von Br. Anno Schütte OSB
Können wir Ostern, Auferstehung – neues Leben – feiern, ernsthaft und froh, in dieser Welt? Sie ist erschüttert: Von Brüchen, Rechtsbrüchen, Krisen, Kriegen – kleinen und großen, von Ignoranz und Gewalt – davon auch medial aufgeheizt. Kann Auferstehung feiern ein Aufbruch werden, um in begründeter Hoffnung nach Lösungen zu suchen, die eine lebens- und liebenswerte Zukunft ermöglichen?
Das Leben des Juden Jesus fiel in eine Zeit, die mindestens so von Gewalt und Perspektivlosigkeit geprägt war wie unsere: Er lebte in einer Randprovinz des römischen Imperiums, erobert und beherrscht für scheinbar ewige Zeiten. Ganz oben im System ließ sich ein diktatorischer Kaiser als Gott verehren. Viele wurden ausgebeutet, versklavt, andere schwelgten im Reichtum, viele liefen gleichgültig angepasst mit, Nonkonformisten wurden ausgegrenzt oder gleich mörderisch beseitigt.
Auch in Sachen Religion keine freie Gleichberechtigung: Argwöhnisch kontrollierten die Römer das Glaubensleben der Juden und schlugen zu, sobald sie ihre Macht bedroht sahen. Auch das Judentum war inhaltlich und strukturell in Gewalt- und Machtstrukturen erstarrt – Jesus wurde auch Opfer der Konflikte mit Schriftgelehrten, Hohepriestern und einem wilden Mob.
In genau so eine Welt, damals wie heute, geht Gott ein und steht in ihr auf: In diesem Jesus und in seiner Auferstehung offenbart er sich endgültig und unüberbietbar: Gott schenkt Leben und will, dass alle leben – auch im Tod. Im Grunde gibt es keinen Tod, weil Gott als Lebens-Grund da ist, für uns – immer und überall. Ostern feiern ist Annahme und Einübung dieses Angebots. Wir erleben es vor allem im Sich-von-Gott-lieben-lassen, wir üben und vertiefen es durch menschlich kreatürliches Lieben – immer neu, vielleicht in kleinen Schritten als Anfänger auf unserem Lebensweg. Gottes Lieben, durch Jesus offenbart, lässt uns auferstehen, immer wieder, jetzt und hier – heute feiern wir das besonders.
Das Osterevangelium erzählt, wie Maria schrittweise diese Wahrheit in sich einlässt und in sie hineinwächst. Sie wird zum Beispiel eines Menschen, der trotz katastrophaler Lage aufbricht und tapfer tut, was möglich ist. Das hatte Jesus vorgelebt und dem will sie weiter folgen. Die neue Gegenwart Jesu offenbart sich ihr und das teilt sie der Welt mit. – Wir können von ihr lernen!
Es beginnt mit einem Besuch am Grab Jesu. Vor zwei Tagen hatte man ihren geliebten Jesus am Kreuz brutal hingerichtet – ganz nah hatte sie das erlebt. Er war total gescheitert – seine ganze Jüngerschaft hatte sich aufgelöst. Mit ihm waren das richtig gute Leben und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gestorben und begraben – gerade auch für sie als Frau in einer patriarchal dominierten Gesellschaft.
Sie geht allein und noch im Dunkel zum Grab – Trauer und Sehnsucht ziehen sie dorthin. Sie lässt sich nicht einsperren in den finsteren Teufelskreis der erlittenen Gewalt, sondern bricht mutig und selbstbestimmt auf, um wenigstens in der Nähe des toten Jesus Trost zu finden.
Am Grab sieht sie nur die äußere Veränderung: Der Stein ist weggenommen. Die oberflächlich äußere Sichtweise erweckt in ihr einen Verdacht, mit dem sie zu Petrus und dem anderen Jünger eilt: „Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen … .“ Noch steckt sie fest in der Verlusterfahrung, das Neue im Grabesinneren erschließt sich ihr noch nicht.
Die beiden Jünger laufen hin, trauen sich weiter und gehen in das Grab hinein. Sie entdecken die herumliegenden Spuren eines verschwundenen Toten: Auch sie suchen noch einen Toten – das unglaublich neue Leben?: Fehlanzeige. Auch wenn der eine seinen Glauben bekennt, entfaltet er keine Wirkung: Sie bleiben stumm und kehren nach Hause zurück – kein Aufbruch, eher ängstlicher Rückzug.
Maria bleibt – draußen vor dem Grab – und weint. Schmerz und Trauer fließen aus ihr heraus – bricht da eine neue Lebensquelle auf? Ermutigt wagt sie ins Grab zu schauen – sie will dem Geheimnis tiefer nachgehen und es ergründen. Engel, die Gesandten Gottes, sind da – und sprechen sie an: „Frau, warum weinst Du? Wen suchst Du?“ Die Engel spenden keinen billigen Trost – sie nehmen sie Ernst. Dieser Liebesdienst stärkt zu neuer Bewegung: Sie wendet sich um – und sieht Jesus. Der respektiert ihre verzweifelte Lage und fragt: „Wen suchst Du?“ Jesus zentriert ihre Suche, bereitet sie vor auf die Begegnung mit ihm. Denn noch ist sie nicht so weit, hält ihn für den Gärtner – noch immer sucht sie einen Toten: „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast!“ Schließlich offenbart sich Jesus: Nicht, in dem er sich in den Mittelpunkt stellt, sondern indem er ihr seine Aufmerksamkeit, seine Präsenz schenkt: Schlicht und einfach spricht er sie an: „Maria!“ – sonst nichts – nur ihr Name. Er meint sie als Person, er interessiert sich für sie – mit ihrem Namen würdigt er ihre Einzigartigkeit. Das bleibt nicht ohne Wirkung: Maria wendet sich zum zweiten Mal – nun ist sie ganz umgekehrt aus der Perspektive der Totensuche und nennt Jesus einfach nur „Rabbuni – Meister“. Das drückt eine lebendige Beziehung aus – er war und ist ihr Lebensmeister.
Das eröffnet Zukunft, da will sie bei ihm bleiben, ihn an sich binden und festhalten. Weil Leben und Lieben aber gerade nicht haben und festhalten bedeutet, weist Jesus sie bestimmt an: „Halt mich nicht fest!“ Leben im Sinne Jesu heißt: Frei-Geben – und darin empfangen, Teilen und Mit-Teilen und darin beschenkt werden. Darin erfahren wir Sinn, durch Sinnesfreude. Denn es ist Gottes Freude in der Schöpfung zu sein – bis in alle Lebensgräber hinein, um in ihnen aufzuerstehen.
Jesus wird zum Vater heimkehren und sendet Maria zu den Jüngern. Er vertraut ihr seine auferstandene Gegenwart an um sie zu verkünden. Das kommt bei den Jüngern an – bis zu uns hin und weit über uns hinaus. Das ist Grund zu feiern! Alleluja!

