Nun geht dieses Jahr zu Ende. Für mich war es eine wirkliche Herausforderung und ist es immer noch. Ich musste in diesem Jahr lernen, dass sich das Leben nicht wirklich planen lässt. Auch ich habe immer wieder Vermutungen angestellt, wie und wann es mit der Pandemie zu Ende geht. Ich lag immer falsch. Ich habe gelernt, dass ich Termine machen kann, aber dass sich das Leben nicht planen lässt. Es liegt in Gottes Hand. Eigentlich müsste ich das als Mönch ja wissen. Aber die Erfahrungen der früheren Jahre hatten bei mir die Wirkung, dass sich Leben in geordneten Bahnen voraussagen lässt. Wenn die Verordnungen der Regierung Beachtung finden, werden wir diesen Jahreswechsel in Stille begehen. Für mich eine Chance, tatsächlich nach meiner Befindlichkeit zu schauen und zu schweigen.

Schweigen!

Mir ist aufgefallen, wie oft wir Menschen Dinge sagen, die wir gar nicht wissen können: „Das wird schon! Nächstes Jahr wird alles besser! Die Wirtschaft wird sich so entwickeln, und die Bevölkerung wird in diese oder jene Richtung tendieren.“ Ich weiß das alles nicht.

Und noch etwas ist mir aufgefallen beim Lesen mancher Predigten, auch von Bischöfen, die reden von Gott und wie er ist. Wie er uns Menschen sieht. Wie Gott über Lebensentscheidungen bzw. Lebensformen denkt. Ich weiß das alles nicht. Vielleicht trauen wir uns auch einmal zu sagen: „Ich weiß nicht, was Gott denkt, ich weiß nicht, was er sich dabei denkt.“ Er ist eben auch der Unverfügbare, nicht Erklärbare. Er ist eben auch Geheimnis.

Ich habe mir für das kommende Jahr vorgenommen, häufiger den Satz einzuüben: „Ich weiß es nicht.“ Ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber ich habe Hoffnung.

Br. Benjamin Altemeier OSB

In jener Zeit lebte eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Pénuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. (Lk 2,36-38)

Hanna, die treue Prophetin

Sie hatte in ihrem langen Leben sicher so einiges durchgemacht. Schon nach wenigen Ehejahren wurde sie Witwe, und das bedeutete für sie, schutzlos und benachteiligt zu sein. Sie war angewiesen auf fremde Hilfe, und bestimmt war ihr Leben geprägt von großer Not. Doch Hanna, die der Evangelist Lukas eine Prophetin mit 84 Jahren nennt, scheint aus ihrem Leben das Beste gemacht zu haben, denn sie strahlt trotz allem Schweren, das ihr Leben prägte, eine unerschütterliche Hoffnung aus. Nichts und niemand konnte sie von ihrem Gottvertrauen abbringen.

Es scheint fast so, als hätten die Schicksalsschläge in ihrem Leben sie eher noch näher hin zu Gott gebracht, denn der Evangelist berichtet, dass sie sich ständig im Tempel aufhielt und Tag und Nacht Gott diente mit Fasten und Beten. Bis ins hohe Alter hatte sie nicht aufgehört, an die Erlösung Jerusalems zu glauben, und ihre Sehnsucht wurde erfüllt, als Maria und Josef ihren Sohn zu Simeon in den Tempel brachten. Auch wenn es Simeon mit seinem Lobgesang des „Nunc dimittis“ bis ins Nachtgebet der Kirche geschafft hat, so nennt der Evangelist Lukas jedoch sie eine Prophetin, und Hanna könnte für uns nicht nur eine Prophetin, sondern ein Vorbild im Glauben sein. Denn wir können nicht nur von ihrer Hoffnung und ihrer Ausdauer im Auf und Ab des Lebens lernen, sondern auch von ihrer Frömmigkeit, ihrer Demut und ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen.

Auch wenn nicht überliefert ist, was Hanna genau sagte, so lässt uns der Evangelist doch wissen, dass sie im Tempel hinzutrat und Gott lobte und sie mit allen sprach, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Wäre das nicht auch eine Aufgabe für uns, von Weihnachten und der Geburt Jesu weiterzuerzählen und Gott zu loben und ihm zu danken, dass er uns seinen Sohn als Mensch und Erlöser geschenkt hat.

P. Cornelius Wanner OSB

Am heutigen 29. Dezember, meinem Namenstag, der traditionell auch der Gedenktag König Davids ist, möchte ich ein paar Gedanken zu meinem Namenspatron Jonathan teilen:

Jonathan ist der Sohn Sauls, des ersten Königs des Volkes Israel. Er ist somit auch der geborene Nachfolger, wodurch die Rivalität zu David, der von JHWH zum zweiten König Israels erwählt wird, vorprogrammiert scheint. Jonathan hätte jeden Grund gehabt, David zu verachten – ganz wie sein Vater Saul, an dessen Seite er schließlich auch im Kampf stirbt (vgl. 1 Sam 31,2). Doch „Jonathan liebte David wie sein eigenes Leben“ (1 Sam 18,2). So rational und logisch sich Jonathan auch stets im 1. Buch Samuel verhält – sei es zu Beginn in den Vorstößen gegen die Philister oder später bei den Versuchen, David auf seiner Flucht vor Saul zu helfen – die Liebe zu David ist der Punkt, an dem er irrational handelt, an dem er sogar auf seinen eigenen Thronanspruch verzichtet:

Eine Unvernunft um der Liebe willen.

