Hier finden Sie die Predigten unserer Brüder – sofern diese mit der Veröffentlichung einverstanden sind – zum Nachlesen. Gerade in der Zeit, in der unsere Gottesdienste wegen der Verbreitung des Coronavirus nicht öffentlich sind, möchten wir Ihnen so Anteil geben an unserem Leben.

von Br. Anno Schütte OSB

Können wir Ostern, Auferstehung – neues Leben – feiern, ernsthaft und froh, in dieser Welt? Sie ist erschüttert: Von Brüchen, Rechtsbrüchen, Krisen, Kriegen – kleinen und großen, von Ignoranz und Gewalt – davon auch medial aufgeheizt. Kann Auferstehung feiern ein Aufbruch werden, um in begründeter Hoffnung nach Lösungen zu suchen, die eine lebens- und liebenswerte Zukunft ermöglichen?

Das Leben des Juden Jesus fiel in eine Zeit, die mindestens so von Gewalt und Perspektivlosigkeit geprägt war wie unsere: Er lebte in einer Randprovinz des römischen Imperiums, erobert und beherrscht für scheinbar ewige Zeiten. Ganz oben im System ließ sich ein diktatorischer Kaiser als Gott verehren. Viele wurden ausgebeutet, versklavt, andere schwelgten im Reichtum, viele liefen gleichgültig angepasst mit, Nonkonformisten wurden ausgegrenzt oder gleich mörderisch beseitigt.

Auch in Sachen Religion keine freie Gleichberechtigung: Argwöhnisch kontrollierten die Römer das Glaubensleben der Juden und schlugen zu, sobald sie ihre Macht bedroht sahen. Auch das Judentum war inhaltlich und strukturell in Gewalt- und Machtstrukturen erstarrt – Jesus wurde auch Opfer der Konflikte mit Schriftgelehrten, Hohepriestern und einem wilden Mob.

In genau so eine Welt, damals wie heute, geht Gott ein und steht in ihr auf: In diesem Jesus und in seiner Auferstehung offenbart er sich endgültig und unüberbietbar: Gott schenkt Leben und will, dass alle leben – auch im Tod. Im Grunde gibt es keinen Tod, weil Gott als Lebens-Grund da ist, für uns – immer und überall. Ostern feiern ist Annahme und Einübung dieses Angebots. Wir erleben es vor allem im Sich-von-Gott-lieben-lassen, wir üben und vertiefen es durch menschlich kreatürliches Lieben – immer neu, vielleicht in kleinen Schritten als Anfänger auf unserem Lebensweg. Gottes Lieben, durch Jesus offenbart, lässt uns auferstehen, immer wieder, jetzt und hier – heute feiern wir das besonders.

Das Osterevangelium erzählt, wie Maria schrittweise diese Wahrheit in sich einlässt und in sie hineinwächst. Sie wird zum Beispiel eines Menschen, der trotz katastrophaler Lage aufbricht und tapfer tut, was möglich ist. Das hatte Jesus vorgelebt und dem will sie weiter folgen. Die neue Gegenwart Jesu offenbart sich ihr und das teilt sie der Welt mit. – Wir können von ihr lernen!

Es beginnt mit einem Besuch am Grab Jesu. Vor zwei Tagen hatte man ihren geliebten Jesus am Kreuz brutal hingerichtet – ganz nah hatte sie das erlebt. Er war total gescheitert – seine ganze Jüngerschaft hatte sich aufgelöst. Mit ihm waren das richtig gute Leben und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gestorben und begraben – gerade auch für sie als Frau in einer patriarchal dominierten Gesellschaft.

Sie geht allein und noch im Dunkel zum Grab – Trauer und Sehnsucht ziehen sie dorthin. Sie lässt sich nicht einsperren in den finsteren Teufelskreis der erlittenen Gewalt, sondern bricht mutig und selbstbestimmt auf, um wenigstens in der Nähe des toten Jesus Trost zu finden.

Am Grab sieht sie nur die äußere Veränderung: Der Stein ist weggenommen. Die oberflächlich äußere Sichtweise erweckt in ihr einen Verdacht, mit dem sie zu Petrus und dem anderen Jünger eilt: „Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen … .“ Noch steckt sie fest in der Verlusterfahrung, das Neue im Grabesinneren erschließt sich ihr noch nicht.

Die beiden Jünger laufen hin, trauen sich weiter und gehen in das Grab hinein. Sie entdecken die herumliegenden Spuren eines verschwundenen Toten: Auch sie suchen noch einen Toten – das unglaublich neue Leben?: Fehlanzeige. Auch wenn der eine seinen Glauben bekennt, entfaltet er keine Wirkung: Sie bleiben stumm und kehren nach Hause zurück – kein Aufbruch, eher ängstlicher Rückzug.

Maria bleibt –  draußen vor dem Grab – und weint. Schmerz und Trauer fließen aus ihr heraus – bricht da eine neue Lebensquelle auf? Ermutigt wagt sie ins Grab zu schauen – sie will dem Geheimnis tiefer nachgehen und es ergründen. Engel, die Gesandten Gottes, sind da – und sprechen sie an: „Frau, warum weinst Du? Wen suchst Du?“ Die Engel spenden keinen billigen Trost – sie nehmen sie Ernst. Dieser Liebesdienst stärkt zu neuer Bewegung: Sie wendet sich um – und sieht Jesus. Der respektiert ihre verzweifelte Lage und fragt: „Wen suchst Du?“ Jesus zentriert ihre Suche, bereitet sie vor auf die Begegnung mit ihm. Denn noch ist sie nicht so weit, hält ihn für den Gärtner – noch immer sucht sie einen Toten: „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast!“ Schließlich offenbart sich Jesus: Nicht, in dem er sich in den Mittelpunkt stellt, sondern indem er ihr seine Aufmerksamkeit, seine Präsenz schenkt: Schlicht und einfach spricht er sie an: „Maria!“ – sonst nichts – nur ihr Name. Er meint sie als Person, er interessiert sich für sie – mit ihrem Namen würdigt er ihre Einzigartigkeit. Das bleibt nicht ohne Wirkung: Maria wendet sich zum zweiten Mal – nun ist sie ganz umgekehrt aus der Perspektive der Totensuche und nennt Jesus einfach nur „Rabbuni – Meister“. Das drückt eine lebendige Beziehung aus – er war und ist ihr Lebensmeister.

Das eröffnet Zukunft, da will sie bei ihm bleiben, ihn an sich binden und festhalten. Weil Leben und Lieben aber gerade nicht haben und festhalten bedeutet, weist Jesus sie bestimmt an: „Halt mich nicht fest!“ Leben im Sinne Jesu heißt: Frei-Geben – und darin empfangen, Teilen und Mit-Teilen und darin beschenkt werden. Darin erfahren wir Sinn, durch Sinnesfreude. Denn es ist Gottes Freude in der Schöpfung zu sein – bis in alle Lebensgräber hinein, um in ihnen aufzuerstehen.

Jesus wird zum Vater heimkehren und sendet Maria zu den Jüngern. Er vertraut ihr seine auferstandene Gegenwart an um sie zu verkünden. Das kommt bei den Jüngern an – bis zu uns hin und weit über uns hinaus. Das ist Grund zu feiern! Alleluja!

von P. Marian Reke OSB

Nicht nur heute, sondern Woche für Woche kann uns die Abendstunde des Donnerstags an die Schwelle des „Triduum Paschale“ führen. Dieser „Österliche Drei-in-einem-Tag“ – so ließe sich übersetzen – schimmert übers Jahr durch alle Freitage und Samstage bis hin zum festlich gestimmten Sonntag.

Was eigentlich begehen wir in der Feier der „Heiligen drei Tage“ (Triduum) und ihrer – wenn auch zumeist kaum wahrgenommenen – wöchentlichen Wiederkehr?

