1 Daraufhin erhob sich die ganze Versammlung und man führte Jesus zu Pilatus. 2 Dort brachten sie ihre Anklage gegen ihn vor; sie sagten: Wir haben festgestellt, dass dieser Mensch unser Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuer zu zahlen, und behauptet, er sei der Christus und König. 3 Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es. 4 Da sagte Pilatus zu den Hohepriestern und zur Volksmenge: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. 5 Sie aber blieben hartnäckig und sagten: Er wiegelt das Volk auf; er verbreitet seine Lehre im ganzen jüdischen Land, angefangen von Galiläa bis hierher. 6 Als Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mann ein Galiläer sei. 7 Und als er erfuhr, dass Jesus aus dem Herrschaftsgebiet des Herodes komme, ließ er ihn zu Herodes bringen, der in jenen Tagen ebenfalls in Jerusalem war. 8 Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah; schon lange hatte er sich gewünscht, ihn zu sehen, denn er hatte von ihm gehört. Nun hoffte er, ein von ihm gewirktes Zeichen zu sehen. 9 Er stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab ihm keine Antwort. 10 Die Hohepriester und die Schriftgelehrten, die dabeistanden, erhoben schwere Beschuldigungen gegen ihn. 11 Herodes und seine Soldaten zeigten ihm offen ihre Verachtung. Er trieb seinen Spott mit Jesus, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen und schickte ihn so zu Pilatus zurück. 12 An diesem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; vorher waren sie Feinde gewesen. (Lk 23,1-12)

Jesus ist nicht in die Welt gekommen, um die Erwartungen von Menschen zu erfüllen, sondern um uns als Mittler zwischen Gott und Mensch zu dienen. So erfüllt er in unserer heutigen Textstelle auch nicht die Erwartungen, die Pilatus an ihn stellt. Die Erwartung eines Zeichens. Für Machtmenschen, wie es Pilatus und auch Herodes sind, sind Zeichen und Wunder Mittel zum Zweck. Es geht ihnen nicht um die Erfahrungen von Heilsein, sondern um die Demonstration von Wirkmächtigkeit. Um dieser Instrumentalisierung zu entgehen, schweigt Jesus. Es ist ein Schweigen, wie wir es schon bei der drohenden Verurteilung der Ehebrecherin gesehen haben. Es ist ein Schweigen, nicht weil Jesus die Worte fehlen, sondern weil er nicht in den Kreislauf einer Machtmaschinerie  kommen will. Er schweigt und erntet Spott und Hohn. Das sind die klassischen Reaktionen von Menschen, die es gewohnt sind, dass man ihnen gehorcht. Sie verstehen nicht, dass es eine Ohnmacht der Liebe gibt. Die Ohnmacht der Liebe – selbst im Angesicht des Todes. Selbstentäußerung, Abgabe von Macht, Ohnmacht der Liebe.

Und wir, die wir ihm nachfolgen? Wir dürfen üben. Uns einüben in die Liebe. Wir dürfen uns einüben in die Aufgabe von Macht, um glaubwürdig die Ohnmacht der Liebe zu leben.

Br. Benjamin Altemeier OSB