O Adonai, Herr und Führer des Hauses Israel – im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben: o komm und befreie uns mit deinem starken Arm! (O-Antiphon vom 18.12.)

„O Adonai“ – Ein Gebet der Völker für ihre Wallfahrt zum Zion?

Die heutige O-Antiphon der Vesper nennt zwei biblische Ereignisse.
Es sind die Erscheinung JHWHs im Dornbusch und der Bundesschluss am Berg Sinai, bei dem JHWH Israel die Tora gegeben hat, das große Gesetzeswerk, welches sie vor aller Welt zu Weisen macht (vgl. Dtn 4,6).
JHWH ist der hebräische Gottesname, der vermutlich „Jahwe“ geheißen hat. Das Hebräische ist ursprünglich eine reine Konsonantenschrift. Als die Juden im 6. Jahrhundert unserer Zeit feststellten, dass es immer schwerer wird, die richtige Aussprache des Bibeltextes im Gottesdienst sicher zu stellen, fügten sie auch Zeichen für die Vokale ein. Allein der Gottesname erhielt nicht die Vokale (a-e), die er eigentlich haben sollte, sondern die für das hebräische Adonai („mein Herr“) (æ-o-a) stehen.
Dies hat folgenden Grund: Der Name wurde und wird nicht ausgesprochen, sondern umschrieben. Man sagt an seiner Stelle Adonai oder „der Name“ (haSchem). Es ist vor allem Respekt und Ehrerbietung. Die Zehn Gebote formulieren es so: „Du sollst den Namen JHWHs, deines Gottes nicht missbrauchen.“(Ex 20,7)
Dies galt nicht nur in jüdischen Kreisen, sondern auch die Christen haben ihn bis in das späte Mittelalter hinein umschrieben: Das griechische Alte Testament (und das Neue Testament) schreiben kyrios (Herr), wenn JHWH im Hebräischen steht. Auch die neue Einheitsübersetzung, die jetzt in unsere Gottesdienste Einzug hält, schreibt JHWH als Herr in Großbuchstaben. Es ist Ausdruck unseres Respekts gegenüber dem Gott Jesu und dem Brauch seiner Geschwister, den Juden, die der Baum sind, der uns trägt (vgl. Röm 11,17-21). Man sollte schließlich nicht an dem Ast sägen, auf dem man sitzt. Das war noch nie klug.
Darum ist es mittlerweile ausdrücklich verboten, dass man den Gottesnamen in der katholischen Liturgie ausspricht. Er muss umschrieben werden. Es ist ein Hoffnungszeichen, dass wir als Christen uns auf unsere Wurzeln und deren Traditionen besinnen.
Wir, Christen und Juden, glauben, dass Gott immer größer ist, als alles, was wir fassen können. Adonai ist nicht greifbar, das ganze Universum kann ihn nicht fassen. Adonai ist größer als alle Bilder, die wir uns machen können. Adonai ist größer als alles Sprechen. Adonai ist nur bemerkbar in der unterbrechenden Stille.
In diesen letzten Tagen des Advent machen wir uns ganz bewusst Gedanken über die Verheißungen, die an die Juden ergangen sind, und wir erwarten die Geburt eines kleinen jüdischen Kindes. Wir erwarten den, der Gläubige aus Israel und aus den Völkern (das sind wir!) sammeln wird.
Wir können uns in diesen Tagen bewusst zum Zion aufmachen, um die Tora kennenzulernen, wie es die Propheten gesehen haben (vgl. Jes 2,3f.). Wir können dort zu den Juden sagen „Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.“(Sach 8,23) Das heißt auch, dass wir einstimmen sollen in das beredte Verstummen beim Namen des Ewigen, damit wir ihn nennen können: „Adonai!“ – „MEIN Herr!“

Br. Symeon Müller OSB