„Siehe, ich sehe …“ (Apg 7,56)

Das kennen Sie bestimmt auch: „Heute feiern wir den ersten Blutzeugen für Jesus!“ „Der Priester trägt heute rot, wie Blut!“ Das sind Klassiker für Predigten am heutigen Tag, dem Fest des heiligen Stephanus. Irgendwie ist es „alle Jahre wieder“ das Gleiche. Spätestens heute scheint es vorbei mit der wohligen Weihnachtsstimmung in der Kirche. Gibt es keinen Bezug auf das Weihnachtsfest, das wir doch alle immer noch feiern wollen? Muss man automatisch einen gedanklichen salto mortale hinlegen, um diesen Spalt zu überbrücken?

Schauen wir uns die Evangelien der Christmette (Lk 2,1-14) und des Weihnachtstages (Joh 1,1-18), sowie die heutige Lesung (Apg 6,8-10.7,54-60) an. Es gibt ein Wort, dass in allen drei Texten identisch ist: doxa. Übersetzt wird es mit „Ehre“ und „Herrlichkeit“.

  • In der Christmette: Hier wird das ärmliche, dunkle Szenario der Geburt Jesu durchbrochen von einem Engel, der vor Hirten spricht. Fern der Heimat geboren – das widerspricht dem majestätischen Bild der Stadt des Königs David. Das kleine Kind widerspricht dem großen Bild des Retters. Die große Freude widerspricht dem heruntergekommen Stall und dem Stroh der Krippe. Krasser könnten die Gegensätze nicht sein. Und doch: die Herrlichkeit (doxa) des Herrn leuchtet und „Ehre (doxa) Gott in der Höhe“
  • Am Weihnachtstag: Mitten im schwer verständlichen Johannesprolog fällt der Satz „ und wir haben seine Herrlichkeit (doxa) gesehen, die Herrlichkeit (doxa) als des eingeborenen Sohnes vom Vater.“ (Joh 1,14) Theologische Gedanken und Höhenflüge werden durchbrochen vom Sehen. Etwas ganz Realem. Wir sehen Gottes Herrlichkeit durch Jesus, der geboren wurde, hindurch schimmern!
  • In der heutigen Lesung: Stephanus bei seinem Prozess schaut in den Himmel und sieht „die Herrlichkeit (doxa) Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen.“ (Apg 7,55).

Dreimal das gleiche Wort. Die Herrlichkeit Gottes. Sie ist im Sprachgebrauch des Alten Testaments gleichbedeutend mit Gott selbst. Wenn Mose Gottes Herrlichkeit sehen will, will er Gott sehen! (vgl. Ex 33,18 ff)

Was ist sonst noch allen gemeinsam? Hier bricht etwas in die menschliche Realität ein. Gott erscheint! Nicht mehr im Tempel, wo sonst immer die Herrlichkeit Gottes zu sehen ist. Er ist zu sehen auf dem Feld bei den Hirten, nicht bei den Führern. Er ist zu sehen im Fleisch eines Menschen, nicht mehr im abstrakten Gedenken! Er ist zu sehen im Augenblick des ungerechten Todesurteils, nicht bloß beim Lobpreis, der ihn rühmt! Und das Bindeglied zwischen allen drei Erscheinungsformen ist Jesus. Als Baby, von dem die Welt sich noch nichts erwartet. Als Mensch, den die Menschen nicht verstehen. Als der, den Gott an seine Rechte gestellt hat. Alle Extreme sind umfasst: Der Anfang des Lebens und sein Ende. Das Sich-Umstrahlen-Lassen und das Nicht-Erkennen. Die Realität dieser Welt und die Hoffnung auf den Himmel, den Stephanus offen sieht.

Könnten uns diese Texte nicht folgendes sagen wollen? All dies ist Weihnachten. Nicht bloß Jesu Geburt, die wir feiern, und die wohlig klassische Feier daheim, sondern auch das, was an den Rändern geschieht, in den Ausnahmesituationen.

