„Wo bist du?“ (Gen 3,9)

Gott stellt dem Menschen heute diese Frage. Sie führt im Verlauf des Mythos zu einer unglaublich traurigen Dramatik. Ein Blick in den Zusammenhang:
Der zweite Schöpfungsbericht (Gen 2,4-25) schildert die Erschaffung des Menschen und seines Lebensraums, sowie die Suche nach „Hilfe, die ihm ebenbürtig ist“(V. 18b). Vom Menschen aus entsteht schrittweise die Ordnung der Welt – Flüsse, die begrenzen, ein Garten, Namen, die allen Dingen gegeben werden. Es entsteht ein Netz, ein geordneter Raum. Alles hat seinen Platz. Erst das Essen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse stört dieses Gleichgewicht.
Die andere Seite des Rahmens der Lesung ist geprägt von entgegengesetzten Motiven: Statt Zentrierung nun Vertreibung, statt Bejahung in der Namensgebung nun Brudermord, statt gegenseitiger Hilfe nun Trennung in verfeindete Sippen.
In der Mitte unsere Frage: „Wo bist du?“. Obwohl sprachlich so einfach, hat sie doch eine große Tiefe. Vordergründig fragt Gott nach dem Aufenthaltsort, wie ein Freund. Andererseits schwingt mit, wo sich der Mensch verortet.

Der Mensch beantwortet beides:  Er hat sich versteckt. Hier ist der Ort.  Er war in Angst. Hier sieht er sich selbst.
Weil er durch das Essen der Frucht seine kindliche Unschuld verloren hat und sich selbst erkennt, nimmt er seine Nacktheit gegenüber Gott war. Er reagiert nicht mit Liebe Gott gegenüber, sondern versteckt sich aus Angst, weil das, was er an sich sieht, Gott nicht gefallen könnte. Das ist die Tendenz aller Menschen. Wir wollen uns verbergen, weil wir Angst haben, nicht so akzeptiert zu werden, wie wir sind. So entsteht die Entzweiung und der Argwohn in den folgenden Kapiteln der Genesis.

Ist der vorherige Zustand verloren?
Einen Ausweg kann uns das heutige Evangelium (Lk 1,26-38) bieten. Auch Maria fürchtet sich zu Beginn, aber sie versteckt sich nicht, sondern geht unbefangen auf den Engel zu. Sie macht sich Gedanken, stellt Fragen. Sie reagiert, wie eine, die es gelernt hat, selbstbewusst zu sein und zu sich selbst zu stehen. Hier steht wirklich eine Tochter Israels vor uns. Maria erfüllt den Bund in Hinwendung zu Gott. „Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun; und wir wollen es hören!“ (Ex 24,7b) ist die Antwort des Volkes auf das Angebot Gottes am Sinai. Man beachte die Reihenfolge: Erst tun und dann hören!
Wir können nicht alles direkt erfassen, sondern müssen  oft im Vertrauen handeln. Nicht aus Angst verstecken, sondern: Aufrecht, als Partner! Wir sind mündige Menschen. Maria lebt das, was ihr Volk im Bundesschluss wieder begonnen hat, den Kreislauf der Angst zu durchbrechen und aufrecht vor Gott zu stehen.

Möchte ich mich als Christ bei einem solchen Vorbild nicht diesem Bund Israels mit seinem Gott anschließen?

Br. Symeon Müller OSB