von P. Abraham Fischer OSB
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
In den Texten des heutigen Sonntags geht es um das Leben. Dieses wird in verschiedenen Dimensionen gedeutet.
Die Lesung aus dem Römerbrief versteht Leben erst einmal als Gegensatz zum Tod. Es gibt Lebende und es gibt Gestorbene. Es gibt für Glaubende nun aber eine Hoffnung über den Tod hinaus.
Damit steht eine der wichtigsten Fragen des Menschen und sogar der ganzen Menschheit im Raum: Ist mit dem Tod alles aus? Sind wir Menschen nur Materie, eine instabile Fett-Eiweißverbindung, die unweigerlich verfällt, wenn die Bewegung, der Kreislauf, das Atmen für immer aufhören? Sind wir Menschen am Ende nur Staub, der zur Erde zurückkehrt?
Es wird brisant, wenn wir den Tod aus dieser Perspektive betrachten. Nur noch die Spanne zwischen Geburt und Sterben bleibt uns. Nur noch die Jahre, die wir auf diesem Planeten leben dürfen, sind unsere. Für manche ist diese Lebensspanne lang bemessen, andere sterben aus unserer Sicht viel zu früh.
Eines nämlich lehrt uns der Tod: dass das Leben unendlich kostbar ist, eben weil es begrenzt ist. Das kennen wir aus unserer Vorratswirtschaft. Solange die Speicher voll sind, machen wir uns keine Gedanken und nehmen reichlich; wenn wir aber merken, dass der Vorrat leerer und leerer wird, dann werden wir nachdenklich und teilen die Entnahmen vermutlich gut ein. Die Geschichte mahnt uns, den Tod zu betrachten. Die schaurigen Darstellungen der Totentänze sollten uns aufrütteln. Menschen, die die große Pest in Europa erlebt haben – jeder dritte Mensch war an der Seuche gestorben – sahen den Tod vor allen Türen. Aus dieser Zeit stammen diese Malereien. Keine und keiner blieben verschont. Das Leben bekommt durch die Tatsache des Todes einen tiefen Ernst.
Hier kommt dann ein weiterer Gedanke zum Tragen. Die Wahrnehmung, dass der Lebensvorrat begrenzt ist, kann zur Herzensenge führen. Das neuerlich sogar bei vermeintlich demokratischen Staaten aufkeimende Phänomen des Egoismus ist letztlich Angst. Das Unbewusste des Menschen weiß immer um die Endlichkeit und die Sterblichkeit. Das Bewusstsein kann versuchen, diese Angst dadurch zu kompensieren, dass Andere und Andersartige als Bedrohung empfunden werden und dass man sich skrupellos nimmt, was anderen auch gehört.
Solches Verhalten nennt der Römerbrief „Sünde“. Menschen, die so leben, haben nicht verstanden, was Leben ist. Sie lassen sich von der Angst leiten und verhindern die Liebe.
Der Tod hat nicht das letzte Wort, sondern Gott hat das letzte Wort. Er ist der Herr über Leben und Tod. Nicht dass er den Tod abschaffen würde. Nein! Gott sieht den Tod als Übergang in ein neues erweitertes Bewusstsein. Er ist Teil des Lebens. Die andere Seite unserer Wirklichkeit ist nicht Tod, sondern unvergängliches Leben. Dorthin haben sich die Gestorbenen zurückgezogen. Von dort aus sind sie weiterhin für uns da. Wo wir Menschen nur das Ende des biologischen Lebens wahrnehmen können, da weitet Gott unseren Blick. Es gibt also etwas nach dem Tod oder vielleicht besser: neben dem Tod.
Die Tatsache des Todes macht Leben kostbar und keineswegs selbstverständlich. Wenn wir das für unser eigenes Leben wahrnehmen, dann sollte das fraglos aber auch für anderes Leben gelten. Auch das Leben unserer Mitmenschen ist kostbar, auch das Leben unserer Mitkreaturen ist kostbar, das ganze Leben auf unserem Planeten ist endlich und daher unwiederbringlich kostbar.
Die Natur hat dafür einen wunderbaren Reflex eingerichtet: Wenn wir ein Neugeborenes sehen, eine kleine Erdenbürgerin, einen kleinen Erdenbürger, dann haben wir unmittelbar das Bedürfnis, diesem Wesen Schutz zu gewähren. Der Reflex ist so tief in unserer Seele verankert, dass wir das auch bei anderen Lebewesen zutiefst empfinden.
Dazu ein Gedicht von Christian Morgenstern:
Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
des Glaubens, niemand sähe diese.
Doch im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes
vom vis-à-vis gelegnen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.
Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm.
Wenn wir beim Anblick eines Säuglings, einer schutzbedürftigen Kreatur weich und empfindsam werden, dann wird Gott das auch, wenn er seine Geschöpfe liebend ansieht.
Wer das nachvollziehen kann, der ahnt, was es mit der Auferstehung auf sich haben könnte. Wir stellen uns das immer sehr fern vor und sehr gewaltig. Das ist es vermutlich auch. Aber im Grunde ist der Gedanke der Auferstehung einem Gott geschuldet, der die Liebe ist. Er schaut fortwährend mit einem liebenden Blick auf seine Geschöpfe und kann gar nicht anders, als sie zu beschützen. Dieser Blick wurde häufig als Kontrollblick missverstanden. Das ist schnell geschehen. Jugendliche, die spätabends nachhause kommen und die wachenden Eltern vorfinden, empfinden das so. Dabei ist es die Sorge, die den Schlaf raubt und die wachhält. Gott ist genauso. Die Sorge um seine freien Geschöpfe hält ihn wach und er schaut immerfort aus nach uns. Er schaut uns an mit den Augen der Liebe, mit dem Blick in unsere unsterbliche Seele, mit dem Abglanz der Ewigkeit.
Amen.

