1 Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Wen sollte ich fürchten?
Der HERR schützt mein Leben: Vor wem sollte ich bangen?
(…)
4 Eines erbat ich vom HERRN, danach verlangt mich: im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens, die Freundlichkeit des HERRN zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel.
5 Er birgt mich unter seinem Dach am Tag des Unheils, er beschirmt mich im Schutz seines Zeltes, er hebt mich empor auf den Felsen.
(…)
7 Höre, o HERR, den Ruf meiner Stimme, sei mir gnädig und gib mir Antwort!
8 Mein Herz denkt an dein Wort: „Suchet mein Antlitz! Dein Antlitz, o HERR, will ich suchen.
9 Verbirg mir nicht dein Antlitz, weise deinen Knecht nicht im Zorne zurück, du hast mir doch immer geholfen. Verstoß mich nicht, verlass mich nicht, du Gott meines Heiles.
(…)
13 Ich aber glaube fest: Die Güte des HERRN werde ich schauen im Land der Lebenden.
14 Harre auf den HERRN und sei stark, fasse Mut und harre des HERRN.

(Psalm 27 – Übersetzung: Münsterschwarzacher Psalter)

Schaut hin – so lautet das Motto des 3. Ökumenischen Kirchentages, der derzeit digital und dezentral stattfindet. Schaut hin. Schaut genau hin, hinterfragt, nehmt wahr! Aufforderung nicht nur in Zeiten von Fake-News und Populismus. Aufforderung zur Achtsamkeit und zur Wertschätzung.

Der Blick in die Bibelstelle des Mottos, Mk 6,38, zeigt noch eine weitere Perspektive. Angesichts der hungrigen Menschen fordert Jesus die Jünger auf nachzuschauen, was sie denn noch zu essen haben. Der Blick auf das Kleine, auf das ganz Eigene ist gefragt. Was sehe ich denn bei und in mir – das ich teilen, mit-teilen, weitergeben kann. Brot, Glauben, Hoffnung. Das wenige reicht.

Der Psalm 27, der heutige Text der Bibellesung, dringt noch tiefer. „Sucht mein Angesicht!“ (Ps 27,8) Schaut auf mich – und lasst euch von mir anschauen. Bei mir findet ihr Kraft, Geborgenheit, Hilfe, Leben.
Als wir uns 1984 diesen Psalmvers für unsere Zeitliche Profess auswählten, mahnte uns damals Pater Michael mit dem Wort an Moses: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ (Ex 33,20)

Mit Jesus hat sich das grundlegend geändert. Gott wird Mensch und nimmt das Gesicht, den Körper eines Menschen an. Von Angesicht zu Angesicht schaut er dem Menschen in die Augen und ins Herz.

Lasse ich mich anschauen?
Halte ich dem Blick stand?
Schaue ich selber hin?
Was entdecke ich im Blick Gottes?

Harre auf den HERRN und sei stark, fasse Mut und harre des HERRN.

P. Guido Hügen OSB

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht, verschaff dem Bedürftigen und Armen Recht. (Spr 31,8-9 – ganze Lesung: Spr 31,1-9)

Immer wieder gibt es die Diskussion, ob Religion Privatsache sei. Oder: Muss Religion politisch sein? Wenn wir den Abschnitt aus dem Buch der Sprichwörter ernst nehmen, stellt sich diese Frage nicht. Religion – und speziell auch das Christentum –  hat anwaltliche Funktion. Sie muss auf Missstände hinweisen und sich einmischen. Überall wo Unrecht herrscht und Unterdrückung geschieht, wird dem Reich Gottes Gewalt angetan. Da ist Kirche gefordert. Aber nicht nur die Kirche als Institution, sondern ein jeglicher Christ. Dort wo wir Unrecht wahrnehmen, dürfen wir nicht schweigen. Da wo wir Unrecht wahrnehmen, dürfen wir nicht warten. Warten auf das, was andere denken, warten, bis es eine offizielle Mitteilung gibt. Ich wünsche mir Christen und ich wünsche es mir bei mir selbst, dass wir uns einmischen, da wo Unrecht geschieht. Dass wir die Angst überwinden. Ziel für uns Christen ist es, MitarbeiterInnen der Gerechtigkeit zu sein.

Br. Benjamin Altemeier OSB

Das Staunen über Gott und die Menschen als sein Ebenbild – Spr 30,1-6 weitergedacht.