Wir feiern die Passion der Auferstehung. Ja, so muss es heißen: Passion der Auferstehung! Stattdessen sprechen wir gewohntermaßen von Passion und Auferstehung, als seien es zwei verschiedene Ereignisse in einem zeitlichen Nacheinander. Wir feiern die Passion der Auferstehung der Liebe!

Das macht doch die Leidenschaft und die Leidensgeschichte Jesu aus, dass durch ihn und mit ihm und in ihm die Liebe, die Gott selbst ist, aufersteht.

Leidenschaft und Leidensgeschichte – beides nennen wir Passion. Jesu ganzes Leben von der Krippe bis zum Kreuz kann als die eine Passion im doppelten Wortsinn verstanden werden.

Alle Worte und Taten Jesu und alle seine Widerfahrnisse sind davon bestimmt, dass die Liebe im Herzen der Menschen zwar – gleichsam weihnachtlich – eine Krippe sucht (vgl. Lk 1,26 ff.), um geboren zu werden, oft aber liegt sie dort wie in einem Grab aus Stein, obwohl sie lebt.

Darf ich das so sagen: das Herz des Menschen sei oft mehr ein Grab der Liebe als ihre Krippe? Worauf es mir dabei ankommt, ist die zuversichtliche Ahnung, dass die Liebe in und aus diesem Grab auferstehen und uns vorausgehen will – „nach Galiläa“ (Mk 14,28), will sagen, in unsere alltägliche Lebenswelt.

Im Spiegel der Passion Jesu erkennen wir, dass eben diese Auferstehung der Liebe, wenn sie zur Leidenschaft eines Lebens wird, auch die Züge einer Leidensgeschichte annimmt.

Die Heiligen drei Tage stellen uns die Stationen der Auferstehungspassion Jesu vor Augen. Hans Urs von Balthasar kennzeichnet in seiner „Theologie der drei Tage“ den Karfreitag mit seinem Vorabend als „Gang zum Kreuz“, den Karsamstag als „Gang zu den Toten“ und Ostern als „Gang zum Vater“. Ikonen der Ostkirche fassen dasselbe ins Bild. So können wir eigene Erfahrungen deuten und verstehen lernen. Wir können uns an ihnen ausrichten, wenn wir bisweilen nicht wissen, wie es weitergehen soll auf den Wegen der Wandlung unseres Herzens zum Ostergrab der Liebe.

Auch uns führt es wie Jesus durch das Gewirr von Schatten, die immer fallen, wenn das Licht ersteht. Schon im Abendmahlssaal legen sie sich über die Szenerie mit ihren Gesten vertrauter Nähe und lassen sogar die freundschaftlichen Worte zwischen Jesus und den Seinen dunkel werden bis ins Missverstehen und Verstummen.

Schwestern und Brüder, uns bleiben Schattenerfahrungen der Liebe nicht erspart, wenn wir sie – die Liebe – leben wollen: Argwohn, Eifersucht, Angst, Enttäuschung und manchmal sogar das der Liebe verschwisterte Gefühl des Hasses. In den Menschen, die Jesus umgeben, ist das alles da, manches auch in ihm selbst, und das macht die Stationen seiner Passion aus. Er aber geht hindurch … Hindurch – die Paschapassion!

Pascha meint geschichtlich den rettenden Vorübergang des Herrn durch die Wohnstätte seines Volkes in Ägypten (Ex 12,13) und dessen Durchzug durch die Wüste (Ps 136,16), durchs Rote Meer (z.B. Weish 10,18+19,17).

Pascha bedeutet existenziell den Durchzug durchs Leben mit seinen Krisen. Sie gleichen Engpässen, die uns bedrängen, und man ahnt nicht die Weite, bevor man hindurch ist. Hindurch muss jede Liebe, wenn sie auferstehen will, auch durch Wirrnisse und Ängste, die sie bedrohen.

Heute – am Gründonnerstagabend – gilt es zu verstehen: Solange unser Herz noch dabei ist, sich zum Auferstehungsgrab zu wandeln, heißt der Garten Gethsemane, und das kann sehr lange dauern. Der tröstende Engel (vgl. Lk 22,43) lässt oft auf sich warten. Aber er wird kommen, sagt die Jesusgeschichte, und dann wird der Ostergarten blühen in Begegnung und Erkennen (Joh 20,11-18).

von Br. Anno Schütte OSB

Die Auferweckung des Lazarus steht im Johannesevangelium am Anfang des Weges Jesu in sein Leiden und Sterben. Danach entscheiden Pharisäer und Hohepriester Jesus zu töten. Von Betanien, dem Ort der Auferweckung, ist es nicht mehr weit bis Jerusalem, dem Ort der Kreuzigung.

Auch wir nähern uns ausdrücklich der Erinnerung an das Leiden und Sterben Jesu: Am kommenden Palmsonntag beginnt die Karwoche – und an Ostern feiern wir Auferstehung. Die Auferweckung des Lazarus weist auf das österliche Ziel hin: Gott ist und will das Leben, durch den Tod hindurch!

Zunächst ist Lazarus sehr krank – zweimal wird das erwähnt. Jesus liebt Marta, Maria und Lazarus, deshalb benachrichtigen die beiden Schwestern Jesus. Der will zu ihm, auch wenn es gefährlich werden könnte, denn dort in Judäa, wollte man ihn kürzlich noch steinigen. Seine Botschaft und sein Wirken sind nicht harmlos. Doch Jesus lässt sich nicht aufhalten – es drängt ihn zu zeigen, dass Gott, der lebendig Liebende, den inzwischen gestorbenen und begrabenen Lazarus auferwecken wird.

Als Marta vom Kommen Jesu hört, geht sie ihm entgegen und wirft Jesus vor: „Herr, wärst Du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Unter ihrer Enttäuschung glimmt noch ein Funken Hoffnung und Zutrauen zu Jesus. Im Gespräch mit Jesus wandelt sich Marta: Aus ihrer resigniert-traurigen Verzweiflung wird hoffnungsvolles Vertrauen und sie bekennt: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“

Maria bleibt zunächst im Haus sitzen und bewegt sich erst, als Marta ihr die ausdrückliche Einladung Jesu präsentiert. Als sie Jesus begegnet, wirft auch sie ihm vor: „Herr, wärst Du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Sie und die jüdische Entourage bleiben in resignativem Weinen stecken: Lazarus ist und bleibt tot – Ende – Aus. Das trifft Jesus bis ins Herz: „Er war im Innersten erregt und erschüttert.“ Das treibt in noch energischer an und zum Grab hin: „Wo habt ihr ihn bestattet?“ Und er weint. – Bricht durch das innere Beben eine Lebensquelle neu in ihm auf?

Einige Juden ahnen das nicht. Sie pflegen spekulativ ihre Erwartungshaltung: „Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?“

Das erregt Jesus erneut innerlich, jetzt treibt es ihn endgültig zum Grab hin. Sie hatten die Höhle  mit einem Stein verschlossen – sicher ist eben sicher – totsicher. Für sie war Lazarus endgültig gestorben! — Kennen wir das nicht: „Der ist für mich gestorben!“?

Für Jesus ist niemand gestorben – er ruft neu ins Leben – immer und überall. Er ruft heraus, aus allen Lebensgräbern, weil wir alle von Gott ins Leben und Lieben berufen sind, immer neu.

Jesus ruft laut: „Lazarus, komm heraus!“ Es ist – wortwörtlich – eine Heraus-Forderung. Jesus ermöglicht, das Lazarus sich endlich zeigen kann – so wie er ist. Seine Füße und Hände sind noch umwickelt und Jesus fordert auf: „Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!“

Das könnte auch für uns ein Angebot sein, denn alle können helfen zu ent-wickeln, damit alle frei und selbstbestimmt ihren Lebensweg gehen können.

von Bischof Dominicus Meier OSB

Lieber Abt Cosmas, liebe Mitbrüder,

liebe Mitglieder des Freundeskreises Königsmünster,

liebe Geschwister im Glauben,

wir leben in anstrengenden Zeiten, daran besteht kein Zweifel. Gewohnheiten, Strukturen und Lebens­zusammenhänge, die uns vertraut waren und Si­cherheit geben konnten, kommen an ihre Grenzen oder haben bereits das Ende ihrer prägenden Wirk­samkeit erreicht. Und das betrifft nicht nur einen kleinen Teil unseres Lebens, fast alle Bereiche sind von großen Umbrüchen betroffen.