Jonathan gerät zwischen die Fronten von David und Saul. Er bleibt seinem Vater treu, ohne David zu verraten; und er hält seine Liebe zu David, ohne Saul zu verlassen. Jonathan nimmt die Gestalt des idealen Vermittlers ein, dem es irgendwie gelingt, den Todfeind seines eigenen Vaters über alles zu lieben, ohne dessen Zorn auf sich zu laden. Wie durch ein Wunder schafft er es, in solch einer problematischen Situation selbst ganz unparteiisch zu bleiben und keine der beiden ihm so lieben Seiten gegeneinander auszuspielen oder im Stich zu lassen. Jonathan ist somit auch der Inbegriff der Treue und der Zuverlässigkeit, und er ist für mich das Sinnbild des Brückenbauers.

Dabei fällt mir besonders auf, wie Jonathan stets unauffällig und diskret in seinem Vorgehen bleibt. Nicht zuletzt durch seinen Verzicht auf die Thronfolge wird deutlich, dass Jonathan niemand ist, der große Anerkennung und viel Reichtum (was er leicht haben könnte) braucht.

Für mich hängt dies auf eine bestimmte Weise auch mit Weihnachten zusammen.

Angenommen, wir wären dazu angehalten, eine Menschwerdung Gottes zu inszenieren, wie hätten wir das Ganze vonstatten gehen lassen?
Das Naheliegendste wäre es doch, ihn in einem Palast zur Welt kommen zu lassen, wo er als Thronfolger und neuer Herrscher über seine ganze Schöpfung regieren könnte. Wieso ist der Messias eigentlich nicht als Königssohn zur Welt gekommen? Möglich wäre das Gott doch gewesen. Und wir hätten ihm doch bestimmt gerne gehorcht in dieser Position – schließlich wäre er ja Sohn Gottes!

Gott wurde Mensch in den für uns denkbar unwürdigsten Verhältnissen: Er wurde in einer kalten Winternacht in einem Stall geboren, weil seine Eltern keinen Platz in einer Herberge bekamen. Keine Mutter würde ihr Kind in eine Futterkrippe legen – doch Maria hatte keine andere Wahl. Kurz darauf muss die Familie nach Ägypten fliehen, um dem kindermordenden Herodes zu entkommen.
Und es kommt noch schlimmer: Das Leben Gottes auf Erden endet mit Geißelung und Folter. Jesus wird bespuckt, geschlagen, mit Dornen gekrönt, zur Schau gestellt und verlacht. Er endet am Kreuz, sein Leben mit der Todesstrafe.
Warum tut Gott seinem Sohn und sich selbst das an?

Der Grund ist die Liebe zu seiner Schöpfung.

Gott möchte mehr von uns als unseren Gehorsam, er wünscht sich – so wie im Grunde wir alle (und da ist unsere Ähnlichkeit zu Gott besonders spürbar) – die Erwiderung seiner Liebe.
Am Oktavtag gedachte die Kirche früher (und die evangelische Kirche noch heute) der Beschneidung Jesu: Die menschliche Seite Jesu, die gehorsam unter dem jüdischen Gesetz steht, gerät in den Mittelpunkt.
Doch blinder Gehorsam wäre Gott viel zu einfach. Er sehnt sich nach seiner in Sünde verirrten Schöpfung und möchte, dass auch wir uns nach ihm sehnen. Und er macht es uns eigentlich ziemlich leicht:
Ein schwaches, wehrloses Kind in einer Krippe – man müsste gänzlich in Dunkelheit versunken sein, um kein Mitgefühl, keine Liebe zu empfinden.

Wäre er ein königlicher Herrscher, hätten wir vielleicht (mehr oder weniger) Gottes Geboten eine Zeit lang gehorcht. Wir hätten ihn aber niemals lieben können.
Nun wird Gott nicht nur als schwaches Kind geboren, sondern verzichtet sogar auf jeden Herrschaftsanspruch. Obendrein gibt er sein Leben für uns, seine Freunde, und für unsere Sünden dahin.

Gott handelt irrational um der Liebe willen.

Den Kreis schließen möchte ich, indem ich auf einen weiteren Namen zu sprechen komme:
Vor zwei Tagen, am 27.12., war der Gedenktag des Evangelisten Johannes, der in diesem Jahr ausnahmsweise vom Sonntag der Weihnachtsoktav verdrängt wurde.
Johannes zeigt uns in seinem Evangelium ein Beispiel wirklich verstandener mystischer Liebe Gottes. Der an Jesu Brust ruhende „geliebte Jünger“, der keines apostolischen Amtes bedarf (vgl. Joh 21,20-22) erinnert mich an den an Davids Brust ruhenden Jonathan. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich die Namen so ähneln und dass sie so dicht zusammen ihr Gedenken feiern.