Wie gerne würden wir uns Gott* erklären. Es gibt – in der Geschichte und auch in der Gegenwart – genug Versuche, Ansätze und propagierte Wahrheiten: „So und so ist er…“

Ganz bewusst, wenn auch sehr provokativ, habe ich nach Gott* das Gendersternchen gesetzt. Sehr oft kommt ja das berühmte Bild des Alten mit grauem Bart. Ist das so? Kann ich Gott* so fassen und einzwängen?
Meine ganz persönliche Glaubensantwort: Nein.

Ausdruck eines Bewusstseins dieser Offenheit soll auf sprachlicher Ebene das Gendersternchen im Bezug auf Menschen sein. Schauen wir doch einmal unseren Mitmenschen an: Kann ich sagen, der ist so und so? Oder: Der ist Mann, Frau, Divers? Oder: So und so denkt der Mitmensch? Spätestens seit über das Gendern diskutiert wird, sollte klar werden, dass eine klare, einfache, eindeutige Einteilung eben nicht machbar ist. Das gilt sowohl, weil wir noch nicht ganz verstehen, wie der Mensch ist. Es gibt zu viele Rätsel, und die Wahrheit ist nicht einfach schwarz-weiß. Wenn ich auf den Mitmenschen unvoreingenommen zugehen möchte, ist und bleibt er mir ein Fremder, eine Andere, wie der Philosoph Lévinas es gesagt hat. Es ist ein Ausdruck des Respekts dem Anderen gegenüber, wenn ich ihn nicht direkt in Schubladen sortiere, sondern versuche, diesen Menschen zu verstehen. Mit einem wachen Blick, mit einem liebenden Herzen kann ich mein Gegenüber immer wieder neu entdecken, ohne dass diese Fremdheit ganz verschwinden wird. Ich kann meinem Gegenüber den Raum geben zum Selbstausdruck.

Im heutigen Tagesabschnitt (Spr 30,1-19) lesen wir die Worte Agurs, der versucht Gott* zu erfassen und es dann aufgibt. „Weisheit hab ich nicht gelernt, und Erkenntnis des Heiligen habe ich nicht.“ (Spr 30,3) Ein Erfassen und Durchdringen Gottes* gibt es nicht. „Wer ist hinaufgefahren zum Himmel und wieder herab?“ (V. 4) Bei Gott* bleibt eine Fremdheit bestehen, selbst in seinem Wort, das als Schlüssel gilt. „Tu nichts zu seinen Worten hinzu.“ (V. 6) Ich lese es als: Sei dir bewusst, dass deine Interpretation nicht Gott* entsprechen muss oder dass es nur ein Aspekt, der persönlich geprägt ist, sein kann. Für mich ein Ausdruck des Staunens. Immer wieder neu auf Gott* zu zugehen. Immer neu etwas zu entdecken. Im Bewusstsein, dass Gott* immer das größte Denkbare ist (Anselm von Canterbury) und es sogar übersteigt.

Realisiert sich nicht gerade darin die Ebenbildlichkeit Gottes* im Menschen? Dass wir immer mit Respekt und Liebe anerkennen müssen, mein*e Nächste*r ist immer anders, als ich es mir vorstelle. Man kann die Menschen – wie eben auch Gott – nicht in ein simples Schema einpassen. Es ist immer mehr in ihnen.

Das sich immer wieder bewusst zu machen, ist herausfordernd und anstrengend, aber fordert auch heraus in einer Welt, die zum Staunen anregt, wie mit dem Blick eines Kindes – ganz unvoreingenommen.

Br. Symeon Müller OSB

von Abt Aloysius Althaus OSB

Schwestern und Brüder,

wie gut können wir mit den Aposteln fühlen. Jesus, ihr Lehrer und Freund war mit ihnen zusammen. Sie teilten mit IHM ihr Leben. Seine Nähe war wohltuend und sinnstiftend. Vieles lernten sie mit neuen Augen sehen. Neues hat sich ihnen eröffnet.

Dann der grausame Tod. Ein Nicht-Verstehen der Situation. All ihre Hoffnungen sind zerstört. War alles eine Illusion?

Aber dann die glücklich machende Erfahrung: Jesus lebt, er ist nicht tot. Sie dürfen IHN berühren, damit sie die Wirklichkeit seiner Auferstehung im wahrsten Sinne des Wortes be-greifen können.