Der 24. Februar 2022 mit dem Überfall Russlands auf die souveräne Ukraine markiert geopolitisch in vielerlei Hinsicht eine Wende. Aber auch unser ge­sellschaftlicher Zusammenhalt, der insbesondere auf der Solidarität untereinander beruht, bröckelt; das Vertrauen in die Krisenfestigkeit und Gestaltungsfä­higkeit der parlamentarischen Demokratie steht in der Krise; die Wirtschaft schwächelt und steht in ei­ner grundlegenden Transformation; Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit nehmen überall zu und sind fast schon hoffähig geworden.

An die Stelle des Fortschrittsversprechens vergange­ner Jahrzehnte sind in Kirche und Gesellschaft Ver­lustängste, Ermüdung und Überforderung getreten. Die Angst zu verlieren, was wir hatten, und vor einer Zukunft zu stehen, die un­gewiss und eher bedrohlich aussieht, berührt viele Menschen zutiefst. Und Ge­fühle von Ohnmacht hin­terlassen Menschen nicht selten in ratloser Vereinze­lung.

Ja, wir leben in einer Zeit, die sich anfühlt wie ein großes Umbrechen. Veränderungen geschehen in ei­ner Ge­schwindigkeit, die uns oft atemlos zurück­lässt.

Für viele Menschen waren die Kirchen und ihre klös­ter­lichen Gemeinschaften Haltepunkte; aber auch hier ist der Wandel spürbar und unübersehbar. Viele spüren Ver­unsicherung, vielleicht sogar Angst.

Wenn ich die Ordensgeschichte bei P. Johannes und die Regelauslegung von Abt Harduin im Noviziat richtig verstanden habe, stoßen wir bei einem Blick in die Geschichte auf eine ähnliche Zeit: das 5. und 6. Jahrhundert nach Christus. Das Römische Reich zerfiel, Ordnung war Mangelware, Unsicherheit herrschte überall.

Genau in diese Finsternis hinein trat ein Mann, den wir als Benedikt von Nursia kennen. Er sah das Chaos, ver­ließ das „zerfallende Rom“ und suchte die Stille und einen lebendigen Gegenentwurf mit Freun­den zu gestalten.

Doch Benedikt war kein Weltflüchtiger, der die Hände in den Schoß legte. Er gründete Klöster – Orte der Ordnung, des Gebets und der Arbeit.

Was können wir, im Jahr 2026, so möchte ich fragen, von diesem Heiligen in unserer Zeit der Veränderung als Mönche und als Christen lernen?

  1. Die Kraft der Stabilität (Stabilitas loci)

Benedikts erste Antwort auf eine veränderte Welt war nicht hektische Aktivität, sondern Beständigkeit. Die Stabilitas loci – das Gelübde der Bindung an ei­nen Ort – klingt in unserer mobilen, flexiblen Welt, in der wir ständig dem Neuen nachjagen, altmodisch. Wie mobil und flexibel sind selbst wir Mönche geworden.

Aber die Stabilitas loci ist ein heilsames Gegenmittel zur Rastlosigkeit. In einer Zeit, in der alles im Fluss ist, brauchen wir innere Wurzeln. Nicht im Sinne von Stagnation, son­dern als Halt. „Beständigkeit ist die Heilung für die ängstliche Seele“. Benedikt sagt uns: Suche nicht das Glück im ständigen Wechsel, sondern finde den Ort, an den Gott dich gestellt hat, und gestalte ihn.

Benedikt lehrt uns, nicht bei je­dem Sturm panisch davonzulaufen, sondern dort Wurzeln zu schlagen, wo Gott uns hingestellt hat, und aus der Verwur­ze­lung heraus Zukünftiges zu gestalten. Mit den Men­schen im Kontext der Klöster Leben zu gestal­ten, ge­hört zu den positiven geschichtlichen Erfah­rungen über Jahrhunderte. Mönche prägten ihre Umgebung und ließen sich von ihr prägen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kirche der Zukunft weniger die uns jetzt bekannte pfarrliche Struktur haben wird, sondern die Menschen suchen Orte des Gebetes, Erfahrungsorte von religiösem Tun und Orte von Gemeinschaft. War nicht die Grün­dung des Freundeskreises von einem solchen Geist eines gelebten und verbindenden Impulses geprägt?

  1. „Ora et Labora“ – ordnender Rhythmus an­statt Burnout

Wir neigen heute dazu, uns in die Arbeit zu verlieren oder in Sorgen zu verstricken. Benedikt hat Arbeit und Gebet nicht getrennt. Die Arbeit ist heilig, das Gebet ist notwendig. In unserer Kultur, die Leistung oft über alles stellt, erinnert uns Benedikt an die gesunde Balance. Es geht um einen Rhyth­mus, der den ganzen Menschen würdigt: Kör­per, Geist und Seele. Es geht darum, dem Leben einen Rhythmus zu geben. In einer Welt des Wandels ist diese Struktur kein Gefängnis, sondern ein Schutzraum, der uns davor bewahrt, uns selbst zu verlieren.

Veränderungen kosten Kraft. Wer sich nur auf Arbeit oder nur auf Sorgen konzentriert, brennt aus. Bene­dikt bietet uns in seiner „Schule für den Dienst des Herrn“, einen täglichen Rhythmus an, der uns Halt gibt: Beten, Arbeiten, Lesen, Ruhen.

Dieser Rhythmus macht widerstandsfähig gegen all die schnelllebigen Sorgen und Nöte, gegen die sich schnell verbreitenden Fake News und die sich selbst laut ausrufenden Heilsbringer in Politik und Kirche.

  1. „Immer wieder neu anfangen“ (Semper in­cipia­mus)

Benedikt war Realist. Er wusste, dass Menschen schwach sind und dass wir scheitern werden. Ein schöner Gedanke aus der benediktinischen Tradition lautet: „Immer wieder neu anfangen“.

Wenn Projekte scheitern, wenn unsere Kirche sich wandeln muss, wenn Gewohnheiten, Strukturen und Lebens­zusammenhänge, die uns vertraut waren und Si­cherheit geben konnten, zerrinnen, wenn wir per­sönlich an Grenzen sto­ßen: Der heilige Benedikt er­mutigt uns, nicht in der Resignation zu verharren.

Seine Regel ist ein Weg, „un­sere Lebensweise zu än­dern, indem wir unser Herz ändern“. Es ist die Ein­ladung zur ständigen Umkehr und Erneuerung.

Benedikt von Nursia hat in einer Zeit des Untergangs das Fundament für eine neue Kultur gelegt – eine Kultur der Gastfreundschaft, des gegenseitigen Re­s­pekts und des Dienstes am Nächsten. Seine Regel betont das Miteinander – wir würden sagen synodal sein -, das gegenseitige Ertragen von Schwächen mit Geduld. In einer Gesellschaft, die oft von Polarisierung geprägt ist, ist das benediktinische Prinzip der gegenseitigen Achtung ein revolutionärer Gegenentwurf.

Lassen wir uns von Benedikt und seiner Lebenskunst, die er in der Regel zusammengefasst hat, inspirieren, in unseren stür­mischen Zeiten nicht ängstlich zu erstarren, sondern mutig und gestalterisch tätig zu sein. Bauen wir an kirchlichen Orten und klösterlichen Gemeinschaften, die Halt geben, leben wir aus einem Rhythmus, der uns trägt, und hören wir auf das, was wesentlich ist.

„Dass in allem Gott verherrlicht werde“ – das war Benedikts Ziel.