Br. Jonathan von Holst OSB

 

Vom 28.12.2020 bis zum 10.01.2021 finden die Eucharistiefeiern in der Abtei Königsmünster unter den geltenden Hygienebestimmungen als Präsenzgottesdienst statt.

Alle weiteren Stundengebete finden nicht als Präsenzgottesdienste statt; Sie können über den Audiolivestream teilnehmen.

Folgende Gottesdienste finden als Präsenzgottesdienste statt:

  • 28. – 30.12.2020: 17.45 Uhr Konventamt
  • 31.12.2020: 17.45 Uhr Jahresschlussvesper (keine Vorabendmesse!)
  • 1.1.2021: 17.45 Uhr Konventamt (keine Eucharistiefeier um 9.30 Uhr!)
  • 2.1.2021: keine Vorabendmesse
  • 3.1.2021: 9.30 Uhr Konventamt
  • 4.1. – 8.1.2021: 17.45 Uhr Konventamt
  • 9.1.2021: 17.30 Uhr Vorabendmesse
  • 10.01.2021: 10.30 (!) Uhr Konventamt

Am 3. und am 10. Januar 2021 werden uns die Sternsinger im Anschluss an das Konventamt auf dem Kirchplatz den Segen für das neue Jahr zusprechen.

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Die unschuldigen Martyrer haben nicht redend, sondern sterbend Gott verherrlicht“, so heißt es in der Liturgie des heutigen Tages.

Was bedeutet dieses Fest für mein Leben?

Eine Antwort könnte lauten: Auch mein Leben soll ein Lobhymnus an Gott, nicht durch das Wort, sondern durch die Tat sein.

In Psalm 103 lese ich: Preise den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht seine unendlichen Wohltaten.

Aber auch Schmerz und Trauer verbinde ich mit dem heutigen Festgeheimnis. Ich lade Sie ein, folgende Gedanken von Frère Roger auf sich wirken zu lassen:

Gott sieht der Qual der Menschen niemals unbewegt zu, er leidet mit den Unschuldigen, den Opfern unbegreiflicher Not, er leidet mit jedem.
Es gibt einen Schmerz Gottes, ein Leiden Christi. Im Evangelium macht sich Christus das unbegreifliche Leid Unschuldiger zu eigen, beweint den Tod der Menschen, die er liebt.
Ist Christus nicht auf die Erde gekommen, damit sich jeder Mensch geliebt weiß? Das Herz kann vor solcher Liebe schier ins Staunen geraten.

Tragen wir unsere persönliche Not und das Leid der Welt an das Herz dessen, der aus Liebe Mensch geworden ist.

In herzlicher Verbundenheit

Ihr

+ Aloysius Althaus OSB

von Br. Anno Schütte OSB

Die Kirche feiert heute das Fest der Heiligen Familie. Es soll die Familie als Keimzelle von Kirche und Gesellschaft wertschätzen und fördern. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung tiefgreifende Umbrüche in der Gesellschaft verursachte, wurde es eingeführt. Seitdem hat sich die Welt beschleunigt weiter verändert – besonders erkennbar in Wirtschaft, Technik und Wissenschaft. Familien gibt es weiterhin – auch sie haben sich entwickelt. Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, dass ständig Umbruch ist – oder sanfter ausgedrückt: steter Wandel. Die Corona-Pandemie macht das noch deutlicher.

Kann das Fest uns inspirieren, den Wandel zu gestalten, um mehr zu leben – vielleicht sogar um zu überleben?

Von Jesu Familie – der Heiligen Familie – hörten wir gerade. Ort des Geschehens ist ein doppeltes Zentrum: Jerusalem – politisch, der Tempel – religiös. Das kündigt Bedeutendes an. Höhepunkt ist die Fokussierung auf das Kind Jesus – mehr Aufmerksamkeit und Mittelpunkt in der Öffentlichkeit geht nicht! Diese Präsentation wirkt: Die außerfamiliären fremden Menschen Simeon und Hanna öffnen sich für eine Begegnung – sie werden die zentralen aktiven Figuren der Erzählung – Maria und Josef als Eltern bleiben in Nebenrollen eher passiv – fast treten sie sogar in den Hintergrund. Auch der ursprüngliche Reiseanlass – das vom jüdischen Gesetz vorgeschriebene Ritual im Tempel – bildet nur noch den Rahmen der Begegnung mit Simeon und Hanna. Direkt nach dem Besuch der Hirten platziert der Evangelist Lukas dieses Ereignis in seine Kindheitsgeschichte, um die öffentliche Wirkung des folgenden Lebens Jesu von Anfang an zu zeigen. Simeon und Hanna sind so die beiden ersten namentlich genannten Menschen, denen Jesus begegnet – dieser Auftritt gehört ihnen. Eindrucksvoll weitet sich die Heilige Familie – Jesus wirkt über seine Kernfamilie hinaus – schon als Kleinkind.

