Hier finden Sie die Predigten unserer Brüder – sofern diese mit der Veröffentlichung einverstanden sind – zum Nachlesen. Gerade in der Zeit, in der unsere Gottesdienste wegen der Verbreitung des Coronavirus nicht öffentlich sind, möchten wir Ihnen so Anteil geben an unserem Leben.

von P. Marian Reke OSB

Nur wenige Stunden ist es her, dass wir Heilige Nacht gefeiert haben. Die Geburt und die Geburtlichkeit! Leben ist nicht nur sterblich, es ist auch geburtlich. Ein ungewohntes Wort! Es kommt auf die Perspektive an – und auf den steten Perspektivwechsel zwischen Enden und Anfangen. Wie sehe ich die Welt?

Das Weihnachtsgeheimnis des Anfangs vermag stets aufs Neue die Seelen vieler Menschen zu berühren. Den alten Geschichten von Engelsboten, von Herden und Hirten auf freiem Feld und vom Stall zu Bethlehem, eignet eine Aura, die uns umhüllt und das Ohr und die Augen des Herzens öffnet. Auch jetzt in der Tageshelle des Hochfestes feiern wir Weihnachten – aber sozusagen auf einen anderen Ton gestimmt.

Wie von fernher erreicht uns in den Lesungen die Prophetie des Jesaja: eine jubelnde Botschaft des Friedens und der Freude, des Trostes. Verheißungsvolle Vorworte jener alles erfüllenden und überbietenden Selbstmitteilung Gottes, der endgültig gesprochen hat durch den Sohn, wovon der Hebräerbrief kündet. Und es erklingen die uns bekannten und doch so befremdlich wirkenden ersten Verse des Johannesevangeliums. Sie muten an wie wuchtige Akkorde zum Auftakt einer großen Symphonie. In Rückbindung an den Schöpfungsmorgen lässt uns der Johannesprolog das Drama der Erlösung ahnen: die Jesusgeschichte von der Krippe bis zum Kreuz und darüber hinaus – ins Osterlicht. „Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott. / Im Anfang war es bei Gott. // In ihm war das Leben, / und das Leben war das Licht der Menschen.“

Gestimmt auf diesen Ton singt in Gemeindemessen vor dem Evangelium der Kantor den ins Deutsche übertragenen Alleluja-Vers der Weihnachtsliturgie: „Aufgeleuchtet ist aufs Neue der Tag der Erlösung“. Das Wort Erlösung wird musikalisch gleichsam wie ein geschliffener Kristall ins Licht gehoben und erstrahlt.

Worin aber liegt – jenseits aller Poesie – das Erlösende des heutigen Festes? Wird uns nicht gerade an Tagen wie diesen erschreckend bewusst, wie wenig erlöst unsere Welt – die große und die kleine – erscheint? Wie können wir Jahr für Jahr an Weihnachten so leichthin von der Welterlösung reden und singen, wenn uns doch die großen und kleinen Lösungen der Weltprobleme immer wieder derart schwer von der Hand gehen?

Vielleicht liegt die Antwort auf diese bedrückenden Fragen darin, dass wir sie andersherum stellen müssten. Will sagen: Wir tun uns womöglich mit den konkreten Problemlösungen oft so schwer, weil wir – gegen alle Festbeteuerungen – im Alltag zu selten bewusst „von der Erlösung her“ denken und fühlen, zu wenig „von der Erlösung“ her leben. Das Wort von Joseph Wittig auf seinem Grabkreuz unten auf dem Mescheder Südfriedhof, gilt nicht erst den Toten, es gilt uns Lebenden: „Getröst, getröst! Wir sind erlöst.“

Was macht nun eigentlich das Erlösende von Weihnachten aus? – Wenn Gott in Jesus Christus Mensch wird und dabei Gott bleibt, wie wir bekennen, wenn er also wahrer Gott und wahrer Mensch ist, dann ist die Welt kein in sich geschlossenes System, dann dreht sich die Erde nicht bloß um sich selbst, dann gibt es ein offenes Zueinander und Füreinander von Himmel und Erde. Der Theologe Hans Urs von Balthasar hat es so gesagt: „Weihnachten ist nicht ein innergeschichtliches Ereignis, sondern der Einbruch der Ewigkeit in die Zeit.“ Die dadurch sich auftuende Offenheit zwischen Himmel und Erde liegt zwar nicht offen zutage, sie bleibt verborgen und zwingt sich nicht auf, aber sie wird sich nie mehr schließen.

In der vierten der sieben adventlichen O-Antiphonen haben wir die weihnachtliche Öffnung unserer in sich verriegelten Welt herbeigerufen – mit Worten aus der Geheimen Offenbarung: „So spricht der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet und niemand wird schließen, der schließt und niemand wird öffnen: Ich kenne deine Taten, siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann (nicht einmal du selbst, ließe sich ergänzen). Du hast (zwar) nur geringe Kraft und dennoch hast du an meinem Wort festgehalten.“ Wer an diese Offenheit glaubt, ihr also ernsthaft traut und demnach alles auch zutraut, dem wird ein neues, sich stets erneuerndes Lebensgefühl geschenkt, der sieht die Welt mit anderen Augen. Könnte es nicht sein, dass die konkreten Lösungen, die wir für die konkreten Probleme unserer Welt brauchen, sich leichter finden lassen, wenn wir einzeln und gemeinsam fest darauf vertrauen, für unsere Problemlösungen nicht bloß auf uns selbst angewiesen zu sein?!

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Gnade der Erlösung macht das Werk der Lösungen, zu denen wir herausgefordert sind, nicht überflüssig. Aber: Nicht von den Lösungen her kommt die Erlösung. Erlösung ist nicht die Summe aller Lösungen. Nein, umgekehrt: Von der Erlösung her kommen leichter Lösungen in Sicht. Vieles in Kirche und Gesellschaft, auch im Kloster, ist womöglich nur deshalb so mühsam zu schultern, weil uns der lange Atem ausgeht, indem wir den pragmatisch-technisch zu organisierenden Lösungen hinterherhecheln. So nötig und notwendig sie auch sind: Lasst uns dennoch den gewohnten Turn der sogenannten Sachzwänge hin und wieder unterbrechen und innehalten, um ein paar Momente den Atem der Erlösung zu erspüren und bewusst darin zu atmen, ganz schlicht, ganz alltäglich, ganz treu und wie neu – also einfach immer, immer wieder.

