Das heutige Sonntagsevangelium (Joh 9,1-41) erzählt von einem Kind, das von Geburt an blind ist und von Jesus geheilt wird.

Vielleicht sagen wir schnell: „Ich brauche zwar eine Brille – aber blind bin ich Gott sei Dank nicht! Was hat das also mit mir zu tun?“ Erinnern wir uns, wie es zur Auswahl dieser Evangelien an den Sonntagen der Fastenzeit kam. In ihnen wurden die Taufbewerber, die in der Osternacht getauft wurden, in den Glauben eingeführt. Und ein Aspekt des Glaubens war: „Ich kann wieder neu sehen, werde von meiner „Blindheit“ geheilt!“ Deshalb findet sich bis heute in der Taufliturgie der Effata-Ritus – die Öffnung der Sinne. Mein Glaube und Christ-sein will, das wird hier sehr deutlich, zu einem sinn-vollen Leben führen.

Aber noch einmal zurück. Wieso muss ich denn neu sehen lernen, von welcher Blindheit soll ich denn geheilt werden? Seien wir ehrlich. Mein Sehen, meine Wahrnehmung der Wirklichkeit, ist sehr selektiv, sehr von meinen Erwartungen abhängig. Es gibt Tage, da sehe ich alles wie durch eine Sonnenbrille: dunkel, hoffnungslos, depressiv, … Und an anderen Tagen habe ich scheinbar meine rosarote Brille auf: alles wirkt auf mich freundlich, Mut machend, …

Die Wirklichkeit bleibt dieselbe, aber es macht einen großen Unterschied, wie ich auf sie blicke. Und das ist manchmal wie neu Sehen lernen.

Die Dichterin Hilde Domin hat es für mich in einem kurzen Gedicht auf den Punkt gebracht:

Es knospt

Unter den Blättern

Das nennen sie Herbst

Sehe ich im Herbst nur das langsame Sterben der Natur –  verwelkte, abgefallene Blätter? Oder sehe ich schon die kleinen Wunder des neuen Lebens?

Auch in den Tagen der Corona-Krise ist dies für mich eine entscheidende Frage. Kann ich in und neben all dem Schrecklichen, was mir zu Recht auch Angst macht, auch die kleinen Hoffnungszeichen, die kleinen Zeichen des Lebens, und damit Gottes sehen? Im Lächeln meines Mitmenschen, in der Hilfsbereitschaft, die mir entgegen kommt? Aber auch in den Sonnenstrahlen, der Natur, die im Frühling erwacht?…

Der Glaube will meine Augen auch für diese Hoffnungszeichen öffnen und offen halten.

P. Jonas Wiemann OSB