45 Als aber alles Volk zuhörte, sprach er zu seinen Jüngern: 46 Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern umhergehen und es lieben, sich auf dem Markt grüßen zu lassen und obenan in den Synagogen und beim Gastmahl zu sitzen; 47 sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.

(Lk 20,45-47 nach der Lutherübersetzung; gesamte Tageslesung: Lk 20,41-47)

„Sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete.“ Diesen Satz aus der heutigen Tageslesung in der Übersetzung von Martin Luther musste ich mehrmals lesen. Steht da wirklich, dass die Schriftgelehrten die Häuser der Witwen „fressen“? So sehr diese kraftvolle Übersetzung auch befremdlich ist, so sehr bringt sie mich zum Nachdenken – wie es Luther zweifelsohne auch beabsichtigt hat.

Ja, ist das nicht wirklich so? Dass Menschen in ihrer Raffgier den Besitz der Ärmsten im wahrsten Sinne des Wortes „auffressen“ und in ihrer Scheinheiligkeit dazu noch große Worte machen? Ich denke an den Kredithai, der die Menschen mit fadenscheinigen Angeboten über den Tisch zieht, bis nichts mehr von ihnen und ihrem Geld übrigbleibt. Ich denke an den Bischof, der den missbrauchenden Priester von Pfarrei zu Pfarrei versetzt hat und sich dann vor die Kameras stellt und etwas von Vergebung faselt.

Aber muss ich wirklich so weit gehen? Reicht es nicht, bei mir selbst zu bleiben? Ich bete jeden Tag meine Gebete – und beachte nicht den Menschen neben mir, der Not leidet. Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche – und bin insgeheim ganz froh, dass der Friedensgruß in Coronazeiten entfällt und ich so dem Nachbarn nicht die Hand reichen muss. Es gibt sicher noch viele solcher Situationen, wo ich „die Häuser der Witwen fresse“.

Mache ich mir heute wieder neu bewusst: Wer sich von Gottes Wort nährt, der braucht keine Häuser der Witwen zu fressen, denn er ist schon gesättigt.

P. Maurus Runge OSB