26 Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie Simon, einen Mann aus Kyrene, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage. 27 Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. 28 Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder! 29 Denn siehe, es kommen Tage, da wird man sagen: Selig die Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. 30 Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns! und zu den Hügeln: Deckt uns zu! 31 Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden? (Lk 23,26-31)

An den letzten drei Tagen der Karwoche folgt der Schluss des 23. Kapitels des Lukasevangeliums. Dieser wird besonders von einem Thema bestimmt: Jesus trifft auf seinem Leidensweg – bis in die Kreuzigung hinein – auf verschiedene Menschen und Menschengruppen. Seine Situation und seine Worte fordern die Anwesenden hierbei heraus und beziehen sie mit ein. Sein Leiden betrifft nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern auch das Schicksal zahlreicher anderer Menschen.

Wir können in gewisser Weise auch uns selbst zu den Anwesenden zählen, die Jesus auf dem Weg zum Kreuz beobachten, dieser abscheulichen Situation beiwohnen und sich ihr stellen müssen.

Wir begegnen also im heutigen Text- oder Wegabschnitt zuerst Simon von Kyrene, der das Kreuz Christi ein Stück weit hinter ihm herträgt. Anschließend stoßen wir auf eine große Volksmenge, die um Jesus klagt und weint. Sie nimmt Anteil an seinem Leid, obwohl sie zu der Gruppe gehört, die noch kurz vorher skandierten, Jesus müsse gekreuzigt werden, nämlich den Einwohnern Jerusalems. Womöglich finden sich in dieser Gruppe einige, die ebenfalls um Jesu Kreuzigung mitgebrüllt haben, und die es nun reut?

Wo stehe ich selbst als Anwesender?

Vermutlich geht es Ihnen, liebe*r Leser*In, wie mir: Ich nehme mich im Alltag meist ambivalent wahr, das heißt zum einen, ich ähnele manchmal (hoffentlich) dem Simon von Kyrene, der das Kreuz hinter Christus herträgt, und ihm so ein Stück weit in seiner Sache hilft.
Andere Male nehme ich aber wahr, wie ich an meinem Nächsten verräterisch handle, wie ich gegen ihn sündige, ähnlich wie es die Jerusalemer Bevölkerung getan hat, die Jesus ans Kreuz bringen wollte.

Jesus prophezeit dieser Gruppe Unheil. Das mag auch mich – angesichts meiner eigenen Verfehlungen – ganz real erschrecken, aber ich hoffe, dass die Absicht Jesu hierbei auch nur das Hervorrufen eben dieser Reaktion ist. So kann es sich bei dieser Prophezeiung weniger um ernste Feindschaft gegenüber den Bewohnern Jerusalems und auch mir handeln, sondern vielmehr um einen Aufruf zur Achtung vor der Allmacht des richtenden Gottes. Soll heißen: Sie wäre so etwas wie ein versteckter Wehe-Ruf, der zur Reue, zum Sich-Beklagen und schließlich zur Umkehr führt!

Durch Christi Passion und die mir ohne eigene Leistung erwiesene Liebe ist mir bereits meine Erlösung bewusst. Gott sei Dank!
Aber durch das Erkennen meiner eigenen Schuld kann ich stets neu auf den Weg der Umkehr geraten, mich so der Gottes- und Nächstenliebe neu öffnen und durch mein Handeln mir und der Welt Gottes Heil schon jetzt erfahrbarer machen.

So werden wir mit diesem Textabschnitt aufgerufen, den Gewinn der Passion entgegenzunehmen.

Br. Josef Ellendorff OSB

Sie aber schrien und forderten immer lauter, er solle Jesus kreuzigen lassen, und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch: Da entschied Pilatus, dass ihre Forderung erfüllt werden solle. (Lk 23,23-24 – gesamte Tageslesung: Lk 23,13-25)

Bei dieser Verurteilungsszene durch Pilatus, die bis in unseren Sprachgebrauch hinein prägend wurde mit der Redewendung „seine Hände in Unschuld waschen“, beschleicht mich regelmäßig ein ungutes Gefühl. Die lautstarke Forderung des Volkes, Jesus kreuzigen zu lassen, wurde offensichtlich bewusst so inszeniert: Das jüdische Volk fordert den Tod Jesu und stattdessen die Freilassung des Aufrührers Bar-abbas.

