.2020)

Predigt am 7. Ostersonntag (24.05.2020)

Predigt

von Br. Justus Niehaus OSB

 

Liebe Schwestern und Brüder,

was für eine Gefühlsachterbahn, die die Jünger Jesu gefahren sind. Erst die Wunder und Reden, das Vertrauen und die Hoffnung das Jesus der Messias ist. Der begeisternde Einzug nach Jerusalem, die Huldigung der Menschen, Freude und Jubel. Dann das Letzte Abendmahl, wo der Meister ihnen die Füße wäscht und Verwunderung stiftet.

Auf dem Ölberg die Angst des Meisters zu spüren.

Der Verrat durch den Bruder aus den eigenen Reihen, der Jesus ausliefert und sich anschließend das Leben nimmt. Petrus der sich seine eigene Schwäche eingestehen muss, indem er Jesus dreimal Verleugnet.

Die Verurteilung, Demütigung und Hinrichtung dessen an den man geglaubt hat. Für den man alles stehen und liegen hat lassen und ihm nachgefolgt ist.

Verwirrung, Angst, Flucht und Verstecken.

Nur drei Tage später, die Auferstehung, die erst ankommen muss. An der Einige erst zweifeln. Vierzig Tage lang erscheint Jesus in den unterschiedlichsten Situationen.

Wieder Freude und Jubel doch an den Richtigen geglaubt zu haben. Doch die Hoffnung auf die Erlösung durch den Messias.

Und dann die Himmelfahrt. Jesus ist wieder weg. Empor gehoben in den Himmel. Aber wie lange kann das jetzt schon noch dauern bis er wiederkommt mit all seinen Engeln. Letztes Mal waren es ja auch nur drei Tage, die er fort war. Es kann also nicht lange dauern bis etwas passiert.

Diesmal keine Angst, sondern Vorfreude auf das was da kommt. Zusammensitzen und beten. Jetzt ist Zeit die Dinge zu reflektieren. Sich zu erinnern, was Jesus vor seinem Tod gesagt hat. Die Hoffnung zu nähren. Zu Warten.

Warten. Dieser seltsame Zustand zwischen Hoffen und Bangen. Zwischen Angst und Vorfreude. Zwischen Unsicherheit und Zuversicht. Zwischen Zögern und Ungeduld. Zwischen Spannung und Entspannung.

Warten. Erwarten. Diese urchristliche Haltung.

Traditioneller Weise ist der Advent die Zeit in der wir uns dieser Spannung gewiss werden. In der wir uns wieder Bewusst machen sollten, die Wiederkunft Christi zu erwarten. Leider ist diese Zeit heutzutage so vollgepackt mit den eigentlich für Weihnachten vorbehaltenen Feiern und Genüssen, dass das Gefühl des Wartens schwerlich aufkommt.

Vielleicht können wir ja dieses Jahr die jetzige außergewöhnliche Zeit nutzen uns des Gefühls des Wartens als urchristlichem Gefühl wieder zu nähern. In der Zeit des Verzichtes durch die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronaviruses merke ich bei mir diese Spannungen des Wartens, des Erwartens, der Angst und der Vorfreude, des Zögerns und der Ungeduld, des Hoffens und Bangens. Des Ausschau Haltens. Was wird? Wann enden die Maßnahmen? Wie kommen wir aus dieser Zeit? Welche Wunden bleiben? Wann kann ich mich wieder ruhigen Gewissens mit Freunden treffen? Wann wieder Menschen ohne Beeinträchtigungen begegnen? Wird sich unser Sozialverhalten verändern? Die Angst mich oder andere Leute anzustecken und den Drang nach Freiheit mit anderen wieder mehr in Kontakt zu kommen

Sich diesen Zustand des Wartens zu eigen zu machen. Sich des Namens Jesu – Also Gott rettet – bewusst zu werden und zu wachen, zu beten, zu Hoffen und zu erwarten wie die Jünger nach der Himmelfahrt, kann helfen diese Zeit zu überstehen. Aus Ihr etwas Positives mitzunehmen. Einen richtigen Advent zu begehen.

Kraft dazu kommt von Gott. Er, Christus ist in UNS verherrlicht.

Einen dezenten Hinweis wie wir beten können gibt uns der Komponist des Gregorianischen Chorales. Er fasst in der heutigen Communio, – also des Gesanges, den wir gleich nach dem Kommunionempfang singen – die Verse aus dem Johannesevangelium, die der Stelle, die wir gerade gehört haben unmittelbar folgen zusammen. Er komponiert: Vater, solange ich war bei ihnen, ich bewahrte sie, die du gegeben hast mir. Jetzt aber: zu dir komme ich. Nicht bitte ich, dass du nimmst sie aus der Welt, sondern dass du bewahrst Sie vor dem Bösen.

