Sie aber schrien und forderten immer lauter, er solle Jesus kreuzigen lassen, und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch: Da entschied Pilatus, dass ihre Forderung erfüllt werden solle. (Lk 23,23-24 – gesamte Tageslesung: Lk 23,13-25)

Bei dieser Verurteilungsszene durch Pilatus, die bis in unseren Sprachgebrauch hinein prägend wurde mit der Redewendung „seine Hände in Unschuld waschen“, beschleicht mich regelmäßig ein ungutes Gefühl. Die lautstarke Forderung des Volkes, Jesus kreuzigen zu lassen, wurde offensichtlich bewusst so inszeniert: Das jüdische Volk fordert den Tod Jesu und stattdessen die Freilassung des Aufrührers Bar-abbas.

Die Wirkungsgeschichte dieser Szene ist fatal: Den Juden wurde in einer diffamierenden Lesart die Schuld am Tod Jesu gegeben. Ja, das auserwählte Volk wurde gar zum Volk der Gottesmörder stilisiert. Bis heute wirkt ein Verständnis, dass die Kirche nun an der Stelle des auserwählten Volkes sieht, in die theologischen Debatten hinein und führte so etwa zur Diskussion um die Abänderung der entsprechenden Karfreitagsfürbitte, die bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil von der „Bekehrung der verstockten Juden“ sprach.

Es bleibt daher eine dauernde Herausforderung für die Kirche und für die Theologie, diese fatalen Missverständnisse nun zu korrigieren und den jüdisch-christlichen Dialog zu fördern. Jesus war selbst Jude und hat sich zeitlebens so verstanden. Antijudaismus darf in der Kirche keinen Platz haben und auch gesamtgesellschaftlich ist es unsere Christenpflicht, mutig gegen jeglichen Antisemitismus unsere Stimme zu erheben!

Br. Vincent Grunwald OSB