Inkarnation

Zusammengedrückt
zwischen
dem Sand
der Stundenuhr,

eingeklemmt
in die pausenlos
rollenden Räder
des Großen Wagens,

festgekrustet
im Salz,
das zurückblieb
vom Tränenstrom
weinender Mütter,

das Wort.

Als es handgreiflich wurde,
tropfte es
als Blut zur Erde.

Br. Andreas Hentschel OSB

Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Feiert ihn als Fest für den Herrn! (Ex 12,14)

Tut dies zu meinem Gedächtnis! (1 Kor 11,24)

Diese beiden Verse aus den heutigen Tageslesungen machen deutlich, worum es an diesem Gründonnerstag geht: um Erinnerung.

Die Israeliten feiern Jahr für Jahr das Paschafest, um sich an eines der wichtigsten Ereignisse ihrer Geschichte mit Gott zu erinnern: an die Befreiung ihrer Vorfahren aus der Sklaverei Ägyptens. Die verschiedenen Riten und Bräuche wollen Geschichte gegenwärtig setzen, um aus der Vergangenheit Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Durch Erinnerung hole ich in mein Inneres, was Gott für mich getan hat.

Auch die ersten Christen feiern den Ritus des Brotbrechens als Erinnerung an die Befreiungstat Jesu, die in seinem Leiden und seiner Auferstehung offenbar wurde. Das gilt bis heute. Immer wenn wir Eucharistie feiern, tun wir das im Gedächtnis an das, was Jesus für uns getan hat, im Gedächtnis an sein Leiden. Das Abschiedsmahl Jesu am Abend vor seinem Tod, das im Zentrum der heutigen Gründonnerstagsliturgie steht, macht diese Dimension deutlich. „Das ist heute“ – so wird es im Eucharistischen Hochgebet an diesem Tag eingefügt. Durch Erinnerung wird die Vergangenheit in uns lebendig.

In der Nähe unseres Klosters gibt es einen großen Soldatenfriedhof. Wenn man von der Autobahn aus Bestwig kommt, sieht man ihn von der Abfahrt. In der zum Friedhof zugehörigen Kapelle gibt es das sog. „Fenster der Erinnerung“, das unser P. Abraham in der Abteischmiede entworfen hat. In dieses offene Fenster sind auf verschiedenen Tafeln die Namen aller Kriegsgefallenen notiert, die in unserer Region im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind und die ermittelt werden konnten. Sie bekommen durch dieses Fenster einen Namen. Aber auch die unbekannten Menschen, die im Krieg gefallen sind, werden erinnert, sind nicht vergessen.

Ganz in der Nähe des heutigen Friedhofs ist in der Endphase des Zweiten Weltkriegs ein schreckliches Verbrechen geschehen. In der Nacht vom 22. auf den 23. März 1945 sind dort 80 russische und polnische Zwangsarbeiter erschossen worden – an zwei anderen Orten im Arnsberger Wald noch mehr. Lange hatten diese Opfer des Krieges keinen Namen, drohten in Vergessenheit zu geraten. Bis 1981 lagerte ein Sühnekreuz zum Gedenken an diese Verbrechen in einer Garage. Erst danach hat es in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt im Norden Meschedes einen Platz erhalten. Durch die akribische Arbeit einzelner Menschen unserer Region konnte dieser Teil der Geschichte inzwischen gut aufgearbeitet werden. Noch gibt es an besagtem Ort des Kriegsverbrechens kein sichtbares Zeichen der Erinnerung. Meine Hoffnung ist, dass dort einmal etwas entstehen wird – damit durch die Erinnerung Vergangenheit lebendig wird und Schritte in eine bessere Zukunft möglich werden. Denn nur wer sich erinnert, kann eine Zukunft haben!

P. Maurus Runge OSB

Bin ich es etwa, Herr?

Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch. Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern. Da waren sie sehr betroffen, und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr? (Mt 26,20-22)

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, so hieß es in einem Lied aus dem Jahre 1930, aus der Tonfilm-Operette „Die Drei von der Tankstelle“. Und ich kann das ohne weiteres auch so unterstreichen, denn mit einem Freund an der Seite ist das Glück doppelt so groß und die Abgründe des Lebens nur halb so tief. Einen Freund zu verraten gehört deshalb zu den schmerzlichsten Wunden, die Menschen einander zufügen können. Trotzdem kommt es in unserer Welt immer wieder dazu. Zum einen aus Angst, aus Neid, aus Wut, aus Enttäuschung, oder eben auch aus Liebe.

Wie oft ist schon über die Person des Judas gerätselt worden; immer wieder hat man nach seinen Motiven gefragt. Wie konnte er Jesus nur verraten? War er tatsächlich ein böser, hinterhältiger, geldgieriger Mensch? Oder war er nicht eher von der Liebe Jesu durch und durch ergriffen. Ganz besessen von der neu beginnenden Gottesherrschaft und enttäuscht, als alles viel zu langsam ging und sogar zu scheitern drohte?

Als die Jünger mit Jesus beim Mahl saßen verkündete Jesus, dass einer von ihnen ihn verraten und ausliefern wird – und sie alle reagierten nicht nur sehr betroffen, sondern fragten: „Bin ich es etwa?“

Ja, könnte es tatsächlich sein, dass ich es bin, Herr?

Im Leben ist es immer wieder so, dass wir gerade die Menschen verraten und verletzen, die unsere Freunde sind. Andere können wir gar nicht so sehr verletzen wie unsere Freunde, denn wer einen guten, einen wahren Freund hat, wer sich auf das Abenteuer der Freundschaft einlässt, der macht sich einfach verwundbar. Freundschaft ist eben eine Leidenschaft, die immer wieder auch Leiden schafft. Aber trotz allem, was da Judas tut, bleibt er in Jesu Augen sein Freund. Und vielleicht hat Jesu liebender Blick Judas deutlich gemacht, dass er ihm schon längst verziehen hat, wo andere Judas noch verurteilen.

Aber haben wir überhaupt ein Recht, über Judas den Stab zu brechen?
Haben wir das Recht ihn zu verurteilen?
Ich meine nicht, denn bevor wir das tun, sollten wir erst sehr aufmerksam auf unsere eigenen Gedanken, Worte und Werke achten. Denn nicht ein Fremder hat Jesus verraten, sondern ein Freund, ein guter Freund. Daher müssen auch wir uns in diesen Tagen fragen: Bin ich es etwa, Herr? Bin ich es, der dich verrät?

Ich wünsche uns einen nachdenklichen Tag!

Text und Bild: P. Cornelius Wanner OSB

Es war aber Nacht…

Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus.  Es war aber Nacht. (Joh 13,30)

Er konnte sie nicht vergessen, diese erste Nacht im Lager Auschwitz, die sein Leben zu einer einzigen langen Nacht gemacht hat. So beschreibt es der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel († 2016) auf erschütternde Weise in seinem autobiografischen Werk „Die Nacht“. Und er stellt darin die Frage, wie es sein konnte, dass intelligente, gut ausgebildete junge Männer aus gutem Hause sich so sehr vom Bösen verführen lassen konnten, dass der Tod jüdischer Männer, Frauen und Kinder sie einfach kalt gelassen hat.

Und diese Frage stellt sich für mich auch im Blick auf Judas, der seinen Freund Jesus verrät und dem Tod ausliefert. Als Judas den Kreis der Jünger verließ, war es Nacht. Und dies ist nicht nur als Zeitangabe zu verstehen, sondern steht für den Schrecken, das Böse, die Dunkelheit, die sich auch im Kreis der Jünger breitgemacht hat. Denn letztlich verraten auch die anderen Jünger Jesus und lassen ihn am Ende wenig von ihrer Freundschaft zu ihm spüren.

Leider liegen Begeisterung und Enttäuschung, Treue und Verrat oft so nahe beieinander. Immer wieder erleben wir das sehr schmerzlich auch in unserem eigenen Leben, in unseren Beziehungen und unseren Freundschaften. Auch da wird es immer wieder Nacht.