Und dann noch ein Abschied. Jesus wird vor ihren Augen emporgehoben und entschwindet ihren Blicken. Wehmütig schauen sie IHM nach. Ihre Augen kleben am Himmel. Nun scheint Jesus endgültig gegangen zu sein.

 

Zwei Männer in weißen Gewändern holen die Jünger wieder zurück auf den Boden. – Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?

Als wollten sie sagen: Wenn ihr weiter nach oben schaut, dann kommt ihr hier nicht mehr weiter, dann seht ihr ja hier unten nichts mehr. Ihr steht da wie angewurzelt. Schaut wieder nach unten und bewegt euch! Hier findet euer Leben statt. Ihr habt doch seinen Auftrag gehört, dass ihr sein Wort verkünden sollt an alle Menschen.

 

Schwestern und Brüder,

das Fest Christi Himmelfahrt wird zum Fest der ganzen Welt, zum Fest unserer Erde, zum Fest des Glaubens, der die Erde lieben darf, weil diese Erde nun in Christus eine Mitte, einen Sinn und ihr großes Geheimnis gefunden hat. Das Fest des Himmels wird zum Fest der Erde, des Jenseits zum Fest des Diesseits, denn nun ist dieses unser Diesseits Raum Gottes geworden, da der ferne Gott durch Jesus und durch seinen Geist, „der in uns ausgegossen ist“, zum nahen Gott und zum Gott unseres Herzens geworden ist.

Angelus Silesius formuliert: Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.

Für Angelus Silesius ist also der Himmel in mir selbst schon gegenwärtig. Ich muss ihn nur in mir suchen. Ja, näher als in mir selbst kann mir der Himmel nicht mehr kommen.

 

Und sicher stimmt es: Wenn wir nur nach oben schauen und von weit her auf den Himmel warten, sehen wir wirklich nicht mehr das, was dicht vor unseren Füßen liegt: Das Naheliegende, das, was unser Handeln erfordert, unser lebendiges Zeugnis als Christen, die mit beiden Beinen in dieser Welt stehen und leben.

Schwestern und Brüder,

Christsein heißt Hoffnung haben. Immer war Hoffnung zugleich Wagnis,

Wagnis inmitten vielfältiger Gefahren und Unsicherheiten.

Immer war Hoffen ein Hoffen trotz allem – und zu allen Zeiten gab es Krisen, aber zu allen Zeiten gab es auch, wenn auch manchmal nur wie eine kleine Flamme, die Hoffnung, die auf das Versprechen des Herrn gründete: „Seht, ich bin bei euch bis zur Vollendung der Welt“.

Eine Hoffnung also, die aus der Gegenwart des Herrn lebt!

Deshalb gilt: Nicht auf die Krise starren, sondern immer wieder neu Chancen wahrnehmen, neue Ausblicke wagen, auf Zukunft hin leben.

Vielleicht ist es wieder an der Zeit, einem Wort von Ida Friederike Görres Beachtung zu schenken:

Die Weltgeschichte ist voller Überraschungen und Gott ist nicht bei den stärkeren Kanonen. Was an die Zukunft der Kirche glauben lässt, ist nicht zuletzt das unermessliche Leid ihrer Glieder.

 

Nun bleibt die Frage, die jede und jeden von uns selbst betrifft:

Was bin ich für ein Christ?

Eine / Einer, der ängstlich auf all das Beunruhigende unserer Zeit starrt und daher keine Kraft hat für die Zukunft des Reiches Gottes in dieser Welt, oder der neue Chancen sieht und wahrnimmt?

Was bin ich für ein Christ? Eine / einer, der ängstlich nach Halt sucht oder der anderen durch seine Zuversicht zu neuer Hoffnung verhilft?

Wer in Gefahr ist, zum Pessimisten zu werden, der sollte einmal auf all das Hoffnungsvolle schauen, das sich um uns ereignet.

Mit dem heutigen Fest treten wir in die große Pfingstnovene ein. Er, Jesus verspricht uns allen den Heiligen Geist. Er ist der Geist, mit dem wir gefirmt worden sind. Er gibt uns die Kraft zum Leben, den Mut zur Nachfolge. Er bewirkt in uns, dass wir Gott in unserem Leben entdecken können und dass wir Jesus in dieser Welt erkennen, ja IHM lebendig begegnen. Er treibt uns an, dass wir nicht nachlassen, uns in dieser Welt, in unseren Gemeinschaften, Gemeinden und Familien für das Gute, für Gerechtigkeit und Frieden, für die Liebe unter den Menschen, also für den Himmel einsetzen.