Vielleicht feiern Sie Weihnachten allein. Vielleicht sind sie wegen der Pandemie von ihren Lieben getrennt. Vielleicht sind Sie erkrankt oder jemand, der Ihnen am Herzen liegt. Vielleicht leiden Sie unter dem Verlust eines geliebten Menschen. Können diese Texte Ihnen einen Trost schenken? Für mich sprechen die Texte diese Botschaft: Gott will uns seine Nähe in allen Lebenslagen schenken und bei uns sein. Er will uns nicht verlassen. Einen kleinen Lichtstrahl dieser Erfahrung wünsche ich Ihnen von Herzen an diesem außergewöhnlichen Weihnachtsfest, dass Sie auch den Himmel offen sehen und vielleicht neu mit einstimmen können in den Gesang der Engel: „Ehre Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen!“

Frohe und gesegnete Weihnachten!

Ihr
Br. Symeon Müller OSB

Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren;
er ist der Christus, der Herr. (Lk 2,11)

Die Worte des Engels an die Hirten werden Ihnen sicher bekannt sein. Vielleicht haben Sie diese Worte in der letzten Nacht auch gehört – sei es in einem Präsenzgottesdienst, sei es via Internet, TV oder Radio. Aber haben Sie sich durch diese Worte auch angesprochen gefühlt? Oder sie eher als Bestandteil einer schönen Geschichte aus vergangenen Zeiten gesehen, die zu Weihnachten gehört wie der Tannenbaum und die Geschenke?

Das Heute macht darauf aufmerksam, dass es bei diesen Worten um mehr geht als um eine Erzählung aus der Vergangenheit. Ich selbst bin gemeint: Mir ist in meiner Stadt, in meinem Alltag, in meinem Haus der Retter geboren, Christus, der Herr. Das alles geschieht wirklich heute, mitten in der Zeit der Pandemie, mitten in diesem so anderen Weihnachtsfest, das geprägt ist von Verzicht, Kontaktbeschränkungen und Reduzierung.

Heute ist uns der Retter geboren, heute ist uns Erlösung geschenkt: Das ist die befreiende Botschaft von Weihnachten – mitten in allem Leid, aller Krankheit, aller Entbehrung! Ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses Heute in Ihrem Alltag erleben können.

P. Maurus Runge OSB

Die Mönche der Abtei Königsmünster wünschen Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Tagesgebet wird die Bitte ausgesprochen: Herr Jesus Christus, komm bald und säume nicht.

Kann ich in diesen Gebetsruf einstimmen?
Bin ich bereit für das Fest der Geburt des Herrn?

Da sind sie nun unterwegs, zu Fuß wie die Ärmsten, trotz der Mühsal für Maria, die bald Mutter werden soll. Sie sind unterwegs, weil sie gehorsam sind, ohne Einwände. Ihr tiefer Glaube entdeckt im ausgesprochenen Befehl den Willen Gottes. Und sie gehen dahin, voll Vertrauen auf die Vorsehung.

Wie gehe ich meine Wege?
Vertraue ich der Führung Gottes?

In Betlehem ist für sie kein Platz, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in eine Höhle im Freien zu flüchten. Sie wissen wohl, dass der Sohn Gottes geboren werden soll. Und sie wissen, dass Gott so ganz anders wirkt als die Menschen.

Wo hat Gott in meinem Leben gewirkt?
An welchem Ort und unter welchen Umständen?

Und Gott, ganz auf seine Art, bedient sich, um das größte seiner Werke zu vollbringen: die Menschwerdung des Wortes.
Die Hl. Elisabeth von der Dreifaltigkeit betet: „Lass mich die geheimnisvollen Wege deiner Liebe verstehen“.

Ich wünsche Ihnen ein mit Sehnsucht erfülltes Herz, im Zugehen auf das Geburtsfest unseres Herrn. In der Christmette werde ich an Sie denken und für Sie und Ihre Familien und Freunde den Segen erbitten.

