von Weihbischof Dominicus Meier OSB

 

„Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ –
So, liebe Schwestern und Brüder, lautet ein Buchtitel des Philosophen und Publizisten Richard David Precht. In 54 Kapiteln geht Precht den Fragen nach: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?, und meint, in der Beantwortung dieser Fragen komme man der eigenen Identität auf die Spur.
Auch uns Christen beschäftigt immer wieder die Suche nach unserer Identität. Ein Christ fragt: Was macht mich aus? Hat meine Identität mit meiner Gottesbeziehung zu tun? Und wo ist der Ort, diese Identität zu leben: in der Familie, in einer Gemeinschaft oder allein?
Zunächst gründet für Christen ihre Identität in der Beziehung zu Gott. Gott verspricht, dass wir seine Kinder sind, geliebte Söhne und Töchter. Er spricht uns bedingungslos als seine „geliebten Kinder“ an.
Gleichzeitig haben wir als Christen die überkommene Aufgabe, Gottsucher im konkreten Alltag und Nachfolger Jesu im Heute zu sein.
Dabei stellen sich weitere Fragen ein: was macht mich aus? Wie definiere ich mich? Wie viel Individualität ist gesund und wo ist es besser, sich anzupassen? Man muss sich ja irgendwie definieren, sonst ist man ein Niemand, oder?
Lieber Br. Vincent, solche Fragen sind Dir sicher nicht fremd. In den vergangenen Jahren als Student in Paderborn, als Novize und Zeitlicher Professe in unserer Abtei, in den Monaten des Pastoralkurses hast Du vermutlich immer wieder die Identitätsfrage gestellt und nach Antworten gesucht. Antworten, die zu Dir und Deinen Lebensvorstellungen passen, die Dich so sein lassen, wie Du bist und nicht verbiegen.
Du hast immer wieder die Frage gestellt, wer bin ich vor Gott und vor den Menschen, mit denen ich den Alltag teile.
Diese Pfingstwoche 2020 ist gleichsam Deine ganz persönliche Identitätswoche, in der sich alles Fragen nach Deiner Identität nochmals verdichtet.
Während am Pfingstsonntag der Mönch und seine Lebensweise im Mittelpunkt des Suchens und Fragens standen, ist es heute der Dienst des Diakons.
In einer einzigen Woche bist Du aufgerufen, den Mönch und den Diakon in Dir Gestalt zu geben. Du, Bruder Vincent bist aufgerufen, als Mönch und Diakon Gestalt zu sein, dem Mönch- und Diakonsein Gestalt zu geben. Was heißt das?

Gestalt sein

Es mag einigen von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder verwundern, dass ich von der Gestalt des Mönches und des Diakons spreche. Eine Gestalt ist eine Form, ein Umriss oder eine Erscheinungsbild, also etwas Äußerliches. Müsste es aber bei beiden Lebensidentitäten nicht eher um Innerlichkeit gehen?
Von Äußerlichkeit sprechen wir in der Kirche nur ungern. Denn schnell verbinden wir äußere Gestalt oder Form mit Schein und Eitelkeiten. Muss das so sein? Es gibt ja nun mal sowohl für den Mönch als auch den Diakon äußere Zeichen seiner Lebensgestalt.
Ist es die Kukulle als Zeichen der mönchischen Lebensweise, ist es beim Diakon die Dalmatik und die gekreuzte Stola. Diese äußeren Zeichen sind prägend für den Träger, und für die, die ihn anschauen, vermitteln sie einen Eindruck.
Mönchsgewand und Dalmatik sind in Form des Kreuzes geschnitten und weisen so auf den, der menschliche Gestalt annahm, sich den Menschen zuneigte, um uns schließlich am Kreuz zu erlösen: Jesus Christus.
Ja, man kann sich allein durch das Äußere, den mönchischen Habitus, definieren, sich ergehen in liturgischen Handlungen und diakonalen Riten, aber werden diese Äußerlichkeiten reichen, um die Lebens-Gestalt eines Mönches und eines Diakons ein Leben lang zu verwirklichen?
Mönch und Diakon sind unterwegs mit Gott auf der Basis ihrer Spiritualität im Dialog mit ihm. Im alltäglichen Handeln lassen sie sich von Gottes schöpferischen Geist durchdringen und formen. Dabei können sich immer wieder neue und unerwartete Wege auftun und Herausforderungen zeigen, auf die beide sich einzulassen haben. Je mehr sie Gott in ihrem Leben Raum geben und sich auf ihn einlassen, desto mehr werden sie selbst zu einer menschlichen Gestalt Gottes und können in einer glaubhaft gelebten Spiritualität als Mönch und Diakon gestaltend wirken.

Gestalt geben

In den letzten Jahren konntest Du, lieber Br. Vincent, dem Mönch in Dir eine Gestalt geben. Die Zeiten von Noviziat und zeitlicher Profess waren Zeiten des Erlernens, des sich Vergewisserns – Zeiten der Gestaltgebung.
Weil Du diese Lebensweise angenommen hast und Dich in sie hineingegeben hast, gestaltetest Du sie mit. Du konntest dem Mönch in Dir eine bestimmte Form geben. Bündelnder Ausdruck Deiner Gestaltungsjahre war das am vergangenen Sonntag im Kreis Deiner Brüder vertrauensvoll gesungenen „Suscipe me, Dominie“ auf dem Professpflaster unser Abteikirche.
Gleich wirst Du wieder an dieser Alltags-Stelle stehen und Deine Bereitschaft erklären, als Diakon in dieser Gemeinschaft zu leben und für diese Deine Brüder zu wirken.
Da wird es wieder um Form und Formung gehen, d.h. um den Gestaltungwillen, dem Evangelium Jesu Raum und Zeit zu geben, nicht nur im inneren Ringen um die eigene Identität, sondern im diakonalen Handeln unter den Menschen.
So wirst Du sicher nicht von ungefähr für diesen Gottesdienst die Berichte von der Fußwaschung Jesu im Abendmahlssaal und der Taufe des Äthiopiers gewählt haben. Aus beiden Perikopen spiegelt uns die diakonale Haltung des Dienens, der Wertschätzung und der Ehrfurcht vor dem Leben des anderen entgegen, einem von Gott geschenkten und gestalteten Leben.
Als Diakon gibst Du in der Gemeinschaft und an Deinen Einsatzorten diesem Gott eine Gestalt und ein menschliches Antlitz.
Das ist ab heute Deine Mission! Ich möchte es mit den Worten von Papst Franziskus formulieren:
„Ich bin immer eine Mission; du bist immer eine Mission; jede Getaufte und jeder Getaufte ist eine Mission. Wer liebt, setzt sich in Bewegung, es treibt ihn von sich selbst hinaus, er wird angezogen und zieht an, er schenkt sich dem anderen und knüpft Beziehungen, die Leben spenden“ – so Papst Franziskus.
Lieber Br. Vincent, ich wünsche Dir von Herzen, dass Du in den kommenden Jahren dieser Mission Gestalt geben und eine Gestalt dieser Mission sein kannst.
Ich wünsche Dir, dass Du den Mönch und den Diakon in Dir nicht als zwei unvereinbare Identitäten wahrnimmst, sondern als Deine Identität in zwei Gestalten zu leben vermagst.
Ich wünsche Dir, dass Du mit Gottes Hilfe erkennst, dass Du in den unterschiedlichen Aufgaben und Diensten ein- und derselbe bist:
Vincent, ein von Gott geliebter und von den Menschen geschätzter Bruder!