Möge es auch das unsere sein, in die­sen sich verän­dernden Zeiten.

 

von P. Maurus Runge OSB

Im Himmel treffen sich George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump vor Gottes Richterstuhl. Zu Bush spricht Gott: „Setze dich zu meiner Rechten“, zu Obama: „Setze dich zu meiner Linken!“ Als er sich Trump zuwenden will, unterbricht ihn dieser und sagt: „Du sitzt auf meinem Platz!“
Dieser Witz illustriert sehr schön, was im Buch Genesis als die Grundversuchung des Menschen beschrieben wird: das Sein-Wollen wie Gott. Alles haben Mann und Frau im Paradies, nur eins dürfen sie nicht – und genau das ist es, was sie wollen. Wir begehren oft das, was wir nicht haben oder haben dürfen – das ist wohl ein menschliches Grundthema, das viel Leid in die Welt und in unser persönliches Leben bringt.
Diese Grundversuchung – sein zu wollen wie Gott – ist aber nichts, was für mächtige Politiker reserviert ist. Modern sprechen wir heute von „toxischer Männlichkeit“, ein Phänomen, das vor allem bei Männern anzutreffen ist. Was das für gefährliche Ausmaße annehmen kann, das sehen wir gerade bei den Enthüllungen im Fall Epstein, die eine wahrhaft diabolische Seite im Menschen offenbaren. Aber wir kennen diese Versuchung auch aus unserem alltäglichen Leben. Sie äußert sich in den folgenden Fragen: Warum soll ich eigentlich andere, die da oben, – oder Gott – darüber bestimmen lassen, was gut für mich ist? Warum nicht mein Schicksal selbst in die Hand nehmen, koste es, was es wolle? Jeder ist sich selbst der Nächste, und die Schwächeren müssen dann eben ausselektiert werden.
Jesus zeigt uns an seinem eigenen Schicksal drei Weisen dieser Grundversuchung – und er bietet uns Lösungen an. Die eigentliche Botschaft an diesem Evangelium, das wir am Anfang der Fastenzeit hören, ist, dass auch Jesus diese Versuchung nicht fremd geblieben ist, weil ihm eben nichts Menschliches fremd ist.
Da ist zunächst die Versuchung, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, große, außergewöhnliche Zeichen zu setzen: „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.“ Männer wie Jeffrey Epstein oder Donald Trump haben diese Versuchung bis ins Kleinste ausbuchstabiert: Ich habe das Recht, mir das zu nehmen, was ich will, und wer nicht mitspielt, der bekommt meine Macht zu spüren: Ökonomisch, politisch, sexuell. Jesus aber beruft sich auf einen Höheren, einen Größeren, der für ihn sorgen wird: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ Das Wesentliche im Leben kann ich nicht mit toxischer Männlichkeit erreichen, nein, letztlich offenbart diese vermeintliche Stärke nur meine Schwäche, meine Angst, im Spiel des Lebens zu kurz zu kommen.
Die zweite Versuchung könnten wir die Versuchung der Sensation nennen: „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab“. Diese Versuchung ist in den Zeiten der Sensationspresse mit ihren immer blutrünstigeren Schlagzeilen und der sozialen Medien mit den immer neuen und größeren Challenges vielleicht die aktuellste. Auch hier kontert Jesus mit einem Schriftwort: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ Sensationsgier letztlich als Versuchung Gottes: Ich bin nur wer, wenn ich größer, schöner und schneller bin als andere, wenn ich meine Besonderheit herausstelle – koste es, was es wolle. Schwäche zu zeigen, gilt hier als Makel. Hier ist unsere moderne Medienwelt gnadenlos. Am Kreuz Jesu wird uns diese Versuchung, stark zu sein, wiederbegegnen: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig herab vom Kreuz!“ Und auch Petrus wird zum Versucher, weil er nicht anerkennen will, dass Jesus sein Messiassein durch Leiden und Kreuz verwirklichen wird und anscheinend besser weiß, was für Jesus gut ist.
Schließlich die Versuchung der Macht: „Hier sind alle Reiche der Welt, die ich dir geben werde, wenn du mich nur anbetest.“ Dabei hat der Satan, der Versucher, heute viele Gesichter: der Satan des Geldes, der politischen Macht, der Einflussnahme, … Auch hier antwortet Jesus mit dem absoluten Vorrang Gottes: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.“

Wie wäre es, wenn wir in dieser Fastenzeit einmal versuchen, nicht aus toxischer Männlichkeit, aus der eigenen Stärke zu leben, die erbarmungslos andere niedermacht, sondern die eigene Schwachheit anzunehmen und uns bewusst zu machen, was uns alles unabhängig von unserer eigenen Leistung geschenkt worden ist? Die Evangelische Kirche in Deutschland hat die Fastenzeit unter das Motto gestellt: „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte“, um hier ein Gegengewicht zu unserer Zeit der Stärke und Macht zu setzen. Wie wäre es, in dieser Fastenzeit einmal bewusst Zeichen der Empathie und des Mitgefühls zu setzen: ein lobendes Wort, eine Geste der Aufmunterung, eine Umarmung, ein tröstender Blick, …
Dann kann diese Fastenzeit für uns zu einer ganz persönlichen Wüstenzeit werden. Wüste, das ist ja nicht nur der Ort der Versuchung, das ist biblisch auch der Ort der ersten Liebe. Ein Ort, wo ich zurückkehre zu meinen Ursprüngen. Wo ich Gott wieder die erste Stelle in meinem Leben einräumen kann – gegen all die modernen Versuchungen, die ihn zu entthronen versuchen. Er ist es, der mich durch alle Versuchungen hindurch in eine größere Freiheit führen möchte – hin zu einem MEHR an Leben, zu größerer Weite, zu Auferstehung – damit es auch in mir Ostern werden kann. AMEN.

von P. Marian Reke OSB

Nur wenige Stunden ist es her, dass wir Heilige Nacht gefeiert haben. Die Geburt und die Geburtlichkeit! Leben ist nicht nur sterblich, es ist auch geburtlich. Ein ungewohntes Wort! Es kommt auf die Perspektive an – und auf den steten Perspektivwechsel zwischen Enden und Anfangen. Wie sehe ich die Welt?

Das Weihnachtsgeheimnis des Anfangs vermag stets aufs Neue die Seelen vieler Menschen zu berühren. Den alten Geschichten von Engelsboten, von Herden und Hirten auf freiem Feld und vom Stall zu Bethlehem, eignet eine Aura, die uns umhüllt und das Ohr und die Augen des Herzens öffnet. Auch jetzt in der Tageshelle des Hochfestes feiern wir Weihnachten – aber sozusagen auf einen anderen Ton gestimmt.

Wie von fernher erreicht uns in den Lesungen die Prophetie des Jesaja: eine jubelnde Botschaft des Friedens und der Freude, des Trostes. Verheißungsvolle Vorworte jener alles erfüllenden und überbietenden Selbstmitteilung Gottes, der endgültig gesprochen hat durch den Sohn, wovon der Hebräerbrief kündet. Und es erklingen die uns bekannten und doch so befremdlich wirkenden ersten Verse des Johannesevangeliums. Sie muten an wie wuchtige Akkorde zum Auftakt einer großen Symphonie. In Rückbindung an den Schöpfungsmorgen lässt uns der Johannesprolog das Drama der Erlösung ahnen: die Jesusgeschichte von der Krippe bis zum Kreuz und darüber hinaus – ins Osterlicht. „Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott. / Im Anfang war es bei Gott. // In ihm war das Leben, / und das Leben war das Licht der Menschen.“

Gestimmt auf diesen Ton singt in Gemeindemessen vor dem Evangelium der Kantor den ins Deutsche übertragenen Alleluja-Vers der Weihnachtsliturgie: „Aufgeleuchtet ist aufs Neue der Tag der Erlösung“. Das Wort Erlösung wird musikalisch gleichsam wie ein geschliffener Kristall ins Licht gehoben und erstrahlt.