Ihr

+ Aloysius Althaus OSB

O Immanuel, unser König und Lehrer, du Hoffnung und Heiland der Völker. O komm, eile und schaffe uns Hilfe, du unser Herr und unser Gott!

Gott hat Sehnsucht nach seinem Geschöpf. Um diesem Geschöpf nahe sein zu können, sendet Gott von sich aus ein Zeichen. Eine Jungfrau gebiert einen Sohn, den Immanuel (vgl. Jes 7,14). Das Zeichen Gottes ist ein Kind. Für uns Christen ist dieses Kind, dieser Immanuel,  Jesus Christus. Wir mögen uns fragen, weshalb Gott gerade als verletzliches und unterstützungsbedürftiges Kind kommt. Ein neugeborenes Kind steht für Offenheit und Vertrauen. Jeder von uns kennt den Blick der Augen eines Säuglings. Die Augen schauen voller Neugier weit geöffnet in diese Welt hinein. Die geöffneten Augen des Kindes stehen für Offenheit. Die Sehnsucht des Kindes ist es, immer wieder die Nähe der Eltern zu suchen, die es dann in die Arme schließen und herzen. Diese Bewegung des Kindes ist eine Bewegung des Vertrauens. Das Kind vertraut restlos seinen Eltern. Wir Menschen sind eingeladen, es diesem Kind gleich zu tun. Mit einem offenen und liebenden Blick in diese Welt zu schauen. Jeder, der von einem solchen offenen und liebenden Blick  getroffen wird, empfängt Heil und kann so selbst heil werden. Ebenso sind wir eingeladen, an diesem Weihnachtsfest 2020 unser Vertrauen zu erneuern, da unser Gott helfend an unserer Seite unseren Lebensweg teilt.

Br. Emmanuel Panchyrz OSB

 

O König der Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht, du Schlussstein, der den Bau zusammenhält – komm und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet!

Für mich gehören die O-Antiphonen, die wir vom 17. bis zum 23. Dezember in unserer Vesper singen, zu den schönsten und dichtesten Texten im Advent. Das sind Rufe der Erwartung und Sehnsucht, die bis in die Glaubensgeschichte Israels zurückgehen und auf Christus hin gedeutet werden, zu dem wir in diesen Tagen ja unterwegs sind. Sie heißen so, weil sie mit dem Ausruf O als Ausdruck des Staunens und der Ehrfurcht beginnen. Mit diesen O-Antiphonen stellen wir uns in eine ganz alte Glaubensgeschichte hinein.

In der Krypta unserer Abteikirche befindet sich eine Säule, in die der Text der heutigen O-Antiphon in lateinischer Sprache eingeschrieben ist. Diese Antiphon weist hin auf Christus, den König des Friedens, den König aller Völker, dem wir in unserem Königs-Münster besonders verpflichtet sind. Er wird einmal hoffentlich unsere Sehnsucht nach Frieden erfüllen, nach dem sich unsere Welt so sehr sehnt.

Die Säule befindet sich genau unter dem Altar unserer Hauptkirche. Sie trägt den Altar und das ganze Kirchengebäude. Der König des Friedens trägt uns. Aber noch etwas ganz Wichtiges trägt uns: In dieser Säule befinden sich die Namen aller Menschen, die uns beim Bau unserer Kirche in den 1960er Jahren unterstützt haben. All diese Menschen tragen uns bis heute. Jeder hat einen Beitrag dazu geleistet, dass wir heute noch hier beten können. Diese Säule erinnert mich daran, dass wir zu einer Gemeinschaft gehören, die Raum und Zeit übersteigt, eine Gemeinschaft von Menschen aller Völker und Kulturen, aber auch von Menschen, die noch leben und solchen, die schon gestorben sind.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder in Ihrem Leben den Frieden erfahren können, den uns Christus bringen möchte, und ich wünsche Ihnen eine gute Vorbereitung auf das Fest der Menschwerdung!

