Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis es seine Erfüllung findet im Reich Gottes. (Lk 22,15-16 – gesamte Tageslesung: Lk 22,7-23)

In unserer Abteikirche gibt es einen Stein aus dem Abendmahlssaal in Jerusalem, der in die Ziegelmauer unter einem der Apostelleuchter eingelassen ist. Er erinnert mich jeden Tag daran, was damals in Jerusalem geschehen ist, als Jesus mit seinen Jüngern das Paschamahl gefeiert hat.

Es berührt mich, dass Jesus sich danach gesehnt hat, mit seinen Jüngern noch ein letztes Mal zusammenzukommen, um gemeinsam mit ihnen das Paschamahl zu feiern. Das Mahl, das an die Befreiung des jüdischen Volkes aus der Knechtschaft Ägyptens erinnert. Bei diesem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern sagt Jesus: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Daher feiern wir am Gründonnerstag, an dem des letzten Abendmahls gedacht wird, die Einsetzung der Eucharistie. Seitdem versammelten sich zu allen Zeiten und überall auf der Welt Christen, um miteinander das Brot und den Wein zu teilen. Das Brot wird zu Christi Leib, der für uns hingegeben wird und der Wein zu Christi Blut, das für uns vergossen worden ist. Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern wird in jeder Eucharistiefeier Gegenwart. Es ist nicht nur ein reines Erinnern an das, was damals in Jerusalem geschehen ist, sondern Jesus gibt seinen Leib und sein Blut auch für uns hin. Er sehnt sich danach, auch mit uns dieses Mahl zu feiern.

In jeder Eucharistiefeier werden wir selbst Teil der Heils- und Erlösungsgeschichte Gottes: Jesu Hingabe für uns wird in der Feier des Abendmahls gegenwärtig und erfahrbar. Und zugleich ist dieses Mahl ein Vorgeschmack des himmlischen Hochzeitsmahles, das seine Erfüllung findet im Reich Gottes.

Br. Vincent Grunwald OSB

Tageslesung: Psalm 22,1-22

„Hilf mir!“ (V. 22a) Ein Schrei dringt aus der Tiefe der Not. Hier ist einer, dem jede Hoffnung geschwunden ist. „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch.“ (V. 7a) Wo ist da die Gottesebenbildlichkeit? Wo ist da die Würde des Menschen? Seine Alltagserfahrung ist geprägt von Ablehnung seiner Nächsten. Spott und Hohn, Lästern und Gaffen – so begegnen ihm seine Mitmenschen.
Tag und Nacht betet er. Aber im Beten erfährt er doch nur Leere. „Doch du antwortest nicht.“ (V. 3a) Hier tut sich ein schwarzes Loch auf. Die Stille erdrückt und Unruhe greift um sich. Wo ist er, der doch versprochen hat, ein Fels zu sein? „Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.“ (V. 2b) Was ist passiert mit der Erfahrung, dass Gott ein Fels, eine Hilfe, eine bergende Burg ist? (Vgl. Ps 62,3) Hier leuchtet im Hintergrund der Zion auf, der Hügel mit dem Heiligtum JHWHs – befestigt wie eine ragende Feste. Es wurde gesagt, er würde nicht wanken. Wurde das nicht auch von denen gesagt, die glauben: „Die auf den HERRN hoffen, werden nicht fallen, sondern ewig bleiben wie der Berg Zion.“ (Ps 125,1)? Jetzt aber bricht alles ein. Der Glaubende wankt, der Gottesberg erzittert, weil jede Sicherheit fehlt.
Wo sind die Erfahrungen der Errettung von früher? Gott hat seinen Glaubenden doch immer geholfen. „Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.“ (V. 4) Der Gottesberg, der Zion wird überragt. Im Lobgesang, in der glaubenden Erhöhung tritt der sichtbare Hügel, auf den der Blick gefallen ist, in den Hintergrund. Aber doch kann diese Erkenntnis nicht die Not mildern.
„Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.“ (V. 12) Er hat – von den Menschen verlassen – sich auf Gott verlassen. Aber bisher? Nichts. Es bleibt eine Frage, die alles durchdringt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (V. 2) Von ihr gehen alle Gedanken aus.

