Am 11. Oktober 1962, vor 60 Jahren, wurde in Rom das II. Vatikanische Konzil eröffnet. Es brachte viele Veränderungen auch in unserer Gemeinschaft mit sich. Anlässlich des Jahrestages der Konzilseröffnung möchten wir in einer kleinen Artikelserie an diese bewegten Zeiten in der Kirche erinnern, um aus dieser Erinnerung heraus Impulse für die Zukunft zu gewinnen. Wir beginnen mit einem Beitrag über die liturgischen Veränderungen in unserer Gemeinschaft von Königsmünster. Alle Artikel finden Sie auch im aktuellen „Gruß aus Königsmünster“:

Liturgie auf dem Weg – Königsmünster im Zeichen der Erneuerung

P. Maurus Runge OSB

Am 11. Oktober 1962 hielt Papst Johannes XXIII. in Rom eine viel beachtete Rede zur Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils. Drei Jahre zuvor hatte er es in der Benediktinerabtei St. Paul vor den Mauern vor den versammelten Kardinälen ausgerufen. Es sollte dem „aggiornamento“ der Kirche dienen, ihrer „Verheutigung“, ihrem Ankommen im 21. Jahrhundert. In seiner Eröffnungsrede wendete sich der Papst gegen „Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde.“ Und er nennt die Geschichte eine „Lehrmeisterin des Lebens“. In der konkreten Geschichte muss der Glaube so verkündet werden, dass die Menschen das Zeitlose der frohen Botschaft des Evangeliums verstehen können.

Die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils hatten Auswirkungen auf den Benediktinerorden, auf die Kongregation der Missionsbenediktiner von St. Ottilien und natürlich auch auf das junge Kloster Königsmünster. „Liturgie auf dem Wege“ – so ist ein zusammenfassender Artikel über die Veränderungen in unserer Gemeinschaft im Gefolge des Konzils überschrieben, der im Jahresbericht 1970 erschien. Der internationale Äbtekongress, der 1966 in Rom stattfand, befasste sich mit der neuen Situation, welche vor allem im Dekret über eine „zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens“ (Perfectae Caritatis) und in der Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ grundgelegt wurde. Das Hauptanliegen war die Einführung der Muttersprache statt des Lateinischen im Stundengebet. Wie schwierig diese Diskussion war, zeigt ein Brief von Papst Paul VI., den alle Delegierten des Äbtekongresses bei der Ankunft in ihren Zimmern vorfanden. Darin forderte der Papst, dass die lateinische Sprache und der Gregorianische Choral beibehalten werden sollten. Abt Harduin Bießle, der damals unser Kloster beim Kongress vertrat, schreibt im Jahresbericht: „Wir können uns aber nicht vorstellen, dass der Heilige Vater auf dieser Forderung besteht, wenn er einsieht, dass wir Mönche in der Muttersprache andächtiger und lieber, aber auch zur größeren Erbauung der Gläubigen unser Offizium verrichten. Bei der Eucharistiefeier werden dagegen wohl noch viele gerne den Choral in Verbindung mit der lateinischen Sprache beibehalten.“ Diese Worte spiegeln die kontroversen Diskussionen, aber auch einen möglichen Kompromiss wider, der sich anbahnte.

Abt Harduin beim Äbtekongress 1966

Da die sog. „Confoederatio benedictina“ kein zentral geführter Orden ist, sondern aus rechtlich selbstständigen Gebilden besteht, konnte der Äbtekongress nur Empfehlungen aussprechen, die dann von den Gremien vor Ort in rechtlich bindende Beschlüsse umgesetzt werden mussten. Diese Aufgabe übernahm das 10. Generalkapitel der Benediktinerkongregation von St. Ottilien, das vom 10. bis 26. Oktober 1966 im Anschluss an den Äbtekongress stattfand – und zwei Jahre später wegen des enormen Diskussionsbedarfs fortgesetzt wurde. Unter dem Vorsitz des damaligen Erzabtes Suso Brechter kamen alle Oberen der zehn damals selbstständigen Klöster mit je einem Delegierten aus den Gemeinschaften in St. Ottilien zusammen. Das wichtigste Bestreben war die Eingliederung der Laienbrüder in die klösterliche Familie. Vor dem Konzil bestand die Klostergemeinschaft im Grunde aus zwei Konventen, den Priestern und Klerikern (Studenten auf dem Weg zum Priestertum) und den sog. Laienbrüdern, die in unserer Kongregation allerdings von Beginn an gerade in den Missionsgebieten einen hohen Stellenwert besaßen als diejenigen, die die ganze Infrastruktur aufgebaut haben. Die Laienbrüder legten keine feierliche Profess ab, hatten eine andere Kleidung als die Priester und ein kürzeres deutsches Stundengebet. Das Generalkapitel ebnete nun den Weg dafür, dass auch die Laienbrüder die feierlichen Gelübde ablegen konnten und als volle Mitglieder mit Stimmrecht zur Gemeinschaft gehörten.

