37 Jesus sprach noch mit seinen Zuhörern, als er von einem Pharisäer zum Mittagessen eingeladen wurde. Er ging mit und setzte sich an den Tisch. 38 Entrüstet beobachtete der Gastgeber, dass sich Jesus vor dem Essen nicht die Hände gewaschen hatte, wie es bei den Juden vorgeschrieben war. 39 Jesus bemerkte seinen Unwillen und wandte sich zu ihm: „Äußerlich seid ihr Pharisäer ohne Fehler, ihr glänzt wie die Becher, aus denen ihr trinkt. Aber innerlich seid ihr schmutzig und verkommen. 40 Ihr Scheinheiligen! Ihr wisst doch ganz genau, dass Gott beides geschaffen hat – Äußeres und Inneres. Meint ihr da wirklich, dass er nur auf das Äußere achtet? 41 Eure Schüsseln und Becher sind voll. Gebt das, was drin ist, den Armen, dann seid ihr auch vor Gott rein!
42 Wehe euch, ihr Pharisäer! Sogar von Küchenkräutern wie Minze und Raute und auch von allen anderen Gewürzen gebt ihr Gott den zehnten Teil. Aber das, was viel wichtiger wäre – Gerechtigkeit und die Liebe zu Gott –, ist euch gleichgültig. Doch gerade darum geht es hier: das Wesentliche tun und das andere nicht unterlassen.“

(Lk 11,37-42 (nach: Hoffnung für alle) – gesamte Tageslesung: Lk 11,37-54)

„Außen hui – innen pfui“ pflegte meine Oma zu Menschen zu sagen, die sich äußerlich gut, sauber, wichtig, rechtschaffen, „herausgeputzt“ gaben – und innerlich so ganz anders waren. Es ist wie die Kurzfassung der heutigen Tageslesung. Aber ist das so einfach?

Die Pharisäer sind Menschen, die ihren Glauben ernst nehmen und aus ihm heraus leben. In gewisser Weise sind sie die Elite der damals Glaubenden. Und doch geht Jesus mit ihnen nicht gerade zimperlich um. Er wirft ihnen vor, dass sie die Gesetzestreue höher ansetzen als die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Ja, dass sie die Gerechtigkeit nicht beachten – und die Menschen am Rande der Gesellschaft, die es nötig hätten, im wahrsten Sinne des Wortes links liegen lassen.

Und ich merke, dass diese Worte mich meinen. Nicht einen konkreten Menschen damals, sondern mich in meiner doch so oft pharisäischen Haltung. Stehe ich damit nicht oft genug Gott selbst im Wege durch mein (Nicht-)Zeugnis, trage seine Liebe nicht zu denen, die sie nötig hätten?

Da ist ein schöner Gottesdienst wichtiger als die Möglichkeit, Menschen nahe zu kommen. Da schreibe ich lieber Texte, als auf Menschen zuzugehen. Da fühle ich mich gut und wichtig, wenn andere mir das auch noch sagen – statt zu sehen, wen ich alles übersehe, wem ich weh tue, wen ich nicht beachte. Gelder für wichtige Hilfsprojekte kann ich organisieren. Aber mich der Bettlerin am Straßenrand zuzuwenden, schaffe ich nicht.

Jesus macht deutlich: das eine tun ohne das andere zu lassen. Nur: Gerechtigkeit und Liebe müssen an erster Stelle stehen. Nicht ich.

P. Guido Hügen OSB