Wir, Christen, verbinden mit diesem Vers die letzten Worte Jesu. Am Kreuz erhöht, außerhalb der Stadt hatte er all dies vor Augen. Seine Feinde verspotten ihn. Seine Freunde haben ihn verlassen. Gott, auf den er seine Hoffnung setzte, hält sich scheinbar fern. Und so schleudert er vom Kreuz dem Zion, dem Tempel, der Wohnstatt seines Gottes, die die Stadt überragt, diese Frage entgegen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Bleibt es bei dieser düsteren Perspektive? Nein! „Du hast mich erhört!“ (V. 22b) Ein starker Gegensatz zur verzweifelten Frage. Eine neue Perspektive ist eröffnet. „Du hast mich erhört!“ Es bleibt nicht in der Dunkelheit. Es bleibt nicht beim Gefühl der Gottverlassenheit. Es bleibt nicht beim Karfreitag, sondern Ostern kommt bestimmt. Das Licht des Morgens eines neuen Tages schenkt Hoffnung. Die Hoffnung auf eine neue Welt.

Kann ich das glauben? Im Hier und Jetzt? In meiner aktuellen Situation? In der Situation unserer Welt?

Br. Symeon Müller OSB

1 Das Fest der Ungesäuerten Brote, das Pascha genannt wird, war nahe. 2 Und die Hohepriester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus zu beseitigen; denn sie fürchteten sich vor dem Volk. 3 Da fuhr der Satan in Judas, genannt Iskariot, der zu den Zwölf gehörte. 4 Judas ging zu den Hohepriestern und den Hauptleuten und beriet mit ihnen, wie er Jesus an sie ausliefern könnte. 5 Da freuten sie sich und kamen mit ihm überein, ihm Geld zu geben. 6 Er sagte zu und suchte nach einer günstigen Gelegenheit, ihn an sie auszuliefern, ohne dass das Volk es merkte. (Lk 22,1-6)

In der Zeit auf Ostern zu dürfen wir uns alle neu bewusst machen, dass Jesus  jedem Menschen immerfort seine Freundschaft anbietet.

Im heutigen Abschnitt des Lukasevangeliums werden  wir mit einer verstörenden Tat  des Judas, eines der Jünger und Freundes Jesu, konfrontiert. Judas liefert Jesus an seine Feinde aus. Schnell kommen uns Gedanken, Gefühle und Fragen: Wie konnte Judas die Freundschaft zu Jesus so verletzen?

Eine Abbildung, die Judas und Jesus darstellt, berührt mich seit längerem. Es ist ein Kapitell aus der Basilika Ste. Marie-Madeleine in Vezelay im Burgund. Der romanische Künstler stellt dar, wie Jesus seinen Verräter Judas auf seinen Schultern trägt. Diese tragende Haltung erinnert uns an den guten Hirten, der das Verlorene zurückbringt. Jesus trägt Judas auf seinen Schultern. Der Künstler wollte uns wohl verdeutlichen, dass Jesu Liebe niemals aufrechnet. Immerfort läuft Jesus dem Verstörten, dem Irrenden und dem Verlorenen nach. Jesu Handeln spiegelt die Haltung eines grenzenlosen Verzeihens. Niemals kann ein Mensch aus der Zuneigung Jesu, somit aus der Zuneigung Gottes, herausfallen. Der von Jesus getragene Judas wird zum Urbild einen grenzenlos barmherzigen Gottes.

Mich persönlich tröstet diese romanische Abbildung. Bei all meinen irrenden Wegstrecken des Lebens werde ich von Gott selbst in das verzeihende Haus seiner Liebe zurückgetragen.

Br. Emmanuel Panchyrz OSB

29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht euch den Feigenbaum und die anderen Bäume an:
30 Sobald ihr merkt, dass sie Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.
31 So erkennt auch ihr, wenn ihr das geschehen seht, dass das Reich Gottes nahe ist.
32 Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
(Lk 21,29-33 – heutiger Gesamttext: Lk 21,29-38)

Der Feigenbaum ist ein uraltes Bild für das Volk Israel. Wir können es auch als Bild für die Kirche verstehen. Wenn – ja wenn es dann nicht so traurig wäre. Keine sprießenden Blätter am Feigenbaum Kirche, keine Früchte. Zu kalt ist der Wind, zu rau der Ton, zu verletzend und verstörend Aussagen und Texte. Da soll Sommer werden? Da soll Reich Gottes lebendig werden?

