Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. (Apg 2,1 – ganze Lesung: Apg 2,1-13)

Wenn in der heutigen Tageslesung, die wir am Sonntag wieder in unseren Kirchen hören werden, vom „Tag des Pfingstfestes“ die Rede ist, dann ist damit mitnichten unser christliches Pfingsten oder ein „Geburtstag der Kirche“ gemeint, Das gab es nämlich zur Zeit, von der hier erzählt wird, noch nicht. Der deutsche Name „Pfingsten“ ist schlicht und einfach eine Ableitung vom altgriechischen „pentekoste“ (fünfzig), und meint den 50. Tag nach dem Pessachfest, an dem gläubige Juden bis heute das sog. Wochenfest „Chag Schawuot“ feiern. Ohne jüdisches Wochenfest kein christliches Pfingsten – das muss gerade in Zeiten des wachsenden Antisemitismus deutlich betont werden.

Das Wochenfest, das ursprünglich in einem landwirtschaftlichen Kontext stand und den Beginn der Weizenernte markiert (vgl. Ex 34,22), erinnert gläubige Juden an ein zentrales Ereignis ihrer Heilsgeschichte: die Übergabe der Tora, des Gesetzes von JHWH, auf dem Sinai (vgl. Ex 34,28). Das ist nicht ein einfacher juristischer Vertragsabschluss, sondern die Besiegelung einer dauernden Liebesgeschichte: JHWH und Israel versprechen sich gegenseitig ewige Treue.

Zum Wochenfest pilgerten zur Zeit der Abfassung der Apostelgeschichte fromme Juden zum Jerusalemer Tempel. Das erklärt die Aufzählung der verschiedenen Sprach- und Kulturgruppen, die in Apg 2,9-11 erwähnt werden und für jede*n Lektor*in eine Herausforderung darstellen. „Wir hören sie in unseren Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.“ Menschen werden ihrer fundamentalen Einheit gewahr, ohne dass diese Einheit zur Einförmigkeit wird, denn die verschiedenen Sprachen in ihrer Vielfalt bleiben. Sie werden aber nicht zum Hindernis und Sprachenwirrwarr. So viel Einheit in Vielfalt war den Menschen wohl schon damals suspekt, und ihre Reaktion besteht in Ratlosigkeit, Entsetzen bis hin zu Spott: “Sie sind voll süßen Weins.“ (Apg 2,13)

Beide Feste, das jüdische Schawuot und das christliche Pfingsten, haben für mich mit einem Traum, einer Vision zu tun: der Vision, dass menschliches Verstehen, auch über Sprach-, Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg möglich ist. Und dass überall da, wo Terror, Hass und Gewalt an der Tagesordnung sind, dem lautstark widersprochen werden muss. Gerade Antisemitismus, wie er sich in den letzten Tagen gezeigt hat, darf keinen Platz in Deutschland und anderswo haben!

P. Maurus Runge OSB