von Abt Aloysius Althaus OSB

Das Kreuz auf Golgota ist erhöht. Vollbracht ist, was befohlen war. Der Verurteilte, der Geschundene, der Gestrafte hängt am Holz.

Er haucht seinen Geist aus: „Es ist vollbracht!“

Schwestern und Brüder,

die Passionserzählung des Evangelisten Johannes wiegt schwer.

Alle Gefühlslagen werden sichtbar, zu denen der Mensch fähig ist: Neid und Eifersucht, Verachtung und Spott, Mitleid und Trauer, Macht und Ohnmacht.

Am eindrücklichsten sind zwei Gegensätze: abgrundtiefer Hass und unzerstörbare Liebe.

Da ist zunächst der Hass, dieses innerste Gefühl, das wir alle kennen dürften. Bei den Menschen damals hat es sich aufgestaut. Vor allem die religiösen Führer sind im Innersten aufgebracht gegen jenen Mann aus Nazareth, dem die Massen nachlaufen und der eine Botschaft verkündet, die alles auf den Kopf stellt. Er predigt von der Freiheit der Kinder Gottes und überschreitet dabei alle Grenzen der Gesetze.  – Er wendet sich den Kranken zu und macht sie heil im Tiefsten ihrer Seele. – Er hält sich an keine Rangordnung und stellt die Hierarchie der Gelehrten infrage.

Die religiösen Führer des Volkes Israel sind voller Groll. Dieser Jesus schadet ihnen zutiefst. In ihnen wächst der Hass, ein Hass, in dem sich so vieles bündelt, was auch uns vertraut ist: Angst um die eigene Stellung und Machtversessenheit. – Wo immer Menschen von diesen Gefühlen regiert werden, da ist das Urteil über andere schnell gesprochen.

Für die Führer des Volkes ist es nicht schwer, das Volk für ihre eigenen Zwecke aufzuwiegeln. Jesus muss sterben. Er hat sie getäuscht, das verzeihen sie ihm nie. Und so sammeln sich am Ende alle negativen Gefühle der Hohenpriester und des Volkes in dem einen Ruf, der bis heute durch Mark und Bein geht:

„Ans Kreuz mit ihm!“

Schließlich gibt es noch den, der über Recht und Unrecht entscheiden könnte: Pilatus. Er könnte dem Hass der Menschen sein gerechtes Urteil entgegensetzen. Er könnte die Unschuld Jesu amtlich machen. Aber er weiß, dass der Hass der Meute dann ihm selbst gilt. Auch das dürften wir kennen: Wie viel Standhaftigkeit es braucht, um für das Recht einzustehen gegen den Hass der Menschen. Pilatus knickt ein. Und so nimmt der Kreuzweg seinen Lauf, weil keiner ihm Einhalt gebietet.

Rudolf Otto Wiemer schreibt:

Der den Wein austeilt, muss Essig trinken,
der die Hand nicht hebt zur Abwehr, wird geschlagen.
Der den Verlassenen sucht, wird verlassen,
der nicht schreien macht, schreit überlaut.
Der die Wunde heilt, wird durchbohrt,
der den Wurm rettet, wird zertreten.
Der nicht verfolgt, nicht verrät, wird ausgeliefert,
der nicht schuld ist, der Unschuldige wird gequält.
Der lebendig macht, wird geschlachtet,
der die Henker begnadet, stirbt gnadenlos.

Und Jesus? Er liebt!

Er liebt einfach weiter, egal, was geschieht.

Er ließ sich auch nicht von Anfeindung, Verleumdung, Unverständnis und Todesdrohung davon abbringen. Er antwortete der Unmenschlichkeit mit Liebe, in der Mitgefühl, Verstehen und Vergebung zum Tragen kommen.

Was er immer gelebt hat, das verrät er auch im Sterben nicht. Er lässt sich nicht hinreißen, Gewalt mit Gegengewalt zu vergelten, nicht einmal in der Stunde größter Schmach und Verletzung. Jesus schlägt nicht zurück, auch nicht mit Worten. Er lässt das Unrecht an sich geschehen, das Menschen in ihrem bodenlosen Hass ihm antun.

Sein Weg der Passion war ein Weg der Liebe.
Wie groß ist so eine Liebe!
Wie groß ist der Mensch, der so lieben kann!

Doch diese Erkenntnis ruft oft noch mehr Hass hervor. Aus unserem Sprachgebrauch kennen wir den Ausspruch: Dafür dass ich sie liebe, hassen sie mich.

Wir Menschen wollen oft nicht, dass jemand den Kreislauf des Hasses durchbricht. Wir rechnen mit Gegenwehr und fühlen uns entlarvt, wenn sie nicht eintritt. Wir spüren: Die eigentlich Ohnmächtigen sind wir, weil wir nichts haben als unsere Gewalt.

So war es auch damals. Die Menschen erleben eindrücklich, dass Hass nie siegen kann. Sie können Jesus töten, aber seine Liebe töten, das können sie nicht! Die Liebe wird bleiben, sie wird leben.

Schwestern und Brüder,

schauen wir auf zum Kreuz. Im gemarterten Mann am Kreuz dürfen wir den sehen, der liebt: der seine Peiniger liebt bis zum Schluss; der das aufgehetzte Volk in seine Liebe einschließt und ihm vergibt; der seine Freunde liebt, die ihn verraten oder einfach feige weggelaufen sind. Und Jesus liebt uns. Trotz unserer Hartherzigkeit, mit der wir einander verletzen, trotz unserer Schuld, wenn wir einander Gewalt antun, trotz unserer Missgunst, dem Neid und dem Machtstreben, durch die wir die Lebensmöglichkeiten anderer zerstören. Wir alle sind eingeschlossen in die Liebe Jesu am Kreuz, die uns verwandeln und heilen und erlösen möchte.

Schauen wir auf zum Kreuz, auf die unzerstörbare Liebe unseres Gottes. Sie will uns Mut machen, selbst immer mehr zu Liebenden zu werden. Vergeben, statt aufzurechnen. Freizulassen, statt festzunageln. Gnädig zu sein, statt zu verurteilen. Geduld zu haben, statt kurzen Prozess zu machen.

Schauen wir auf zum Kreuz. Schauen wir auf den Gekreuzigten, er selbst ist unsere Hoffnung, dass Hass und Tod eines Tages vergehen, dass die Liebe aber bleibt.

Lassen wir uns von Jesus mitnehmen auf den Weg der Liebe. Lassen wir immer wieder die Liebe auferstehen zum Leben. Amen.