Simeon empfängt das Kind Jesus in seinen Armen: Berührende Nähe, fast Intimität strahlt von Jesus aus – auch: schon jetzt. Weissagend erfasst und verkündet Simeon, was das nach der Kindheit anschließende Leben, Sterben und Auferstehen Jesu bedeutet: Heil, Licht und Herrlichkeit. Diese Erkenntnis setzt er gleich um: Mit Jesus wird er ein Segnender – er gibt von der Gnade, die er empfangen hat. Der Segen soll stärken, denn Simeon prophezeit Maria: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, …“ Das Leben dieses Menschen hat Konsequenzen – es wird nicht harmlos sein. Ein Hinweis auf die finale Katastrophe der Hinrichtung am Kreuz fehlt nicht: „… und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“

Simeon spürt, dass Gott als Kind – schwach und ohnmächtig – in diese Welt gekommen ist und sich ihr am Kreuz letztendlich ganz hingibt. Deshalb ist er schon jetzt in seinem Leben gegenwärtig – so konkret wie das Kind in seinem Arm. Die äußere Szenerie offenbart eine existentielle Wahrheit: Simeon und – ihm gleich Hanna – erfahren ihre eigene göttliche Kindschaft, die Gott mit diesem Jesus endgültig und unzerstörbar schenkt. Ihr langes Leben verlief nicht ohne Brüche und ihre Präsenz im Tempel verweist auch auf ihre innere Not. Hat die Lebenswirklichkeit sie für diese Begegnung vorbereitet – geöffnet? Von diesem armen und ohnmächtigen Kind lassen sie sich beschenken und nehmen die heilende Gegenwart Gottes als eine eigene innere personale Geburt wahr. Wenn Gott selbst sich in dieser Weise als Gabe für die ganze Welt offenbart, dann ist auch ihr Leben gutgeheißen, in Liebe geborgen, geheiligt und erleuchtet. Simeon und Hanna wandeln sich – als längst Erwachsene – zu Kindern Gottes. Ihre Antwort darauf kann nur der Lobpreis sein – am Ende ihres Lebens bricht der Jubel durch. Er ist äußeres Zeugnis ihres Aufbruchs in ein erlöstes Leben mit und in Gott – schon jetzt und durch den nahenden Tod hindurch. — Und Maria und Josef? Man hat den Eindruck, den jungen Eltern ist das alles ein bisschen viel: Die geheimnisvolle Schwangerschaft, die herausfordernde Geburt im Stall, der überraschende Besuch der Hirten und jetzt Simeon und Hanna – ihnen bleibt das Staunen.

Schon das eine frohe Botschaft zum Fest der Heiligen Familie.

Von der erfahren wir später noch einmal. Weil sie Mühe hat, zu Jesus zu gelangen, macht sie ihm den Vorwurf, dass seine Jüngerschaft ihm mehr bedeute. Jesu Antwort: Entgrenzung! Er weitet den Rahmen der Familie über die biologisch bestimmte Zugehörigkeit hinaus. Zu seiner Familie gehören alle, die den Willen Gottes suchen und erfüllen. Diese Zugehörigkeit wurzelt in existentieller gemeinsamer Gotteskindschaft. In Jesus, seinem Leben und seiner Botschaft, verkörpert sich der Wille Gottes als allumfassendes Angebot. Überängstliche verkürzen es zu einer ausgrenzend zerstörenden Doktrin. Die anderen suchen im allfältigen Angebot und wählen daraus – einzeln und gemeinsam – frei und verantwortlich – mitunter im fairen gewaltfreien Streit, denn manche Lösung wird nur durch ihn geboren. Diese Würde – manchmal auch Bürde – verbindet uns zu einer globalen heiligen Familie.

Sie kann die Aufgaben einer Welt im Wandel lösen – in froher Gelassenheit und mutigem Engagement. Das ist eine ziemlich aktuelle Botschaft – an Weihnachten und weit darüber hinaus.

Am Fest der heiligen  Familie stehen heute zwei  Gestalten der heiligen Schrift im Mittelpunkt, nämlich Hanna und Simeon. Explizit wird auf das Alter der beiden Gestalten hingewiesen. Das Alter spielt im biblischen Kontext eine große Rolle. So wird auch  Abraham  als alter Mann beschrieben.  Das bedeutet für mich, dass Gott die älteren Menschen beruft,  Zeugnis abzulegen. In ihnen verdichtet sich die Lebenserfahrung,  und daraus kann sich die Weisheit, die häufig aus älteren Menschen spricht, speisen.  Daher bin ich dankbar, in einer Gemeinschaft zu leben, wo der ältere Bruder  seinen festen Platz hat. Ich kann dann miterleben, was wirklich wichtig ist im Leben. Ich darf wahrnehmen, was wirklich nährt und was wirklich bleibt. Für mich hat das Alter eine ganz eigene Würde. Diese Würde ist unabhängig von der Leistungsfähigkeit des Menschen. Vielmehr ist es das Hinweisen auf das Wesentliche. Die Sehnsucht auf das Wesentliche wachhalten. Für Hanna und Simeon ist dies das Kommen des Messias. Die Sehnsucht nach einer Verheißung wachhalten, die über das Hier und Jetzt hinausgeht. Im Stundengebet hat die Aussage des Simeon ihren festen Platz: „Nun lässt Du, o Herr, mich in Frieden scheiden, denn ich habe das Heil gesehen, dass Du allen Völkern bereitet hast.“

Wenn ich glaube, dass das Heil schon gekommen ist und ich am  Ende in dieses Heil eingehe, dann kann ich in Frieden leben – jetzt in dieser Gegenwart.

