Morgenstern

Dein Glanz rührt unser Warten an

Nährst Hoffnung auf Morgen

Vor-Bote des Neuen

Aber Du gehst unter, wenn das Licht erscheint

 

Einsam stehend in Dunkelheit

lässt Nachtlichter – die Irrenden – zurück

Silberner Schein – Nacht verblasst

Doch Du gehst unter, wenn das Licht erscheint

 

Wandelnd zwischen den Zeiten

Dein Aufgang in den Herzen

Hoffnung inmitten der Nachtgedanken

Und Du gehst unter, wenn das Licht erscheint

 

Du leuchtest uns heimwärts

Treuer Begleiter auf die andere Seite

Du gehst hinüber, wenn das Licht erscheint

In uns verinnert sich Abglanz

 

Morgenstern – Licht des aufgehenden Lichtes

P. Abraham Fischer OSB

O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel – du öffnest, und niemand kann schließen, du schließt, und niemand vermag zu öffnen: Komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fesseln des Todes. (O-Antiphon vom 20.12.)

Ich bin ein Nachtmensch und sitze oft abends noch lange am Schreibtisch. Da ist es schon einige Male passiert, dass durch das offene Fenster eine leise Stimme zu hören ist oder das Handy klingelt: „Du, Guido, ich habe meine Schlüssel vergessen. Kannst du mich bitte reinlassen?“

Daran erinnert mich die O-Antiphon des heutigen Tages.

Wem kann ich Türen öffnen,
helfen, einen Eingang zu finden?

Wo fehlt mir denn der Schlüssel,
um bestimmte Türen zu öffnen?

Weiß ich um die Türen –
und weiß ich, wo der Schlüssel ist?

In der O-Antiphon sind Schlüssel und Zepter genannt,
Symbole der Macht.

Wenn ich sie nicht nur auf Gott und Jesus beziehe:
wo steckt bei uns die Macht,
anderen Türen verschlossen zu halten?

Wer hat die Macht, bestimmte Schlüssel zu haben
– nicht nur im Kloster?

Im Café PAN, mitten in Meschede,
sind sehr viele Schlüssel verteilt an Jugendliche, die sich dort treffen.
Wäre das nicht ein Beispiel für unsere Gemeinden, unsere Kirche?
Nicht nur im ganz realen Sinn.
Auch im übertragenen Sinn.

Vielleicht würden dann ja manche Kerker und Fesseln,
die wir heute (noch) erleben, sich lösen.

Könnte nicht Kirche neu lebendig werden,
gestaltet von Vielen?

Was ist denn, wenn wir ganz neu darauf vertrauen,
dass Gott uns die richtigen Schlüssel gibt.

Jedem.

P. Guido Hügen OSB

„Heimat ist ein Raum aus Zeit“ lautet der Titel des letzten Films des in diesem Jahr viel zu früh verstorbenen Dokumentarfilmers Thomas Heise. Heise erzählt anhand von Briefen und Dokumenten die Geschichte seiner Familie, von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart. Und das in Bildern, die herausfordernd sind. Dabei entstand ein Wurzelgeflecht aus eigener Geschichte, die gleichzeitig auch unsere kollektive Geschichte ist. Heise war auch besonders ein Chronist davon, was passiert, wenn Menschen ihren Halt, ihre Wurzeln verlieren. In seinen Filmen aus den 1990er Jahren begleitete er Jugendliche in Ostdeutschland dabei, wie sie die Wende und das neu vereinte Deutschland erleben und danach ringen, ihre Identität zu finden. Was geschieht mit Menschen, wenn eine vertraute Welt verschwindet, und es schwer ist, sich in der neuen Welt zu verwurzeln? Viele glitten dabei in Gewalt oder Radikalismus ab. Und die Spuren dieser Erfahrungen sind ja bis heute besonders in den neuen Ländern sichtbar.

O Spross aus Isais Wurzel,
gesetzt zum Zeichen für die Völker –
vor dir verstummen die Herrscher der Erde,
dich flehen an die Völker:
o komm und errette uns,
erhebe dich, säume nicht länger
!

Die O-Antiphon, die wir heute in der Vesper singen, erzählt uns davon, wie etwas staunenswert Neues aus einem Wurzelraum erwächst. Das vollkommene Gegenteil von einer Entwurzelung.  Eine aufkeimende Hoffnung. In diesem Fall die Erfüllung der Prophezeiung der Ankunft des Messias. Das hat etwas Tröstendes, besonders in Zeiten von Unsicherheit und Wandel, denn der Schimmer einer friedvollen Welt sprießt genau aus der Unsicherheit hervor.