Die Wirkungsgeschichte dieser Szene ist fatal: Den Juden wurde in einer diffamierenden Lesart die Schuld am Tod Jesu gegeben. Ja, das auserwählte Volk wurde gar zum Volk der Gottesmörder stilisiert. Bis heute wirkt ein Verständnis, dass die Kirche nun an der Stelle des auserwählten Volkes sieht, in die theologischen Debatten hinein und führte so etwa zur Diskussion um die Abänderung der entsprechenden Karfreitagsfürbitte, die bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil von der „Bekehrung der verstockten Juden“ sprach.

Es bleibt daher eine dauernde Herausforderung für die Kirche und für die Theologie, diese fatalen Missverständnisse nun zu korrigieren und den jüdisch-christlichen Dialog zu fördern. Jesus war selbst Jude und hat sich zeitlebens so verstanden. Antijudaismus darf in der Kirche keinen Platz haben und auch gesamtgesellschaftlich ist es unsere Christenpflicht, mutig gegen jeglichen Antisemitismus unsere Stimme zu erheben!

Br. Vincent Grunwald OSB

1 Daraufhin erhob sich die ganze Versammlung und man führte Jesus zu Pilatus. 2 Dort brachten sie ihre Anklage gegen ihn vor; sie sagten: Wir haben festgestellt, dass dieser Mensch unser Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuer zu zahlen, und behauptet, er sei der Christus und König. 3 Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es. 4 Da sagte Pilatus zu den Hohepriestern und zur Volksmenge: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. 5 Sie aber blieben hartnäckig und sagten: Er wiegelt das Volk auf; er verbreitet seine Lehre im ganzen jüdischen Land, angefangen von Galiläa bis hierher. 6 Als Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mann ein Galiläer sei. 7 Und als er erfuhr, dass Jesus aus dem Herrschaftsgebiet des Herodes komme, ließ er ihn zu Herodes bringen, der in jenen Tagen ebenfalls in Jerusalem war. 8 Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah; schon lange hatte er sich gewünscht, ihn zu sehen, denn er hatte von ihm gehört. Nun hoffte er, ein von ihm gewirktes Zeichen zu sehen. 9 Er stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab ihm keine Antwort. 10 Die Hohepriester und die Schriftgelehrten, die dabeistanden, erhoben schwere Beschuldigungen gegen ihn. 11 Herodes und seine Soldaten zeigten ihm offen ihre Verachtung. Er trieb seinen Spott mit Jesus, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen und schickte ihn so zu Pilatus zurück. 12 An diesem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; vorher waren sie Feinde gewesen. (Lk 23,1-12)

Jesus ist nicht in die Welt gekommen, um die Erwartungen von Menschen zu erfüllen, sondern um uns als Mittler zwischen Gott und Mensch zu dienen. So erfüllt er in unserer heutigen Textstelle auch nicht die Erwartungen, die Pilatus an ihn stellt. Die Erwartung eines Zeichens. Für Machtmenschen, wie es Pilatus und auch Herodes sind, sind Zeichen und Wunder Mittel zum Zweck. Es geht ihnen nicht um die Erfahrungen von Heilsein, sondern um die Demonstration von Wirkmächtigkeit. Um dieser Instrumentalisierung zu entgehen, schweigt Jesus. Es ist ein Schweigen, wie wir es schon bei der drohenden Verurteilung der Ehebrecherin gesehen haben. Es ist ein Schweigen, nicht weil Jesus die Worte fehlen, sondern weil er nicht in den Kreislauf einer Machtmaschinerie  kommen will. Er schweigt und erntet Spott und Hohn. Das sind die klassischen Reaktionen von Menschen, die es gewohnt sind, dass man ihnen gehorcht. Sie verstehen nicht, dass es eine Ohnmacht der Liebe gibt. Die Ohnmacht der Liebe – selbst im Angesicht des Todes. Selbstentäußerung, Abgabe von Macht, Ohnmacht der Liebe.

Und wir, die wir ihm nachfolgen? Wir dürfen üben. Uns einüben in die Liebe. Wir dürfen uns einüben in die Aufgabe von Macht, um glaubwürdig die Ohnmacht der Liebe zu leben.

