Predigt am 5. Fastensonntag (22.03.2026)
von Br. Anno Schütte OSB
Die Auferweckung des Lazarus steht im Johannesevangelium am Anfang des Weges Jesu in sein Leiden und Sterben. Danach entscheiden Pharisäer und Hohepriester Jesus zu töten. Von Betanien, dem Ort der Auferweckung, ist es nicht mehr weit bis Jerusalem, dem Ort der Kreuzigung.
Auch wir nähern uns ausdrücklich der Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu: Am kommenden Palmsonntag beginnt die Karwoche – und an Ostern feiern wir Auferstehung. Die Auferweckung des Lazarus weist auf das österliche Ziel hin: Gott ist und will das Leben, durch den Tod hindurch!
Zunächst ist Lazarus sehr krank – zweimal wird das erwähnt. Jesus liebt Marta, Maria und Lazarus, deshalb benachrichtigen die beiden Schwestern Jesus. Der will zu ihm, auch wenn es gefährlich werden könnte, denn dort in Judäa, wollte man ihn kürzlich noch steinigen. Seine Botschaft und sein Wirken sind nicht harmlos. Doch Jesus lässt sich nicht aufhalten – es drängt ihn zu zeigen, dass Gott, der lebendig Liebende, den inzwischen gestorbenen und begrabenen Lazarus auferwecken wird.
Als Marta vom Kommen Jesu hört, geht sie ihm entgegen und wirft Jesus vor: „Herr, wärst Du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Unter ihrer Enttäuschung glimmt noch ein Funken Hoffnung und Zutrauen zu Jesus. Im Gespräch mit Jesus wandelt sich Marta: Aus ihrer resigniert-traurigen Verzweiflung wird hoffnungsvolles Vertrauen und sie bekennt: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“
Maria bleibt zunächst im Haus sitzen und bewegt sich erst, als Marta ihr die ausdrückliche Einladung Jesu präsentiert. Als sie Jesus begegnet, wirft auch sie ihm vor: „Herr, wärst Du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Sie und die jüdische Entourage bleiben in resignativem Weinen stecken: Lazarus ist und bleibt tot – Ende – Aus. Das trifft Jesus bis ins Herz: „Er war im Innersten erregt und erschüttert.“ Das treibt in noch energischer an und zum Grab hin: „Wo habt ihr ihn bestattet?“ Und er weint. – Bricht durch das innere Beben eine Lebensquelle neu in ihm auf?
Einige Juden ahnen das nicht. Sie pflegen spekulativ ihre Erwartungshaltung: „Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?“
Das erregt Jesus erneut innerlich, jetzt treibt es ihn endgültig zum Grab hin. Sie hatten die Höhle mit einem Stein verschlossen – sicher ist eben sicher – totsicher. Für sie war Lazarus endgültig gestorben! — Kennen wir das nicht: „Der ist für mich gestorben!“?
Für Jesus ist niemand gestorben – er ruft neu ins Leben – immer und überall. Er ruft heraus, aus allen Lebensgräbern, weil wir alle von Gott ins Leben und Lieben berufen sind, immer neu.
Jesus ruft laut: „Lazarus, komm heraus!“ Es ist – wortwörtlich – eine Heraus-Forderung. Jesus ermöglicht, das Lazarus sich endlich zeigen kann – so wie er ist. Seine Füße und Hände sind noch umwickelt und Jesus fordert auf: „Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!“
Das könnte auch für uns ein Angebot sein, denn alle können helfen zu ent-wickeln, damit alle frei und selbstbestimmt ihren Lebensweg gehen können.




Alexander Sieler