von P. Maurus Runge OSB

Mit dem Begriff „Wunder“ tun wir uns heute schwer. Wir sind ja schließlich aufgeklärte Menschen, die für alles eine Erklärung finden können – wenn man nur lang genug sucht. Und wenn unter einem Wunder vor allem ein Ereignis verstanden wird, das unsere Naturgesetze durchbricht, wird es tatsächlich schwierig. Es gibt die sog. medizinischen Wunder, bei denen ein todkranker Patient Heilung erfährt und selbst der versierte Arzt nicht erklären kann, was hier geschehen ist. In der Alltagssprache sagen wir eher resignativ: „Da kann jetzt nur noch ein Wunder helfen“ – und meinen unausgesprochen: „Da können wir jetzt nichts mehr machen.“
Seit vier Jahren wird von einem Radiosender bei uns im Westen ein großes Ereignis veranstaltet, das sich „Weihnachtswunder“ nennt: vier Moderatorinnen und Moderatoren senden in einer Stadt in NRW, in diesem Jahr in Essen, fünf Tage und Nächte ununterbrochen aus einem gläsernen Studio und erfüllen Musikwünsche, die gegen eine Spende für soziale Projekte hier vor Ort und weltweit eingereicht werden können: von den zehn Euro, die Kinder von ihrem Taschengeld spenden bis zur vier-, ja fünfstelligen Spende ist alles dabei. Das alles wird angereichert durch ein buntes Konzertprogramm und bekannte Gäste.
Worin für mich das eigentliche Wunder dieser vorweihnachtlichen Tage besteht, sind die vielen Geschichten, die Menschen von ihren Spendenaktionen und Beweggründen, anderen Gutes zu tun, erzählen. Da ist das zehnjährige Mädchen, das von einem Gehirntumor geheilt anderen Menschen Hoffnung macht, indem es Armbänder knüpft und verkauft, der Lehrer, der mehrere Nächte schlaflos ausharrt und dafür Spenden für den guten Zweck von seiner Schulgemeinschaft sammelt, die Frau, die in diesem Jahr ihren Mann verloren hat und in seinem Sinne nun Geld für bedürftige Menschen spendet. Geschichten, die viele der Menschen, die das „Weihnachtswunder“ vor Ort oder im Livestream mitverfolgt haben, zu Tränen rühren. Geschichten, die zeigen, dass es doch viel mehr Menschlichkeit und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gibt, als es oft den Anschein hat.
Und dabei sind wir schon sehr nah bei der Botschaft von Weihnachten, beim Weihnachtswunder, das sich zum ersten Mal im Stall von Bethlehem ereignet hat. Denn auch bei diesem Wunder der Weihnacht geht es nicht um die Durchbrechung von Naturgesetzen, sondern um die Geburt eines Kindes, das Menschen, zunächst die Hirten auf den Feldern vor Bethlehem, in Bewegung setzt und aufbrechen lässt, indem sie dem Stern ihrer Hoffnung und Sehnsucht folgen. Die Botschaft dieses Kindes, auch heute noch, lautet: „Du bist geliebt, Mensch, weil Gott selbst Mensch geworden ist. Du bist geliebt, egal wie viel oder wenig du vermeintlich leistest, egal wie krank oder gesund, arm oder reich du bist, egal wie viele Macken du hast oder was du getan oder unterlassen hast, weil Gott selbst in der Kälte und Unbehaustheit eines zugigen Stalls Unterschlupf gefunden hat, weil Gott selbst diese schwache Menschennatur angenommen hat.“
Die Botschaft von Weihnachten, die sich im Weihnachtswunder von Bethlehem vor über 2000 Jahren und im Weihnachtswunder von Essen 2025 so eindrücklich zeigt, ermutigt mich, das Positive zu sehen, das Gott mir schenken möchte – durchaus auch in allem Leid und allem Schweren – und es zeigt mir, mit welch einfachen Mitteln ich auch für andere zum Weihnachtswunder werden kann: der Mensch, der mich an der Supermarktkasse vorlässt – der Mensch, dem ich ein Lächeln schenke, eine Umarmung oder ein gutes Wort.
All diese Gesten und Worte der Menschlichkeit sind das Licht, das in der Dunkelheit erstrahlt, so wie die Videoinstallation „Lumina“ in dieser Kirche gerade die dunklen Wände erhellt und uns Lichter der Hoffnung schenkt. Sie sind das Licht, das von der Krippe her, die Sie in diesem Jahr in der Beichtkapelle betrachten können, unsere Welt nicht blenden, sondern langsam, aber unaufhörlich erhellen will.
Oft ist es so, dass wir bei all den schlechten Nachrichten, die Tag für Tag über sämtliche Medien auf uns niederprasseln, auch in unserem kleinen Alltag eher das Negative sehen, das, was nicht funktioniert, die Kritik, die wir, sei sie berechtigt oder unberechtigt, gerne äußern. Und die vielen positiven Dinge, die hoffnungsvollen Anfänge, die Neuaufbrüche übersehen wir leicht. Es braucht manchmal ein Weihnachtswunder, um auch das zahlreiche Positive, das es in unserem Leben und in unserer Welt gibt, wahrzunehmen
„Ihr seid das Weihnachtswunder“ – mit diesen Worten endete das Weihnachtswunder des WDR. Genau das ist die Ermutigung, die uns vom neugeborenen Kind in der Krippe zugesagt wird: Du selbst bist das Weihnachtswunder. Du selbst kannst zum Wunder für andere Menschen werden. Es gibt so viele Möglichkeiten, anderen Menschen ein Licht zu sein. Und es gibt zum Glück so viele Orte, an denen diese Möglichkeiten Wirklichkeit werden. Es gibt so viel Liebe und Menschlichkeit, viel mehr, als uns andere oft einreden wollen. Wir können selbst damit anfangen. Werden wir zum Weihnachtswunder – in Essen, Meschede und an so vielen anderen Orten auf der Welt. AMEN.

Predigt von P. Abraham Fischer OSB im Konventamt am Ersten Adventssonntag 2025

Das Evangelium spricht nicht gerade von einer gemütlichen Adventsstimmung, sondern von der Wiederkehr des Christus. Da es in der Ewigkeit kein Vorher und kein Nachher mehr gibt, fällt dieser Tag in eins mit unserem persönlichen Sterben. Alle Zeitlinien vereinen sich sozusagen in einem Punkt. Das Evangelium kann daher beunruhigen, vielleicht sogar aufwecken aus dem Schlaf der Sicherheit. Worauf warten wir Menschen? Was könnte unser Lebensadvent sein?
Ich möchte mir mit Ihnen heute Gedanken zum Thema Warten machen:

Advent einmal anders:

Über das bange Warten. Auf die Diagnose nach einer Untersuchung zu warten, kann das Herz einschnüren. Wir kennen alle den Satz, dass die Hoffnung zuletzt stürbe. Aber unsere Gefühle und Gedanken sind vorher tausend Tode gestorben. Und wir sind erlöst, wenn das Warten endlich ein Ende hat und wir „Gewissheit“ haben, wie es um uns steht.
Alle, die einen Menschen lieben und um ihn bangen, wissen, wie schwer das Herz wiegen kann und wie lang Nächte werden. Eltern, die auf die aushäusigen Kinder warten. Der Schwerkranke, der auf den Morgen wartet, an dem endlich wieder etwas geschieht. Das Besondere an diesen Wartesituationen ist, dass wir nicht wissen, wann der Zeitpunkt des Eintreffens ist. Wir fühlen uns haltlos und beginnen so etwas wie Ersatzhandlungen, nesteln am Taschentuch herum, drehen Däumchen, gehen wie der Tiger im Käfig auf und ab. Letztendlich sind wir auf uns selbst fixiert, fressen das Leid einsam in uns hinein, bis es uns auffrisst.
Wie schön ist es, wenn uns in diesem bangen Warten etwas ablenkt. Was für ein Segen ist der Mensch an meiner Seite, der da ist und mich und meine Angst aushält. Meist mehr ohne Worte, ohne Ratschläge oder Besänftigung. Das ist der stärkste Dienst aneinander. Sich daneben setzen, Sprachlosigkeit teilen und die Unruhe aushalten.
Früher und auch heute noch beten manche Menschen in durchwachten Nächten. Man kann das belächeln. Vielen aber hat das schon Halt gegeben, wenn die Gebetsschnur durch die Finger gleitet und die Worte mechanisch durch die Seele fließen. Die kleinen Holzperlen an der Kette geben Halt und sie zeigen, dass die Zeit vergeht, und die sich wiederholenden Texte holen das andere ins Bewusstsein. Wir atmen regelmäßiger und die Seele beruhigt sich.
Und dann wäre da noch ein Warten, das wir gar nicht als solches empfinden: Vielleicht deshalb, weil wir dieses Warten „Leben“ nennen.