Das Fest der heiligen Familie wurde häufig als Erziehungsmodell für Kinder genutzt. Auch als Projektionsfläche, um einem  Familienideal zu huldigen, das es nie gegeben hat. Aber das Fest ermutigt, Kontakt zu unseren älteren Mitmenschen zu suchen. Nicht um ihnen einen Gefallen zu tun, sondern um an ihrer Lebenserfahrung und Weisheit teilzuhaben.

Br. Benjamin Altemeier OSB

 

„Siehe, ich sehe …“ (Apg 7,56)

Das kennen Sie bestimmt auch: „Heute feiern wir den ersten Blutzeugen für Jesus!“ „Der Priester trägt heute rot, wie Blut!“ Das sind Klassiker für Predigten am heutigen Tag, dem Fest des heiligen Stephanus. Irgendwie ist es „alle Jahre wieder“ das Gleiche. Spätestens heute scheint es vorbei mit der wohligen Weihnachtsstimmung in der Kirche. Gibt es keinen Bezug auf das Weihnachtsfest, das wir doch alle immer noch feiern wollen? Muss man automatisch einen gedanklichen salto mortale hinlegen, um diesen Spalt zu überbrücken?

Schauen wir uns die Evangelien der Christmette (Lk 2,1-14) und des Weihnachtstages (Joh 1,1-18), sowie die heutige Lesung (Apg 6,8-10.7,54-60) an. Es gibt ein Wort, dass in allen drei Texten identisch ist: doxa. Übersetzt wird es mit „Ehre“ und „Herrlichkeit“.

  • In der Christmette: Hier wird das ärmliche, dunkle Szenario der Geburt Jesu durchbrochen von einem Engel, der vor Hirten spricht. Fern der Heimat geboren – das widerspricht dem majestätischen Bild der Stadt des Königs David. Das kleine Kind widerspricht dem großen Bild des Retters. Die große Freude widerspricht dem heruntergekommen Stall und dem Stroh der Krippe. Krasser könnten die Gegensätze nicht sein. Und doch: die Herrlichkeit (doxa) des Herrn leuchtet und „Ehre (doxa) Gott in der Höhe“
  • Am Weihnachtstag: Mitten im schwer verständlichen Johannesprolog fällt der Satz „ und wir haben seine Herrlichkeit (doxa) gesehen, die Herrlichkeit (doxa) als des eingeborenen Sohnes vom Vater.“ (Joh 1,14) Theologische Gedanken und Höhenflüge werden durchbrochen vom Sehen. Etwas ganz Realem. Wir sehen Gottes Herrlichkeit durch Jesus, der geboren wurde, hindurch schimmern!
  • In der heutigen Lesung: Stephanus bei seinem Prozess schaut in den Himmel und sieht „die Herrlichkeit (doxa) Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen.“ (Apg 7,55).

Dreimal das gleiche Wort. Die Herrlichkeit Gottes. Sie ist im Sprachgebrauch des Alten Testaments gleichbedeutend mit Gott selbst. Wenn Mose Gottes Herrlichkeit sehen will, will er Gott sehen! (vgl. Ex 33,18 ff)

Was ist sonst noch allen gemeinsam? Hier bricht etwas in die menschliche Realität ein. Gott erscheint! Nicht mehr im Tempel, wo sonst immer die Herrlichkeit Gottes zu sehen ist. Er ist zu sehen auf dem Feld bei den Hirten, nicht bei den Führern. Er ist zu sehen im Fleisch eines Menschen, nicht mehr im abstrakten Gedenken! Er ist zu sehen im Augenblick des ungerechten Todesurteils, nicht bloß beim Lobpreis, der ihn rühmt! Und das Bindeglied zwischen allen drei Erscheinungsformen ist Jesus. Als Baby, von dem die Welt sich noch nichts erwartet. Als Mensch, den die Menschen nicht verstehen. Als der, den Gott an seine Rechte gestellt hat. Alle Extreme sind umfasst: Der Anfang des Lebens und sein Ende. Das Sich-Umstrahlen-Lassen und das Nicht-Erkennen. Die Realität dieser Welt und die Hoffnung auf den Himmel, den Stephanus offen sieht.

Könnten uns diese Texte nicht folgendes sagen wollen? All dies ist Weihnachten. Nicht bloß Jesu Geburt, die wir feiern, und die wohlig klassische Feier daheim, sondern auch das, was an den Rändern geschieht, in den Ausnahmesituationen.

Vielleicht feiern Sie Weihnachten allein. Vielleicht sind sie wegen der Pandemie von ihren Lieben getrennt. Vielleicht sind Sie erkrankt oder jemand, der Ihnen am Herzen liegt. Vielleicht leiden Sie unter dem Verlust eines geliebten Menschen. Können diese Texte Ihnen einen Trost schenken? Für mich sprechen die Texte diese Botschaft: Gott will uns seine Nähe in allen Lebenslagen schenken und bei uns sein. Er will uns nicht verlassen. Einen kleinen Lichtstrahl dieser Erfahrung wünsche ich Ihnen von Herzen an diesem außergewöhnlichen Weihnachtsfest, dass Sie auch den Himmel offen sehen und vielleicht neu mit einstimmen können in den Gesang der Engel: „Ehre Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen!“

Frohe und gesegnete Weihnachten!

