Impuls zu Dan 3,1-30

Nebukadnezzar beabsichtigt, die Einheit seines Reiches dadurch zu festigen, dass er den Einwohnern, die ihm untergeben sind, vorschreibt, welches Gottesbild sie zu haben und zu verehren haben. Er möchte also die Menschen zur Einheit führen. Abgesehen davon, dass er es tut, um seine eigene Macht zu untermauern, ist das eigentlich ein hehres Ziel, aber eine echte Einheit kann es (in dieser Welt) faktisch (noch) nicht geben, zumal er dem Volk seine eigene Idee der Einheit aufzwingen möchte.

Er ist also äußerst intolerant gegenüber denen, die sich seiner Meinung nicht beugen und er möchte Vielfalt – Pluralismus – nicht akzeptieren. Alle, die nicht für ihn und seine Meinung stehen, sieht er als Feinde.

Schadrach, Meschach und Abed-Nego stehen vielmehr zu dem, an das sie glauben. Und sie vertreten ihre Überzeugung mit vollem Eifer, ganz unabhängig davon, ob Gott sie tatsächlich aus dem Feuer retten wird: Sie machen ihren Glauben nicht an einem Wunder fest, sondern an ihrer Überzeugung. So steht für sie die Treue zu Gott im Vordergrund. Denn sie sind im Glauben überzeugt, dass sie tatsächlich wissen, was Gott von ihnen verlangt, der ihnen selbst seine Gebote gegeben hat. Sie vertreten ihre Überzeugung so gut sie können.

Ihre Standhaftigkeit und der Wille Gottes bewirken schließlich, dass auch Nebukadnezzar die Wahrheit wenigstens ein Stück weit erkennt. Und zudem ist es Gott selbst, der entscheidet, was recht oder unrecht ist. Er gibt das Gelingen, wo es ihm gefällt!

Liebe*r Leser*in, ich sehe in dem Text vom heutigen Tag eine Einladung an uns, den Pluralismus auszuhalten, den es ja auch in unserer Kirche gibt. Das mag negativ klingen, so als ob ich einen negativen Blick auf den Pluralismus hätte, aber das meine ich gar nicht! Ganz im Gegenteil!

Dieses Aushalten von Spannungen, von unterschiedlichen Überzeugungen, ist in unserer heutigen Welt und in unserer heutigen kirchlichen Realität wichtiger denn je! Denn im Beispiel des Blicks auf die Kirche gilt: Wenngleich es ein kirchliches Lehramt gibt, gibt es doch viele Menschen, die sich heute nicht in allen Belangen mit diesem Lehramt und seinen Lehrmeinungen identifizieren können. Es wäre wohl falsch, so zu tun, als ob dies anders wäre, als ob bestimmte Menschen – diejenigen, die das Sagen haben – ganz genau wüssten, was Gott will, ohne dass sie dies vernünftig begründen könnten. Oft sind Sachverhalte ja gar nicht so klar! Dies gilt gerade dort, wo derzeit Spannungen bestehen! So hoffe ich, dass wir uns in Toleranz üben können, im Vertrauen darauf, dass Gott auch in unserer Zeit das Gelingen gibt, wo er es für richtig hält!

  • Wofür stehe ich innerkirchlich oder innergesellschaftlich?
  • Sehne ich mich auf eine Weise nach Einheit, die diese bereits im Diesseits zu verwirklichen beabsichtigt? Welcher Preis müsste dafür in Kauf genommen werden?

Br. Josef Ellendorff OSB