Das Warten auf den Tod.  Ja – sie haben richtig gehört: das Warten auf den Tod. Wann immer ein Menschenkind geboren wird, ist eines gewiss: Dass dieses Leben nicht bleiben wird. Entwicklung kann nur geschehen, wenn es Abschied gibt. Das wissen wir geistig schon immer – auch wenn wir das gerne nicht wahrhaben wollen.
Die Regel des heiligen Benedikt formuliert dieses letzte Warten dramatisch: Den drohenden Tod sollen die Menschen sich täglich vor Augen halten. Da kann man Angst bekommen. Manche Menschen gehen in die Lebensangst. Sie trauen sich nicht zu leben, weil es ja eh alles endlich ist.
Es wäre aber auch möglich, diese Bewertung umzudrehen. Gerade wenn etwas endlich ist, wird es kostbar. Manche Menschen können nur arbeiten, wenn sie einen Termin vor sich sehen. Im Englischen nennt man das „Deadline“. Was für ein treffender Begriff. Dahinter steht die Erkenntnis, dass man nicht rückwärts leben kann. Wir wünschen uns das: einmal wieder von vorne anfangen und dann alles vermeintlich besser zu gestalten. Das ist eine Illusion. Wir haben nur den Augenblick, in dem wir wirklich handlungsfähig sind. Das scheint wenig zu sein. Unsere Vergangenheit ist unveränderbar und unsere Zukunft ist unabsehbar. Uns bleibt: Aus der Vergangenheit zu lernen: Das Gute wertschätzen und bewahren, das Vertane in Versöhnung ändern. Achtsam unsere Zukunft zu sein. Im Jetzt gute und nachhaltige Entscheidungen zu treffen.
Die Angst vor dem Ende, dem Tod ist uns eingeschrieben. Sie löst sich nicht, wenn wir flüchten. Vielmehr wäre es eine Möglichkeit, das Zeitliche wirklich zu segnen. Also in innerer Versöhnung den Weg zu gehen … bis zu seinem Ende.

Deshalb zum Schluss meiner Überlegungen:

Warten auf Erlösung

Menschen in der Mitte des Lebens stellen sich die Frage, was denn da noch kommen kann. Wir finden uns in einem Lebensnetz wieder, in dem die meisten Verbindungen allzu fest verknüpft sind. Lebensnetze halten, aber sie können auch einengen.
Alles ist relativ – alles ist bezogen und verbunden. Es gibt kein Entrinnen, wir sind immer gesehen. Eine Vorstellung, die eher verunsichert. Aber: wir sind auch geborgen in allem, was ist.
Es stellt sich dann auch die Frage, ob wir es wagen, aus dem „Bestehenden“ auszusteigen und uns in eine andere Dimension vorzuwagen. Menschen, die glauben, gelten als widerstandsfähiger. Sie können Lebenskrisen besser bestehen, weil sie ihre
Seele verankert haben. Weltliche Lebensversicherungen sind immer endlich und begrenzt. Der Ausstieg aus dem vermeintlich „Wirklichen“ hin zu einem größeren Netzwerk kann das Leben erleichtern.
Erlösung ist das Loslassen auf etwas Größeres hin. Es ist eine lebenslange Übung. Viele kleine Schritte und Übungen reichern das Vertrauen an, dass hinter allem etwas wartet, auf das hin wir loslassen dürfen. Menschsein ist dann nicht Zufall, sondern Gewolltsein. Wer sich das im wahrsten Sinn des Wortes „erlebt“, der gestaltet sein Leben als Wartender. Dabei ist das Ziel des Lebens nicht etwa ein immer enger werdender Tunnel, sondern die Erfahrung von Größe und einer Weite, die das begrenzte materielle Dasein nicht leisten kann. Leben ist Übung. Warten in seinen verschiedenen Dimensionen ist keine Zeitverschwendung, sondern Übung, ins Wesentliche zu kommen.

Warten ist Leben. Wie kann es werden? Warten wir‘s ab!

 

von P. Maurus Runge OSB

„No Kings“ – in deutscher Übersetzung „Keine Könige“: unter diesem Motto gingen zum ersten Mal am 14. Juni dieses Jahres, dann wieder Mitte Oktober an mehreren Tagen Millionen Menschen überall in den Vereinigten Staaten auf die Straße, um gegen den autoritären Führungsstil von Donald Trump zu demonstrieren, der demokratische Traditionen missachte. Mit dem Slogan „No Kings“ warfen die Demonstranten Trump vor, den Anspruch eines Königs zu haben und sich wie ein solcher zu gebärden.

Diese ausgesprochen königskritische Perspektive finden wir schon in der Bibel. Im Ersten Testament ist es das Volk Israel, das sich nach einem starken Mann, einem König sehnt, der endlich Recht und Ordnung durchsetzt. Der Prophet Samuel ist gegenüber diesen Anwandlungen sehr kritisch, er führt den Menschen die Gefahren eines solchen Königtums vor Augen. Und tatsächlich werden im Verlauf der Geschichte Israels auch immer wieder die dunklen Seiten seiner Könige in leuchtenden Farben beschrieben: da ist der erste König Saul, der sich vom Hoffnungsträger zum verrückten Despoten entwickelt, der seinem designierten Nachfolger David nach dem Leben trachtet. Selbst der große David, Inbegriff des Königtums Israels, von dessen Proklamation durch das Volk in der Lesung erzählt wird, missbraucht seine Herrschaft für persönliche Interessen und schickt einen Menschen in den Tod auf dem Schlachtfeld. Und nach König Salomo und der Aufspaltung Israels in ein Nord- und ein Südreich ist die Königsgeschichte, wie sie uns in den Königsbüchern erzählt wird, eine einzige Verfallsgeschichte, die in die große Katastrophe des Babylonischen Exils mündet.

Und auch der messianische Königsanspruch von Jesus Christus kommt so ganz anders daher als der des politischen Befreiers, den Israel sehnlichst erwartete und der die Menschen von der römischen Fremdherrschaft befreien sollte. Jesus wird zwar als „König der Juden“ bezeichnet, aber er ist ein König, der am Kreuz hängt und von den Menschen verspottet wird: „Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst!“

Wie passt in diese königskritische Perspektive das Christkönigsfest, das wir am Ende des Kirchenjahres auch als unser Patronatsfest von Königsmünster so feierlich begehen: „Sein Reich ohn‘ alle Grenzen ist, ohn‘ Ende muss es währen. Christkönig Halleluja, Halleluja“?

Von seiner Entstehung her passt dieses Fest perfekt in diese königskritische Perspektive. Papst Pius XI. hat es 1925, also vor genau 100 Jahren, eingeführt – in einer Zeit, die geprägt war von vielen politischen Herrschern, die sich als Könige aufgespielt haben und ihre Macht missbraucht haben, um Menschen klein zu halten. Im Blick auf den, der seine Herrschaft ganz anders verstanden hat als diese weltlichen Herrscher und Könige, konnten Christen Trost und Hoffnung finden in einer Umgebung, die ihnen oft feindlich gesinnt war. So ist das Christkönigsfest ein wirkliches Hoffnungsfest und passt gut in dieses Jahr der Hoffnung. Denn das, was wir heute weltweit erleben, das ist der Situation von vor 100 Jahren gar nicht so unähnlich. Vor diesem Hintergrund sind dann auch die Gesänge und Lieder zu verstehen, die uns Heutigen vielleicht manchmal etwas zu triumphal erscheinen. Es sind schlicht und einfach Hoffnungs-Lieder, die uns Mut machen sollen in einer Zeit, die vielen als mut- und trostlos erscheint. „Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat“ – Es ist Jesus Christus, der letztlich siegt und herrscht, derselbe, der am Kreuz gehangen hat und für uns Menschen ohn-mächtig geworden ist. Nicht die Herrscher und Despoten aller Orte und Zeiten, die den Erdball spalten und zerreißen, haben das letzte Wort, sondern es ist Christus, der am Kreuz mit seinen ausgebreiteten Armen alle Menschen in seine Liebe einschließt, der die Erde einmal heilen wird. Er ist es, der verbindet und nicht trennt, der eint und nicht spaltet, der sich am Kreuz für uns hingibt, damit wir nicht mehr in unseren Machtspielchen einander opfern müssen. Er, der am Kreuz ausgespannt ist zwischen Himmel und Erde, ist es, der einmal als Richter wiederkommen wird: kein Richter Gnadenlos, sondern einer, der alles Leid der Menschen kennt, weil er selbst es ausgelitten hat.