Br. Benjamin Altemeier OSB

63 Die Männer, die Jesus bewachten, trieben ihren Spott mit ihm. Sie schlugen ihn, 64 verhüllten ihm das Gesicht und fragten ihn: Du bist doch ein Prophet, sag uns: Wer hat dich geschlagen? 65 Und noch viele andere Lästerungen stießen sie gegen ihn aus.
66 Als es Tag wurde, versammelte sich der Ältestenrat des Volkes, die Hohepriester und die Schriftgelehrten und sie ließen Jesus vor ihren Hohen Rat führen. 67 Sie sagten zu ihm: Wenn du der Christus bist, dann sag es uns! Er antwortete ihnen: Wenn ich es euch sage, glaubt ihr mir ja doch nicht; 68 und wenn ich euch etwas frage, antwortet ihr nicht. 69 Von nun an wird der Menschensohn zur Rechten der Macht Gottes sitzen. 70 Da sagten alle: Du bist also der Sohn Gottes? Er antwortete ihnen: Ihr sagt es – ich bin es. 71 Da riefen sie: Wozu brauchen wir noch eine Zeugenaussage? Wir haben es selbst aus seinem Mund gehört. (Lk 22,63-71)

Verspottet, geschlagen, zum Tode verurteilt.
Nichts bleibt Jesus erspart.
Alles, was Menschen einander antun können, hat er am eigenen Leib erleiden müssen.

Die Passionsgeschichte offenbart uns, wie der Mensch ist.
Was Menschen einander antun, im Großen wie im Kleinen.
Bis heute. Überall auf der Welt.

Die Passionsgeschichte geht aber darüber hinaus.
„Was nicht angenommen wird, kann nicht erlöst werden.“
So hat es ein früher Kirchenvater ausgedrückt.
Nur das, was ich auf mich nehme, erleide, annehme, nur das kann auch erlöst werden.
Deswegen hat Jesus all das, was Menschen einander antun, angenommen.
Die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende.
Das ist unsere Hoffnung.

P. Maurus Runge OSB

Tageslesung: Psalm 22,23-32

Palmsonntag – heute gehen wir in die Karwoche und ahnen zugleich, dass der Weg in die Dunkelheit führt.
In der heutigen Schriftlesung betet der Psalmist:

Denn des Herrn ist das Reich, und er herrscht unter den Völkern.
Ihn allein werden anbeten alle Großen auf Erden;
vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staub hinabfuhren.
(Ps 22,29-30)

Wen bete ich an?
Vor wem beuge ich meine Knie?
Auf wen hoffen wir in diesen Zeiten, wo wir vor großen Herausforderungen stehen?
Wir bemühen uns um Frieden in der Welt – und doch immer neu Krieg und Unversöhnlichkeit.
Wie schnell lassen wir uns von Macht beeindrucken und von Ohnmacht bestimmen!

Der Psalmist betet: Denn des Herrn ist das Reich…
Glaube ich heute an Gottes Stärke?

Ich lade Sie ein, den Dunkelheiten des Lebens nicht auszuweichen, sondern sie dort zu positionieren, wo es Ihnen nach Ihren Kräften möglich ist.
So können wir Schmerz, Leid und Ungerechtigkeit bestehen im Glauben an den Gott, der das Leben will und uns Frieden und Versöhnung schenkt – gerade in Zeiten der Dunkelheit.

Schauen Sie das ausgewählte Meditationsbild an.
Die Skulptur steht in unserem Kreuzgang zur Abteikirche.
Mich sprechen die SICH FESTKLAMMERNDEN HÄNDE sehr an. Ein Sinnbild: Ich lasse nicht vom Herrn! Ich lasse nicht von IHM, gerade nicht in Zeiten der Not und des Elends. Er, der Mann der Schmerzen schenkt Kraft und Stärke. ER verlässt uns nicht in der Not.

In betender Verbundenheit

+ Aloysius Althaus OSB

54 Darauf nahmen sie ihn fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohepriesters. Petrus folgte von Weitem. 55 Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen. 56 Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: Der war auch mit ihm zusammen. 57 Petrus aber leugnete es und sagte: Frau, ich kenne ihn nicht. 58 Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: Du gehörst auch zu ihnen. Petrus aber sagte: Nein, Mensch, ich nicht! 59 Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer. 60 Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. 61 Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
(Lk 22,54-62)

Ach, Petrus.
Wie oft geht es mir im Leben wie dir.
Ich stehe nicht zu dem, was mir wichtig ist.
Ich stehe nicht zu meinem Glauben, meiner Überzeugung.
Manches Mal stehe ich nicht einmal zu mir selbst.

