von Br. Benjamin Altemeier OSB

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

der Text des heutigen Evangeliums (Mt 22,1-14) wird besonders herausfordernd vom Ende her. Dort, wo der Mensch, der kein Hochzeitsgewand trägt, hinausgeworfen wird an den Ort der äußersten Finsternis. Und ganz am Ende des Evangeliums der Satz: „Viele sind berufen, wenige aber auserwählt.“ Was ist damit gemeint? Das lässt mich zunächst einmal ratlos zurück.

Gehen wir dennoch erst einmal an den Beginn des Evangeliums zurück.

Da lädt Gott in der Person des Königs die eingeladenen Gäste zum Hochzeitsmahl ein. Ein Bild für die Gottesschau. Die Gäste haben aber andere Dinge zu tun. Und natürlich ist der Mensch frei, die Einladung abzulehnen. Dann aber werden die Diener getötet, und der König reagiert, indem er sein Heer schickt und die Stadt in Schutt und Asche legen lässt. Müssen wir nun unsere Vorstellung eines liebenden Gottes korrigieren? Nein, denn hier lässt sich die konkrete geschichtliche Erfahrung ablesen, dass die Menschen des ersten Bundes in Israel sich nicht alle der Jesusbewegung anschließen, also die Einladung aus der Sicht der Christen nicht angenommen haben. Die Stadt, die in Schutt und Asche liegt. ist Jerusalem, die 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde, nicht von Gott.

Dennoch stellt sich uns heute die Frage: Lasse ich mich von Gott stören in meinem Alltag? Ist er für mich präsent? Oder lebe ich, als ob es Gott nicht gäbe?

Lasse ich mich von der Botschaft Jesu aufstören, gar aufschrecke? Oder hat sie längst keine Bedeutung mehr in meinem Leben? Höre ich „mit aufgeschrecktem Ohr“, wie es Benedikt im Prolog seiner Regel schreibt?

Die Botschaft Jesu, dass ein jeder Kind Gottes ist, wertvoll und geliebt;
die Botschaft Jesu: „Urteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet“;
die Botschaft Jesu der Hinwendung zu den Bedürftigen, die uns auch heute fordert.

Dann erfolgt die zweite Einladung Gottes an den Menschen, und dieses Mal füllt sich der Festsaal. Die Botschaft Gottes durch Jesus richtet sich an alle. Ausnahmslos alle. Juden wie Heiden, Griechen wie Römer, und sogar an Böse und Gute. Alle sind gerufen. Auch die Bösen, und diese sogar als Erstes. Das war auch für die Christen, an die sich Matthäus richtet, verstörend. Damals wie heute gibt es in der Kirche, in den Gemeinden, in den Gemeinschaften die Selbstgerechten, die entscheiden wollen: Du gehörst dazu  – und Du nicht. Matthäus warnt auch uns, nicht eine Kirche ohne Sünder zu bilden, sondern, wie es Papst Franziskus ausdrückt, eine verbeulte Kirche, eine verbeulte Gemeinde, ja, liebe Schwestern und Brüder, eine verbeulte Gemeinschaft, in der der Sünder seinen festen Platz hat.

Aber nun zum Schluss, zum Menschen, der ohne Hochzeitsgewand kam und stumm blieb. Bei den Begriffen Hochzeit und Mahl wussten die Christen des Matthäus, dass es ums Ganze geht. Um die Gottesbegegnung, um den wiederkehrenden Christus, der uns begegnen will. Da müssen wir wachsam sein wie die klugen Jungfrauen, wachsam sein wie der Diener, der auf den Hausherrn wartet. Wir Christen sollen wachsam sein, kein verschnarchter und verschlafener müder Haufen.

Beim Hochzeitsgewand geht es nicht um den richtigen Dresscode. Wir Mönche nennen unser Gewand Habit. Daraus ableiten lässt sich der Begriff Habitus. Und dem schließt sich die Frage an: Habe ich den Habitus der Erwartung und der Sehnsucht?

Gott fragt uns: Was erwarten wir? Wonach sehnen wir uns? Hören wir die liebende, werbende Stimme Gottes noch? Die Frage Gottes lautet nicht: Was hast du erreicht? Was hast Du getan? Wieviel hast Du gebetet?

Gott fragt mich: Was bewegt mich? Was trägt mich? Was lässt mich hoffen?

Gott fragt mich: Wonach sehnst Du dich? Damit ich nicht stumm bleibe, kann ich mich vielleicht der Sehnsucht des Jesaja anschließen und antworten wie er:

Meine Sehnsucht ist:

Er hat den Tod für immer verschlungen, und Gott, der Herr wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen, und die Schande seines Volkes entfernt er von der ganzen Erde. Und weiter: Siehe, das ist unser Gott, auf ihn haben wir gehofft, dass er uns rettet. (Jes 25,8-9)

Wenn wir uns dieser Verheißung anschließen können, sind auch wir berufen und auserwählt.