Diese O-Antiphon kann aber auch gleichzeitig Anlass dafür sein, uns einmal selbst zu fragen, wo wir uns genau verwurzeln und was uns dabei Heimat gibt, aber auch, wo wir unseren Halt verloren haben, unsere Wurzeln gekappt wurden und nichts mehr aufkeimen konnte.

Br. Balthasar Hartmann OSB

O Adonai
Herr und Führer des Hauses Israel –
im flammenden Dornbusch bist du dem Mose erschienen
und hast ihm auf dem Berge das Gesetz gegeben:
O Komm, und befreie uns mit deinem starken Arme!

„Mein Gott nochmal,
glaub ja nicht, wir würden Dich darum bitten, mit deinem starken Arm dazwischenzuhauen. Das wäre ein Alptraum.
Du hast etwas ganz anderes zu bieten:
Du kannst mit Deiner Art, bei den Menschen zu sein, die Machtgier in uns zum Schweigen bringen, du kannst den Mose in der Wüste neugierig machen und so stark zum Staunen bringen, dass er sich in den Staub knieen muss. Du vertraust dem Volk Israel deinen unbegreiflichen Namen an, so dass es davon nicht loskommt, dich als den ‚Gott für uns‘ anzurufen, auch wenn manchmal im Chaos und der Leere nur ein Fünkchen Hoffnung übrig geblieben ist.
O Adonai, befreie uns von Hass und Großmannssucht, Angst und falschen Führern.“

„Tue ich doch. Ihr habt euch auf das Jesuskind in der Krippe eingelassen, das feiert ihr doch Weihnachten, nicht wahr!“

„Stimmt,“ sage ich ganz leise.

„Einer von Euch hat das besonders gut in die Worte gefasst: ‚Das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen‘. Sucht mal nach, wo es steht.“

„Danke, aber es lesen reicht wohl nicht.“

„Ich bin ja auch noch da.“

P. Johannes Sauerwald OSB (frei nach Annette Jantzen)

Die Advents- und Weihnachtszeiten meiner Kindertage haben mich sehr geprägt und sicherlich fürs Leben stark gemacht. Als Kind war das schönste an HEILIGABEND der geschmückte Tannenbaum. Mit leuchtenden Augen stand ich kleiner Bub davor und wir sangen Weihnachtslieder. Festlich sah alles aus. Mein treuherziger Papa hat den Baum immer geschmückt – jedes Jahr bis zu seinem Tode. Ebenso festlich erschien mir an diesem Abend die Krippe mit ihren Holzfiguren des bayrischen Herrgottsschnitzers. Gott sei Dank durfte ich in einem Elternhaus aufwachsen, in dem Bildung ein wesentliches Gut der Erziehung meiner Eltern war. Sie haben meine Geschwister und mich spielend gebildet, sodass wir unsere Talente entdecken und unsere Stärken entwickeln konnten. Und so war es nur logisch, dass das Christkind auch jedes Jahr wunderbare Bücher brachte. Oh, was habe ich sie geliebt, die Bücher der Kindheit: Von den ersten Bilderbüchern über „Pippi Langstrumpf“ und „Michel aus Lönneberga“ oder „Grimms Märchen“ und „Urmel aus dem Eis“ bis zu Büchern von Janosch und den „Drei???“.  Viele von ihnen habe ich bei meinem Eintritt mit ins Kloster genommen. Aus den Büchern meiner Kindertage konnte ich, neben dem freien Spielen, all mein Wissen ziehen. Meine Phantasiewelt wurde ausgebildet. Meine Gefühle konnte ich auf Geschichten projizieren und habe oft gefühlvoll mit meinen Kinderbuchhelden mitgelitten. Ich erinnere mich, dass ich meine religiöse Bildung durch meine erste Kinderbibel von Anne de Vries erlernt habe. Was habe ich viel in dieser Bibel gelesen und mich in die Geschichten hineinversetzt, so dass sie in mir lebendig wurden. Diese Kinderbibel ist sicher ein Grundstein meines Glaubens. Ich habe mich in meiner Phantasie mit den Geschichten meiner Kinderbuchhelden auseinandergesetzt, denn ihre Geschichten erzählen Geschichten des Lebens. Mut-Mach-Geschichten, wie man stark für das Leben wird. Eine Hilfestellung, wie man den Weg ins Leben findet. Weisheit ist nicht die Ansammlung von möglichst viel Wissen, man kann sie sich nicht erarbeiten. Weisheit erlangt man, indem man sich mit Phantasie dem Leben aussetzt und sich auf das Leben einlässt. Bücher können zum Schlüssel zur Welt und zur kre-aktiv ausgebildeten Weisheit werden. In der Advents- und Weihnachtszeit wieder einmal die Bücher der Kindertage zu lesen ist nicht die schlechteste Idee, denn so kann das Vertrauen ins Leben seine Weisheit ins Leben entfalten.