Worin aber liegt – jenseits aller Poesie – das Erlösende des heutigen Festes? Wird uns nicht gerade an Tagen wie diesen erschreckend bewusst, wie wenig erlöst unsere Welt – die große und die kleine – erscheint? Wie können wir Jahr für Jahr an Weihnachten so leichthin von der Welterlösung reden und singen, wenn uns doch die großen und kleinen Lösungen der Weltprobleme immer wieder derart schwer von der Hand gehen?

Vielleicht liegt die Antwort auf diese bedrückenden Fragen darin, dass wir sie andersherum stellen müssten. Will sagen: Wir tun uns womöglich mit den konkreten Problemlösungen oft so schwer, weil wir – gegen alle Festbeteuerungen – im Alltag zu selten bewusst „von der Erlösung her“ denken und fühlen, zu wenig „von der Erlösung“ her leben. Das Wort von Joseph Wittig auf seinem Grabkreuz unten auf dem Mescheder Südfriedhof, gilt nicht erst den Toten, es gilt uns Lebenden: „Getröst, getröst! Wir sind erlöst.“

Was macht nun eigentlich das Erlösende von Weihnachten aus? – Wenn Gott in Jesus Christus Mensch wird und dabei Gott bleibt, wie wir bekennen, wenn er also wahrer Gott und wahrer Mensch ist, dann ist die Welt kein in sich geschlossenes System, dann dreht sich die Erde nicht bloß um sich selbst, dann gibt es ein offenes Zueinander und Füreinander von Himmel und Erde. Der Theologe Hans Urs von Balthasar hat es so gesagt: „Weihnachten ist nicht ein innergeschichtliches Ereignis, sondern der Einbruch der Ewigkeit in die Zeit.“ Die dadurch sich auftuende Offenheit zwischen Himmel und Erde liegt zwar nicht offen zutage, sie bleibt verborgen und zwingt sich nicht auf, aber sie wird sich nie mehr schließen.

In der vierten der sieben adventlichen O-Antiphonen haben wir die weihnachtliche Öffnung unserer in sich verriegelten Welt herbeigerufen – mit Worten aus der Geheimen Offenbarung: „So spricht der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet und niemand wird schließen, der schließt und niemand wird öffnen: Ich kenne deine Taten, siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann (nicht einmal du selbst, ließe sich ergänzen). Du hast (zwar) nur geringe Kraft und dennoch hast du an meinem Wort festgehalten.“ Wer an diese Offenheit glaubt, ihr also ernsthaft traut und demnach alles auch zutraut, dem wird ein neues, sich stets erneuerndes Lebensgefühl geschenkt, der sieht die Welt mit anderen Augen. Könnte es nicht sein, dass die konkreten Lösungen, die wir für die konkreten Probleme unserer Welt brauchen, sich leichter finden lassen, wenn wir einzeln und gemeinsam fest darauf vertrauen, für unsere Problemlösungen nicht bloß auf uns selbst angewiesen zu sein?!

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Gnade der Erlösung macht das Werk der Lösungen, zu denen wir herausgefordert sind, nicht überflüssig. Aber: Nicht von den Lösungen her kommt die Erlösung. Erlösung ist nicht die Summe aller Lösungen. Nein, umgekehrt: Von der Erlösung her kommen leichter Lösungen in Sicht. Vieles in Kirche und Gesellschaft, auch im Kloster, ist womöglich nur deshalb so mühsam zu schultern, weil uns der lange Atem ausgeht, indem wir den pragmatisch-technisch zu organisierenden Lösungen hinterherhecheln. So nötig und notwendig sie auch sind: Lasst uns dennoch den gewohnten Turn der sogenannten Sachzwänge hin und wieder unterbrechen und innehalten, um ein paar Momente den Atem der Erlösung zu erspüren und bewusst darin zu atmen, ganz schlicht, ganz alltäglich, ganz treu und wie neu – also einfach immer, immer wieder.

von P. Maurus Runge OSB

Mit dem Begriff „Wunder“ tun wir uns heute schwer. Wir sind ja schließlich aufgeklärte Menschen, die für alles eine Erklärung finden können – wenn man nur lang genug sucht. Und wenn unter einem Wunder vor allem ein Ereignis verstanden wird, das unsere Naturgesetze durchbricht, wird es tatsächlich schwierig. Es gibt die sog. medizinischen Wunder, bei denen ein todkranker Patient Heilung erfährt und selbst der versierte Arzt nicht erklären kann, was hier geschehen ist. In der Alltagssprache sagen wir eher resignativ: „Da kann jetzt nur noch ein Wunder helfen“ – und meinen unausgesprochen: „Da können wir jetzt nichts mehr machen.“
Seit vier Jahren wird von einem Radiosender bei uns im Westen ein großes Ereignis veranstaltet, das sich „Weihnachtswunder“ nennt: vier Moderatorinnen und Moderatoren senden in einer Stadt in NRW, in diesem Jahr in Essen, fünf Tage und Nächte ununterbrochen aus einem gläsernen Studio und erfüllen Musikwünsche, die gegen eine Spende für soziale Projekte hier vor Ort und weltweit eingereicht werden können: von den zehn Euro, die Kinder von ihrem Taschengeld spenden bis zur vier-, ja fünfstelligen Spende ist alles dabei. Das alles wird angereichert durch ein buntes Konzertprogramm und bekannte Gäste.
Worin für mich das eigentliche Wunder dieser vorweihnachtlichen Tage besteht, sind die vielen Geschichten, die Menschen von ihren Spendenaktionen und Beweggründen, anderen Gutes zu tun, erzählen. Da ist das zehnjährige Mädchen, das von einem Gehirntumor geheilt anderen Menschen Hoffnung macht, indem es Armbänder knüpft und verkauft, der Lehrer, der mehrere Nächte schlaflos ausharrt und dafür Spenden für den guten Zweck von seiner Schulgemeinschaft sammelt, die Frau, die in diesem Jahr ihren Mann verloren hat und in seinem Sinne nun Geld für bedürftige Menschen spendet. Geschichten, die viele der Menschen, die das „Weihnachtswunder“ vor Ort oder im Livestream mitverfolgt haben, zu Tränen rühren. Geschichten, die zeigen, dass es doch viel mehr Menschlichkeit und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gibt, als es oft den Anschein hat.
Und dabei sind wir schon sehr nah bei der Botschaft von Weihnachten, beim Weihnachtswunder, das sich zum ersten Mal im Stall von Bethlehem ereignet hat. Denn auch bei diesem Wunder der Weihnacht geht es nicht um die Durchbrechung von Naturgesetzen, sondern um die Geburt eines Kindes, das Menschen, zunächst die Hirten auf den Feldern vor Bethlehem, in Bewegung setzt und aufbrechen lässt, indem sie dem Stern ihrer Hoffnung und Sehnsucht folgen. Die Botschaft dieses Kindes, auch heute noch, lautet: „Du bist geliebt, Mensch, weil Gott selbst Mensch geworden ist. Du bist geliebt, egal wie viel oder wenig du vermeintlich leistest, egal wie krank oder gesund, arm oder reich du bist, egal wie viele Macken du hast oder was du getan oder unterlassen hast, weil Gott selbst in der Kälte und Unbehaustheit eines zugigen Stalls Unterschlupf gefunden hat, weil Gott selbst diese schwache Menschennatur angenommen hat.“
Die Botschaft von Weihnachten, die sich im Weihnachtswunder von Bethlehem vor über 2000 Jahren und im Weihnachtswunder von Essen 2025 so eindrücklich zeigt, ermutigt mich, das Positive zu sehen, das Gott mir schenken möchte – durchaus auch in allem Leid und allem Schweren – und es zeigt mir, mit welch einfachen Mitteln ich auch für andere zum Weihnachtswunder werden kann: der Mensch, der mich an der Supermarktkasse vorlässt – der Mensch, dem ich ein Lächeln schenke, eine Umarmung oder ein gutes Wort.
All diese Gesten und Worte der Menschlichkeit sind das Licht, das in der Dunkelheit erstrahlt, so wie die Videoinstallation „Lumina“ in dieser Kirche gerade die dunklen Wände erhellt und uns Lichter der Hoffnung schenkt. Sie sind das Licht, das von der Krippe her, die Sie in diesem Jahr in der Beichtkapelle betrachten können, unsere Welt nicht blenden, sondern langsam, aber unaufhörlich erhellen will.
Oft ist es so, dass wir bei all den schlechten Nachrichten, die Tag für Tag über sämtliche Medien auf uns niederprasseln, auch in unserem kleinen Alltag eher das Negative sehen, das, was nicht funktioniert, die Kritik, die wir, sei sie berechtigt oder unberechtigt, gerne äußern. Und die vielen positiven Dinge, die hoffnungsvollen Anfänge, die Neuaufbrüche übersehen wir leicht. Es braucht manchmal ein Weihnachtswunder, um auch das zahlreiche Positive, das es in unserem Leben und in unserer Welt gibt, wahrzunehmen
„Ihr seid das Weihnachtswunder“ – mit diesen Worten endete das Weihnachtswunder des WDR. Genau das ist die Ermutigung, die uns vom neugeborenen Kind in der Krippe zugesagt wird: Du selbst bist das Weihnachtswunder. Du selbst kannst zum Wunder für andere Menschen werden. Es gibt so viele Möglichkeiten, anderen Menschen ein Licht zu sein. Und es gibt zum Glück so viele Orte, an denen diese Möglichkeiten Wirklichkeit werden. Es gibt so viel Liebe und Menschlichkeit, viel mehr, als uns andere oft einreden wollen. Wir können selbst damit anfangen. Werden wir zum Weihnachtswunder – in Essen, Meschede und an so vielen anderen Orten auf der Welt. AMEN.