Ein paar Kapitel früher erzählt Jesus das Gleichnis eines Feigenbaums, der keine Frucht trägt (Lk 13,6-9). Drei Jahre lang kommt der Herr des Weinbergs und der Baum bekommt dann sogar noch mal ein Jahr Gnadenfrist. Ob das für die Kirche reichen würde? Ich wage es zu bezweifeln.

Und doch: Bleibt uns überhaupt diese Zeit? Zu viele Menschen, auch aus dem Inneren der Gemeinden, aus unseren Verbänden, verlassen die Kirche. Ich kann sie verstehen. Soll die Kirche doch Ort der erfahrbaren Nähe Gottes sein – aber wenn selbst der Segen verboten wird…

Mich tröstet der letzte Vers des obigen Textes. Auch wenn wir es „schaffen“, dass alles vergeht – Gottes Wort wird bleiben. Längst suchen und hören es Menschen an anderen Orten. Machen wir uns nichts vor: auch ein paar digitale Highlights, ein paar Likes in Sozialen Medien, Hochglanzbroschüren – wir erreichen kaum noch Menschen außerhalb eines engen Kreises. Das Wort Gottes braucht anderen Dünger, um wieder am Feigenbaum der Kirche zu blühen.

Wie wäre es mit Wertschätzung und Anerkennung – gegenseitig, ohne Vorurteile und Einschränkungen. Wie wäre es mit Vertrauen – dem anderen gegenüber und vor allem Gott gegenüber. Wie wäre es mit Mut, neue Wege auszuprobieren und zu gehen, mit Phantasie und Freude sogar in unseren Gottesdiensten.

Der Text des heutigen Tages geht ja noch weiter:

34 Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht
35 wie eine Falle; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.
36 Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt!

Nehmen wir uns in Acht!
Und vertrauen wir.
Gottes Wort gilt.
Und sein Segen trägt. Alle.

P. Guido Hügen OSB

Wenn ihr aber seht, dass Jerusalem von Heeren eingeschlossen wird, dann erkennt ihr, dass seine Verwüstung bevorsteht. Dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen; wer in der Stadt ist, soll sie verlassen, und wer auf dem Land ist, soll nicht in die Stadt gehen. Denn das sind die Tage der Vergeltung, damit alles in Erfüllung geht, was geschrieben steht. Wehe den Frauen, die in jenen Tagen schwanger sind oder ein Kind stillen! Denn große Bedrängnis wird über das Land hereinbrechen und Zorn über dieses Volk. Mit scharfem Schwert wird man sie erschlagen, als Gefangene wird man sie zu allen Völkern schleppen und Jerusalem wird von den Völkern zertreten werden, bis die Zeiten der Völker sich erfüllen.
Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und
erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. (Lk 21,20-28)

Schon und noch nicht!

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

dieser Gedanke „Schon und noch nicht“ legt sich mir heute nahe, wenn ich den Text aus dem Lukasevangelium lese. Vernichtung und Zerstörung sind hier im Grunde bereits im Gange, aber das Neue ist noch nicht errichtet. Der Evangelist spricht davon, dass die Menschen große Bedrängnis erleben werden und der Zorn Gottes über das Volk kommen wird. Ja, er spricht mit deutlichen Worten vom Ende Jerusalems.

Als im vergangenen Jahr die Corona-Pandemie ihren ersten Höhepunkt erreichte, gab es damals nicht wenige Menschen, auch aus den Reihen der Kirche, die öffentlich vermuteten, dass Corona eine längst fällige Strafe Gottes für uns Menschen sei, weil wir allzu egoistisch miteinander und der ganzen Schöpfung umgegangen sind. Aber kann es wirklich sein, dass Gott uns Menschen bestrafen und vernichten will? Ist sein Wort also eher eine Drohbotschaft statt einer
frohmachenden Botschaft?

Ich meine nicht, auch wenn mir in diesem Zusammenhang ganz schnell die Geschichte der Arche Noah und der Sintflut einfällt, in der Gott ja nur die Menschen rettet, die nach seiner Weisung gelebt haben – alle anderen aber die Sintflut verschlingt. Aber wenn wir diese Sintfluterzählung genau ansehen, dann hören wir selbst dort, wie am Ende der Erzählung Gott es reute und er den Menschen das Versprechen gab, nie wieder „alles Lebendige zu schlagen“ (vgl. Gen 8).