Br. Benedikt Müller OSB

„Advent feiern heißt
warten können.“

Ein Wort von Dietrich Bonhoeffer,
der heute als Mensch der Hoffnung vor uns stehen soll.

Ein Mensch mit einer bewegten Geschichte.
Mit vielen, sehr unterschiedlichen Facetten.
Ein Mensch der Suche, der Versuchung und des Vertrauens.

Ein Mensch wie wir.

Viele der Worte, die wir von ihm kennen,
sind Worte, Texte aus seiner Gefangenschaft.

Er, der die Gegenwart Jesu
in der weltweiten Gemeinschaft der Christen immer wieder betonte
und sich deutlich gegen die Herrschaft der Nazis
und jede Herrschaft von Ungerechtigkeit und Gewalt stellte,
saß deshalb zwei Jahre in Haft.

Und wartete auf seine Hinrichtung.
Advent?

„Gott wird dem,
der ihn in seinem irdischen Glück findet und ihm dankt,
schon nicht an Stunden fehlen lassen,
in denen er daran erinnert wird,
dass alles Irdische nur etwas Vorläufiges ist
und dass es gut ist,
das Herz an die Ewigkeit zu gewöhnen.“

Entdecken wir Gott in unserem Alltag?
Den – oft kleinen – Reichtum, mit dem ER uns beschenkt?
Das Vertrauen, das wir in Seiner Gegenwart spüren dürfen?

Gewöhnen wir unser Herz an die Ewigkeit?

Aber:

„Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht
dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Welt aus der Hand legen.
Aber vorher nicht.“

P. Guido Hügen OSB

Aus der heutigen Lesung aus dem Propheten Zefanja (Zef 3,14-18) möchte ich einen Vers hervorheben: „Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir.“

Auch wenn mit dieser Textstelle das Volk Juda als Ganzes gemeint ist, darf ich diese Aussage durchaus auch auf mich als Person beziehen. Gott freut sich über mich und erneuert seine Liebe zu mir. Aus der Sicht Gottes ist ein jeder Mensch liebenswert und ein Geschöpf, über das es sich zu freuen lohnt. Wie das Volk Israel Fehler begangen und zur Umkehr gefunden hat, so ist auch mir dieser Weg immer offen gehalten. Ich kann jederzeit umkehren. Veränderung in meinem Leben ist jederzeit möglich. Das macht mir persönlich Hoffnung, gerade wenn ich glaube, auf der Stelle zu treten und mir nichts gelingt. Wenn ich an mir selbst verzweifle, darf ich mich hoffnungsvoll an Gott richten, der zu mir sagt: „Ich freue mich und juble über dich, und meine Liebe endet nicht.“

Br. Benjamin Altemeier OSB

Hoffnung, die ins Licht führt

Über Johannes vom Kreuz, Juan de la Cruz, den spanischen Karmeliten (1542-1591), ist schon vieles gesagt und geschrieben worden, etwa über sein Leben, sein Wirken als Reformator an der Seite von Teresa del Avila und über seine Gedichte. Er ist einer der ganz großen Kontemplativen in der katholischen Kirche, der die Erneuerung der Christen aus der eigenen Glaubenserfahrung anstrebte und vorlebte.

Aus seinem Leben hat mich besonders die neunmonatige Haft in einem Kloster in Toledo beschäftigt, eine Zeit, in der er als „Rebell“ von den eigenen Mitbrüdern unter menschenunwürdigen Verhältnissen festgesetzt wurde. Er hat darin die „Dunkle Nacht“ selbst erfahren. Mit dieser Formulierung hat er eine Form seelischer Einsamkeit beschrieben, in der die Beziehung zu Gott eine harte Probe mitmacht, weil man den Eindruck hat, als habe sich Gott dem Menschen entzogen, an ihm zu zweifeln beginnt und frustriert wird.

Weil er in der Stille die Beziehung zu Gott als kostbar empfunden hatte, sinnstiftend und erhellend, geht Johannes vom Kreuz trotzdem geduldig seinen Weg weiter, obwohl die Erfahrung der „Dunklen Nacht“ all dies in Frage stellte. Er erkennt, dass es im Glaubensleben nicht um Persönlichkeitserweiterung, um Sicherheitszuwachs oder Selbststeigerung geht, sondern darum, durch Loslösung von dem Bemühen, alles selber machen zu wollen, zu Gott zu gelangen. Er erlebt, dass der Ewige die Freundschaft der Menschen sucht und nach ihrer Antwort brennend verlangt.