P. Maurus Runge OSB

O Morgenstern,
Glanz des unversehrten Lichtes,
der Gerechtigkeit strahlende Sonne:
o komm und erleuchte, die da sitzen in Finsternis
und im Schatten des Todes!

Der Morgenstern wurde schon früh als Bild auf Christus hin übertragen. Das Licht des Morgensterns, das in der Antiphon „O oriens“ besungen wird, vermag mit seinem Leuchten selbst in tiefster Finsternis im wahrsten Sinne des Wortes Orientierung zu geben. Im Exsultet der Osternacht wird die Osterkerze besungen als das Licht, das die Dunkelheit der Welt vertreiben soll. Solange, bis im letzten Advent der Herr „wiederkommt in Herrlichkeit“ und der Morgenstern aufgeht: „Jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht.“

Der Advent ersehnt diesen Aufgang des Morgensterns, weil die Geburt Jesu mit dem Aufstrahlen dieses Lichtes in Verbindung gebracht wird: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes.“ So verheißt Zacharias in seinem Lobgesang, dass durch die Geburt Jesu dieses Licht in die Welt kommt (vgl. Lk 1,78.79).

Die Finsternis und der Schatten des Todes, die Angst vor Corona und der Grauschleier der Schwermut, der sich für manchen über die kommenden Tage legt, ist in dieser aktuellen Corona-Situation fast mit den Händen zu greifen. Die Worte der O-Antiphonen, die durch die Jahrhunderte hindurch und selbst in den dunkelsten Zeiten von Kriegen, Epidemien und Katastrophen von gläubigen Menschen gesungen werden, können in dieser Zeit die Hoffnung wachhalten, dass die Schatten des Todes und der Traurigkeit irgendwann auch einmal weichen müssen. Aber auch wenn Ihnen diese Worte  selbst vielleicht nicht so recht über die Lippen kommen wollen, dann lade ich Sie heute ein, einmal in einem stillen Moment eine Kerze oder ein Teelicht anzuzünden: Dann geht nämlich auch von Ihnen ein Licht aus und macht die Welt für Sie und auch für alle anderen ein bisschen heller…

Br. Vincent Grunwald OSB

O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel – du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt, und niemand vermag zu öffnen: Komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fesseln des Todes. (O-Antiphon vom 20.12.)

In der heutigen Vesper-Antiphon besingen wir den Schlüssel und das Zepter Davids.
Christus selbst ist es, der öffnet und der schließt.
Und wir fordern Gott dazu auf, zu kommen und uns zu befreien: aus Kerker, Finsternis, Fesseln und Tod.

Was für Orte sind das, die Gott verschlossen hat und öffnen wird?
Der Garten Eden? Das Reich Gottes? Das neue Jerusalem?
Der Verfasser der Antiphon zieht auf diese Weise einen Bogen von der Genesis zur Apokalypse, also vom Anfang bis zum Ende der Bibel;
vom ersten bis zum letzten Tag; vom Ursprung bis zur zukünftigen Verheißung.

Dazwischen liegen Kerker, Finsternis, Fesseln und Tod.
Wir alle kennen das Dunkle, durch das wir in unserem Leben von Zeit zu Zeit gehen müssen.
Wir denken an die finsteren Kapitel der Geschichte Israels: Josef wird von seinen Brüdern in einen tiefen Brunnen geworfen; das Volk Jakobs in der Sklaverei in Ägypten; die 40-jährige Wüstenwanderung; Kriege um das verheißene Land; die Zerstörung des Tempels; das babylonische Exil.
Wir denken an den Brudermord Kains gleich zu Beginn nach der Verbannung aus Eden. An das Buch Ijob und an zahlreiche Psalmen, in denen wir uns der absoluten Dunkelheit ausgeliefert wiederfinden.
Wir erleben es auch heute: die Lasten des Alltags, schwere Schicksalsschläge, Ungerechtigkeit in der Welt – hinzukommend in diesem Jahr die Corona-Pandemie und ihre Folgen.
Manchmal bleiben wir sprachlos zurück, sehen einfach überhaupt kein Licht mehr:
„Du hast mir entfremdet Freunde und Gefährten; mein einziger Vertrauter ist nur noch die Finsternis.“ (Ps 88,19)

Schlüssel und Zepter: Symbole für Verwaltungsgewalt und Königsmacht.