Wenn wir immer wieder um die Entfaltung des uns geschenkten Heiligen Geistes beten, dann kann er bewirken, dass wir nicht lau werden, sondern dass in all unserem Tun Feuer steckt, dass wir zu feurigen, begeisterten Christen werden. Dann sind wir alles andere als Träumer und Utopisten, sondern Menschen, die Zeugnis geben, nicht abgehoben, sondern mitten drin.

Ja, dann sind wir wie Leuchttürme. Dann werden sicher – und das bewirkt auch Gottes Geist – andere Menschen erkennen und erfahren dürfen: Ja, der Herr lebt. Der Himmel hat jetzt schon hier unter uns Menschen, ja sogar in mir selbst, begonnen.

Ich möchte schließen mit Worten von Wilhelm Willms:

Gott, lass uns nicht ins Leere schauen.
Lass uns nicht in falsche Richtungen schauen.
Lass uns nicht Zeit verlieren.
Gib, dass wir uns nicht vertrösten lassen auf später.
Denn der Himmel ist an Ort und Stelle.
Der Himmel ist zwischen uns.
Der Himmel ist in uns und unter uns.
Der Himmel ist heute und war gestern schon.
Der Himmel wird morgen sein und übermorgen.
Amen.

Ein musikalischer Impuls zu Psalm 47

Jedes Jahr im Mai findet der EUROVISION SONG CONTEST statt.  So auch dieses Jahr am 22. Mai in Rotterdam. Viele Lieder des sogenannten ESC spiegeln eine religiöse, spirituelle Botschaft wieder, und viele Lieder setze ich in der OASE im Rahmen meiner Kurse in den Meditationen ein. Der israelische Beitrag aus dem Jahr 1989 verbindet auf wunderschöne Weise Psalm 47 und das heutige Fest Christi Himmelfahrt.

Auf der Straße des Königs

(freie Übersetzung des Liedes DERECH HA MELECH von Shaike Paikov, ESC Israel 1989)

Ein Morgen voller Tau
und der Weg des Königs ist vor mir
Die Harfe und die Krone haben mich gerufen
Zur Auffahrt zum König
Meine Gedanken summen in mir
Ich schaue zu einem Sonnenstrahl
Meine Gedanken spiegeln sich in den Wolken
Ich schaue auf, das Pferd auf den Wolken ist wunderschön,
Es trägt mich auf dem Rücken
Auf.Fahrt auf den Weg des Königs

Der Weg des Königs ist mein einziger Weg
Die Harfe des Königs ist mein Lied
Der Weg des Königs ist mein Traum, ist mein Rätsel,
Die Harfe des Königs ist meine einzige Liebe
Ich klatsche in die Hände
Ich juble meinem König zu

Der Tag, der mit dem Sonnenaufgang geboren wird,
in den Zeiten des Kreislaufes der Natur
Der Tag kommt und wächst und stirbt plötzlich heimlich
Und in mir entsteht ein wunderbares goldenes Lied
Dem Universum schenke ich ein Gebet
Ich schaue auf, das Pferd auf den Wolken ist wunderschön
Er trägt mich auf dem Rücken

Auf.Fahrt auf den Weg des Königs …
Der Weg des Königs ist mein einziger Weg
Die Harfe des Königs ist mein Lied
Der Weg des Königs ist mein Traum, ist mein Rätsel,
Die Harfe des Königs ist meine einzige Liebe
Ich klatsche in die Hände
Ich juble meinem König zu

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Br. Benedikt Müller OSB

Impuls zu Spr 29, 1-18

Beim heute betrachteten Text des ökumenischen Bibelleseplans fällt mir der starke Dualismus auf, der diese Verse – genau wie bereits die Verse des vorhergehenden Kapitels – durchzieht: Auf der einen Seite steht der gerechte Mensch, auf der anderen Seite der Gottlose.

 

Am Beispiel von Vers 4:

Der Gerechte
Ein König gibt durch das Recht dem Land Bestand;

Der Gottlose:
aber wer nur Abgaben erhebt, zerstört es.