Natürlich können wir sagen und genügend Beispiele aufzählen, wo wir Menschen uns nicht an Gottes Gebote gehalten haben und wo wir sicher immer wieder auch an der Botschaft des Evangeliums vorbeigelebt haben und vorbeileben. Aber letztlich sagt uns auch das heutige Evangelium, trotz aller Zerstörung, die es andeutet und beschreibt: Gott kommt nicht, um uns Menschen zu vernichten, sondern er kommt, um uns zu retten! Und viele Male spricht die Bibel davon, dass wir Menschen daher keine Angst haben sollen, denn er ist bei uns und wird uns retten. Deshalb richten wir uns auf und erheben wir unser Haupt, denn es naht unsere Erlösung. Denn es hat schon begonnen, auch wenn es noch nicht vollendet ist!

Einen guten Tag
wünscht Ihnen allen
P. Cornelius Wanner OSB

17 Und ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen. 18 Und kein Haar von eurem Haupt soll verloren gehen.

(Lk 21,17-18 – gesamte Tageslesung: Lk 21,5-19)

Es wirkt etwas verloren und unglaubwürdig am Ende all der schrecklichen Dinge von Kriegen, Katastrophen und Verfolgungen, die Jesus in seiner sog. Kleinen Apokalypse hier ankündigt: „Kein Haar von eurem Haupt soll verloren gehen.“ Nach all den Kriegen, Hungersnöten, Seuchen und Verfolgungen soll uns kein Haar gekrümmt werden? Das klingt doch reichlich weltfremd.

Mir hilft hier ein kleiner Satz, den ich einmal irgendwo gelesen habe: Gott bewahrt mich vielleicht nicht vor allem Leid, er bewahrt mich aber in allem Leid. Ich kann nicht verhindern, dass nicht alles glatt läuft im Leben, dass ich Leid, Finsternis, Zweifel, Verleumdung etc. erleben muss. Ich darf aber darauf vertrauen, dass da einer ist, der mich in all dem begleitet, der mich bewahrt. „Dies alles ist noch nicht das Ende.“

Das ist alles leichter gesagt als getan. Und wenn ich drinstecke, dann wird auch der Zweifel kommen, die Dunkelheit, der Unglaube. Aber in allem Unglauben – bleibt ER doch da. Gibt es eine größere Verheißung?

P. Maurus Runge OSB

Als er umherblickte, sah er, wie die Reichen ihre Gaben in den Opferkasten legten. Er sah auch, wie eine arme Witwe zwei kleine Münzen hineinlegte, und er sprach: „Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingelegt als alle. Denn sie alle haben von ihrem Überfluss hineingelegt zu den Gaben Gottes, sie aber legte von ihrer Armut den ganzen Lebensbedarf hinein, den sie hatte.“ (Lk 21,1-4)

Der Opferbegriff an dieser Stelle des Lukas-Evangeliums hat für mich eine unglaubliche Tiefe. Ich denke nicht, dass es Jesus hier um einen finanziellen Beitrag im wörtlichen Sinne geht. Dass für die arme Witwe der Betrag von „zwei kleinen Münzen“ ein weitaus größeres Opfer darstellt als für eine reiche Person, macht Jesus unmissverständlich deutlich… Doch darum geht es gar nicht.

Gehen wir einen Schritt weiter und übertragen dieses ‚Gleichnis‘ einmal auf unsere ganz persönliche Gottsuche.

In der Hl. Messe legen wir bei der Gabenbereitung, dem Offertorium (von lat. offerre, „entgegentragen“, „darreichen“) Gott  unsere Anliegen und Gebete zu den Gaben Gottes auf den Altar. Sie werden in der Eucharistie gewandelt, und so werden wir mit unseren Anliegen Teil des Leibes Christi.

Doch was reichen wir dar? Wie viel von uns geben wir Gott preis? Wie stark ist unser Vertrauen zu ihm? Leisten wir womöglich nur einen „Mindestbeitrag“? Haben wir Angst, Gott alles hinzulegen, weil dann nichts mehr für uns selbst übrig bleibt?

