Lk 22, 47-53: Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich Jesus, um ihn zu küssen. 48Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss? 49Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? 50Und einer von ihnen schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. 51Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn.

52Jesus aber sprach zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels und den Ältesten, die zu ihm hergekommen waren: Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen? 53Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen, und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.

Mit einem Kuss wird ER verraten. Einem so grundlegenden, menschlichen Zeichen! Ganz zu Beginn unseres Lebens – werden wir begrüßt von unserer Mutter, unserem Vater – mit einem Kuss. Im Verliebtsein, sich Überschreiten auf den anderen hin – gebe ich einen Kuss! Und vielleicht werden wir auch wieder aus unserem Leben verabschiedet – mit einem Kuss von unseren Liebsten.  Zeichen tiefster Annahme, Geborgenheit. Und dann: Verrat, Zerbrechen der Beziehung. Wie mag sich Jesus in diesem Moment gefühlt haben? Was mag er gedacht haben? Wenn die, die ihm am nächsten stehen, die seine Sache bisher mitgetragen haben – ihn verraten, ausliefern, ja –  abschlachten! Völlige innere Einsamkeit, freier Fall… Er muss sich durchringen, durchbeten zu der Erfahrung – gehalten zu sein, trotz allem. Oder anders: er kann sie nicht machen, diese Erfahrung – sie wird ihm geschenkt. Aber – erst nach drei Tagen. Zuerst nur: Alleinsein, Einsamkeit, Dunkelheit, Depression. Er war in allem uns gleich! Denn: Auch ich werde immer wieder verraten, angelogen, bloßgestellt, aufs Kreuz gelegt…

P. Jonas Wiemann OSB