Die Schlüsselvollmacht wird erstmals beim Propheten Jesaja erwähnt, wo dem Knecht Eljakim mit der Schlüsselübergabe das Amt des Palastvorstehers übertragen wird. (Jes 22,22)
Uns ist das Schlüsselmotiv spätestens durch die Jesusworte im Matthäusevangelium bekannt:
„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Kirche, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.
Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was du binden wirst auf Erden, das wird gebunden sein im Himmel; und was du lösen wirst auf Erden, das wird gelöst sein im Himmel.“ (Mt 16,18f)

Doch kommen wir zum Bild des Zepters. Ist hier wirklich „nur“ die beherrschende Königsmacht gemeint?
„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (Ps 23,4)
Johannes schildert die Bevollmächtigung Petri anders als Matthäus: „Weide meine Schafe!“ (Joh 21,16f)
Der Hirtenstab als Königszepter? König David war Schafhirte!
Und Jesus schildert uns in seinem Gleichnis die Bemühung des Hirten, ein verirrtes Schaf wiederzufinden, der dafür sogar seine ganze Herde verlässt. (Mt 18,12-13)
So wird für mich die vermeintliche Königsallmacht enttarnt als treuhänderische Verwaltungspflicht.
Und das Zepter steht somit für den Dienst am Nächsten, und nicht für die privilegierte Ausübung von Macht.

Über das Bild des Schafhirten finden wir auch zum Schlüsselmotiv zurück, denn Jesus sagt:
„Ich bin die Tür zu den Schafen. Wer durch mich hineingeht, wird Heil erfahren; er wird hinein- und herausgehen und Weide finden.“ (Joh 10,7.9b)

Jesus ist Schlüssel, Tür und Hirte für seine Herden.
Nur durch ihn, mit ihm und in ihm finden wir aus unserem Kerker der Finsternis und werden wir befreit aus den Fesseln des Todes.

Br. Jonathan von Holst OSB

 

O Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen für die Völker – vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die Völker: o komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht länger! (O-Antiphon vom 19.12.)

An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, der dasteht als Feldzeichen für die Völker; die Nationen werden nach ihm fragen und seine Ruhe wird herrlich sein. (Jesaja 10,10)

Dies ist der Vers, der der heutigen Antiphon zugrunde liegt. In der Tradition der Kirche wird er mit einem weiteren Vers zusammen gelesen:

Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. (Jesaja 53,2)

Weihnachten ist ein Fest, das emotional stark mit Traditionen in Verbindung gebracht wird. Da gibt es in jeder Familie eigene Festtagsbräuche. Es ist ein Fest, das hohe Erwartungen mit sich bringt, und das viele von uns deswegen jedes Jahr feiern wollen, „wie wir es immer feiern“.

In diesem Jahr 2020, das nun mal einen gewaltigen Einschnitt in unser aller Leben darstellt, werden entsprechende Erwartungen an ein „perfektes Weihnachtsfest“ mancherorts notwendiger Weise untererfüllt bleiben.

Wie mag es Maria und Josef gegangen sein, als Maria ihr Kind in Betlehem zur Welt bringen musste? Weit weg von Zuhause, wollten sie in einer Herberge übernachten – zweifelsohne ein besserer Ort für eine hochschwangere Frau, als dies eine Scheune sein könnte – aber es war kein Platz in der Herberge. Also haben sie – wohl mit Müh und Not – eine Bleibe in einem Viehstall gefunden. Sie konnten ihr Kind, den Messias, ja Gott selbst (!) in nichts anderes legen, als in das Stroh einer Futterkrippe.