In diesem heutigen Evangelium ist aber nicht nur von der Nacht die Rede, sondern wir hören da auch vom „Bissen Brot“, den Jesus reicht.

Nach damaligem Brauch nahm der Hausherr beim Essen mit einem Gast ein Stück Brot, tauchte es in verschiedene Soßen und reichte es dem Gast, der dann als Erster zu essen begann. Diese Geste war nicht nur ein Willkommensgruß, sondern auch ein Zeichen von Gemeinschaft. Und wenn Jesus Judas einen Bissen Brot reicht, dann ist das ein Zeichen seiner Liebe zu demjenigen, der ihm innerlich schon die Gemeinschaft aufgekündigt hat.

Dieser Bissen Brot hat die Kraft und besiegt unsere Nacht, wenn wir es zulassen. Ganz so, wie es in einem Lied heißt:

Dieses kleine Stück Brot in unsren Händen reicht aus für alle Menschen.
Dieser kleine Schluck Wein in unsren Bechern gibt Kraft für alle Menschen.
Jede Hoffnung, die lebt in unsren Herzen, ist Hoffnung für alle Menschen.
Du verwandelst das Brot in Jesu Leib.
Du verwandelst den Wein in Jesu Blut.
Du verwandelst den Tod in Auferstehn.
Verwandle du auch uns!

Ja, lassen wir uns in dieser Karwoche hineinnehmen in die Nacht Jesu und verwandeln, sodass wir mit ihm in der OsterNACHT auferstehn!

Ich wünsche uns eine tiefbewegende Woche!

Text und Bild: P. Cornelius Wanner OSB

Da nahm Maria ein Pfund echtes kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. (Joh 12,3)

Jesus ist in Bethanien bei seinen Freunden Lazarus, Martha und Maria zu Gast. Sie halten gemeinsam ein Mahl. Maria nimmt wertvolles Öl und salbt Jesus die Füße. Mit ihrem Haar trocknet sie die Füße ab. Ein Abwischen der Füße mit den Haaren macht bei einer Salbung keinen Sinn. Somit dürfen wir das Abwischen mit den Haaren symbolisch deuten. Die Haare Marias nehmen den Duft des Öls auf. Es entsteht eine Gemeinschaft des Duftes, des Wohlgeruchs zwischen Maria und Jesus. Am Beginn der Karwoche wird uns im heutigen Evangelium Maria als Vorbild der Hingabe vorgestellt. Wir sind eingeladen, es ihr in dieser Woche gleichzutun. In liebender Hingabe dürfen wir mit Jesus durch Leid und Leere zur Auferstehung gehen. Der Wohlgeruch erinnert uns an ein unzerstörbares Leben. Auch wir dürfen den Duft Jesu aufnehmen. Den Duft seiner Hingabe an uns, den Duft seiner Lebenspassion und den Duft der Auferstehung.

Br. Emmanuel Panchyrz OSB

Der Palmsonntag ist sozusagen das Tor zur Karwoche. Und was für ein Eingang wird uns in der Liturgie bereitet! Da hat wie in einer Vorschau all das seinen Platz, was im Lauf der Karwoche ausbuchstabiert wird. Ganz unterschiedliche Emotionen und Gefühle finden hier Raum.

Da ist zunächst der Einzug Jesu nach Jerusalem, der in den Kirchen szenisch nachgestellt wird – mancherorts sogar mit Esel. Auch wenn die Palmprozession in diesem Jahr wie die gesamte öffentliche Liturgie wegen der Coronakrise entfällt, so sind wir doch eingeladen, für uns „den Schauplatz zu bereiten“, uns in die biblische Szene, wie sie im Evangelium beschrieben wird, hineinzuversetzen. Es ist eine Szene der Freude und des Jubels. Jesus zieht als messianischer Friedenskönig auf einem Esel in die Stadt ein – nicht als martialischer Kriegsheld auf einem Schlachtross. Die Menschen breiten ihre Kleider auf den Straßen aus – ein ganz besonderer „roter Teppich“ – und singen Freudenlieder: „Hosianna dem Sohn Davids!“