Der Punkt ist nicht, dass wir mehr geben müssen, wenn wir mehr haben, oder dass „zwei kleine Münzen“ reichen, wenn wir gerade etwas ärmer dran sind. Worum es Jesus geht, ist, dass wir unseren ganzen Lebensbedarf, also alles, was wir haben, Gott hinlegen können. Wir dürfen uns ihm ganz hingeben.

Die Voraussetzung dafür ist, dass wir uns selbst erkennen und unsere Schwächen, ja unsere Armut akzeptieren. Diese dürfen wir – und wenn sie uns noch so peinlich ist – Gott hinhalten. Wir dürfen uns vor Gott entblößen, auch wenn wir uns noch so sehr dabei schämen; nur dann kann Gott an uns wirken. Heilen kann Gott uns nur, wenn wir ihm auch unsere Wunden zeigen – selbst wenn diese Wunden in Kämpfen entstanden sind, in denen möglicherweise auch wir an anderen schuldig geworden sind.

Die arme Witwe steht somit für einen Menschen, der erkannt hat, dass er vor Gott letztendlich arm ist, so wie jeder von uns. Und wenn wir dieses bisschen dann auch noch Gott anvertrauen, legen wir mehr hinein als alle.

Br. Jonathan von Holst OSB

45 Als aber alles Volk zuhörte, sprach er zu seinen Jüngern: 46 Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern umhergehen und es lieben, sich auf dem Markt grüßen zu lassen und obenan in den Synagogen und beim Gastmahl zu sitzen; 47 sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.

(Lk 20,45-47 nach der Lutherübersetzung; gesamte Tageslesung: Lk 20,41-47)

„Sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete.“ Diesen Satz aus der heutigen Tageslesung in der Übersetzung von Martin Luther musste ich mehrmals lesen. Steht da wirklich, dass die Schriftgelehrten die Häuser der Witwen „fressen“? So sehr diese kraftvolle Übersetzung auch befremdlich ist, so sehr bringt sie mich zum Nachdenken – wie es Luther zweifelsohne auch beabsichtigt hat.

Ja, ist das nicht wirklich so? Dass Menschen in ihrer Raffgier den Besitz der Ärmsten im wahrsten Sinne des Wortes „auffressen“ und in ihrer Scheinheiligkeit dazu noch große Worte machen? Ich denke an den Kredithai, der die Menschen mit fadenscheinigen Angeboten über den Tisch zieht, bis nichts mehr von ihnen und ihrem Geld übrigbleibt. Ich denke an den Bischof, der den missbrauchenden Priester von Pfarrei zu Pfarrei versetzt hat und sich dann vor die Kameras stellt und etwas von Vergebung faselt.

Aber muss ich wirklich so weit gehen? Reicht es nicht, bei mir selbst zu bleiben? Ich bete jeden Tag meine Gebete – und beachte nicht den Menschen neben mir, der Not leidet. Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche – und bin insgeheim ganz froh, dass der Friedensgruß in Coronazeiten entfällt und ich so dem Nachbarn nicht die Hand reichen muss. Es gibt sicher noch viele solcher Situationen, wo ich „die Häuser der Witwen fresse“.

Mache ich mir heute wieder neu bewusst: Wer sich von Gottes Wort nährt, der braucht keine Häuser der Witwen zu fressen, denn er ist schon gesättigt.

P. Maurus Runge OSB

2 Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! 3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. 4 Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.  (aus Psalm 84)