Er kürzt damit nicht nur 3 Bibelverse auf das Wesentliche zusammen und hebt so den Kern des Hohepriesterlichen Gebetes Jesu, von dem wir heute die erste Hälfte gehört haben, hervor.

Er bietet auch uns einen Hinweis wie wir beten können. Das erste Wort ist „Pater“ also „Vater“ und die letzten Wörter sind „a malo“ also „vor dem Bösen“. Dies sind auch die ersten und letzten Worte des lateinischen Vaterunsers, welches die Mönche damals und auch wir Mönche heute mindestens dreimal am Tag beten. Auch die Vertonung von a malo erinnert an den Schluss des gesungenen Vaterunsers.

Das Vaterunser, dieses Urgebet der Christenheit, das uns von Jesus selbst geschenkt wurde. Dass die Bitte im Hohepriesterlichen Gebet Jesu wiederholt. Bewahre uns vor dem Bösen.

Es kann unsere Antwort, unsere Bekräftigung des Hohepriesterlichen Gebetes sein.

Es kann uns begleiten in der Zeit des Wartens, des Ausschau haltens. Wir können unsere Hoffnung hineinlegen.

Und wir können uns des Namens, den Gott seinem Sohn gegeben hat, bewusstwerden: Jesus (Gott rettet)

Nutzen wir diese Zeit das Warten, das Erwarten neu zu lernen auf den, der da kommt, der Herr ist und lebendig macht.

24.05.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/05/blur-1867402_640.jpg 427 640 Bruder Justus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Justus2020-05-24 15:12:412021-02-18 16:05:59Predigt am 7. Ostersonntag (24.05.2020)

Predigt am 6. Ostersonntag (17.05.2020)

Predigt

von P. Cosmas Hoffmann OSB

Lesung:          1 Petr 3, 15 – 18        
Evangelium:  Joh 14, 15 – 21

Auch an diesem Wochenende demonstrieren Tausende Menschen in vielen Städten Deutschlands gegen die Beschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie. Dabei fällt die bunte Mischung der Teilnehmenden auf. Neben denen, die berechtigter Weise gegen die Einschränkungen einiger Grundfreiheiten protestieren, finden sich Verschwörungstheoretiker und Impfgegner, zudem versuchen Rechtspopulisten diese Proteste für ihr Interesse an Verunsicherung und Destabilisierung zu nutzen.

In der Folge kommt es zu Polarisierungen, Verteufelung der anderen, Hass, Wut und Aggression, die sich in Angriffen auf Polizisten und auch auf Journalisten entladen.

Die Reaktionen seitens der Politik sind gemischt, einerseits eine gewisse Fassungslosigkeit angesichts der teilweisen Verweigerung notwendiger Verhaltensregeln, kruder Verschwörungsphantasien und aufgeheizter Stimmungen, andererseits die ausdrückliche Bestätigung des Rechts auf Meinungsfreiheit verbunden mit der Bitte, diese in angemessener und gewaltloser Weise zu nutzen.

In Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes heißt es dazu: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern“.

Dieses Recht ist zum einen Ausdruck der in Artikel 1 Absatz 1 gemachten Aussage und Forderung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zum anderen ist es für ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen wichtig, dass jeder seine Meinung frei äußern kann, um so in der gemeinsamen Auseinandersetzung dieses Gemeinwesen zum Wohle aller zu gestalten.

Dahinter steht die Einsicht, dass jede und jeder vor dem Hintergrund der persönlichen Lebensgeschichte und dem eigenen Kontext eine je eigene Weise der Wahrnehmung der Wirklichkeit hat. Keiner sieht alles, aber gemeinsam sieht man mehr und kann so der Wirklichkeit näher auf die Spur kommen und entsprechende Entscheidungen und Vereinbarungen treffen. Die Vielfalt der Meinungen somit als eine Ressource gemeinsamer Weltverantwortung und Lebensgestaltung.

Eine Ressource, die Benedikt in seiner Regel ausdrücklich zu nutzen empfiehlt, wenn er fordert, dass vor wichtigen Entscheidungen alle Brüder gehört werden sollen.