Predigt von P. Abraham Fischer OSB im Konventamt am Ersten Adventssonntag 2025

Das Evangelium spricht nicht gerade von einer gemütlichen Adventsstimmung, sondern von der Wiederkehr des Christus. Da es in der Ewigkeit kein Vorher und kein Nachher mehr gibt, fällt dieser Tag in eins mit unserem persönlichen Sterben. Alle Zeitlinien vereinen sich sozusagen in einem Punkt. Das Evangelium kann daher beunruhigen, vielleicht sogar aufwecken aus dem Schlaf der Sicherheit. Worauf warten wir Menschen? Was könnte unser Lebensadvent sein?
Ich möchte mir mit Ihnen heute Gedanken zum Thema Warten machen:

Advent einmal anders:

Über das bange Warten. Auf die Diagnose nach einer Untersuchung zu warten, kann das Herz einschnüren. Wir kennen alle den Satz, dass die Hoffnung zuletzt stürbe. Aber unsere Gefühle und Gedanken sind vorher tausend Tode gestorben. Und wir sind erlöst, wenn das Warten endlich ein Ende hat und wir „Gewissheit“ haben, wie es um uns steht.
Alle, die einen Menschen lieben und um ihn bangen, wissen, wie schwer das Herz wiegen kann und wie lang Nächte werden. Eltern, die auf die aushäusigen Kinder warten. Der Schwerkranke, der auf den Morgen wartet, an dem endlich wieder etwas geschieht. Das Besondere an diesen Wartesituationen ist, dass wir nicht wissen, wann der Zeitpunkt des Eintreffens ist. Wir fühlen uns haltlos und beginnen so etwas wie Ersatzhandlungen, nesteln am Taschentuch herum, drehen Däumchen, gehen wie der Tiger im Käfig auf und ab. Letztendlich sind wir auf uns selbst fixiert, fressen das Leid einsam in uns hinein, bis es uns auffrisst.
Wie schön ist es, wenn uns in diesem bangen Warten etwas ablenkt. Was für ein Segen ist der Mensch an meiner Seite, der da ist und mich und meine Angst aushält. Meist mehr ohne Worte, ohne Ratschläge oder Besänftigung. Das ist der stärkste Dienst aneinander. Sich daneben setzen, Sprachlosigkeit teilen und die Unruhe aushalten.
Früher und auch heute noch beten manche Menschen in durchwachten Nächten. Man kann das belächeln. Vielen aber hat das schon Halt gegeben, wenn die Gebetsschnur durch die Finger gleitet und die Worte mechanisch durch die Seele fließen. Die kleinen Holzperlen an der Kette geben Halt und sie zeigen, dass die Zeit vergeht, und die sich wiederholenden Texte holen das andere ins Bewusstsein. Wir atmen regelmäßiger und die Seele beruhigt sich.
Und dann wäre da noch ein Warten, das wir gar nicht als solches empfinden: Vielleicht deshalb, weil wir dieses Warten „Leben“ nennen.

Das Warten auf den Tod.  Ja – sie haben richtig gehört: das Warten auf den Tod. Wann immer ein Menschenkind geboren wird, ist eines gewiss: Dass dieses Leben nicht bleiben wird. Entwicklung kann nur geschehen, wenn es Abschied gibt. Das wissen wir geistig schon immer – auch wenn wir das gerne nicht wahrhaben wollen.
Die Regel des heiligen Benedikt formuliert dieses letzte Warten dramatisch: Den drohenden Tod sollen die Menschen sich täglich vor Augen halten. Da kann man Angst bekommen. Manche Menschen gehen in die Lebensangst. Sie trauen sich nicht zu leben, weil es ja eh alles endlich ist.
Es wäre aber auch möglich, diese Bewertung umzudrehen. Gerade wenn etwas endlich ist, wird es kostbar. Manche Menschen können nur arbeiten, wenn sie einen Termin vor sich sehen. Im Englischen nennt man das „Deadline“. Was für ein treffender Begriff. Dahinter steht die Erkenntnis, dass man nicht rückwärts leben kann. Wir wünschen uns das: einmal wieder von vorne anfangen und dann alles vermeintlich besser zu gestalten. Das ist eine Illusion. Wir haben nur den Augenblick, in dem wir wirklich handlungsfähig sind. Das scheint wenig zu sein. Unsere Vergangenheit ist unveränderbar und unsere Zukunft ist unabsehbar. Uns bleibt: Aus der Vergangenheit zu lernen: Das Gute wertschätzen und bewahren, das Vertane in Versöhnung ändern. Achtsam unsere Zukunft zu sein. Im Jetzt gute und nachhaltige Entscheidungen zu treffen.
Die Angst vor dem Ende, dem Tod ist uns eingeschrieben. Sie löst sich nicht, wenn wir flüchten. Vielmehr wäre es eine Möglichkeit, das Zeitliche wirklich zu segnen. Also in innerer Versöhnung den Weg zu gehen … bis zu seinem Ende.

Deshalb zum Schluss meiner Überlegungen:

Warten auf Erlösung

Menschen in der Mitte des Lebens stellen sich die Frage, was denn da noch kommen kann. Wir finden uns in einem Lebensnetz wieder, in dem die meisten Verbindungen allzu fest verknüpft sind. Lebensnetze halten, aber sie können auch einengen.
Alles ist relativ – alles ist bezogen und verbunden. Es gibt kein Entrinnen, wir sind immer gesehen. Eine Vorstellung, die eher verunsichert. Aber: wir sind auch geborgen in allem, was ist.
Es stellt sich dann auch die Frage, ob wir es wagen, aus dem „Bestehenden“ auszusteigen und uns in eine andere Dimension vorzuwagen. Menschen, die glauben, gelten als widerstandsfähiger. Sie können Lebenskrisen besser bestehen, weil sie ihre
Seele verankert haben. Weltliche Lebensversicherungen sind immer endlich und begrenzt. Der Ausstieg aus dem vermeintlich „Wirklichen“ hin zu einem größeren Netzwerk kann das Leben erleichtern.
Erlösung ist das Loslassen auf etwas Größeres hin. Es ist eine lebenslange Übung. Viele kleine Schritte und Übungen reichern das Vertrauen an, dass hinter allem etwas wartet, auf das hin wir loslassen dürfen. Menschsein ist dann nicht Zufall, sondern Gewolltsein. Wer sich das im wahrsten Sinn des Wortes „erlebt“, der gestaltet sein Leben als Wartender. Dabei ist das Ziel des Lebens nicht etwa ein immer enger werdender Tunnel, sondern die Erfahrung von Größe und einer Weite, die das begrenzte materielle Dasein nicht leisten kann. Leben ist Übung. Warten in seinen verschiedenen Dimensionen ist keine Zeitverschwendung, sondern Übung, ins Wesentliche zu kommen.