Doch die Stimmung wandelt sich – in der Karwoche und auch schon in der Liturgie des Palmsonntags. Die Passion wird vorgelesen – ohne einleitende und abschließende Worte, ohne Predigt, schlicht und einfach die „Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus Christus“, in diesem Jahr in der Version, wie sie uns Matthäus überliefert. Die Worte der Passion – sie reichen völlig aus. Da braucht es keine Predigt mehr, eigentlich auch keinen Impuls. Im Hören der Passionsgeschichte Jesu hören wir vielleicht auch die vielen Passionsgeschichten der heutigen Welt, nicht zuletzt unsere eigene Passionsgeschichte.

Wenn ich in diesem Jahr die Passion höre, verbinde ich mit den vielen Menschen, die am Coronavirus erkrankt sind und die schon daran gestorben sind.

Ich verbinde mich mit den vielen Menschen, die helfen, den stillen Helden in den Krankenhäusern, Pflegeheimen und in all den anderen „systemrelevanten“ Berufen. Aber welcher Mensch ist eigentlich nicht systemrelevant? Wir alle sind doch wichtig fürs System, keiner darf verlorengehen.

Ich verbinde mich aber auch mit den vielen anderen leidenden Menschen, die über die Coronakrise schnell in Vergessenheit zu geraten drohen, besonders mit den Menschen an den Außengrenzen Europas.

Ich verbinde mich mit den vielen Menschen, die einsam sind, die sich nach menschlichem Kontakt und nach Berührung sehnen, die sich danach sehnen, dass jemand sie in den Arm nimmt.

In all diesen menschlichen Passionsgeschichten kommt mir Jesus entgegen, macht er sich bemerkbar.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne eine berührende Heilige Woche!

P. Maurus Runge OSB

Ich versetze euch wieder auf euren Ackerboden. (Ez 37,14)

Ein wirklich seltsamer Satz aus einem noch seltsameren Text! Es empfiehlt sich ihn ganz zu lesen: Er steht in der Auferweckungsvision des alttestamentlichen Propheten Ezechiel. Der Seher hat Knochen vor sich. Und beschreibt schrittweise, wie sie wieder das bilden, was sie mal waren: Körper! Er lässt den Wind ihnen Atem geben – bring sie zurück ins Leben. Das, was da geschieht, ist Auferstehung der Toten. Wir sprechen im Glaubensbekenntnis „Und ich glaube an die Auferstehung der Toten.“ Ist das gemeint? Wir werden irgendwie unsanft wieder zusammen gekleistert und dann auch noch auf den Ackerboden gesetzt? Ackerboden, das steht doch für Arbeit. Die Hacke vor mir. Da die Schaufel. Und zurück in die brutale Welt des Alltags geworfen werden, wird hier als Auferstehung geschildert. Irgendwie – bei allem gebotenen Respekt – keine Verheißung, bei der ich vor Freude aufjubeln würde: Nichts von himmlischen Chören hier, die die Auferweckten erwarten. Nichts von einem Festmahl, das kein Ende findet. Zwar kommen die Auferweckten in das gelobte Land Israel. Aber es wird „Ackerboden“ genannt!

Ezechiel spricht in die Zeit der babylonischen Gefangenschaft hinein zur Gemeinde der Exilierten. Damals war es eine frohe Botschaft, die sagen wollte: „Wir sind nicht ewig fern der Heimat“.

Ein genauerer Blick auf das Wort Ackerboden: Im Hebräischen steht adamat. Man hört hier schon den Namen des ersten Menschen aus der Genesis. Aber dieser Name heißt nichts anderes als Mensch. Ackerboden, das woraus er gemacht wurde, ist das, wo man wirklich Mensch sein kann. Keine Lebensferne, sondern ganz Boden-ständig im wortwörtlichen Sinn. Auferstehung – wie wir auch im heutigen Evangelium hören – wird uns nicht der Realität entreißen, vielmehr werden wir auf eine tiefere Weise mit ihr verbunden. Es ist nicht die himmlische Auferstehung, die Maria erwartet (Joh 11,24), sondern das echte Leben, das an des Hier und Jetzt gebunden ist.