Wir, die wir uns gerne einrichten in unseren kleinen Königtümern, die wir uns aufspielen als „Könige dieser Welt“, die wir uns nach dem starken Mann sehnen und unter keinen Umständen Schwäche zeigen wollen, tun uns schwer mit dem Königtum, das uns im Kreuz Jesu aufleuchtet. Es ist einer der Verbrecher, der neben Jesus am Kreuz hängt, der zu ahnen beginnt, was sich hier abspielt: „Dieser hat nichts Unrechtes getan!“ Und er wagt zu bitten: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus antwortet ihm mit einem Satz, der an die königliche Würde auch dieses Menschen erinnert, die er sich mit seinen Taten vor den Augen der Welt verspielt zu haben scheint: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ich finde, es liegt eine tiefe Bedeutung darin, dass dieses Wort nicht zu einem Menschen auf dem Gipfel der Macht gesagt wird, sondern zu einem, der ganz unten ist, der am Kreuz hängt, der am Nullpunkt seiner Existenz angekommen ist.

Wer diese Verheißung hört, der muss nicht mehr aus der Angst davor, zu kurz zu kommen, sich selbst und anderen das Leben zur Hölle machen, denn er weiß, dass er sich seine königliche Würde nicht verdienen muss, sondern dass sie ihm schon immer geschenkt ist – und dass sie ihm selbst am tiefsten Punkt seiner Existenz nicht genommen werden kann. AMEN.

von P. Johannes Sauerwald OSB

Die Weihe der Lateranbasilika in Rom hat eine so wichtige Bedeutung in der römisch-katholischen Kirche, dass ihr Weihetag im 4. Jahrhundert unter Kaiser Konstantin den Ablauf des Kirchenjahres unterbricht und den 32. Sonntag im Kirchenjahr verdrängt Warum misst die Kirche diesem Tag einen solch hohen Stellenwert bei?

Man könnte dafür kirchengeschichtliche Gründe nennen: die Lateranbasilika markiert den historischen Umbruch der bis dahin unterdrückten Glaubensgemeinschaft zur offiziellen Anerkennung durch den römischen Staat und seinen obersten Herrscher. Sie, die oft verfolgte religiöse Minderheit, wurde frei und musste sich nicht mehr verstecken.

Das fand ihren Ausdruck in einem repräsentativen neuen großen Kirchgebäude auf einem Grundstück, das der römische Herrscher Konstantin I. ihr geschenkt hatte. Sie wurde im Stile einer kaiserlichen Halle, einer Basilika gebaut, dem ersten öffentlichen Kirchenraum, in dem der Bischof von Rom eine sakrale Feier mit den Gläubigen beging. Das blieb so, bis der Papst im Mittelalter in den Vatikan umzog und dort den Petersdom errichten ließ, der die zentrale Leitungsaufgabe des Papstes in der Weltkirche zum Ausdruck brachte.

Es geht allerdings bei diesem Fest nicht um das Gebäude, sondern um ein Wesensmerkmal der Kirche als ganzer: um die Mitte des Daseins versammelt zu sein, auf sie ausgerichtet zu sein. Sich auf Gott ausrichten können wir auch allein, zu Hause, doch es zusammen mit Schwestern und Brüdern im Glauben zu tun ist noch etwas anderes. Die Gemeinschaft führt die Einzelnen zu einer Einheit zusammen, so als ob ein Körper zusammenwächst. Das Individuelle bleibt, aber es wird wie zu einem Gewölbe zusammengefügt. Dann geht vom unsichtbaren Schöpfer der Welt eine Kraft aus, die wir sonst nicht empfangen. Dafür braucht man einen Raum. Eine Kirche ist ein Tempel, ein Gotteshaus, eine Kultstätte.

Bleiben wir bei dem Wort Tempel. Wir Deutsche meinen mit Tempel zwar in der Regel das nicht-christliche Heiligtum, aber im Ungarischen z. B. heißt Kirche „Templom“. Auch im Judentum ist „Tempel“ eine übliche Bezeichnung vor allem für das frühere Hauptheiligtum in Jerusalem, der Hauptstadt des israelitischen Volkes.

Die 1. Lesung aus dem Buch Ezechiel ist einer Vision vom erneuerten Tempel in Jerusalem entnommen. Heute hören wir daraus einen kurzen Ausschnitt. In ihm geht es nicht um Architektur ähnlich dem zerstörten salomonischen Tempel. sondern um eine neue Kultstätte für das heimgekehrte Volk Israel, das sich nach langem Exil im runtergekommenen Heimatland wieder zurechtfinden muss. Seht einen neuen Tempel vor Euch, will er sagen, Gott macht einen neuen Anfang, öffnet euch seinem Willen.

Es ist ein einfaches, aber schönes Bild, das der entrückte Prophet sieht. Nicht die Pracht des Bauwerks und seiner Anlage, das Außergewöhnliche, wird hervorgehoben, sondern seine Bedeutung für die gesamte Schöpfung. Denn von ihm aus ergießt sich das Lebenselement der Erde, das Wasser, in die Welt. Der Tempel ist die Stelle, wo aus der Tiefe eine Quelle entspringt. Eine Verbindung zwischen Gott und dem Lebensbereich des Volkes entsteht.

Wo Gott wohnt, tritt neues Leben hervor. Quellen galten und gelten in manchen religiösen Traditionen als heilige Orte, die man aufsuchte, um dort zu beten und zu opfern. Wenn man beschreiben will, warum es die Menschen zu Gott zieht, dann wird gerne das anschauliche Bild von der Quelle und vom Wasser benutzt.

Sofort kommen mir Bibelstellen in den Sinn, z. B. Jesu Worte im Johannesevangelium, der zur Frau aus Samária sagt: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben, vielmehr wird das Wasser, das ich ihm geben werde, zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 7,38). Welch ein Versprechen! Was könnten wir uns mehr wünschen!

Oder die Stelle aus dem Hohen Lied, die den Bräutigam zu seiner Geliebten sagen lässt: „Die Quelle des Gartens bist du, ein Brunnen lebendigen Wassers!“ (Hl 4,15). Hier spricht die Liebe. Austausch im Nehmen und Geben – das ist Leben. Was man selbst in eigenen Worten kaum zu sagen wagt, findet in diesem Bibelzitat einen verdichteten Ausdruck.

Soweit die biblische Aussage. Was hat sie uns heute zu sagen?

Wie vom Tempel das Leben der Vegetation in der Nähe des Flusses genährt wird, es fruchtbar macht und das Tote Meer mit frischem Wasser auffüllt, so wirkt die Gegenwart Gottes heilsam auf die Versammelten ein, – im Gottesdienst, in der Anbetung, dem Klagen und Loben, in Blicken und Gebärden, im Hören, Sprechen und Singen. Dabei geht etwas in uns vor. Die Liturgie wird durch das gemeinsame Gebet und das der einzelnen Personen empfänglich für das Erbarmen Gottes, sie kann spüren, dass sich der Erbarmende ihnen zuwendet. Wir sagen Du zu ihm und erhalten im Hören auf sein Wort Orientierung für das Wirrwarr des Alltags. Wir können damit etwas anfangen, weil sein Wille uns anregt, neue Einsichten provoziert, und das prägt die Gemeinde. Der Gebetsgeist durchdringt und beseelt ihr Inneres wie fruchtbare Nässe. Noch mehr: Gottes Geist wirkt sich auch auf ihr Denken und Handeln aus. Die Liturgie hat ein großes Potential, man muss es nur ausschöpfen. „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils“, heißt es im Buch Jesaja (12,3). In der Gemeinschaft des Glaubens können die Menschen es erleben. Von der Feier geht eine Ausstrahlung aus, die durch nichts anderes ersetzt werden kann.

Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen die Kirche verlassen haben, keinen Zugang zu ihr finden, Kirchen umgewidmet oder abgerissen werden, hängt viel davon ab, ob die Liturgie so gestaltet ist, dass Freude spürbar wird.

Ich erinnere mich an Kindergottesdienste vor vielen Jahren im Mutter-Kind-Freizeitheim St. Altfrid in Berlar. Die meisten Kinder waren noch nicht im Schulalter, also haben sich die Erzieherinnen etwas einfallen lassen, damit die Kleinen von der Sonntagsfeier angesprochen wurden. Sie bauten ein Tanzspiel ein zu dem Lied: Gottes Liebe ist wunderbar, so groß, so hoch, so tief, so weit…. Zum Gesang kamen Bewegungen, sie drehten sich erst im Kreis, und als Gottes Eigenschaften besungen wurden, beugten die Kinder sich nach unten, streckten sich nach oben, breiteten die Arme und Hände aus und formten eine große, sich weitende Brust. Wie selbstvergessen sie das machten… wie sehr sie in ihrem Gesang, in ihren Gebärden drin waren.  Sie haben alle Erwachsenen in diesem Moment verzaubert, verwandelt, das war Liturgie, in der echte Freude spürbar wurde. Liturgie aus Freude vertreibt die Griesgrämigkeiten, die Langeweile und den Stumpfsinn.

Natürlich begegnet uns Gott nicht nur im Gottesdienst, er ist auch im Krankenzimmer, in einer Notunterkunft präsent wie auf einem Berggipfel oder einer Parkbank.

Wir selbst sind in seinen Augen ein heiliger Tempel. Gott braucht keine Kirchen, aber wir brauchen Orte, die anders sind als Wohnhäuser, Allzweckhallen oder Supermärkte. Räume, in denen wir ihm dienen können und der Seele liebenswürdige Lebendigkeit vermittelt wird. Kirchen werden gebaut als ein Hilfsmittel, das das Herz der Menschen zu öffnen vermag für die erlösende Macht eines Wesens, das uns alle übersteigt und über das Universum hinausführt. Vielleicht können alle, die sich mit dem Glauben schwertun, beim Besuch einer Kirche oder eines Gottesdienstes ahnen, dass sie nicht allein sind in dieser Welt und von etwas Größerem umfangen werden.

Heute kann uns das heutige Fest dankbar werden lassen dafür, dass es einen Ort gibt für die heilende Gegenwart Gottes. Die Lateranbasilika weitet unseren Horizont und verbindet die weltweite Gemeinschaft der Gläubigen. Dadurch wird unser Glaube bereichert, vertieft und animiert uns, sie zu schätzen, sich mit ihr auseinanderzusetzen und die Einheit zu pflegen.

von P. Marian Reke OSB

An den gewöhnlichen Sonntagen im Jahreskreis sind die Lesungen aus der Bibel festgelegt. Heute – an Allerseelen – stehen verschiedene biblische Texte zur Auswahl. Wir haben sie soeben gehört: die Lesung aus dem Philipperbrief und eine Passage aus den Abschiedsreden des Johannesevangeliums. Sie umkreisen die menschliche Grunderfahrung, die am heutigen Gedenktag im Mittelpunkt steht und von der wir nachher auf dem Friedhof mit einem alten Hymnus singen: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“. So ist es. Unser Schicksal und unsere kreatürliche Not ist die Vergänglichkeit. Doch können und sollen wir diese unvermeidliche Erfahrung durch Momente des Innehaltens unterbrechen –

Wir könnten und sollten uns bewusst, mit Herz und Verstand, noch einmal dem Fest, das wir gestern begangen haben, zuwenden und uns der Botschaft von Allerheiligen öffnen: „Unsere Heimat ist im Himmel“.

Zwar sind wir gewohnt, diesen Satz ausschließlich im Blick auf das Wohin unseres Lebens zu verstehen, im Blick auf den Tod also und das Danach. Es geht in diesem umfassenden Satz aber auch um unser Woher, denn unter Heimat verstehen wir zuerst unser Woher.

Woher also kommen wir, woher komme ich – ursprünglich?

Nach unserer an der Botschaft Jesu orientierten Überzeugung dürfen wir davon ausgehen, dass jeder Mensch – ob als gewolltes oder ungewolltes Kind – aus dem schöpferischen Ja der Liebe stammt. Von er Liebe aber schreibt geradezu dogmatisch der Erste Johannesbrief: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“

Wenn wir genau hinhören, weiß sogar unser gewohnter Sprachgebrauch darum, dass wir ursprünglich nicht von unseren Eltern, sondern von viel weiter herkommen. Das Kind kommt zur Welt, sagen wir, ja – woher denn? Und: Seine Eltern – nicht nur die Frau, auch der Mann – empfangen es und bringen es zur Welt, wobei der zu leistende und zu erleidende Einsatz zwischen Frau und Mann nicht gerade gleich verteilt ist.

Schwestern und Brüder, wir werden aus Gott geboren, aber sozusagen im Exil. Weshalb sonst fühlen wir uns manchmal wie fremd und heimatlos auf dieser Erde? Ich meine, weil wir Kinder Gottes sind. Die Erinnerung an unsere Herkunft aus Gott gerät aber mit der Geburt in Vergessenheit und ist uns in der Regel nicht bewusst. Dennoch spüren wir sie in der Weise einer Sehnsucht, die uns auf dieser Erde von Anfang an bewegt und zutiefst angewiesen sein lässt auf Beziehung und Begegnung. Wir spüren sie als Sehnsucht nach Liebe, die aber zwischenmenschlich immer nur gestillt und in unserer Erdenzeit nie ganz erfüllt werden kann. Denn diese Sehnsucht hat ihr Maß an der göttlichen Liebe, an dem, was wir Himmel nennen oder Ewigkeit. Das ist unsere ursprüngliche Heimat, die wir als unbewusste Erinnerung in uns tragen.

Ich glaube, dass der Mensch, wenn er stirbt, in die Ewigkeit geht, aus der er kommt. Ich glaube, dass er heimkehrt – dorthin, woher er stammt, in den Himmel.

Ewigkeit und Himmel sind jenseits von Raum und Zeit, jenseits unserer Vorstellungen. Wir brauchen jedoch Bilder: ermutigende, herausfordernde Hoffnungs- und Trostbilder, keine Schreckensbilder vom „Dies Irae“, dem Tag des Zorns. Die Wirklichkeit von Sterben und Tod ist für viele Menschen schon schrecklich genug!

Wie Ewigkeit jenseits aller zeitlichen Vorstellungen ist, weder Vergangenheit noch Zukunft kennt, sondern den je gegenwärtigen göttlichen Grund des Daseins meint, so sind „Himmel“ und „Hölle“ jenseits aller räumlichen Vorstellungen. Bei der Rede von Himmel und Hölle geht es nicht in erster Linie ums Jenseits, sondern um das rechte Leben im Diesseits.

Es gibt die Redensart vom „Himmel auf Erden“ und von der „Hölle auf Erden“, die wir uns selbst und einander bereiten. „Fegefeuer“ – auch damit ist kein jenseitiger Ort gemeint, an dem man sich eine Zeit lang aufzuhalten hat. Es ist eher vergleichbar mit einem brennenden Schmerz, wenn man momentan erkennt, wann und wo man sich gegen die Liebe verfehlt hat. Eine reinigende, heilende Erfahrung! Auch die ist redensartlich als Fegefeuer bekannt.

Dennoch: einmal werden wir an der Schwelle des Todes stehen! Worauf kommt es am Ende an? Vielleicht dass ich schlicht und einfach sagen kann: „Da bin ich“. Was in diesem Moment aufleuchtet, ist der Sinn der Demut, die unser Mönchsvater Benedikt den Mönchen ans Herz legt. Wer den Weg der Demut geht, der erfährt unausweichlich: ich bin nichts – als ich selbst.