Ihr
Br. Symeon Müller OSB

von P. Julian M. Schaumlöffel OSB

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Ende November zeigte die ARD das verfilmte Kammerspiel „GOTT“ von Ferdinand von Schirach. Einige von ihnen werden die Diskussion des fiktiven Ethikrates verfolgt haben. Es ging um die Frage „Wem gehört unser Leben?“, also letztlich um die Frage der Würde des Menschen.

Bereits vier Jahre zuvor wurde die Verfilmung „Terror – ihr Urteil“ des gleichen Autors gezeigt und hat mit der Frage, ob man wenige Menschen opfern darf, um viele zu retten, ebenso zum Nachdenken angeregt. Mehrmals habe ich diesen Film in der Oberstufe gezeigt und interessante Diskussionen mit und zwischen unseren Schülerinnen und Schülern entfachen können. Auch in diesem Stück rückt die Frage der Menschenwürde in den Mittelpunkt. Für mich als Juristen ist die eindrücklichste und rhetorisch wie inhaltlich beste Szene das Plädoyer der Staatsanwältin, wenn sie bekennt: „Wir brauchen etwas Verlässliches, etwas, woran wir uns immer halten können, etwas, das uns Klarheit im Chaos verschafft. Wir brauchen Prinzipien! Und diese Prinzipien haben wir in unserer Verfassung. Unsere Verfassung ist eine Sammlung von Prinzipien und sie hat ein oberstes Prinzip: Das ist die Würde des Menschen. Das Grundgesetz beginnt mit dem Satz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und dieser Satz steht nicht zufällig am Anfang, er ist seine wichtigste Aussage. […] Der Mensch ist zu jedem Zeitpunkt Subjekt dieser Würde und er darf niemals zu deren bloßem Objekt werden.“

Warum nun wurde die Menschenwürde vor gut 70 Jahren als alles überragendes Grundprinzip ausgerufen? Vermutlich, weil die unantastbare Würde angetastet worden war! Weil erlebt worden war, wie im Nationalsozialismus unzählige Menschen ihrer Würde beraubt wurden. Menschenwürde: Unantastbar – und doch bis heute immer wieder angetastet.

Obwohl eine „Menschenwürde“ sich aus keinem Gesetz herleiten lässt und somit aus staatlicher Sicht eine reine Idee ist, gilt sie zum Glück in vielen Ländern der Erde als oberstes Prinzip von Verfassungen. Es gibt verschiedene Versuche – politische und philosophische – sie innerweltlich zu deuten und zu erklären. Die vielleicht älteste Begründung steht im Tagesgebet vom heutigen Weihnachtstag. Dort heißt es:

„Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt.“ Der Mensch ist also wunderbar geschaffen. In der Genesis heißt es zu Beginn: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ Größer geht es doch wohl nicht. Der Mensch ist gottähnlich. An Weihnachten feiern wir nun genau die umgekehrte Angleichung: Gott wird menschähnlich, ja, mehr noch: Gott wird Mensch. Und genau hier erhält der Mensch eine Würde, die unantastbar, die heilig ist.

Wenn wir die Weihnachtsgeschichte, die Lebensgeschichte unseres menschgewordenen Gottes unter dieser Überschrift lesen, wird uns schnell auffallen, dass sie eine einzige Verkettung von Menschenrechtsverletzungen ist. Gott erleidet, was auch heute, was auch am heutigen Weihnachtsmorgen Menschen ertragen müssen: Geburt unter politischer Fremdherrschaft, Flucht, Vertreibung, Verleumdung, menschenunwürdige Folter und Todesstrafe.

Selbst im Johannesprolog, den wir eben hörten, klingt der Rechtsbruch an: „Er kam in sein Eigentum, aber die seinen nahmen ihn nicht auf.“

Jesus von Nazareth ist das Ebenbild all der Menschen, deren Würde angetastet wurde und bis heute angetastet wird. In Jesus Christus identifiziert sich Gott so sehr mit dem Menschen, dass er sich als neugeborenes Kind schutzlos ausliefert, sich berührbar und angreifbar macht und – wer es fassen kann, der fasse es – gerade dadurch die Würde des Menschen wiederherstellt. Das erklärt, warum die heutige Oration es als das Weihnachtsgeheimnis formuliert: „… du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt.“

 