Und das bedeutet im Umkehrschluss auch: Wir werden nicht unserer Verantwortung entrissen. Kein frommes, verklärtes und abwesendes Jubilieren, kein verzücktes das Haupt Neigen, das sich in unsere Kirchen zu oft eingeschlichen hat, kein bloßes Emporschauen (vgl. Apg 1,11a) gibt es in der Erlösung, sondern nur blanke, entblößte Realität, wo wir uns in allem wieder erkennen, weil wir eben nichts anderes sind – darum dieses Wortspiel. Die Midrasch im Talmud (bT Sanhedrin 98a) bringt es gut auf den Punkt: Der Messias, der Erlösung bringt, sitzt vor den Toren Roms und verbindet die Wunden der Menschen – ein Gleicher unter Gleichen – ganz angekommen in der Realität. Er ist sich seiner Verantwortung bewusst und tut, was verantwortlich und geboten ist. Ist es nicht auch ein Anspruch an uns, „heute, wenn ihr seine Stimme hört“(Ps 95,7)?

Text aus dem Traktat Sanhedrin 98a des babylonischen Talmud:

„Rabbi Jehošua ben Levi traf einst Elijahu am Eingange der Höhle des Rabbi Šim’on ben Jochaj stehen; da sprach er zu ihm: Werde ich in die zukünftige Welt kommen? Dieser erwiderte: Wenn es diesem Herrn gefällig sein wird. […] Hierauf fragte er ihn weiter: Wann wird der Messias kommen? Dieser erwiderte: Geh, frag ihn selbst. – Wo befindet er sich? – Am Tore von Rom – Woran erkennt man ihn? – Er sitzt zwischen den mit Krankheiten behafteten Armen; alle übrigen binden ihre Wunden mit einem Male auf und verbinden sie wieder, er aber bindet sie einzeln auf und verbindet sie, denn er denkt: vielleicht werde ich verlangt, so soll keine Verzögerung entstehen. Hierauf ging er zu ihm hin und spricht zu ihm: Friede mit dir, Herr und Meister! Dieser erwiderte: Friede mit dir, Sohn Levis! Er fragte: Wann kommt der Meister? Dieser erwiderte: Heute. Darauf kehrte er zu Elijahu zurück, der ihn fragte: Was sagte er dir? Er erwiderte Friede mit dir, Sohn Levis! Da sprach dieser: Er hat dir und deinem Vater die zukünftige Welt verheißen. Jener entgegnete: Er hat mich belogen, denn er sagte mir, er werde heute kommen, und er kam nicht. Dieser erwiderte: Er hat es wie folgt gemeint: wenn ihr heute auf seine Stimme hören werdet.(Ps 95,7)“

Br. Symeon Müller OSB

Das heutige Sonntagsevangelium (Joh 9,1-41) erzählt von einem Kind, das von Geburt an blind ist und von Jesus geheilt wird.

Vielleicht sagen wir schnell: „Ich brauche zwar eine Brille – aber blind bin ich Gott sei Dank nicht! Was hat das also mit mir zu tun?“ Erinnern wir uns, wie es zur Auswahl dieser Evangelien an den Sonntagen der Fastenzeit kam. In ihnen wurden die Taufbewerber, die in der Osternacht getauft wurden, in den Glauben eingeführt. Und ein Aspekt des Glaubens war: „Ich kann wieder neu sehen, werde von meiner „Blindheit“ geheilt!“ Deshalb findet sich bis heute in der Taufliturgie der Effata-Ritus – die Öffnung der Sinne. Mein Glaube und Christ-sein will, das wird hier sehr deutlich, zu einem sinn-vollen Leben führen.