Das gilt es als das einzig Wesentliche zu entdecken: ich bin und muss nichts anderes sein als ich selbst, als der oder als die ich geworden bin durch meine Lebenserfahrung mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Genauso will und kann ich anderen begegnen von Mensch zu Mensch und so darf und soll ich Gott begegnen – mit den schlichten Worten „Da bin ich“ als Antwort auf sein „Ich bin da“ (Exodus 3,14).

In unserer Totenliturgie, meine Brüder, singen wir: „Schenke im Ende, auch die Vollendung.“ Schenke! Doch nicht erst dann, schon in jedem erfüllten Augenblick kann inmitten aller Vergänglichkeit dieses Geschenk offenbar werden, dass die Verlorenheit der vielen Zeitsplitter unseres Daseins immer schon aufgehoben ist – in der Ewigkeit.

von Br. Anno Schütte OSB

Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner geht es ums Gebet. Wir hörten: „Beide gehen zum Tempel hinauf um zu beten.“ Jesus bietet eine Gebetsschulung an – auch für uns.

Obwohl er zur religiös-gesellschaftlichen Elite gehört, bewirkt das Beten des Pharisäers nichts. Das des Zöllners dagegen schon: „Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht“ sagt Jesus. Der Pharisäer kreist in seinem Beten nur um sich selbst – herablassend auch gegenüber dem Zöllner: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“ Mit moralischer Überheblichkeit hebt er seine eigenen Leistungen hervor. Detailliert breitet er seine formale Pflichterfüllung aus – sein Beten verkommt zu Selbstbeweihräucherung, sein Dank an Gott ist vergiftet durch seine Verachtung anderer Menschen: Er erniedrigt sie um sich selbst zu erhöhen, er missbraucht sie als Instrumente seiner Selbstverliebtheit. Er meint sich eigenmächtig den Himmel verdienen zu können. Es geht mehr um sein Ego als um Gott.

Alles an der Figur des Zöllners ist anders: Als Vertreter einer heidnischen Staatsmacht kann er keine religiöse Expertise oder gesellschaftliche Anerkennung vorweisen. Im Gegenteil: Zöllner galten als korrupte Handlanger und gierige Profiteure der verhassten römischen Besatzungsmacht. Der Zöllner drängt sich im Tempel nicht vor, sondern bleibt ganz hinten stehen. Er wagt nicht seine Augen zum Himmel zu erheben, er weiß um seine Erdgebundenheit. Er schaut in sich hinein – das Schlagen an seine Brust ist auch ein An-Klopfen bei sich selbst, er geht in die auch dunkle Wahrheit seines Lebenshauses hinein – so wie es ist. Er taucht hinab in die Tiefe seiner Person, dort ist er auch ein Sünder. Er steigt hinab in sein Gewissen, bis an den Abgrund seiner nackten Existenz, bis zum toten Punkt. Ihm geht es um mehr als um moralische Verfehlungen – dann hätte er nur um Vergebung seiner Sünden gebeten. Im Gegensatz zum Pharisäer braucht er nicht viele Worte: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Ausdrücklich bittet er um Gnade. Das ist die unbedingte Liebeszuwendung Gottes, die seine ganze Person durchdringen und von innen her neu beleben soll. Er ist offen und bereit für eine allumfassende Wandlung vom Tod ins Leben, die allein Gott begründen und an der er mitwirken kann.

Christen nennen das Auferstehen – Ostern, das feiern wir hier – und können es im Alltag leben. In Jesus Christus schenkt Gott uns diese Gnade unüberbietbar, ohne jegliche Vorbedingung und nie endend. Wir können nichts Besseres tun, als uns – wie der Zöllner – dafür von Grund auf zu öffnen und sie miteinander menschlich zu teilen – so wird Gottes Lieben erfahrbar. Schon die Bereitschaft dafür reicht für einen neuen Anfang.

Dazu ist der Pharisäer nicht – noch nicht – bereit. Angst dominiert sein Herz – seine narzisstisch-isolierende Selbsterhöhung ist eine Droge, sein Gebet nur eine egostabilisierende Fassade. Die wird eines Tages zusammenbrechen, dann wird er erniedrigt zu dem, was er eigentlich ist: ein Mensch wie jeder andere, angewiesen auf unbedingtes geliebt sein, auf göttliche Gnade. Der Zöllner ist schon jetzt unten, in seiner Lebenswirklichkeit, im Gottvertrauen bereit und offen sich von Gott lieben und wandeln zu lassen – gerade auch als Sünder. Diese Haltung nennt Jesus gerechtfertigt und in ihr gehalten und gefasst geht er nach Hause – nach Hause hinab, in die Niederungen des Alltags – hier wird die Gnade Gottes ihn weiter erhöhen.

Später am leeren Grab Jesu geht es wieder hinab. Ein Engel sendet die Jünger: „Geht hinab nach Galiläa, er geht euch voraus – dort werdet ihr ihn sehen.“ Die Wandlung des Alltags kann endgültig beginnen: Gott wird erniedrigen und erhöhen – damit alle und alles aus seiner Gnade aufersteht und lebt.

von Br. Karl-Leo Heller OSB

Liebe Schwestern und Brüder,

da bin ich nach zwei Jahren mal wieder mit der Predigt in der Abtei dran und dann bekomme ich so ein Evangelium. Das war mein erster Gedanke. Und der zweite Gedanke: Angst vor der Hölle kommt in meinem Glauben nicht wirklich vor. Im Alltag zweifele ich überhaupt nicht daran, in den Himmel zu kommen.

Vielleicht bin ich ja damit so ein typisch kölsch-katholischer Mensch. „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel…“ Natürlich ist das ein Karnevalslied und nicht gerade eine biblische Aussage. Aber irgendwie spiegelt es doch etwas von meinem intuitiven Glauben wider. Denn er enthält ja eine tiefe Sehnsucht, die Sie vielleicht auch kennen: Am Ende soll es gut werden. Am Ende möchte ich – möchten wir getragen sein, geborgen sein, bei Gott ankommen.

Und doch klingt das heutige Evangelium anders. Jesus spricht von der engen Tür. Und er sagt: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür hineinzugelangen; denn viele, sage ich euch, werden hineinzukommen versuchen und es nicht können.“

Das klingt nicht Easy-Going. Es klingt nach Herausforderung, nach einer Tür, die nicht einfach weit offensteht, sondern an der man sich mühen muss.

Ich habe ein bisschen Widerstand: Warum so streng, Jesus? Warum so abgrenzend? Oder ist es vielleicht nur der Evangelist Lukas, der ja gern mal das eine oder andere Drohwort berichtet. Ich kann nicht glauben, dass es darum gehen soll, Menschen Angst zu machen oder auszugrenzen. Vielleicht will Jesus uns auf etwas ganz anderes aufmerksam machen.

Ich glaube, der kölsche Karnevalsschlager von Jupp Schmitz hat deshalb so viel Erfolg, weil wir in uns diese tiefe Sehnsucht tragen: Dass der Himmel weit ist. Dass Gottes Liebe größer ist als unsere Fehler. Dass wir am Ende nicht auf der Strecke bleiben.

Und tatsächlich: Das ist ja auch – und ganz wesentlich – die Botschaft des Evangeliums. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Jesus selbst hat Menschen eingeschlossen, die andere ausgeschlossen haben: Zöllner, Kranke, Frauen, Kinder, sogar die Heiden.

Und trotzdem: Jesus verharmlost nicht. Er sagt nicht: „Alles egal, am Ende passt es schon.“ Sondern er macht deutlich: Gottes Liebe ist eine Einladung. Sie verlangt eine Antwort. Der Himmel ist weit – aber er ist kein Selbstläufer.