Vor einigen Wochen bin ich ganz früh am Morgen aufgewacht und hörte, wie ein Schwarm Kraniche über das Kloster zog. Über das Sauerland ziehen immer viele Zugvögel im Frühjahr und Herbst, auf der Reise zu ihren jeweiligen Quartieren.
Es war draußen noch vollkommen dunkel, und nur die eindrücklichen Rufe der Vögel waren zu hören.
Ich fand es beindruckend, mit welchem Vertrauen sie ihrem Ziel entgegenstrebten. Sicher, sie haben bestimmt so etwas wie einen inneren Kompass, um auch unter widrigen Bedingungen ihr Ziel zu finden. Aber die Vorstellung, aus der Dunkelheit dem Licht entgegenzufliegen, ohne überhaupt etwas von dem Licht zu sehen, gefiel mir.
Kraniche sind in vielen Kulturen Glücksboten, und auch wenn sie ja nicht direkt in unserem heutigen Psalm vorkommen, so sind sie doch, wie alle Zugvögel, ein Symbol für unsere Sehnsucht nach dem Licht des Lebens.  Auch Schwalben sind normalerweise nicht das ganze Jahr bei uns zuhause, sondern nur Sommergäste.
Das Spannende ist: Zugvögel sind Boten für das Leben, und sie streben dem Licht und der Wärme entgegen. Für eine Weile finden sie ein Haus, ein Nest, es gibt Nachwuchs, dann heißt es wieder aufzubrechen und an ein anderes Ziel zu gelangen. Sie sind immer wieder auf der Reise, und im Rhythmus der Jahreszeiten kehren sie eigentlich auch immer wieder um.
Umkehr kann also einfach auch Rhythmus bedeuten und etwas ganz Natürliches sein. Es muss nicht immer das Schwere in sich tragen, dass ich als Mensch ein armer Sünder bin und umkehren muss, um wieder auf den tugendhaften Weg zurück zu kommen.
Jeder zum Beispiel, der gerne bergwandert, weiß, dass er spätestens auf dem Gipfel wieder umkehren muss.
Unser eigener innerer Kompass kann uns helfen, wenn wir manchmal den Weg nicht sehen können. Unser Leib und unsere Seele sind gute Wegweiser. Oft ist da dieses Gefühl von Geborgenheit, dessen Ursprung wir aber nicht ergründen können. Vertrauen wir darauf, dass dieses Gefühl uns an einen guten Ort bringt.
Und auch unsere Sehnsucht ist ein guter Hinweisgeber. Ich finde, wir hören viel zu selten auf unsere Sehnsucht und haben oft nicht den Mut, ihr zu folgen.
Gerade aber sie lässt uns durch die Nacht fliegen.

Br. Balthasar Hartmann OSB

27 Da traten zu ihm einige der Sadduzäer, die sagen, es gebe keine Auferstehung, und fragten ihn 28 und sprachen: Meister, Mose hat uns vorgeschrieben (5. Mose 25,5-6): »Wenn jemand stirbt, der eine Frau hat, aber keine Kinder, so soll sein Bruder sie zur Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen erwecken.« 29 Nun waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau und starb kinderlos. 30 Und der zweite 31 nahm sie zur Frau, dann der dritte, desgleichen alle sieben: Sie hinterließen keine Kinder und starben. 32 Zuletzt starb auch die Frau. 33 Die Frau nun: Wessen Frau wird sie in der Auferstehung sein? Denn alle sieben haben sie zur Frau gehabt. 34 Und Jesus sprach zu ihnen: Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten; 35 welche aber gewürdigt werden, jene Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die werden weder heiraten noch sich heiraten lassen. 36 Denn sie können hinfort nicht sterben; denn sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind. 37 Dass aber die Toten auferstehen, darauf hat auch Mose hingedeutet beim Dornbusch, wo er den Herrn nennt Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs (2. Mose 3,6). 38 Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle. 39 Da antworteten einige der Schriftgelehrten und sprachen: Meister, du hast recht geredet. 40 Denn sie wagten nicht mehr, ihn etwas zu fragen. (Lk 20,27-40)

Schon wieder versuchen sie, Jesus „in seinen Worten zu fangen“. Diesmal sind es die Sadduzäer, von denen es ausdrücklich heißt, dass sie die Auferstehung leugnen. Und mit einem doch arg konstruierten Beispiel versuchen sie, die Auferstehung von den Toten ad absurdum zu führen. Wenn eine Frau sieben Männer überlebt hat, wessen Frau wird sie dann bei der Auferstehung sein? Da sieht man doch, wie sinnlos dieser Glaube ist – so unausgesprochen die Sadduzäer.

Jesus rückt die Dinge in die rechte Perspektive. Die Auferstehung ist nicht einfach die Fortsetzung des irdischen Lebens, wo die Menschen weiter so leben wie bisher. Es geht hier um eine fundamental andere Wirklichkeit, die wir uns auch nicht ansatzweise vorstellen können. „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“ Das ist der Satz, auf den es ankommt. Schon allein deshalb muss es eine Realität geben, in welcher der Tod endgültig besiegt ist. „Gott ist ein Gott des Lebens.“ Da kommt es nicht darauf an, wer wen geheiratet hat. Da kommt es darauf an, ob ich dem Leben gedient habe.

P. Maurus Runge OSB