Wir neigen dazu, auch diese Geschichte emotional positiv zu verklären, denn sie wird ja üblicher Weise vorgelesen, wenn Weihnachten „wie immer“ gefeiert wird. Wir laufen jedoch Gefahr, zu übersehen, dass es sich bei der Geschichte der Geburt Christi um eine Erzählung großer Not handelt – eine Situation, die nicht der Hoffnung von Maria und Josef für Marias Kind entsprochen haben kann.

Ja, zu Weihnachten kommt Gott in die Welt!

Aber er kommt nicht voll Pracht als mächtiger Herrscher. Er liegt als schwaches, machtloses, von seiner Mutter absolut abhängiges Baby in dem Stroh einer Futterkrippe. Er bedient nicht die Erwartungen der Menschen!

Lenken wir unseren Blick wieder auf das diesjährige Weihnachtsfest, das unsere durch andere Jahre geprägten Erwartungen in vielen Fällen nicht erfüllen wird.

Dieses Weihnachten wird anders. Aber vielleicht kann uns gerade dieses Weihnachten das „Andere“ des Weihnachtsfests vor Augen stellen, wie es ein „normales“ Weihnachten nicht könnte. Vielleicht hilft uns gerade das diesjährige Weihnachtsfest, Christus an der Realität der Krippe zu nahen.

Auf diesem „dürren Boden“ können wir mit der Strophe eines Weihnachtslieds von Paul Gerhardt singen: „Du fragest nicht nach Lust der Welt, noch nach des Leibes Freuden; du hast dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden, suchst meiner Seele Herrlichkeit durch Elend und Armseligkeit; das will ich dir nicht wehren.

Br. Josef Ellendorff OSB

O Adonai, Herr und Führer des Hauses Israel – im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben: o komm und befreie uns mit deinem starken Arm! (O-Antiphon vom 18.12.)

„O Adonai“ – Ein Gebet der Völker für ihre Wallfahrt zum Zion?

Die heutige O-Antiphon der Vesper nennt zwei biblische Ereignisse.
Es sind die Erscheinung JHWHs im Dornbusch und der Bundesschluss am Berg Sinai, bei dem JHWH Israel die Tora gegeben hat, das große Gesetzeswerk, welches sie vor aller Welt zu Weisen macht (vgl. Dtn 4,6).
JHWH ist der hebräische Gottesname, der vermutlich „Jahwe“ geheißen hat. Das Hebräische ist ursprünglich eine reine Konsonantenschrift. Als die Juden im 6. Jahrhundert unserer Zeit feststellten, dass es immer schwerer wird, die richtige Aussprache des Bibeltextes im Gottesdienst sicher zu stellen, fügten sie auch Zeichen für die Vokale ein. Allein der Gottesname erhielt nicht die Vokale (a-e), die er eigentlich haben sollte, sondern die für das hebräische Adonai („mein Herr“) (æ-o-a) stehen.
Dies hat folgenden Grund: Der Name wurde und wird nicht ausgesprochen, sondern umschrieben. Man sagt an seiner Stelle Adonai oder „der Name“ (haSchem). Es ist vor allem Respekt und Ehrerbietung. Die Zehn Gebote formulieren es so: „Du sollst den Namen JHWHs, deines Gottes nicht missbrauchen.“(Ex 20,7)
Dies galt nicht nur in jüdischen Kreisen, sondern auch die Christen haben ihn bis in das späte Mittelalter hinein umschrieben: Das griechische Alte Testament (und das Neue Testament) schreiben kyrios (Herr), wenn JHWH im Hebräischen steht. Auch die neue Einheitsübersetzung, die jetzt in unsere Gottesdienste Einzug hält, schreibt JHWH als Herr in Großbuchstaben. Es ist Ausdruck unseres Respekts gegenüber dem Gott Jesu und dem Brauch seiner Geschwister, den Juden, die der Baum sind, der uns trägt (vgl. Röm 11,17-21). Man sollte schließlich nicht an dem Ast sägen, auf dem man sitzt. Das war noch nie klug.
Darum ist es mittlerweile ausdrücklich verboten, dass man den Gottesnamen in der katholischen Liturgie ausspricht. Er muss umschrieben werden. Es ist ein Hoffnungszeichen, dass wir als Christen uns auf unsere Wurzeln und deren Traditionen besinnen.
Wir, Christen und Juden, glauben, dass Gott immer größer ist, als alles, was wir fassen können. Adonai ist nicht greifbar, das ganze Universum kann ihn nicht fassen. Adonai ist größer als alle Bilder, die wir uns machen können. Adonai ist größer als alles Sprechen. Adonai ist nur bemerkbar in der unterbrechenden Stille.
In diesen letzten Tagen des Advent machen wir uns ganz bewusst Gedanken über die Verheißungen, die an die Juden ergangen sind, und wir erwarten die Geburt eines kleinen jüdischen Kindes. Wir erwarten den, der Gläubige aus Israel und aus den Völkern (das sind wir!) sammeln wird.
Wir können uns in diesen Tagen bewusst zum Zion aufmachen, um die Tora kennenzulernen, wie es die Propheten gesehen haben (vgl. Jes 2,3f.). Wir können dort zu den Juden sagen „Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.“(Sach 8,23) Das heißt auch, dass wir einstimmen sollen in das beredte Verstummen beim Namen des Ewigen, damit wir ihn nennen können: „Adonai!“ – „MEIN Herr!“