Aber noch einmal zurück. Wieso muss ich denn neu sehen lernen, von welcher Blindheit soll ich denn geheilt werden? Seien wir ehrlich. Mein Sehen, meine Wahrnehmung der Wirklichkeit, ist sehr selektiv, sehr von meinen Erwartungen abhängig. Es gibt Tage, da sehe ich alles wie durch eine Sonnenbrille: dunkel, hoffnungslos, depressiv, … Und an anderen Tagen habe ich scheinbar meine rosarote Brille auf: alles wirkt auf mich freundlich, Mut machend, …

Die Wirklichkeit bleibt dieselbe, aber es macht einen großen Unterschied, wie ich auf sie blicke. Und das ist manchmal wie neu Sehen lernen.

Die Dichterin Hilde Domin hat es für mich in einem kurzen Gedicht auf den Punkt gebracht:

Es knospt

Unter den Blättern

Das nennen sie Herbst

Sehe ich im Herbst nur das langsame Sterben der Natur –  verwelkte, abgefallene Blätter? Oder sehe ich schon die kleinen Wunder des neuen Lebens?

Auch in den Tagen der Corona-Krise ist dies für mich eine entscheidende Frage. Kann ich in und neben all dem Schrecklichen, was mir zu Recht auch Angst macht, auch die kleinen Hoffnungszeichen, die kleinen Zeichen des Lebens, und damit Gottes sehen? Im Lächeln meines Mitmenschen, in der Hilfsbereitschaft, die mir entgegen kommt? Aber auch in den Sonnenstrahlen, der Natur, die im Frühling erwacht?…

Der Glaube will meine Augen auch für diese Hoffnungszeichen öffnen und offen halten.

P. Jonas Wiemann OSB

Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. (Mt 1,19)

Das wäre Marias Ende gewesen – und mit diesem auch das Ende der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Hätte Josef einen Skandal um die mysteriöse Schwangerschaft seiner jungen Verlobten gemacht, dann hätte ihr wohl der Tod durch Steinigung gedroht. Und die Geschichte der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus wäre zu Ende, noch ehe sie richtig angefangen hätte. Zum Glück war Josef nicht so. Zum Glück war er nicht einer jener Selbstgerechten, die nur auf den Fehltritt eines anderen Menschen warten, um ihn gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Etwas, was nicht nur damals passiert ist, sondern im beschleunigten Medienzeitalter bis heute immer wieder.

Zum Glück war Josef ein echter „Zaddik“, ein wirklicher Gerechter. Zum Glück war er nicht auf einen Skandal aus, sondern wollte die Geschichte ohne viel Aufhebens aus der Welt schaffen, indem er einfach alle Verbindungen löst.

Doch die Geschichte geht noch weiter: zum Glück war Josef ein Träumer wie sein großer alttestamentlicher Namensvetter. Zum Glück war er einer, der sich an seine Träume erinnerte und darin einen Anruf Gottes sah. Zum Glück erkannte er in seinen Träumen die Stimme Gottes.

So konnte die Geschichte Gottes mit den Menschen weitergeschrieben werden. Das lohnt die Unterbrechung der Fastenzeit, um dieses stillen Mannes zu gedenken. Das lohnt seine Erwähnung in jeder Eucharistiefeier.

Das heutige Hochfest sagt mir: Die Geschichte Gottes mit den Menschen geht weiter. Auch wenn alles dagegen spricht. Auch wenn wir meinen, das Ende sei nah. Auch wenn heute oft der Skandal mehr Aufmerksamkeit zu bekommen scheint als das stille Mitgehen. Auch wenn Leid und Krankheit zu überwiegen scheinen. Ist das nicht eine Botschaft der Hoffnung – gerade heute?

P. Maurus Runge OSB

An den kommenden drei Fastensonntagen im Lesejahr A hören wir drei längere Episoden aus dem Johannesevangelium: die Begegnung Jesu mit der Samariterin, die Heilung des Blindgeborenen und die Auferweckung des Lazarus, die uns alle auf ihre je eigene Weise auf das Osterfest vorbereiten sollen. Gerade das heutige Evangelium, die Begegnung Jesu mit der Frau aus Samarien (Joh 4,5-42), gehört für mich zu den ergreifendsten biblischen Erzählungen.