Doch die Vielfalt der Meinungen kann auch eine Herausforderung sein, die verunsichert und bedrohlich wirkt: Wem oder was soll oder kann ich glauben?

Zudem verwechseln manche die eigene Meinung mit Tatsachenbehauptung oder halten die Behauptung schon für eine Tatsache oder gar für die Wahrheit, um schließlich anderen fake news vorzuwerfen.

Je mehr ich jedoch von meiner Meinung als einer Tatsache oder der Wahrheit überzeugt bin, desto schärfer reagiere ich auf andere Meinungen.

Je mehr mich andere Meinungen nerven, desto verunsichernder und bedrohlicher empfinde ich die Vielfalt von Meinungen und klammere mich noch mehr an meine Meinung.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Teufelskreis, in dem der Mensch sich verrennt, sich einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Meinungen anderer entzieht, sich so dem Bemühen um eine gemeinsame Gestaltung von Gesellschaft und Welt verweigert.

Ganz anders klingt das heutige Evangelium, in dem Jesus seinen Jüngern, den Beistand, den Geist der Wahrheit verheißt, der sie führen soll.

Es ist die Fortsetzung des Evangeliums vom vergangenen Sonntag, wo Jesus von sich sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Somit ist dieser Geist der Wahrheit der Geist Jesu. Der Heilige Geist, das Band der Einheit zwischen Vater und Sohn, in dem auch wir durch den Sohn mit dem Vater verbunden sind.

Doch wie können wir diesen Geist der Wahrheit erkennen, um durch ihn die Wahrheit, Christus erkennen zu können?

Im Umgang mit dieser Frage kann ein zentraler Begriff der Benediktsregel hilfreich sein: discretio – mit diesem Begriff wird die Kunst der Unterscheidung bezeichnet.

Darunter verstehen wir heute zumeist die Bestimmung des guten Maßes, die Unterscheidung zwischen Zuviel und Zuwenig.

Im frühen Mönchtum verstand man darunter vor allem die Unterscheidung der Geister, die bereits der 1. Korintherbrief (12,10) als Geistesgabe, als Charisma nennt.

Dieses Charisma der Unterscheidung der Geister war in Korinth besonders gefordert, weil die Gemeinde dort in sich zerstritten war, so nennt Paulus gleich zu Beginn des Briefes vier Gruppierungen, die sich auf Paulus, Apollos, Kephas oder Christus beziehen, wobei jede meint, allein im Besitz der Wahrheit zu sein.

Diese Zerstrittenheit zeugt von keinem guten Geist, eher vom Widergeist oder Abergeist, der stets verneint und verwirrt und somit dem Geist Christi, der zur Einheit führt, völlig entgegensteht.

Joseph Ratzinger bringt es so auf den Punkt: Während der Geist Gottes „jenes Zwischen (ist), in dem der Vater und der Sohn eins sind als der eine Gott“ gilt vom Widergeist, dass er „allenthalben ‚dazwischen‘ steht und Einheit hindert“.

Damit ist ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung der Geister genannt: Der Geist Gottes verbindet, der Widergeist trennt. Wes Geistes Kind jemand ist, zeigt sich meist an seinem Tun und dessen Folgen. Diese Einsicht entspricht schon dem Unterscheidungskriterium zwischen wahrer und falscher Prophetie, auf das sich auch Jesus bezieht, wenn er sagt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7,16).

Paulus wird dazu in seinem Brief an die Galater ganz konkret und nennt die jeweiligen Geistesfrüchte (Gal 5, 19-25):

Der Widergeist bringt die Werke des Fleisches hervor: … Maßlosigkeit, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen.
Der Geist Gottes aber: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut …

Origenes, einer der Begründer einer Theologie der Spiritualität, der um 200 gelebt hat, nimmt diese Gedanken des Paulus auf, fasst sie zusammen und sieht die Wirkung des guten Geistes in tiefer Ruhe und echter Verbundenheit.

D.h. die Frucht des Geistes nach innen ist die Verbundenheit mit mir selbst, psychologisch ausgedrückt die Selbstkongruenz, die innere Stimmigkeit, das Ruhen in sich.

Die Frucht des Geistes nach außen ist die Verbundenheit mit den anderen, die ich als Nächste, als Schwestern und Brüder wahrnehme und achte.

Die Frucht des Geistes ist damit letztlich die communio, die Gemeinschaft, nach innen mit mir selbst, nach außen mit den anderen.

Das ist auch die Grundhaltung für gelungene Kommunikation genannt, für einen guten Umgang mit der Meinungsfreiheit: Bei-sich-selbst-sein und zugleich dem anderen zugewandt-sein.