Br. Symeon Müller OSB

 

O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten, die Welt umspannst du von einem Ende zum andern, in Kraft und Milde ordnest du alles: Komm und lehre uns den Weg der Einsicht! (O-Antiphon vom 17.12.)

Im Buch Jesus Sirach lesen wir: „Kind, von deiner Jugend an erwähle Bildung! Bis du graue Haare hast, wirst du Weisheit finden… Hör auf meinen Rat, schlage ihn nicht in den Wind! Leg dir selbst die Fesseln der Weisheit um die Füße und ihren eisernen Ring um den Hals! Nimm sie auf die Schultern und trage sie, ärgere dich nicht über ihre Stricke! Laß dich mit deinem ganzen Willen auf sie ein und folge ihr mit deiner ganzen Kraft! Geh ihren Spuren nach und suche sie; sie wird sich dir zu erkennen geben. Und wenn du sie ergriffen hast, dann lass sie nicht wieder los! Am Ende wirst du bei ihr Ruhe finden, und deine Mühe wird sich in Freude verwandeln. Dann werden ihre Fußfesseln für dich zum starken Schutz und ihr Halseisen zum prächtigen Gewand. Ihr Joch wird zum goldenen Schmuck und ihre Stricke zu purpurfarbenen Bändern. Wie ein Prachtgewand wirst du sie tragen und wie eine strahlende Krone.“ (Sir 6,18.23-31)

Weisheit ist nicht die Ansammlung von möglichst viel Wissen, man kann sie sich nicht erarbeiten. Weisheit erlangt man, indem man sich dem Leben aussetzt und sich auf das Leben

Einlässt – vielleicht sich ganzheitlich durch den Rhythmus der Jahreszeiten bildet. Denn hinter und vor unserem Leben steht Gott selbst, der die Welt und alles Geschehen in ihr weise geschaffen hat. Der, der mir den Weg der Weisheit zeigen möchte, lässt mich fragen:

  • Vertraue ich auf Gott als den Schöpfer und Urheber der Welt und meines Lebens?
  • Bin ich bereit, mir von Gott etwas sagen zu lassen?
  • Welchen Stellenwert hat die Heilige Schrift als Urkunde des Glaubens in meinem Leben?

Br. Benedikt Müller OSB