Warten ist Leben. Wie kann es werden? Warten wir‘s ab!

 

von P. Maurus Runge OSB

„No Kings“ – in deutscher Übersetzung „Keine Könige“: unter diesem Motto gingen zum ersten Mal am 14. Juni dieses Jahres, dann wieder Mitte Oktober an mehreren Tagen Millionen Menschen überall in den Vereinigten Staaten auf die Straße, um gegen den autoritären Führungsstil von Donald Trump zu demonstrieren, der demokratische Traditionen missachte. Mit dem Slogan „No Kings“ warfen die Demonstranten Trump vor, den Anspruch eines Königs zu haben und sich wie ein solcher zu gebärden.

Diese ausgesprochen königskritische Perspektive finden wir schon in der Bibel. Im Ersten Testament ist es das Volk Israel, das sich nach einem starken Mann, einem König sehnt, der endlich Recht und Ordnung durchsetzt. Der Prophet Samuel ist gegenüber diesen Anwandlungen sehr kritisch, er führt den Menschen die Gefahren eines solchen Königtums vor Augen. Und tatsächlich werden im Verlauf der Geschichte Israels auch immer wieder die dunklen Seiten seiner Könige in leuchtenden Farben beschrieben: da ist der erste König Saul, der sich vom Hoffnungsträger zum verrückten Despoten entwickelt, der seinem designierten Nachfolger David nach dem Leben trachtet. Selbst der große David, Inbegriff des Königtums Israels, von dessen Proklamation durch das Volk in der Lesung erzählt wird, missbraucht seine Herrschaft für persönliche Interessen und schickt einen Menschen in den Tod auf dem Schlachtfeld. Und nach König Salomo und der Aufspaltung Israels in ein Nord- und ein Südreich ist die Königsgeschichte, wie sie uns in den Königsbüchern erzählt wird, eine einzige Verfallsgeschichte, die in die große Katastrophe des Babylonischen Exils mündet.

Und auch der messianische Königsanspruch von Jesus Christus kommt so ganz anders daher als der des politischen Befreiers, den Israel sehnlichst erwartete und der die Menschen von der römischen Fremdherrschaft befreien sollte. Jesus wird zwar als „König der Juden“ bezeichnet, aber er ist ein König, der am Kreuz hängt und von den Menschen verspottet wird: „Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst!“

Wie passt in diese königskritische Perspektive das Christkönigsfest, das wir am Ende des Kirchenjahres auch als unser Patronatsfest von Königsmünster so feierlich begehen: „Sein Reich ohn‘ alle Grenzen ist, ohn‘ Ende muss es währen. Christkönig Halleluja, Halleluja“?

Von seiner Entstehung her passt dieses Fest perfekt in diese königskritische Perspektive. Papst Pius XI. hat es 1925, also vor genau 100 Jahren, eingeführt – in einer Zeit, die geprägt war von vielen politischen Herrschern, die sich als Könige aufgespielt haben und ihre Macht missbraucht haben, um Menschen klein zu halten. Im Blick auf den, der seine Herrschaft ganz anders verstanden hat als diese weltlichen Herrscher und Könige, konnten Christen Trost und Hoffnung finden in einer Umgebung, die ihnen oft feindlich gesinnt war. So ist das Christkönigsfest ein wirkliches Hoffnungsfest und passt gut in dieses Jahr der Hoffnung. Denn das, was wir heute weltweit erleben, das ist der Situation von vor 100 Jahren gar nicht so unähnlich. Vor diesem Hintergrund sind dann auch die Gesänge und Lieder zu verstehen, die uns Heutigen vielleicht manchmal etwas zu triumphal erscheinen. Es sind schlicht und einfach Hoffnungs-Lieder, die uns Mut machen sollen in einer Zeit, die vielen als mut- und trostlos erscheint. „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat“ – Es ist Jesus Christus, der letztlich siegt und herrscht, derselbe, der am Kreuz gehangen hat und für uns Menschen ohn-mächtig geworden ist. Nicht die Herrscher und Despoten aller Orte und Zeiten, die den Erdball spalten und zerreißen, haben das letzte Wort, sondern es ist Christus, der am Kreuz mit seinen ausgebreiteten Armen alle Menschen in seine Liebe einschließt, der die Erde einmal heilen wird. Er ist es, der verbindet und nicht trennt, der eint und nicht spaltet, der sich am Kreuz für uns hingibt, damit wir nicht mehr in unseren Machtspielchen einander opfern müssen. Er, der am Kreuz ausgespannt ist zwischen Himmel und Erde, ist es, der einmal als Richter wiederkommen wird: kein Richter Gnadenlos, sondern einer, der alles Leid der Menschen kennt, weil er selbst es ausgelitten hat.

Wir, die wir uns gerne einrichten in unseren kleinen Königtümern, die wir uns aufspielen als „Könige dieser Welt“, die wir uns nach dem starken Mann sehnen und unter keinen Umständen Schwäche zeigen wollen, tun uns schwer mit dem Königtum, das uns im Kreuz Jesu aufleuchtet. Es ist einer der Verbrecher, der neben Jesus am Kreuz hängt, der zu ahnen beginnt, was sich hier abspielt: „Dieser hat nichts Unrechtes getan!“ Und er wagt zu bitten: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus antwortet ihm mit einem Satz, der an die königliche Würde auch dieses Menschen erinnert, die er sich mit seinen Taten vor den Augen der Welt verspielt zu haben scheint: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ich finde, es liegt eine tiefe Bedeutung darin, dass dieses Wort nicht zu einem Menschen auf dem Gipfel der Macht gesagt wird, sondern zu einem, der ganz unten ist, der am Kreuz hängt, der am Nullpunkt seiner Existenz angekommen ist.

Wer diese Verheißung hört, der muss nicht mehr aus der Angst davor, zu kurz zu kommen, sich selbst und anderen das Leben zur Hölle machen, denn er weiß, dass er sich seine königliche Würde nicht verdienen muss, sondern dass sie ihm schon immer geschenkt ist – und dass sie ihm selbst am tiefsten Punkt seiner Existenz nicht genommen werden kann. AMEN.

von P. Johannes Sauerwald OSB

Die Weihe der Lateranbasilika in Rom hat eine so wichtige Bedeutung in der römisch-katholischen Kirche, dass ihr Weihetag im 4. Jahrhundert unter Kaiser Konstantin den Ablauf des Kirchenjahres unterbricht und den 32. Sonntag im Kirchenjahr verdrängt Warum misst die Kirche diesem Tag einen solch hohen Stellenwert bei?

Man könnte dafür kirchengeschichtliche Gründe nennen: die Lateranbasilika markiert den historischen Umbruch der bis dahin unterdrückten Glaubensgemeinschaft zur offiziellen Anerkennung durch den römischen Staat und seinen obersten Herrscher. Sie, die oft verfolgte religiöse Minderheit, wurde frei und musste sich nicht mehr verstecken.