Damit sind mir auch die Kriterien gegeben, mit denen ich mein eigenes Kommunikationsverhalten beurteilen kann:

Wie sage ich meine Meinung? Wann, wo, wem? Welche Worte wähle ich? Wie ist der Ton? Welche Einstellung oder Haltung dem anderen gegenüber wird darin erkennbar? Welche Bedeutung, welche Wirkung hat der Inhalt?

Dienen Inhalt und Form meiner Meinungsäußerung der communio, der Gemeinschaft, der Verbundenheit mit den anderen oder wirken sie eher trennend und untergraben ein gutes Miteinander?

Ein konkretes Beispiel dafür, wie wir Christen unseren Standpunkt vertreten sollen, findet sich in der heutigen Lesung aus dem 1. Petrusbrief, die uns dazu ermutigt, anderen zu begegnen und zu bezeugen, woran wir glauben und wofür wir stehen. Dabei wird hier noch ausdrücklich auf die Art und Weise aufmerksam gemacht, in der dies geschehen soll.

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber mit Sanftmut und Milde und in Bescheidenheit und Respekt.“

17.05.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/05/Abteikirche-innen.jpg 536 800 Bruder Maurus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Maurus2020-05-17 16:31:362021-02-18 16:05:59Predigt am 6. Ostersonntag (17.05.2020)

Predigt am 4. Ostersonntag 2020 in der Abtei Königsmünster

Predigt

von Br. Justus Niehaus OSB

Schafe. Warum vergleicht Jesus uns mit Schafen? Warum keine Ziegen, Schweine, Kühe, Rinder? Warum Schafe? Schauen wir, was diese Tiere ausmacht, warum Jesus uns mit Schafen vergleicht. Zufällig besitzen wir ja einige Exemplare Waldschafe, und ich darf als „Mietling“ mich ab und zu mit ihnen beschäftigen.

Eigentlich müsste also unser Bruder Isidor hier stehen und die Predigt halten. Aber hier nun einige Beobachtungen eines Mietlings im Schafstall.

Als ich über diese Predigt nachdachte, kam mir als erstes das letzte Silvesterfest in den Sinn.

Isidor sprach mich um halb neun abends an, ob ich ihm bitte bei den Schafen helfen könnte. Die Schafe sollten in den Stall, damit sie sich nicht durch die Böller um Mitternacht erschrecken, voll Panik in die Netze laufen und ungewollt ausbrechen. Im Schafstall musste irgendetwas passiert sein, dass die Schafe geängstigt hatte. Sie wollten nicht dorthin. Isidor hatte es seit fünf Uhr versucht, aber alleine war nichts zu machen. Wir trieben also zu zweit die Schafe durch eine Gasse von der Weide bis vor die Mistplatte. Hier weitete sich der Zaun und führte um die ganze Mistplatte. Isidor hatte vorne gelockt und ich stand als Absicherung hinten. Bis zur Mistplatte war es kein Problem, aber kein Schaf machte auch nur einen Schritt auf die Platte. Einige wollten schon zurück auf die Weide, aber dort stand ich nun im Weg. Pattsituation. Um die Schafe als Gruppe nicht in Panik zu versetzen, blieb ich relativ ruhig. Isidor hatte schon alle Lockmittel wie Kraftfutter und Äpfel bereit, aber es war nichts zu machen. Ab und zu schaffte er es, ein Schaf zu überzeugen, einen Schritt auf die Mistplatte zu machen, aber sobald dieses Schaf merkte, dass die anderen ihm nicht folgten, kehrte es um und löste so den Fluchtreflex der ganzen Herde aus. Auch wenn sich eines der ängstlicheren Tiere durch eine Kleinigkeit erschrak, blickten wieder alle Augen auf mich und den Fluchtweg zur vermeintlich sicheren Weide, anstatt auf die Stimme ihres Hirten zu hören und in den Stall zu gehen, wo es frisches Heu, Wasser und Kraftfutter gab. Wir spielten dieses Spiel eine gute Dreiviertelstunde. Ein Schaf durch langes Zureden auf die Mistplatte, eine kleine Unsicherheit, ein Fluchtreflex und alles war wieder auf Anfang. Es war zermürbend.