 

Als Leser dieser Bibelworte darf man sich womöglich fragen: Auf welcher Seite dieses Dualismus stehe ich? Und ganz ehrlich: So kategorisch, wie der biblische Autor es an dieser Stelle sieht, ist die Welt zum Glück nicht. Das merke ich in meinem eigenen Leben: Hier und dort handle ich richtig, an anderer Stelle bin ich mir meiner Fehler bewusst.

Und selbst diese Einsicht greift im Prinzip noch zu kurz! Am liebsten hätten wir schnelle Antworten, um unser Handeln – und das der Mitmenschen – in die Kategorien Richtig und Falsch bzw. Gut und Böse einordnen zu können. Das macht uns das Leben zwar einfacher, aber so neigen wir dazu, die Menschen mit einem sehr engen Blick in unsere eigenen Kategorien zu packen.

Die Welt ist aber nicht Schwarz oder Weiß, sondern es gibt viele verschiedene Farben: Sie ist bunt! Was für mich stimmig und gut erscheint, mag für jemand anderen der falsche Weg sein. (Das wird auch an den hier betrachteten Versen deutlich: Man beachte die Pädagogik, die in den Versen 15 und 17 als sinnvoll erachtet wird. In der Zeit, aus der der Text stammt, war diese Weise der Aufzucht von Kindern leider üblich, heute wissen die meisten Eltern es – Gott sei Dank – besser!)

Insofern denke ich, dass die Bibel an dieser Stelle zu kurz greift.

Gut ist also m. E. am vorliegenden Text: Er beabsichtigt, uns auf den richtigen Weg zu führen. Die Art und Weise, wie dies geschehen soll – nämlich kategorisch – entspricht aber nicht der Realität des Facettenreichtums menschlichen Lebens.

Als gläubiger Mensch kann ich sagen: Ja, es gibt eine absolute Wahrheit – nämlich Gott – aber es gibt so viele Wege zu dieser Wahrheit, wie es Menschen gibt!

 

Lassen wir den Menschen die Freiheit, ihren Weg zu Gott zu gehen!

Br. Josef Ellendorff OSB

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich lade Sie heute ein, die Schriftverse Sprüche 28, 12-28 vollständig zu lesen und in Ihrem Herzen zu erwägen.
Sicherlich finden wir uns in den einzelnen Inhalten wieder. Ich denke, der Schreiber möchte uns einen Spiegel vor Augen halten, damit wir unser Tun und Lassen überprüfen.
Ja, überprüfen und nicht den Zeigefinger erheben und von sich wegweisen, auf die Schwester, den Bruder.
Gerecht und Gottlos
Barmherzig und Unbarmherzig
Verstand und Unverstand
Treue und Untreue 

Fragen wir uns ehrlichen Herzens: Was sollte in mir gefestigt werden und wo benötige ich die Hilfe und den Beistand Gottes zur Umkehr, zur Kurskorrektur?

In einem Text von Henri J.M. Nouwen heißt es:
Vielleicht habe ich Gott nie Einlass in mein Inneres gewährt, damit er mir mein wahres Ich und mein Selbstverständnis geben konnte.
Aber wann wird Gott endlich all meine Abwehrstellungen durchbrechen, damit ich das nicht nur mit meinem Verstand, sondern mit meinem Herzen erkenne und vollziehe? 

Wir sind fast in der Mitte des Wonnemonats Mai angekommen. Vielleicht kann uns die Natur ein Vorbild sein. Das frische Grün, die Entfaltung der Natur. Das Leben regt sich. Die Schöpfung blüht erneut auf.
Ein Bild auch für mein Inneres.  Gewähre ich Gott Einlass, damit er mich berührt mit seinem Erbarmen, seiner Liebe, seinem Licht? Damit ER das aufbreche, was der Erneuerung bedarf?

Ich wünsche Ihnen einen Tag voller Licht und Wärme.
Ich wünsche Ihnen den Mut, sich von Gott berühren und beschenken zu lassen.
Ich wünsche Ihnen die Kraft, ihre Augen, Ohren und das Herz zu öffnen.

Mein Gebet begleitet Sie!