Ist es Angst?
Ist es Unsicherheit?
Ist es Mutlosigkeit?

Würde mir dann doch auch jemand in die Augen blicken.
Nicht mit vorwurfsvollem, sondern mit liebendem Blick.
Mit einem Blick, der in mein Inneres schaut,
meine Liebe sieht und meine Tränen.

Oder würde doch wenigstens ein Hahn krähen,
der mich aufweckt …

P. Guido Hügen OSB

 

Lk 22, 47-53: Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich Jesus, um ihn zu küssen. 48Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss? 49Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? 50Und einer von ihnen schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. 51Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn.

52Jesus aber sprach zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels und den Ältesten, die zu ihm hergekommen waren: Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen? 53Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen, und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.

Mit einem Kuss wird ER verraten. Einem so grundlegenden, menschlichen Zeichen! Ganz zu Beginn unseres Lebens – werden wir begrüßt von unserer Mutter, unserem Vater – mit einem Kuss. Im Verliebtsein, sich Überschreiten auf den anderen hin – gebe ich einen Kuss! Und vielleicht werden wir auch wieder aus unserem Leben verabschiedet – mit einem Kuss von unseren Liebsten.  Zeichen tiefster Annahme, Geborgenheit. Und dann: Verrat, Zerbrechen der Beziehung. Wie mag sich Jesus in diesem Moment gefühlt haben? Was mag er gedacht haben? Wenn die, die ihm am nächsten stehen, die seine Sache bisher mitgetragen haben – ihn verraten, ausliefern, ja –  abschlachten! Völlige innere Einsamkeit, freier Fall… Er muss sich durchringen, durchbeten zu der Erfahrung – gehalten zu sein, trotz allem. Oder anders: er kann sie nicht machen, diese Erfahrung – sie wird ihm geschenkt. Aber – erst nach drei Tagen. Zuerst nur: Alleinsein, Einsamkeit, Dunkelheit, Depression. Er war in allem uns gleich! Denn: Auch ich werde immer wieder verraten, angelogen, bloßgestellt, aufs Kreuz gelegt…

P. Jonas Wiemann OSB

39 Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es gewohnt war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm. 40 Als er dort war, sagte er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet! 41 Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete: 42 Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. 43 Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. 44 Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte. 45 Nach dem Gebet stand er auf, ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend; denn sie waren vor Kummer erschöpft. 46 Da sagte er zu ihnen: Wie könnt ihr schlafen? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! (Lk 22,39-46)

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau befindet sich die „Todesangst-Christi-Kapelle“, die auf die Initiative des Münchner Weihbischofs Johannes Neuhäusler zurückgeht, der selbst vier Jahre in Dachau inhaftiert war. 1960 ist sie eingeweiht worden. Wo anders passt dieses Patrozinium besser als an diesem Ort, wo unzählige Menschen Tag für Tag Todesängste aushalten mussten angesichts der unvorstellbaren Barbarei des NS-Terrorregimes?

Auf unserem Passionsweg gehen wir heute mit Jesus auf den Ölberg, wo er unter Blut und Tränen betete, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe. Dieses Gebet ist nicht erhört worden – wie so viele Gebete der vielen KZ-Häftlinge nicht erhört worden sind. „Nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ Dieses Wort bleibt dunkel und rätselhaft angesichts von so viel ungerechtem Leid in der Welt. Kann das wirklich Gottes Wille sein? Fragen bleiben.

Wir dürfen all unser Fragen und Zweifeln, unsere Todesangst und unsere Tränen im Gebet vor den bringen, der all das selbst durchlitten hat. Und wenn wir wie die Jünger „vor Kummer erschöpft“ einschlafen, lassen wir uns behutsam von ihm wecken – er wird uns dafür sicher nicht verurteilen…

P. Maurus Runge OSB

31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. 32 Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du wieder umgekehrt bist, dann stärke deine Brüder! 33 Darauf sagte Petrus zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. 34 Jesus aber sagte: Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen. (Lk 22,31-34 – ganze Tageslesung: Lk 22,31-38)