Ein weiterer Gedanke. Schauen wir noch einmal auf den Johannesprolog. Wie die Ouvertüre zu einer großen Oper jede Melodie, jede Stimmung, ja, die gesamte Dramaturgie schon anklingen lässt, so ist auch die Ouvertüre bei Johannes, der Prolog, ein Schlüssel zum Ganzen des Evangeliums. Ein hochreflektierter und inhaltsschwerer Text. Gleich zu Beginn aber wird das Wesentliche gesagt: Jesus, Gottes menschgewordenes Wort, ist Offenbarer des Vaters. In immer neuen Wendungen wird diese Glaubensüberzeugung beleuchtet und erzählt. Der präexistente Logos wurde ein Mensch. Aus der Prae-Existenz als „Wort“ bei Gott ist er herausgetreten, „vom Himmel herabgestiegen“ und als Gesandter in die Welt gekommen. Oder wie wir es hörten: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“. Um Erleuchtung durch das von Gott in die Welt gesandte, fleischgewordene Wort geht es also.  Der Hebräerbrief bekannte in der heutigen Lesung Gottes Sohn als den „Abglanz seiner Herrlichkeit“. Jesus Christus das wahre, erleuchtende, alles erhellende Licht. Licht hat zugleich immer mit Hoffnung und Zuversicht zu tun. Unzählige Menschen – und ich kann sie tatsächlich nicht zählen – haben mir in den vergangenen Wochen mündlich oder über die Kommunikationsplattformen gesagt, wie sehr sie sich über die schöne Beleuchtung unserer Abteikirche freuen. Der Blick auf den Klosterberg, das warme Licht, macht ihnen Hoffnung in dieser dunklen und oft einsamen Zeit der Pandemie. Licht der Hoffnung. Wir haben es an den Adventssonntagen zum Glockengeläut in unseren Fenstern aufgestellt und wollen es auch heute Abend zum weihnachtlichen Stadtgeläut um halb acht noch einmal tun. Wer Licht sieht – denken Sie an ein fernes, aus einem Fenster scheinendes Licht in kalter, vielleicht schneebedeckter Winterlandschaft – sieht nicht nur den Schein seiner Quelle, sondern kann innerlich sogar schon die Wärme empfinden, die es verströmt. Ein Hoffnungslicht. Jesus Christus aber ist weit mehr als ein Hoffnungslicht, weit mehr als eine Kerze, die wir aufstellen oder ein Gebäude, das wir illuminieren. In ihm ist die Hoffnung bereits erfüllt, denn ER ist der Abglanz des Vaters. ER ist das wahre, alles erleuchtende Licht. Und dieses Licht verändert alles oder in Abwandlung eines Sprichwortes: Seine Gegenwart wird alles ans Licht bringen. Das wahre Licht ist also das Licht der Wahrhaftigkeit, der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. In seinem Licht, wird alles erleuchtet, muss jedes Dunkel, jede Sünde und Gottesferne weichen, wird jede Ungerechtigkeit aufgedeckt, weil sie von ihm überführt und in die Wahrhaftigkeit geführt wird.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

der heilige Franz von Assisi hat nicht nur die erste Krippenfeier inszeniert, sondern auch über das Weihnachtsgeheimnis meditiert und schreibt staunend:

„Beachte, o Mensch, in welch erhabene Würde Gott der Herr dich eingesetzt hat, da er dich dem Leibe nach zum Bild seines geliebten Sohnes und dem Geiste nach zu seiner Ähnlichkeit erschaffen und gestaltet hat.“

Die Würde des Menschen und das menschgewordene Wort, das alles ans Licht bringt – diese beiden Aspekte biete ich ihnen als Festgeheimnis an.

Oder anders gesagt und im weihnachtlich vertrauten Bild gesprochen:

Die Menschenwürde ist die Krippe –
die alles ans Licht bringende Wahrhaftigkeit das Kind darin…

von Abt Aloysius Althaus OSB

Schwestern und Brüder im Glauben,

Wie sehr hat sich unser Leben nun schon über Monate verändert! Homeoffice, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, die Kinder wochenlang zu Hause betreuen, bittere Einsamkeit in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, dazu Abstand, Hygienevorschriften, Mund und Nasenschutz, und und und…

Es gibt niemanden, dessen Leben von den Auswirkungen der Pandemie nicht verändert worden wäre in diesem Jahr. So unterschiedlich die Auswirkungen waren und sind, für uns alle heißt das: vertraute Gewohnheiten aufgeben, neue Wege ausprobieren, Distanz halten, Ungewissheit ertragen lernen. Und nun feiern wir Weihnachten am Ende dieses so ganz anderen Jahres 2020.

ABER

Erinnern wir uns, Jesus ist auch mitten im Chaos zur Welt gekommen. Für Maria und Josef war alles Vertraute, alle Sicherheit, alle menschliche Nähe weggefallen. Mitten in der Nacht, in Kälte und Einsamkeit ist Jesus zur Welt gekommen.

ALSO

Beinhaltet sich doch auch für uns heute eine Chance in der Feier der Geburt des Gotteskindes!

Viele große Dinge beginnen ganz klein. –

genau das feiern wir heute Nacht: Den kleinen Anfang einer großen Liebe.

Ein Kind wird geboren, ärmlich, am Rande einer unbedeutenden Stadt…

Der kleine Anfang eines Lebens, so klein, wie unsere menschlichen Dinge ihren Anfang nehmen: Genauso klein haben auch wir unser Leben einst begonnen.

Klein jeder Anfang von Freundschaft und Liebe, klein der erste Funke von Hoffnung in schweren Zeiten. Klein der erste Schritt zu Versöhnung und Frieden nach langem Streit.