Davon singen die Gedichte des Johannes vom Kreuz. Sie sind Poesie einer Hoffnung, die sich durch Ängste und Zweifel nicht verstören lässt. „Der Mensch gelangt mehr durch Nicht-Begreifen als durch Begreifen zu Gott“ (Aus: Lebendige Flamme der Liebe, 3,38). Der Advent ist eine dunkle Zeit. Sie lässt die Hoffnung wachsen, indem sie unabgelenkt nach dem wahren Licht Ausschau hält.

P. Johannes Sauerwald OSB

Odilia
blind geboren
empfängt bei ihrer Taufe
das Augenlicht

Licht für die Blinden
Hoffnungslicht
denen, die in Finsternis geboren sind
und im Schatten des Todes

Licht für die Blinden
so lautet das Motto der Missionsbenediktiner
die heilige Odilia ist ihre Schutzpatronin

Licht für die Blinden
Ein Licht um die blinden Flecken zu heilen
Ein Licht um die Schönheit des Anderen wahrzunehmen
Ein Licht um das Gute zu sehen
Ein Licht das Hoffnung bringt
Ein Hoffnungslicht

Heilige Odilia
Licht der Hoffnung
bitte für uns und unsere Welt
die so oft gefangen ist im Dunkel

P. Maurus Runge OSB

Ich erinnere mich jedes Jahr im Advent immer wieder an die Adventszeiten meiner Kindertage. Meine Mutter backte fleißig viele Sorten von Plätzchen, und die großen Eimer füllten sich mit dem leckeren Gebäck. Meine absoluten Lieblingsplätzchen waren das Spritzgebäck mit den bunten Streuseln. Die gut gefüllten Plätzchen-Eimer wurden aber leider im Keller sicher verwahrt. Doch jeden Adventssonntag gab es zum Kaffee reichlich selbstgebackenes Adventsgebäck. Eine Freude, die nach mehr verlangte. Montagabends waren meine Eltern „hobbysportbedingt“ nicht zu Hause. Eine super Gelegenheit. Aber der Aufbewahrungsort der Plätzchen stellte sich für mich als ein Problem heraus. Der Keller war ja schon immer eine unheimliche Herausforderung. Und im Advent erst recht, wenn man Plätzchen stibitzen wollte. Warum? Draußen wurde es im Advent früh dunkel, und unser Keller war dann noch dunkler als gedacht, so dachte ich. Und Licht extra anmachen war ja dumm, schließlich wollte man sich als Plätzchen-Räuber nicht verraten. Sicherlich kennen Sie das Gefühl, liebe Schwestern und Brüder, und sie wissen, wie das ist, wenn alles um einen herum ganz dunkel ist? So finster, dass man nicht einmal die eigene Hand vor Augen sehen kann? Im dunklen Keller oder nachts, wenn man im Dunkeln den Lichtschalter nicht gleich findet?

Jeder Mensch braucht ein Licht der Hoffnung. Dieser Meinung war auch die heilige Lucia. Sie lebte einst auf Sizilien. Im südlichen Italien scheint fast das ganze Jahr die Sonne, und die heilige Lucia wusste: Licht tut unserer Seele gut, und mehr noch, der Mensch braucht Licht zum Leben. Bekannt wurde Lucia dafür, dass sie den Ärmsten der Armen, die oft in dunklen Höhlen hausen mussten, ein Hoffnungslicht in deren Dunkelheit wurde. Lucia wickelte sich einen Kranz und setzte diesen mit ein paar Kerzen aufgesteckt auf ihren Kopf. So hatte sie ihre Hände frei, um Körbe mit Brot zu den Armen und Kranken zu tragen. Mit ihrem Lichtkranz trat sie in die Dunkelheit der Höhlen und brachte Hoffnung zu den Menschen und wurde bildlich-lebendig für ihre Nächsten zum Licht in der Dunkelheit. Lucia tat in dieser Situation, was auch Jesus getan hat, und erfüllte seine Worte: „Ihr seid das Licht der Welt. Ihr sollt euer Licht nicht unter einen Scheffel stellen.“ Lucia stellte ihr Leben in den Dienst der Nächstenliebe und Hoffnung. Lucia hat vielen Menschen geholfen. Sie wurde zur Hoffnungsträgerin für Menschen in Armut und Krankheit sowie für viele Menschen, die wegen ihres Glaubens an Christus verfolgt wurden. Ihr Lichterkranz wurde zum Hoffnungskranz. Lucia ist für mich ein adventliches Hoffnungslicht und Vorbild der Nächstenliebe, damit die Welt heller werden kann.

Br. Benedikt Müller OSB