„Na, ich kenne dich doch!“

Diesen Satz haben sicher viele von ihnen so oder ähnlich schon öfters gehört. Menschen sehen tief in uns und kennen uns manchmal besser als wir uns selbst.
Ich höre den Satz immer wieder von einem guten Freund, mit dem ich durch dick und dünn gegangen bin. Ich vertraue ihm, und er kennt meine Schwächen oder Ticks, und ich seine. Wir lachen viel gemeinsam. Meist über uns selbst, über unsere alltäglichen Missgeschicke, oder über die Absurditäten des Lebens. Wir können uns aber auch ganz ehrlich gegenseitig die Meinung sagen. Das geht dann auch fast immer gut aus, denn wir wissen um unsere Empfindlichkeiten. Wir kennen uns eben.
Wir alle haben Partner, Freunde, oder auch Vertraute, die uns besonders gut kennen, die tief in uns blicken können. Auch Fremde, die uns begegnen, können manchmal diese Gabe haben.
Wir alle haben die Fähigkeit, in das Herz, in die Seele eines anderen Menschen zu sehen.
Jesus sieht in die Seele seines Freundes. Er kennt ihn. Er macht ihm dabei nichts vor. Er nennt die Dinge beim Namen. Das ist nichts oberflächlich Nettes, was er ihm sagt, sondern klar und existenziell.
Würden Sie aber einem Freund vertrauen, der verspricht, in der Not nicht von Ihrer Seite zu weichen, und Sie dann doch im Stich lässt? Ich ehrlich gesagt bin mir da nicht so sicher. Da hört doch irgendwann die Freundschaft auf!
Hört die Freundschaft aber wirklich bei sowas auf?
Wir erwarten oft von jemandem etwas, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber das nicht einlösen kann. Oft ist der andere der Spiegel unseres Wunschdenkens, eine Projektionsfläche für unser Ego. Wie kann aber genau da dann Vertrauen wirklich entstehen, wenn wir einen Menschen nicht so annehmen, wie er ist? Wollen wir in den Seelengrund eines anderen sehen, muss unser Ego ganz still werden.
Petrus wird mit seinem Freund nicht ins Gefängnis gehen. Er wird Jesus verleugnen. Wir kennen die Geschichte. Es wird so kommen, wie es Jesus gesagt hat. Petrus wird bitterlich weinen, vielleicht um seine Schuld, vielleicht auch um das Schicksal seines Freundes, oder um seine Hilflosigkeit im entscheidenden Moment.
Und doch, Jesus vertraut ihm. Er erwartet nicht, dass Petrus mit ihm ins Gefängnis, in den Tod geht.
Er übergibt ihm die Schlüssel für alles.
Er hat im Abgrund etwas Besonderes gesehen.
Er kennt ihn, so wie er dich kennt.

Br. Balthasar Hartmann OSB

24 Es entstand unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen wohl der Größte sei. 25 Da sagte Jesus zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker und die Vollmacht über sie haben, lassen sich Wohltäter nennen. 26 Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Jüngste und der Führende soll werden wie der Dienende. 27 Denn wer ist größer: Der bei Tisch sitzt oder der bedient? Ist es nicht der, der bei Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie der, der bedient. 28 Ihr aber habt in meinen Prüfungen bei mir ausgeharrt. 29 Darum vermache ich euch das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat: 30 Ihr sollt in meinem Reich an meinem Tisch essen und trinken und ihr sollt auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. (Lk 22,24-30)

Die reduzierten Formen der Passionszeit wollen uns in eine größere Klarheit führen.

Vor allem in eine größere Klarheit auf unseren Glauben hin. In dieser Zeit dürfen wir unsere Nachfolge Jesu reflektieren und erneuern. Ein Wesensmerkmal der Nachfolge bildet das Dienen.

Im Bewusstsein einer wirklichen Alternative nehmen wir dabei Maß bei Jesus Christus, der uns heute zuruft: „Ich aber bin unter euch wir der, der bedient.“  Der Dienstcharakter unserer Nachfolge verdeutlicht uns, dass religiöses Bewusstsein und Vollzug primär eine Hingabe darstellen. Gott selbst gibt sich ja den Menschen hin. Der Dienst Gottes versteht sich vornehmlich als ein Dienst an den Menschen, die am Rande stehen, den Leidenden und den Armen. Das ist der leidenschaftliche Weg Jesu, der uns neu ermutigen will, ebenfalls vom falschen Herrschen ins Dienen zu kommen. Eine Kirche bleibt nur glaubwürdig, wenn sie dies beherzigt und falscher Macht- und Herrschsucht entsagt.

Br. Emmanuel Panchyrz OSB