von P. Guido Hügen OSB

„Gönne dich dir selbst!
An der Lust des Tages, die dir zusteht,
geh nicht achtlos vorbei!“

Liebe Schwestern und Brüder,
was klingt wie Zeilen aus einem Ratgeber zur Selbstfindung
oder einer Anleitung zum Glücklichsein,
sind tatsächlich Worte aus der Bibel,
aus dem Buch Jesus Sirach im 14. Kapitel.

Gönne Dich dir selbst!
Sei dir selber wertvoll!
Weil du Gott wertvoll bist.

Achte auf Dich, nimm dich selber ernst,
schau auf das, was dir gut tut
– es ist dir geschenkt!

Und dann – so heißt es weiter bei Jesus Sirach:
„Wer sich selbst nichts Gutes gönnt,
wem kann der Gutes tun?!“

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“
benennt es Jesus im Evangelium.

Das „Liebe deinen Nächsten“ hat uns unsere christliche Prägung
gut anerzogen.
Und es ist ja auch wichtig – gerade in Zeiten wie dieser.
Den Anderen sehen,
auf den Anderen Rücksicht nehmen,
für den Anderen da sein.

Und trotzdem:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Das „wie dich selbst“ gehört sich nicht bei uns
– egoistisch sein gehört sich nicht.

In Supervisionen und Beratungen sage ich immer wieder:
der Mensch muss egoistisch sein,
muss sich um sich selbst sorgen.

Wenn nicht gerade in sozialen Berufen
am Ende nicht immer öfter der Burn-out stehen soll.
Ich kann nicht mehr… !!!

Er darf nur nicht egozentrisch werden
– mich selber immer in den Mittelpunkt stellen
und ständig um mich kreisen.

Aber wie will ich andere lieben, für andere da sein,
wenn ich mich selbst nicht liebe,
nicht für mich da bin?

Und andere lieben – gelingt uns das?!

Für andere da sein?
Andere akzeptieren, mich selber zurücknehmen,
den anderen wertschätzen, ihm Chancen geben?

Überlegen Sie einmal, ob und wie Sie das
in der letzten Woche getan haben.

War es nicht oft eher das Gegenteil?
Kommen wir nicht viel zu oft an unsere Grenzen?

Es gibt doch so viele Gründe:
Wenn ich mich vom anderen bedrängt fühle,
wenn ich den anderen nicht verstehe,
wenn ich mich selber beweisen muss,
weil ich mich minderwertig fühle.
Den Menschen am Rande
lasse ich gerne am Rande stehen.

Wer meine Hilfe braucht
– bekommt er oder sie diese?

Wohl niemand von uns kann sich da ausnehmen.

Wir spüren es immer wieder:
wir verletzen und sind verletzt,
Eifersucht und Machtgelüste lodern in uns.

Der oder die neben mir:
Wie oft gönne ich ihm oder ihr nichts.

Weil ich mir selbst nichts gönne?

Weil ich nicht spüren kann,
dass ich Gottes geliebtes Kind bin
und auch im Anderen Gottes geliebtes Kind sehe?

Die anderen als meine Geschwister annehmen,
und mit Gottes Augen sehen kann?!

 

Die Lesung des heutigen Tages aus dem Buch Exodus
geht weit darüber hinaus.

„Einen Fremden sollst du nicht ausnützen
oder ausbeuten.“
„Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen.
Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit,
werde ich auf ihren Klageschrei hören.
Mein Zorn wird entbrennen …“

 

In mir höre ich das Geschrei von Menschen,
die ungerecht behandelt und versklavt werden,
die für sich und ihre Kinder ein besseres Leben wünschen,
und elendig ertrinken,
den stummen Ruf der Armen auch in unseren Orten,
die sich nicht wagen, herauszutreten.
Die gerade in dieser Zeit Vereinsamten und Verzweifelten.

„Wenn er zu mir schreit, höre ich es,
denn ich habe Mitleid.“

Haben wir Mitleid?
Oder ist es uns nicht eigentlich egal?!
Uns geht es ja gut.

 

Noch einmal zurück zum ganz Konkreten.

Was gönne ich denn dem Bruder, der Schwester neben mir?
Auch das, was mir vielleicht etwas „wegnimmt“,
was mich einschränkt, mich begrenzt?

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“
heißt eben auch: gönne auch dem anderen das,
von dem du meinst, dass es nur für ich ist.

Und bei allem:
„An der Lust des Tages, die dir zusteht,
geh nicht achtlos vorbei.“

Die Lust, die dir zusteht.
Du musst sie dir nicht erwerben, erkaufen, erschleichen.
Sie steht dir zu!

Also: geh nicht achtlos vorbei.

 

Ist das nicht die große Sünde:
dass wir Gottes Geschenk für uns – und für die anderen! –
nicht annehmen?!

Es achtlos liegen lassen?

„Den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen,
mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.“

Mein ganzes Leben soll ER prägen.
Sein Geschenk – mich selbst –
und die „Lust des Tages“ darf ich annehmen.

Lassen wir es uns ruhig von einem Heiligen sagen:

Aus einem Brief von Bernhard von Clairvaux
an Papst Gregor III.:

Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst.
Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft,
aber ich sage: Tu es immer wieder einmal.
Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da,
oder jedenfalls sei es nach allen anderen.