Anfänge sind zerbrechlich, bedroht wie dieses kleine Kind in der Krippe im Stall zu Betlehem.

Und genau das ist die Botschaft der Weihnacht: Gott fängt seine Geschichte mit uns Menschen an: klein, zerbrechlich, unauffällig, und vor allem: zutiefst menschlich. Gott wird Kind!

Indem sich das Kind in der Krippe von Anfang an auf Ungewissheit, Unsicherheit und Verletzlichkeit einlässt, weist es auf eine Alternative im Umgang mit Verletzlichkeit. Mit dieser Art und Weise, wie die Menschwerdung Jesu beginnt, antwortet Gott auf die Wunden der Welt, nicht indem er sich unverwundbar macht, sondern indem er das Wagnis eingeht, verwundbar zu werden. Bereits die Menschwerdung in Jesus ist ein Akt der Selbsthingabe Gottes, in der sich Gott selbst schutzbedürftig und absolut solidarisch mit den Kleinsten zeigt.

In der Hingabe steckt Lebenskraft.

Wir feiern Heilige Nacht und jede und jeder von uns sollte sich fragen: Was verbinde ich damit?

Ein frommes Spiel der Liturgie? Kerzenschein und Krippenidylle?

Oder bringe ich den Mut auf, mich den Nachtseiten und Tiefen meines Lebens zu stellen? IHM die „Ställe“ meiner Armseligkeit und Müdigkeit, der Resignation und Enttäuschung zu öffnen?

Denn gerade in sie hinein ist ER geboren! Er ist in den Abgründen, in den Finsternissen bei uns, heißt es in der Schrift: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.

Schwestern und Brüder,

es gibt keine Nacht, die ER nicht kennt, keinen Abgrund, der IHM nicht vertraut ist. Am Anfang der Stall – am Schluss der Galgen.

In dieser Nacht hat es begonnen, ganz klein und zugleich kraftvoll. Er, der menschgewordene Gottessohn sagt: ICH BIN DA! ICH BIN BEI DIR! ICH BIN DEIN LEBEN!

Kann Gott näher an unsere Seite treten und den Menschen annehmen, kann ER ein deutlicheres JA sagen zu jedem von uns als ER es getan hat in dieser Nacht, der Weihnacht, in dem Kind von Bethlehem?

Karl Rahner bekennt: …sein letztes, tiefstes und schönstes Wort hat Gott gesprochen, das Wort, das er nie mehr rückgängig machen kann, weil es Fleisch geworden ist in Jesus…

Zu dieser Weihnachtsbotschaft gehört aber noch ein Zweites: Weihnachten braucht Menschen, die Gottes Anfängen trauen.

Natürlich: Das Risiko bleibt. Nicht jeder Anfang gelingt. Nicht jede Hoffnung findet Erfüllung. Manche ausgestreckte Hand wird zurückgewiesen. Und wer weiß, ob das verliebte Ehepaar seinen Weg wirklich bis zum Ende gemeinsam gehen kann? Ob der junge Mönch seinem Professversprechen treu bleibt?

Gott lässt sich nicht festlegen. Und er lässt die Menschen ihren Weg gehen.

Ja: Ein Risiko bleibt, trotz Weihnachten, und deshalb braucht es Menschen. Menschen, die diesen Glauben miteinander teilen und einander ermutigen. Braucht es Menschen wie Maria und Josef, die einem Traum gefolgt sind und einem Gott, der sie ganz andere Wege geführt hat. Denen wir trauen dürfen, wenn sie uns sagen: FANG AN, brich auf, es lohnt sich!

Es braucht Menschen wie die Hirten damals, die einander zurufen: Lasst uns nach Betlehem gehen! Kommt, wir wollen Gottes Wort und Gottes Anfang trauen. Und die so die Verzagten und Erschöpften mitnehmen, die Mut machen zum Aufstehen, zum ersten Schritt.

Es braucht Menschen, die heute Weihnachten feiern, die sich berühren lassen durch dieses Kind. Die deshalb morgen wagen, den Anfängen in ihrem Leben zu trauen. Und dann die Botschaft weitertragen: Es lohnt sich.

Schwestern und Brüder,

Beten wir DEN an, der in dieser Heiligen Nacht in unsere Welt, in unser Leben gekommen ist. Bekennen wir mit dankbarem Herzen unseren Glauben: Für uns und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen.

Vergessen wir nicht – angesichts der Liebe Gottes – selber die Liebe zu üben und  – angesichts des unendlichen Erbarmens Gottes – selber gütig und barmherzig zu sein. Liebe will Gegenliebe. Liebe will Antwort.

Die Alltagsform der Liebe ist die Geduld, die Höchstform das Verzeihen.

Ich wünsche uns allen, dass uns, in dieser Heiligen Nacht, die Erkenntnis aufleuchtet: Heute öffnet sich auch für mich ein wenig der Himmel, weil Gott mir ganz nahe ist, weil seine Gegenwart wie ein Lichtstrahl sogar in die dunklen Winkel meines Herzens hineinleuchtet.

Trauen wir auch mit mancher Träne in den Augen den kleinen Anfängen, denn in der Krippe beginnt neues Leben – ein Neuanfang. Amen.