Das Bild der engen Tür wirkt auf den ersten Blick abweisend. Wer will schon durch eine enge Tür gehen, wenn daneben das große Tor offensteht? Aber wenn ich darüber nachdenke, wo mir Enge in meinem Leben wirklich erleben, dann sind es oft Situation aus meinem Alltag in der Praxis. Dann kommen Menschen mit einer Stimmstörung zu mir als Patienten. Und oft erzählen sie, natürlich nicht beim ersten Mal, aber nach einiger Zeit – von Spannungen und Konflikten in Ihrem Alltag. Sie sind aus der Liebe herausgefallen. Sie fühlen sich eng und bedrückt, und machen dabei ihre eigene Stimme eng. Und meistens noch viel mehr. Beziehungen zu lieben Menschen werden eng und schwierig. Manchmal denke ich: Ist das die enge Tür, von der Jesus spricht: In unserer Zeit, in unserer Welt, in unserer Kirche  – in der Zuversicht und in der Liebe zu bleiben?

Auch der heilige Benedikt spricht in seiner Regel von einem „Weg, der am Anfang nun einmal eng sein muss.“ Aber sogleich lenkt er die Perspektive auf das Herz, das sich weitet, um den Weg in unsagbar er Freude zu gehen.

„Bemüht euch mit allen Kräften“, sagt Jesus. Dieses Wort gefällt mir, weil es ehrlich ist. Es nimmt ernst, dass Glauben nicht immer leicht fällt.

Wir ringen ja ständig: mit Fragen der Gesundheit, mit der Zukunft der Kinder, mit Unsicherheiten im Beruf. Wir ringen mit Krisen in der Kirche und im Kloster, mit eigenen Zweifeln, mit der Frage, ob Gott wirklich hört, wenn wir beten.

Ich finde es sehr auffällig, dass Lukas uns unmittelbar vor diesen Worten von der Heilung einer Frau berichtet – wie es im biblischen Wort heißt- seit 18 Jahren von einem Dämon gekrümmt war und den Rücken nicht aufrichten konnte. In der sonntäglichen Leseordnung sind diese Verse als unbedeutend aussortiert und werden nicht gelesen. Als Körpertherpeut denk ich das natürlich unbedingt zusammen. Da ist die Enge, die Lebenstüren verschließen kann. Und Jesus sagt Ihr: „Du bist frei“. Wo Christus uns begegnet, da löst sich die Spannung, da weitet sich das Herz, da können wir aufatmen und wieder aufrecht stehen.“

Ich musste beim Evangelium an den Philosophen Hartmut Rosa und seine Gedanken zur Resonanz denken. Rosa sagt: Ein Leben gelingt dann, wenn wir uns berühren lassen – und wenn wir antworten. Nicht durch Kontrolle, nicht durch Wissen, nicht durch „alles im Griff haben“.

Genau das sehe ich hier bei Jesus: Er ruft uns, nicht weil wir perfekt sind, sondern weil wir bereit sind, uns berühren zu lassen. Die enge Tür ist kein Durchgang für die Starken, sondern für die, die ihre Schwäche nicht verstecken du es wagen, wieder mehr auf Gottes Liebe zu vertrauen in einem schwierigen Alltag.

Ich summe gerne den Schlager „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel“ , auch wenn mein Verstand natürlich auch weiß, dass es so leicht nicht immer sein wird. Aber er trägt einen wahren Kern und erinnert mich freudig daran: Ja, Gottes Himmel ist weit. Ja, er will uns alle an seinem Tisch haben. Aber: Er lädt uns nicht in eine unverbindliche Feier ein, sondern in eine echte Beziehung.

Darum dürfen wir das Lied mit einem neuen Unterton singen. Nicht als billige Vertröstung, sondern als Ausdruck unserer Hoffnung: Wir kommen alle in den Himmel – nicht, weil es selbstverständlich wäre, sondern weil Christus uns die Tür geöffnet hat.

Und durch diese Tür dürfen wir hindurchgehen – Schritt für Schritt, im Ringen, im Bemühen, im Vertrauen, in der Hoffnung.  Und vielleicht singen die Engel im Himmel ja nicht nur Halleluja, sondern auch mal so einen Kölner Schlager, wäre doch schön. Zum Beispiel: „Wir sind alles kleine Sünderlein, war immer so, war immer so, …. der Herrgott wird uns das bestimmt verzeihen, war immer, immer so“ oder eben noch ganz anders….

von P. Guido Hügen OSB

Liebe Schwestern und Brüder,
haben sie soeben beim Tagesgebet zugehört
und mitgebetet?

„Allmächtiger Gott,
wir dürfen dich Vater nennen …“
hieß es da.

Wir dürfen Gott „Vater“ nennen. Theoretisch.
Zumindest hier haben wir es nicht getan.
„Allmächtiger Gott …“

Bei solchen Formulierungen in Gebeten und anderen Texten
stellt sich für mich immer wieder die Frage:
Wer ist Gott denn für mich?

Der allmächtige Gott – der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Herr über Geschichte und Ewigkeit?
Der liebende Vater – der uns beim Namen kennt, uns trägt, tröstet und mit offenen Armen aufnimmt?

Was ist das für ein Gott,
der Abraham und Sara aufbrechen lässt
– ohne nur eine Ahnung zu haben, wohin die Reise geht.

Der sie ausdrücklich in Zelten leben lässt
– obwohl ihnen die große Stadt, ein ganzes Land verheißen ist.

Was ist das für ein Gott,
der mir selber oft so fern ist in all dem,
was mich und unsere Zeit bedrückt.

 

Dabei sind die Lesungstexte dieses Sonntags
doch eigentlich mutmachende,
aufrüttelnde Texte.

Glaubt und vertraut!
Haltet euch bereit!

In der Langfassung des Evangeliums heißt es noch
ein paar Zeilen vorher:

Fürchte dich nicht, du kleine Herde!

Das macht Mut und fordert mich heraus.

Denn diese Worte sprechen vom Vertrauen,
das trägt, auch wenn ich den Weg noch nicht kenne.

Sie sprechen vom Hoffen, obwohl gerade alles nicht einfach ist.

Vom Dranbleiben, auch wenn ich
vielleicht lieber aufhören möchte.

 

Der Hebräerbrief geht noch einen Schritt weiter,
wenn der Glaube bezeichnet wird als
„Grundlage dessen, was man erhofft“.

Was erhoffe ich denn (noch)?
Was erwarte ich?
Für mich und mein Leben, unsere Gesellschaft und Kirche?
Wo bin ich wachsam und bereit,
aufmerksam, mit offenen Ohren und offenem Herz?

Ob bei den Pfadfindern oder in der Hochschulgemeinde:
ich erlebe immer wieder gerade junge Menschen,
die nach Sinn und Richtung in ihrem Leben fragen,
nach Orientierung.

Die nach Gemeinschaft, ja Heimat suchen –
die sie scheinbar in unserer Kirche,
unseren Gemeinden und Gemeinschaften
so oft nicht mehr finden …

Ob dann Ideenbörsen, Fachtagungen,
ja Transformationsprozesse helfen,
mag dahin gestellt sein.

Muss nicht – wie in den heutigen Lesungen – im Mittelpunkt
immer wieder die Frage nach dem Glauben stehen:
Gibt der Glaube mir – und durch mich auch anderen – neuen Halt,
neue Zuversicht, neues Zutrauen?
Neue Geborgenheit – Heimat?

Lebe ich diesen Glauben?

Ja, kann ich Gott zutrauen,
dass ER es gut mit mir meint?
Vielleicht auch und gerade,
wenn ich den Weg noch nicht sehe?

 

„Haltet euch bereit!“
Zum Aufbruch.
Zum Losgehen.
Zur Achtsamkeit.

„Haltet euch bereit!“
Diese Worte Jesu sind keine Drohbotschaft,
sondern eine Einladung zum
Leben in Aufmerksamkeit und Bereitschaft.
In Offenheit.
Mit Mut.