Das fand ihren Ausdruck in einem repräsentativen neuen großen Kirchgebäude auf einem Grundstück, das der römische Herrscher Konstantin I. ihr geschenkt hatte. Sie wurde im Stile einer kaiserlichen Halle, einer Basilika gebaut, dem ersten öffentlichen Kirchenraum, in dem der Bischof von Rom eine sakrale Feier mit den Gläubigen beging. Das blieb so, bis der Papst im Mittelalter in den Vatikan umzog und dort den Petersdom errichten ließ, der die zentrale Leitungsaufgabe des Papstes in der Weltkirche zum Ausdruck brachte.

Es geht allerdings bei diesem Fest nicht um das Gebäude, sondern um ein Wesensmerkmal der Kirche als ganzer: um die Mitte des Daseins versammelt zu sein, auf sie ausgerichtet zu sein. Sich auf Gott ausrichten können wir auch allein, zu Hause, doch es zusammen mit Schwestern und Brüdern im Glauben zu tun ist noch etwas anderes. Die Gemeinschaft führt die Einzelnen zu einer Einheit zusammen, so als ob ein Körper zusammenwächst. Das Individuelle bleibt, aber es wird wie zu einem Gewölbe zusammengefügt. Dann geht vom unsichtbaren Schöpfer der Welt eine Kraft aus, die wir sonst nicht empfangen. Dafür braucht man einen Raum. Eine Kirche ist ein Tempel, ein Gotteshaus, eine Kultstätte.

Bleiben wir bei dem Wort Tempel. Wir Deutsche meinen mit Tempel zwar in der Regel das nicht-christliche Heiligtum, aber im Ungarischen z. B. heißt Kirche „Templom“. Auch im Judentum ist „Tempel“ eine übliche Bezeichnung vor allem für das frühere Hauptheiligtum in Jerusalem, der Hauptstadt des israelitischen Volkes.

Die 1. Lesung aus dem Buch Ezechiel ist einer Vision vom erneuerten Tempel in Jerusalem entnommen. Heute hören wir daraus einen kurzen Ausschnitt. In ihm geht es nicht um Architektur ähnlich dem zerstörten salomonischen Tempel. sondern um eine neue Kultstätte für das heimgekehrte Volk Israel, das sich nach langem Exil im runtergekommenen Heimatland wieder zurechtfinden muss. Seht einen neuen Tempel vor Euch, will er sagen, Gott macht einen neuen Anfang, öffnet euch seinem Willen.

Es ist ein einfaches, aber schönes Bild, das der entrückte Prophet sieht. Nicht die Pracht des Bauwerks und seiner Anlage, das Außergewöhnliche, wird hervorgehoben, sondern seine Bedeutung für die gesamte Schöpfung. Denn von ihm aus ergießt sich das Lebenselement der Erde, das Wasser, in die Welt. Der Tempel ist die Stelle, wo aus der Tiefe eine Quelle entspringt. Eine Verbindung zwischen Gott und dem Lebensbereich des Volkes entsteht.

Wo Gott wohnt, tritt neues Leben hervor. Quellen galten und gelten in manchen religiösen Traditionen als heilige Orte, die man aufsuchte, um dort zu beten und zu opfern. Wenn man beschreiben will, warum es die Menschen zu Gott zieht, dann wird gerne das anschauliche Bild von der Quelle und vom Wasser benutzt.

Sofort kommen mir Bibelstellen in den Sinn, z. B. Jesu Worte im Johannesevangelium, der zur Frau aus Samária sagt: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben, vielmehr wird das Wasser, das ich ihm geben werde, zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 7,38). Welch ein Versprechen! Was könnten wir uns mehr wünschen!

Oder die Stelle aus dem Hohen Lied, die den Bräutigam zu seiner Geliebten sagen lässt: „Die Quelle des Gartens bist du, ein Brunnen lebendigen Wassers!“ (Hl 4,15). Hier spricht die Liebe. Austausch im Nehmen und Geben – das ist Leben. Was man selbst in eigenen Worten kaum zu sagen wagt, findet in diesem Bibelzitat einen verdichteten Ausdruck.

Soweit die biblische Aussage. Was hat sie uns heute zu sagen?

Wie vom Tempel das Leben der Vegetation in der Nähe des Flusses genährt wird, es fruchtbar macht und das Tote Meer mit frischem Wasser auffüllt, so wirkt die Gegenwart Gottes heilsam auf die Versammelten ein, – im Gottesdienst, in der Anbetung, dem Klagen und Loben, in Blicken und Gebärden, im Hören, Sprechen und Singen. Dabei geht etwas in uns vor. Die Liturgie wird durch das gemeinsame Gebet und das der einzelnen Personen empfänglich für das Erbarmen Gottes, sie kann spüren, dass sich der Erbarmende ihnen zuwendet. Wir sagen Du zu ihm und erhalten im Hören auf sein Wort Orientierung für das Wirrwarr des Alltags. Wir können damit etwas anfangen, weil sein Wille uns anregt, neue Einsichten provoziert, und das prägt die Gemeinde. Der Gebetsgeist durchdringt und beseelt ihr Inneres wie fruchtbare Nässe. Noch mehr: Gottes Geist wirkt sich auch auf ihr Denken und Handeln aus. Die Liturgie hat ein großes Potential, man muss es nur ausschöpfen. „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils“, heißt es im Buch Jesaja (12,3). In der Gemeinschaft des Glaubens können die Menschen es erleben. Von der Feier geht eine Ausstrahlung aus, die durch nichts anderes ersetzt werden kann.

Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen die Kirche verlassen haben, keinen Zugang zu ihr finden, Kirchen umgewidmet oder abgerissen werden, hängt viel davon ab, ob die Liturgie so gestaltet ist, dass Freude spürbar wird.

Ich erinnere mich an Kindergottesdienste vor vielen Jahren im Mutter-Kind-Freizeitheim St. Altfrid in Berlar. Die meisten Kinder waren noch nicht im Schulalter, also haben sich die Erzieherinnen etwas einfallen lassen, damit die Kleinen von der Sonntagsfeier angesprochen wurden. Sie bauten ein Tanzspiel ein zu dem Lied: Gottes Liebe ist wunderbar, so groß, so hoch, so tief, so weit…. Zum Gesang kamen Bewegungen, sie drehten sich erst im Kreis, und als Gottes Eigenschaften besungen wurden, beugten die Kinder sich nach unten, streckten sich nach oben, breiteten die Arme und Hände aus und formten eine große, sich weitende Brust. Wie selbstvergessen sie das machten… wie sehr sie in ihrem Gesang, in ihren Gebärden drin waren.  Sie haben alle Erwachsenen in diesem Moment verzaubert, verwandelt, das war Liturgie, in der echte Freude spürbar wurde. Liturgie aus Freude vertreibt die Griesgrämigkeiten, die Langeweile und den Stumpfsinn.

Natürlich begegnet uns Gott nicht nur im Gottesdienst, er ist auch im Krankenzimmer, in einer Notunterkunft präsent wie auf einem Berggipfel oder einer Parkbank.

Wir selbst sind in seinen Augen ein heiliger Tempel. Gott braucht keine Kirchen, aber wir brauchen Orte, die anders sind als Wohnhäuser, Allzweckhallen oder Supermärkte. Räume, in denen wir ihm dienen können und der Seele liebenswürdige Lebendigkeit vermittelt wird. Kirchen werden gebaut als ein Hilfsmittel, das das Herz der Menschen zu öffnen vermag für die erlösende Macht eines Wesens, das uns alle übersteigt und über das Universum hinausführt. Vielleicht können alle, die sich mit dem Glauben schwertun, beim Besuch einer Kirche oder eines Gottesdienstes ahnen, dass sie nicht allein sind in dieser Welt und von etwas Größerem umfangen werden.

Heute kann uns das heutige Fest dankbar werden lassen dafür, dass es einen Ort gibt für die heilende Gegenwart Gottes. Die Lateranbasilika weitet unseren Horizont und verbindet die weltweite Gemeinschaft der Gläubigen. Dadurch wird unser Glaube bereichert, vertieft und animiert uns, sie zu schätzen, sich mit ihr auseinanderzusetzen und die Einheit zu pflegen.