Dann nach einer gefühlten Ewigkeit das Einsehen. Warum auch immer. Ein Gefühl von Einsehen. Plötzlich setzte sich die Herde langsam und vorsichtig Richtung Stall in Bewegung. Auch die skeptischen Tiere gingen mit und lösten keinen Herdenfluchtinstinkt mehr aus. Es war geschafft. Einmal in Bewegung ging es ganz schnell. Es war kein Zögern mehr zu spüren. Die Herde hatte sich auf den Weg gemacht. Die Schafe waren im Stall. Was der letzte Auslöser war, kann ich nicht sagen. Warum sie sich schließlich fügten und ihrem Hirten folgten, kann ich nicht sagen.

Mir ist nur die Hilflosigkeit, ja die Machtlosigkeit des Hirten in der Situation vor Augen: dort zu stehen und außer gutem Zureden und Locken nichts machen zu können. Kein Zwang, kein Befehl, nur Geduld und Ausdauer, nur ruhig bleiben, frische Nahrung und gutes Zureden haben geholfen. Wer einmal so eine Situation erlebt hat, versteht, was Hirte sein bedeutet. Es heißt nicht herrschen, sondern Geduld und Barmherzigkeit. Es heißt sich in die Herde reindenken, dranbleiben, damit die Schafe den Klang der Stimme nicht verlernen, damit auch in Notsituationen wie dieser noch Vertrauen vorhanden ist. Es heißt sich alle Tiere anzusehen, zu bemerken, ob eines hinkt, ob es zurückbleibt, ob es niest, ob es krank ist. Ob es seine Lämmer versorgt oder Unterstützung braucht. Ob es im Frühjahr genug regnet, damit man im Sommer heuen kann, um im nächsten Winter genug Nahrung zu haben. Sie nachts heim zu holen in den sicheren Stall. Und all das nicht durch Befehl, sondern durch Locken und Rufen, durch Geduld und Barmherzigkeit.

Dies alles tut Gott für uns. Er allein ist der gute Hirte. An seiner Barmherzigkeit und Geduld sollen wir niemals verzweifeln, wie es so schön in der Benediktsregel heißt. Nur durch ihn kommen wir an frische Nahrung, wenn wir ihm unser Vertrauen schenken und auf seine Stimme hören, die uns ruft.

Wir sind alle Schafe. Das hat auch der Komponist des Allelujas und der Communio nochmal betont, da im Originaltext der Vulgata das Wort Schafe an dieser Stelle nicht steht. Er hat es also bewusst eingefügt und vertont.

Wir alle sind Schafe. Und jeder, der sich zum Hirten macht, stößt den eigentlichen Hirten weg. Er stößt Gott zur Seite. Damit keine Missverständnisse aufkommen: es gibt in einer Schafherde durchaus Leittiere und Hierarchie. Eine Schafherde ist aber kein Patriarchat mit dem Recht des Stärkeren, auch wenn die imposanten Böcke uns das weismachen möchten. Es ist ein Matriarchat in dem die älteren Muttertiere den Ton bestimmen.

Es gibt Tiere, die vorangehen und dem Hirten vertrauen, und es gibt die Skeptischen und alle Formen dazwischen. Es gib diejenigen, die im Alltag Vertrauen haben und in Notsituationen nicht. Und es gibt diejenigen, bei denen es genau anders herum ist. Es gibt diejenigen, die nur mitlaufen, diejenigen, die voranstürmen und diejenigen, die bremsen. Sie alle werden durch den Hirten zusammengehalten. Er kennt uns alle beim Namen und wir kennen ihn. Er hat uns alle im Blick und sorgt für uns.

Wir, die wir hier zusammen sind, gehören – hoffentlich –  zu den Schafen, die dem Hirten mehr vertrauen und auf seine Stimme hören und so andere ermutigen können, es uns gleich zu tun. Durch unser Beispiel und unser Vorangehen. Er führt uns an frische Wasser. Durch ihn bekommen wir Nahrung in Fülle und Schutz in der Nacht. Höre, das ist unser Auftrag. Und nicht zu zaghaft und misstrauisch zu sein gegenüber dem Hirten, sondern vertrauensvoll.

Dann können wir gleich in der Communio voll Freude in das Blöken einstimmen.  Me meae

03.05.2020
https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2020/05/Schafe_8969_3.jpg 563 845 Bruder Justus https://koenigsmuenster.de/wp-content/uploads/2019/12/abtei_logo_weiss_Homepage.png Bruder Justus2020-05-03 09:03:082021-02-18 16:05:45Predigt am 4. Ostersonntag 2020 in der Abtei Königsmünster
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Gastbereich     0291.2995-210
Abteiladen     0291.2995-109
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