Denn:
„Haltet auch ihr euch bereit!
Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde,
in der ihr es nicht erwartet.“

Und Gott wird kommen – da bin ich mir sicher –
als der liebende und gütige Gott,
als Vater und Mutter,
als Freiheit und Segen schenkend.

Denn
„Wir sind an Kindes statt angenommen“,
hieß es im Tagesgebet.
Vertraue ich darauf – auch im Alltag?

Dann hätte – mit Worten nach Annette Jantzen –
das Gebet vielleicht auch so lauten können:

 

Gott, wer du auch bist und wie du auch heißt,
hier sind wir.
Mit Schuldgefühlen, mit Ängsten,
mit Dankbarkeit und mit Hoffnung.
Für diese gesegnete Stunde sind wir deine Gemeinde,
und du bist mitten unter uns.
Und auch wenn wir nicht in Worte fassen können,
was uns an Gefühlen durchströmt,
so spüren wir doch:
Du bist da –
mit deiner Fülle und deinem Segen.
Du Gott-für-uns, sei uns gelobt.

von P. Marian Reke OSB

Bild: Ari

Lesung aus dem Buch Jesaja 66, 10–14c

Freut euch mit Jerusalem und jauchzt in ihr alle, die ihr sie liebt! Jubelt mit ihr, alle, die ihr um sie trauert, auf dass ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihrer Tröstungen, auf dass ihr schlürft und euch labt an der Brust ihrer Herrlichkeit! Denn so spricht der Herr: Siehe, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und die Herrlichkeit der Nationen wie einen rauschenden Bach, auf dass ihr trinken könnt; auf der Hüfte werdet ihr getragen, auf Knien geschaukelt. Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost. Ihr werdet es sehen und euer Herz wird jubeln und eure Knochen werden sprossen wie frisches Grün. So offenbart sich die Hand des Herrn an seinen Knechten.

Je älter ich werde, umso mehr Erinnerungen gehen mir durch Kopf und Herz. Als ich die Lesung von heute in der Bibel aufschlug, um mich auf die Predigt vorzubereiten, kam mir Johannes Paul I. in den Sinn. Anlässlich der kürzlichen Papstwahl wurde in den Medien auch dieser Vorgänger Leos XIV. erwähnt. Sein Kennzeichen war das freundliche Lächeln, mit dem er sich den Menschen zuwandte.

Nur einen September lang im Drei-Päpste-Jahr 1978 verkörperte Johannes Paul I. jenen Geist, der das Angesicht der Erde erneuert: den göttlichen Geist der Menschenfreundlichkeit. Er spricht auch aus den Worten des Pro­pheten Jesaja, die wir vorhin gehört haben: Worte voller Zärtlichkeit, Trostworte, Worte einer mütterlichen Zuneigung. Ich erinnere mich an einen Satz, mit dem dieser Papst – lange vor dem für seine Sponti-Sprüche bekannten Franziskus – nicht nur in kirchlichen Kreisen einige Verwirrung gestiftet und vor allem in den Medien ein großes Echo gefunden hat. Vor einer großen Menschenmenge sagte er, als sei es die größte Selbstverständlichkeit: „Gott ist nicht nur Vater, sondern auch und mehr noch Mutter!“

Johannes Paul I. wollte allen klarmachen, dass Gott kein Mann ist, dass vielmehr das Geheimnis allen Seins, das wir Gott nennen, männliche und weibliche Züge trägt. Und: Er wollte die Praxis dieser These! Er signalisierte einen neuen Stil. Die Zeichen standen auf Veränderung – auch und gerade für die sogenannte Amtskirche und das Amt in der Kirche. Dann über Nacht war er tot. Spürte der feinsinnige Mann, dass die Verwirklichung dieser Vision in der real existierenden römischen Kirche seine Kräfte überstieg?

Liebe Gemeinde, diese Aussage lag ganz auf der Linie, die sich wie ein roter Faden durch die heutige Lesung aus dem letzten Kapitel im Buch Jesaja zieht. Da ist die Rede von Jerusalem – der Hauptstadt Israels – als einer Mutter. Jerusalem war im wörtlichen Sinn die Metropole Israels. Dieser aus dem Griechischen stammende Begriff bedeutet ursprünglich Mutterstadt. Wie sonst könnte Jesaja über Jerusalem sagen: „Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum!“ So stand es in der Einheitsübersetzung der Bibel, die 1980 erschien.

Ein wunderbares Wort! Mütterlicher Reichtum: Dazu gehört tröstende Nähe, helfendes und heilendes Verstehen, Geborgenheit. Dazu gehört Liebe, die nährt und wachsen lässt. Dazu gehört auch die schönste aller Gaben, die Freigabe, denn eine Mutter sollte ihre Kinder nicht nur erziehen, sondern ziehen lassen.

Diesen mütterlichen Reichtum, den Reichtum Jerusalems wünsche ich uns in der Kirche. Weltweit und vor Ort. Auch unser Kloster, meine Brüder, lebt von der Quelle mütterlichen Reichtums. Im 72. Kapitel der Benediktsregel kommt das unüberhörbar zur Sprache: der „gute Eifer“, von dem da die Rede ist, bringt hervor: gegenseitige Geduld, zuvorkommendes Verhalten, achtsame Fürsorge.

Meine Schwestern und Brüder, mütterlicher Reichtum ist für jeden einfach lebensnotwendig – auch in der Gesellschaft! Gerade mütterlicher Reichtum könnte die Not der Gegenwart hierzulande wenden helfen. Die Not des inneren Menschen! Ohne die äußeren Nöte gering zu achten, meine ich in erster Linie die Ärmlichkeit der Herzen, die Verarmung der Seele infolge einer Vorherrschaft des männlichen Reichtums, der in der Sicht der Benediktsregel eher dem „bösen Eifer“ der Bitterkeit und des Ressentiments entstammt. Männlicher Reichtum – absolut gesetzt – geht auf Kosten der Seele des Menschen, die samt des Herzens im Klima bloßen Profitdenkens und schon in jungen Menschen angekurbelten Karrierestrebens krank werden muss. Es ist klar, dass dieser männliche Reichtum nicht nur eine Versuchung für Männer darstellt. Er ist eine Versuchung für alle. Über die positiven Seiten eines männlichen oder väterlichen Reichtums gäbe es allerdings auch viel zu sagen. Das aber ist heute nicht dran.

Mütterlicher Reichtum jedenfalls ist Reichtum an Liebe und das heißt letztlich Reichtum von Gott her, denn Gott ist Liebe. Hier gilt das Bibelwort: „Was hättest du, wenn du es nicht empfangen hättest?“ Wenn doch Gott den oft enttäuschten und mutlosen, den an den bestehenden Verhältnissen in Politik und Wirtschaft krankenden, den verunsicherten Menschen unserer Zeit, wenn uns allen Gott das sagen könnte: in der Kirche findet ihr meinen Trost. Nicht die schwächliche Vertröstung auf ein jenseitiges Irgendwann, nicht nur die trost-spenden-sollende Innerlichkeit, nicht nur eine bestens organisierte, aber blut- und blickleere, eine trostlose Nächstenliebe. Nein, in der Kirche findet ihr meinen Trost: ein konkretes, leidenschaftliches Engagement mit den Menschen, eine zärtliche Zuneigung ohne Berührungsangst, ein kraftvoll großzügiges Miteinanderteilen, eine verwundbare Liebe.

Allein das kann doch den Menschen wirklich trösten, das heißt – der Grundbedeutung von Trost entsprechend – ihm festen Stand und Wagemut geben. Allein das kann doch einem trauernden Menschen helfen, den bloßen Blick zurück wieder nach vorn zu wenden. Allein das kann einen gebrochenen Menschen aufrichten und stützen, den Schwachen stärken, ein enttäuschtes Herz wieder hoffen lassen.

Mit den Worten des Jesaja gesagt: „Wenn ihr das seht – meinen Trost, in Jerusalem, in der Kirche – wird euer Herz sich freuen!“ .