Jesus kommt auf seinem Weg nach Jerusalem an einen Ort namens Sychar in Samarien – für einen frommen Juden der damaligen Zeit ist das quasi Feindesland. Juden und Samariter sind tief verfeindet, ein Konflikt, der religiöse Wurzeln hat und sich u.a. um den rechten Ort der Gottesverehrung dreht. Dort macht Jesus in der Mittagshitze an einem Brunnen Halt und trifft auf eine Frau, eine samaritische Frau, die am Brunnen Wasser schöpfen will. Erschöpft von der Reise spricht er die Frau an und bittet sie, ihm etwas zu trinken zu geben. Ein Tabubruch – „die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.“

Und nun entwickelt sich zwischen den beiden ein wunderbarer Dialog, der Schritt für Schritt in ein immer tieferes Erkennen des Anderen mündet. Von äußeren und inneren Quellen geht es zur Lebenssituation der Frau und schließlich zur Frage, wo und wie Gott anzubeten sei: „Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Als die Jünger Jesu zurückkehren, eilt die Frau in ihr Heimatdorf zurück und wird zur Missionarin, die anderen von dem erzählt, was sie erlebt hat.

Die Sinnspitze dieser Erzählung ist für mich, dass es nicht die (männlichen) Jünger Jesu sind, die tagein, tagaus mit ihm zusammen sind, die ihn verstehen, sondern die fremde Frau. Zwar nicht auf Anhieb, aber Schritt für Schritt. Sie lässt sich auf Jesus ein, lässt sich von ihm berühren und kann so andere berühren. Am Ende führt sie die Menschen ihres Dorfes zu Jesus, wird zur Verkünderin seiner Botschaft.

Am Ende des Evangeliums steht ein Bekenntnis: „Er ist wirklich der Retter der Welt.“ Es kommt aus dem Munde der Samariter. Die Botschaft Jesu wird ausgeweitet von den Juden („Das Heil kommt von den Juden“) auf alle Menschen guten Willens.

Das Evangelium lädt mich ein, mich auf den Fremden einzulassen, vielleicht auch auf das Fremde in mir. Dann kann Begegnung geschehen. Auch in der Mittagshitze an Orten, wo ich es zunächst nicht erwarten würde. Dann kann die innere, oft verschüttete Quelle in mir wieder zu sprudeln beginnen.

Gestatten Sie mir eine Schlussbemerkung aus aktuellem Anlass: Begegnung geschieht an Orten, an denen ich es zunächst nicht erwarten würde. Ich habe das in den letzten Tagen ganz konkret erlebt. In Zeiten, wo Begegnung und Berührung physisch nicht ratsam ist, wo die Einschränkung von Sozialkontakten überlebenswichtig wird, ja wo selbst unsere Kirchen geschlossen sind und Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefeiert werden, da geschieht dennoch Begegnung. Die Sozialen Medien machen ihrem Namen alle Ehre – wenn man auf Spurensuche geht und sich auf diese auch reale Form der Begegnung einlässt. Denn auch hier handeln und agieren Menschen. Und es gibt nicht nur die Falschmeldungen, die Hetze und Panikmache. Nein, in den letzten Tagen erlebe ich eine große Solidarität. Menschen, die anbieten, für andere den Einkauf zu erledigen. Der Pianist Igor Levit, der jeden Abend auf Twitter öffentlich zugängliche Hauskonzerte gibt. Die Berliner Philharmoniker, die einen kostenlosen Zugang zu ihrem Onlineangebot an Konzerten anbieten. Es gibt sicher viele andere Beispiele. Gerade die Musik berührt viele Menschen. An den berührenden Kommentaren aus aller Welt wird das deutlich. Menschlichkeit kann sich durchsetzen – auch und gerade in diesen Zeiten. Die Quelle wird weitersprudeln.

Möge Gott Sie in dieser Woche segnen und Ihr Herz berühren! Bleiben Sie gesund!

P. Maurus Runge OSB