In Süddeutschland, wo ich aufgewachsen bin, war häufig die Zeit um Neujahr der Moment, in welchem Neuschnee gefallen ist. Manchmal fing es wie bestellt in der Silvesternacht an, und am nächsten Morgen war die ganze Welt weiß und verwandelt. Wir Kinder sind dann oft schon in der Nacht nach draußen gegangen, um kleine Abenteuer zu erleben. Im frisch gefallenen Schnee auf den stillen Straßen war es ein Riesenspaß, über die Wege zu schlittern und im Schnee erste Spuren zu hinterlassen.

Der Benediktiner David Steindl-Rast nimmt in seinem Buch „Credo“ den jungfräulichen Schnee als ein Bild, um das Wunder der Jungfrau Maria auch für einen eher skeptischen Menschen begreifbarer zu machen. Nicht das Enge, Dogmatische ist wirklich wichtig, sondern das Geheimnis der Muttergottes geht viel tiefer.

Die Welt zeigt sich uns von einem Moment auf den anderen jungfräulich eingeschneit, sie ist ohne unser Zutun verwandelt, und das Leben wird beginnen, in diesem Schnee seine Spuren zu hinterlassen. Es ist wie die weiße Leinwand, das leere Blatt Papier. Die Stunde Null.

Maria hinterlässt ihre Spuren, und sie, Maria, die Muttergottes wird (ihre) Geschichte schreiben.

Heute am Neujahrstag zu Beginn des Jahres 2021 gehen sicher viele von uns mit hoffnungsvollen oder bangen Schritten voran. Wir haben unsere Träume oder auch Sorgen. Die Menschheit hat im vergangenen Jahr ein gemeinsames Thema gefunden, um neue Spuren zu schreiben. Wann endlich wird diese Pandemie enden? Werden wir aus der Vergangenheit lernen? Werden wir Abenteuer wagen?
Eine neue Welt tut sich zart auf.
Der Wintermorgen wartet auf unsere Spuren im Schnee.

Br. Balthasar Hartmann OSB