von P. Guido Hügen OSB

Einmal eine Auszeit nehmen
raus aus der Pandemie,
raus aus allen Einschränkungen, Auflagen, Zwängen, Verboten.
Kein Homeoffice und kein Homeschooling mehr,
keine immer neu ausfallenden Termine …

Stattdessen an einen Sehnsuchtsort reisen,
Freundinnen und Freunde wieder treffen,
gemeinsam feiern,
das Leben genießen.
Gemeinschaft erfahren.
Austausch haben.

Ob sich für Petrus, Jakobus und Johannes
die Einladung Jesu ähnlich angefühlt hat?
Auch ohne die Erfahrung einer Pandemie
– sie ganz allein mit Jesus auf einem Berg?

Zeit, zur Ruhe zu kommen,
vielleicht über manches der vergangenen Wochen zu reden,
vielleicht manches neu zu verstehen.

Aber es kommt ganz anders.

Auf dem Berg mit der wunderbaren Aussicht
geschieht etwas ganz Merkwürdiges.

Strahlend weiß steht Jesus auf einmal da
und eine Stimme nennt ihn „mein geliebter Sohn“.

Zwei Menschen sind plötzlich da.
Mose und Elija.
Vertreter des Gesetzes und der Propheten im Glauben Israels.
So etwas wie eine Legitimation.

Einer der drei Freunde, Petrus, wird aktiv.
Vor Furcht angesichts des Geschehens
ist er ganz benommen, weiß nicht, was er sagen soll.

„Wir wollen drei Hütten bauen,“
schlägt er vor. Nur ein hilfloses Gestammel
– oder fast schon prophetisch?

Im griechischen Text ist die Rede von „skénas“, Zelten.

Das freut nicht nur den Pfadfinder.
Das freut auch den Bibelfesten.

In einem Zelt wollte JHWH leben,
in einem Zelt sollte die Bundeslade mit dem Volk Israel ziehen.
Gott will mit Seinem Volk unterwegs sein.

Will Petrus nur etwas festhalten, was nicht festzuhalten ist –
oder ein neues Zelt, ein neues Miteinander mit Gott knüpfen?

Was verbirgt sich für uns heute in diesem Evangelium
– viel Tieferes?

„Das Gesetz und die Propheten“ –
darauf beruft sich immer wieder der jüdische Glaube.

Im Christentum nennen wir es vielleicht anders.
Kirchenrecht und Tradition?
Ein: „Es war schon immer so“?

Jesus geht erst gar nicht auf die Idee des Petrus ein,
Hütten zu bauen, Zelte aufzuschlagen.
Die Stimme aus dem Himmel macht deutlich, worum es geht:
„Dieser ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“

In seiner ersten Predigt zur diesjährigen Fastenzeit
hat der Päpstliche Hausprediger Kardinal Cantalamessa
zu genau dieser Rückbesinnung auf Jesus gemahnt.

„Es ist notwendig, sich weniger mit sich selbst zu beschäftigen.
Stattdessen müssen wir uns wieder stärker auf Christus konzentrieren“, sagte Cantalamessa.
Es gehe darum, zu den Ursprüngen der Berufung zurückzukehren
– „ohne Anmaßung, ohne Titel, ohne Vergleiche untereinander“.
Wie die frühen Apostel müsse man
„als Gefährten in einem Abenteuer“ zusammenarbeiten.

Lassen wir uns auf dieses Abenteuer ein?
Sind oder werden wir Gefährten Jesu?

In „Lumen Gentium“,
der dogmatischen Konstitution über die Kirche,
greift das Zweite Vatikanische Konzil
das erstrahlende Gesicht Jesu auf:
„Christus ist das Licht der Völker.“
Und beschreibt:
Dieses Licht spiegelt sich auf dem Antlitz der Kirche wieder.

Ist das so?
Auch bei mir ganz persönlich?

Stecke ich nicht viel zu tief fest
in meinem Streben nach Anerkennung,
in dem Versuch, meinen Minderwertigkeitskomplex
durch immer mehr Aktivität zu übertünchen,
mich mit Titeln, Ämtern, Insignien und Gewändern zu schmücken?

Bei allen doch so oft tiefsitzenden Ängsten,
Sorgen und Unsicherheiten
könnte uns die Zusage aus dem Römerbrief helfen,
die wir gerade gehört haben:
„Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns“?

In diesem Vertrauen
kann Eingestehen von Schuld und Versagen gelingen.
Dazu müssen wir nicht nach Köln schauen
und auf ein Gutachten von Kardinal Woelki warten.

Schauen wir auf uns!
Wo bin ich,
wo sind wir – auch als Gemeinschaft – schuldig geworden?

Ist mir das überhaupt bewusst,
verdränge ich es, vertusche es sogar?

Wo stehe ich offen zu meiner Schuld
– gerade auch denen gegenüber, an denen ich schuldig geworden bin?

Was tue ich dem Menschen neben mir an?
Nehme ich es überhaupt wahr?

Vielleicht lässt die Verklärung Jesu
auch mein Tun in einem neuen Licht erscheinen.

Ein Licht,
das tief in das Innere meiner Seele leuchtet.

Ein Licht,
das auch das Dunkelste, das Schwerste
ans Tageslicht bringt.

Würde es offenbar werden
– es wäre wohl fürchterlich.

Aber Gott sieht es.
Kann ich damit stehen vor IHM?

Ich wünsche uns den Mut zur Offenheit
– auch wo es weh tut.
Den Mut, um echte Vergebung zu bitten.
Den Mut, neue Wege zu gehen.

Damit Gott neu sein Zelt unter uns aufschlagen kann.

Damit ich spüren darf,
dass die Botschaft Gottes auch mir gilt:
„Dieser ist mein geliebter Sohn.“

„Bei allem, was du bist und was du getan hast:
du bist mein geliebtes Kind!

Du bist meine geliebte Tochter,
du bist mein geliebter Sohn!“