Ihr
+ Aloysius Althaus OSB

Impuls zu Spr 27,1-7

Gut gemeint sind die Schläge eines Freundes, trügerisch die Küsse eines Feindes. (Spr 27,6)

Die heutige Textstelle aus dem Buch der Sprichwörter hat einen direkten Bezug zum Gesetz des Mose, in dem es heißt: „Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Mitbürger zurecht, so wirst du seinetwegen keine Sünde auf dich laden.“

Das Gesetz bestätigt also das Sprichwort, welches aussagt, „die Schläge eines Freundes sind gut gemeint“ und wird vom andern Ende aus erweitert durch die Aussage: „Trügerisch [hingegen sind] die Küsse eines Feindes“.

Es wird also mit Nachdruck vermittelt: Die gut gemeinte Zurechtweisung eines Nächsten (selbst wenn sie sich wie ein Schlag anfühlt) ist keine Sünde:
Besser offener Tadel als Liebe, die sich nicht zeigt. (Vers 5)

Die Schrift fordert uns heute dazu auf, kritikfähig, oder um es mit dem Wort des 5. Verses zu sagen, offen zu bleiben, auch wenn wir vielleicht schon einiges an Erfahrung gesammelt haben und meinen, bereits gesättigt zu sein durch unser Wissen.

Doch
Wer satt ist, will auch den besten Honig nicht mehr sehen; dem Hungrigen aber schmeckt sogar das Bittere süß. (Vers 7)

Ich glaube fest, dass wir tief im Innern alle noch hungrig sind, dass wir nur oft müde und gemütlich, vielleicht sogar ängstlich geworden sind, unseren Hunger mit Neuem zu stillen; stattdessen greifen wir auf die bewährten Mittel zurück, wir verkriechen uns – das verschafft uns ein Gefühl von Sicherheit und bestätigt ein anderes Sprichwort: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ Doch trauen wir uns auch, das Bittere zu kosten! Lassen wir uns doch auch mal von anderen etwas sagen – besonders von denen, deren Meinung zu teilen uns manchmal schwer fällt.

Nur wenn wir kritikfähig, offen, ja hungrig bleiben, ganz gleich, wie viel wir schon zu wissen glauben, eröffnet sich das Potenzial, dass Bitteres süß wird und dass Liebe sich zeigt.

Br. Jonathan von Holst OSB

von Br. Balthasar Hartmann OSB

Liebe Schwestern und Brüder,

vielleicht kennen sie ja auch diese berühmte Filmszene.
Ein Mann, gerade frisch verliebt, tanzt vor Glück durch das nächtliche Hollywood, und das auch noch bei starkem Regen. Der Himmel weint, aber er ist glücklich und verschenkt seinen Regenschirm.
Sie stammt, vielleicht haben Sie es ja schon erraten, aus dem Musical-Klassiker „Singing in the Rain“ aus dem Jahr 1952.
Ein liebenswertes Musical mit beschwingten Songs, voller Witz und Charme und Hoffnung. Wunderbarstes Technicolor-Kino. Wir sehen Gene Kelly, wie er im strömenden Regen singt und steppt und tanzt, und dabei immer leichter wird.

I am singing in the Rain
Ich singe im Regen
Singe einfach nur im Regen
Was für ein wundervolles Gefühl
Ich bin wieder glücklich

Ich lache die Wolken aus
So dunkel und drohend dort oben über mir
Die Sonne ist in meinem Herzen
Und ich bin bereit für die Liebe

Die Zeit, in der der Film in Amerika in die Kinos kam, war keine leichte Zeit. Es herrschte der kalte Krieg, die USA waren im Korea-Krieg, und die Welt stand mal wieder am Abgrund.
Und auch im Film selbst geht es um eine Krise. Er spielt in den Jahren des frühen Hollywood. Das Kino steht vor einem großen Umbruch, und niemand weiß so recht, wie es weitergehen wird. Der Stummfilm wird durch den Tonfilm verdrängt, und viele Menschen in der Filmbranche müssen um ihre Existenz bangen.

Auch das heutige Evangelium handelt von einer Umbruchszeit.
Es ist eine Abschiedsrede von Jesus an seine Jünger und Jüngerinnen.
In mehreren Abschnitten teilt er ihnen sein Vermächtnis mit, für die Zeit, wenn er nicht mehr bei ihnen sein wird.
Der Abschied liegt in der Luft, aber für die Jünger ist er noch nicht begreifbar. Auch hier ist die Unsicherheit zu spüren.

Im heutigen Teil des Evangeliums steht die Liebe im Mittelpunkt und wird von Jesus als das wesentlichste Gebot benannt, an das man sich halten soll.
Ein Freund verabschiedet sich von seinen Freunden und gibt ihnen das mit: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe!“
In den vergangenen Monaten haben viele von uns erleben müssen, wie es sich anfühlt, wenn wir von einem Menschen auf Zeit oder sogar für immer Abschied nehmen müssen. Eigentlich kurze Entfernungen wurden durch Kontaktbeschränkungen zu unüberwindbaren Mauern, Menschen sind gestorben, ohne dass wir sie noch einmal sehen konnten. Über drei Millionen Menschen sind bisher weltweit an Covid19 verstorben, unzählige erkrankt.
Wir alle haben erlebt, wie wichtig uns die Nähe, der Kontakt zu anderen Menschen ist, besonders zu denen, die wir lieben. Wir haben gemerkt, wie uns Nähe oder Geselligkeit fehlen. Auch hier eine Zeit mit vielen Brüchen und Umbrüchen, Abgründen und Ängsten. Eine Zeit, in der wir viel über unser Lieben erfahren haben.

Wir wünschen uns alle so sehr, dass diese unsichere Zeit bald zu Ende sein wird. Jeder hat einen Traum vom Ende dieser Pandemie, und was er dann machen wird.
Trotz so mancher dunklen Wolke am Himmel macht uns gerade jetzt der Frühling wieder Hoffnung.
Denn da wo dunkle Wolken zu sehen sind, da kann es auch regnen, und dieser Regen kann neues Leben bringen.
Ein englisches Sprichwort sagt: No rain, no rainbow.
Wo kein Regen ist, da gibt es keinen Regenbogen.
Tränen können heilsam sein, und der Regenbogen ist das Zeichen des Neuanfangs und der Verbundenheit.

Der Monat Mai steht besonders für dieses Aufblühen des neuen Lebens und für die Hoffnung des sichtbaren Neubeginns, und er wird nicht ohne Grund auch als der Monat der Liebenden bezeichnet. Erich Kästner nannte ihn einmal den Mozart der Monate.
Gerade jetzt im Monat Marias können wir besonders erleben, wie groß die Kraft des Neuerblühens ist.
Über Nacht ist alles grün und blüht. Die Natur tanzt, oder wie es der Mystiker Thomas Merton sagt: Der Kosmos
tanzt.
Das Leben wird in der Natur überall sichtbar, und in seiner Schönheit erfahren auch wir, dass unser Ursprung aus der gleichen göttlichen Kraft stammt. Wir alle sind eine Schöpfung aus Liebe, und dieser Ursprung ist unser Anfang und Ende. Wenn wir den Kosmos tanzen sehen, dann sehen wir Gott tanzen.
Wir wissen nicht, warum es die Abgründe im Leben gibt, die schmerzlichen Umbrüche, aber wir haben in den Wochen seit Ostern erlebt, dass es die Gewissheit gibt, dass Jesus sich für uns hingeben hat und in unsere Abgründe hinabgestiegen ist, und dass aus dem Abgrund des Todes seine Auferstehung gewachsen ist.
Wir durften glauben lernen, indem er uns in seine Wunden fassen ließ.
Das Geschenk seiner Liebe, das Geschenk seiner Freundschaft ist zum lebenspendenden Regen, zum Segen für uns alle geworden.
Für die, die gegangen sind, für die Hiergebliebenen, und für die, die kommen werden.

„Nicht ihr habt mich erwählt,
sondern ich habe euch erwählt
und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt
und dass eure Frucht bleibt.“

Über Psalm 1 – Die Frage „Wo verwurzele ich mich?“ als Schlüssel für das Psalmenlesen

„Wohl dem Mann, der…!“ Ein grandioser Eröffnungstext für eines der wirkmächtigsten Bücher der Heiligen Schriften Israels, sowohl im Judentum wie auch im Christentum, für das Buch der Psalmen. In beiden religiösen Traditionen, die sich auf diese antike Religion berufen, haben die Psalmen als tehilim, als Preisungen im liturgischen Gebetsleben einen festen Platz.

In den ersten beiden Psalmen wird dem Leser quasi eine Brille angeboten, die es ihm ermöglicht, das, was folgt, deutend zu verstehen. Beide bilden gleichzeitig auch den Auftakt zum sogenannten „Davidpsalter“, den Texten (Ps 1-41), die dem großen König Israels selbst zugeschrieben werden. Psalm 2, ein Königspsalm, ist im Christentum sehr bekannt, da er – ein altorientalisches Krönungsritual schildernd, in welchem der neue Herrscher zum Sohn des höchsten Landesgottes adoptiert wird und so Macht über seine Feinde bekommt – auf Jesus aus Nazareth als den Christus gedeutet wird, was nichts anderes als Messias heißt, ein weiterer altorientalischer Königstitel („Gesalbter“). „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt!“ sagt JHWH. Ganz in altorientalischer Natur wird hier von dem Sieg über Feinde gesprochen. Man wird an das ägyptische Motiv der „Erschlagung des Feindes“ erinnert, wie es auf vielen Tempelwänden noch heute von Touristen bewundert wird.

Psalm 1 scheint hier einen ganz anderen, moderneren Ton anzuschlagen. Das wunderschöne Bild vom Baum, „der gepflanzt ist an Wasserbächen“ (Ps 1,3), wirkt sehr idyllisch. Aber auch hier trifft der Leser auf die Zweiteilung vom Gerechten und den Frevlern. Die Frevler sind (in alttestamentlicher Sprache) Personen, die sich gegen JHWH auflehnen und seinen Bund brechen (vgl. auch Ps 2,2). Das macht sie zu „Spreu, die der Wind verstreut“ (Ps 1,4b). Sie haben keine Standfestigkeit, sondern werden von allen möglichen Einflüssen hin und her geworfen. Alles, was sie vorhaben, können sie nicht umsetzen. Es sind nichtige Pläne.

Der zentrale Fokus des ersten Psalms liegt jedoch auf dem Mann, der so überschwänglich gepriesen wird. „Wohl dem Mann, der (…) hat Lust an der torah JHWHs und sinnt über seine torah am Tag und in der Nacht.“ Hier wird ein messianisches Idealbild gezeichnet. Vor allem anderen, auch der königlichen Bedeutung und seiner Macht in Ps 2, steht die Beziehung zum Bund. Nicht Aktionismus und Planen sind entscheidend, sondern eine tiefe Verwurzelung in Gott, die in einer ständigen Suche nach ihm und in der Freude an seinem Bund sich zeigt. „Schau dir die anderen an! Korrigiere sie und sag ihnen, wie es sein soll!“ wird hier nicht gesagt, sondern „Verwurzele dich selbst, suche deine Beziehung zu JHWH, der mit dir einen Bund geschlossen hat, und denke nach über eben diesen Bund, den er nicht allein mit dir, sondern noch mit vielen anderen geschlossen hat, deinen Brüdern und Schwestern.“

So wird die Lesebrille deutlich, die alles andere erschließt: Es geht, spirituell gelesen, um ein Durchleben dieser Beziehung zu Gott, um ein Durch-Lieben, manchmal auch ein Durch-Kämpfen. Manchmal wird da zugesagt: „Mein Kind bist du!“, und manchmal tönt nur der Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2)

Hier liegt dann auch der Schlüssel für die Stellen, die für uns heutige Menschen verstörend sind, weil sie einem ganz anderen Kulturkreis angehören. Die altorientalische Sprache und Bildsymbolik wird aufgenommen, weil es die Sprache dieser Zeit ist. Sie kennt keine andere, und wir heute verstehen vieles vielleicht auch nicht mehr. Nicht einfach ausklammern, sondern sie aus einem ganz bestimmten Blickwinkel lesen und deuten. Heilige Schrift ist Gotteswort „durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat“ (DV 12), wie es das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnet. Ein Text darf auch in seiner Fremdheit und seiner heute abstoßenden Sprache bestehen. Dies ist ein Bestandteil des Durchlebens der Beziehung und ihr Ausdruck, da darf auch mal geflucht werden. Das Durchleben lässt sich gut mystisch als Tanz verstehen. Es ist nicht statisch, sondern dynamisch. Es muss nicht immer alles rosarot sein, das wäre ein Verkennen der menschlichen Wirklichkeit. Aber wenn man sich verwurzelt in der Beziehung zu Gott und seinem Bund, wozu uns Psalm 1 aufruft, dann darf man auch hoffen, dass man „seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter nicht verwelken.“ (Ps 1,3) Dies erfordert aber auch eine ständige Rückkehr zur torah, zum Nachsinnen über Gottes Bund und ein Ausrichten an ihm. Benediktinisch gesprochen: stabilitas, Beständigkeit.

Br. Symeon Müller OSB