Generalkapitel der Missionsbenediktiner 1966

All das galt es in den einzelnen Klöstern umzusetzen. Königsmünster gehörte dabei zu einer Gruppe von Klöstern, die die Konzelebration mehrerer Priester in der Eucharistie erproben sollten, bevor sie für die ganze Kirche erlaubt wurde. Die gerade 1964 eingeweihte Abteikirche hatte in vielem, was das Konzil theologisch beschloss, prophetischen Charakter. In Königsmünster wurde ein Ausschuss für liturgische Fragen ins Leben gerufen, der als Arbeitsteam Vorschläge für Reformen ausarbeitete, sammelte und prüfte. Zu gewissen Zeiten wurde die gesamte Gemeinschaft eingebunden – man kann sich vorstellen, dass es auf so einem wichtigen Feld für ein Benediktinerkloster, wie es die Liturgie ist, zu hitzigen Diskussionen gekommen ist. Alles Neue wurde dann zunächst ad experimentum, auf Probe eingeführt – so halten wir es übrigens noch heute. Der damalige Zeremoniar P. Gregor Mias, aber auch P. Michael Hermes und P. Clemens Brunnert erwarben sich große Verdienste für eine schnelle Umsetzung der Konzilsbeschlüsse in unserer Gemeinschaft. In unermüdlicher Arbeit wurden Texte gesucht, übersetzt, zusammengestellt, Melodien übertragen oder neu komponiert und alles wieder kritisch gesichtet, dann geschrieben, vervielfältigt, geheftet und im Stundengebet ausprobiert. All das ließ den kleinen Konvent von Königsmünster schnell an seine Grenzen kommen. So war die Freude groß, als in der Abtei Münsterschwarzach eine neue Ordnung des Stundengebetes erarbeitet wurde, der sich unsere Gemeinschaft in vielem anschließen konnte.

Liturgischer Ausschuss in Königsmünster

Am 9. März 1970 war es dann soweit: an diesem Tag erklang zum ersten Mal in Königsmünster ein gemeinsames deutsches Chorgebet. Brüder und Patres beteten als eine Gemeinschaft gemeinsam. Auch wurde eine neue Tagesordnung eingeführt, deren Qualität sich schon dadurch auszeichnete, dass sie unverändert bis vor wenigen Jahren beibehalten wurde.

Der Bericht von 1970 endet mit den Worten: „Wird es wohl jemals wieder eine „endgültige“, eine „fertige“ Liturgie geben? Die Kirche ist das Volk Gottes auf dem Weg. Sie muss sich stets neu orientieren. Das aber erhält sie lebendig und dynamisch. Unser Konvent hat sich mit der Kirche auf den Weg gemacht.“ Auf diesem Weg befinden wir uns auch heute noch. Wenn die Geschichte wirklich eine „Lehrmeisterin des Lebens“ ist, wie es Papst Johannes sagte, dann wird auch Liturgie in der Geschichte nie fertig sein. Sie wird sich organisch verändern, und nachfolgende Generationen werden vielleicht neue oder ganz andere Dimensionen (wieder)entdecken. Wichtig ist, dass eine Gemeinschaft über diese Prozesse im Gespräch bleibt und dass wirklich jeder mit seiner persönlichen Meinung sein darf und gehört wird. So wird man ohne Polarisierungen zu tragfähigen Lösungen kommen, so wie es unsere Vorfahren in den 1960er Jahren gemeinsam geschafft haben. Wäre dieses benediktinische Hören aufeinander und vor allem das Geltenlassen verschiedener Meinungen nicht ein wichtiger Bestandteil auch für die Diskussionen um kirchliche Reformen heute?

P. Michael Hermes bei der Gestaltung des deutschen Stundengebetes

Auf dem kleinen Altar in unserem Kapellenkranz, auf dem das Totenbuch aller verstorbenen Brüder unserer Abtei liegt, findet sich seit kurzem ein Triptychon, das den Märtyrern der Abtei Tokwon im heutigen Nordkorea gewidmet ist. Gerade läuft in Rom der Seligsprechungsprozess für die Schwestern und Brüder, die nach der Auflösung der Abtei durch die Kommunisten 1949-1952 nach einem langen Leidensweg in den Gefängnissen und Lagern der damaligen Machthaber ums Leben gekommen sind. Dieses Triptychon ist ein Geschenk der Kongregationsleitung an alle Mitglieder des Generalkapitels, das im September in St. Ottilien stattfand.

Triptychon der Märtyrer von Tokwon

Auf dem Triptychon sind alle Schwestern und Brüder der Tutzinger Missionsbenediktinerinnen und der Missionsbenediktiner von St. Ottilien abgebildet, für die gerade der Seligsprechungsprozess läuft. Es findet sich dort auch ein Gebet, das auf die Fürsprache dieser Zeuginnen und Zeugen des Glaubens in den eigenen Anliegen gebetet werden kann:

Gott, Du hast deinen Sohn in diese Welt gesandt,
weil Du willst, dass alle Menschen gerettet werden
und das Heil erlangen.

Du hast Männer und Frauen dazu berufen,
ihre Heimat zu verlassen
und im Geist des Heiligen Benedikt
dem koreanischen Volk das Evangelium zu verkünden.
Du hast sie gestärkt,
Verfolgung und Entbehrung zu ertragen
und bis zur Hingabe des Lebens für Deine Liebe Zeugnis zu geben.

Auf die Fürsprache der Märtyrerinnen und Märtyrer von Tokwon bitte ich Dich:
Blicke mit Güte auf die Anliegen,
die ich heute vor Dich hintrage,
und gewähre sie nach Deinem Willen: …

Und gib mir die Kraft,
meinen eigenen Weg zu erkennen und furchtlos zu beschreiten,
damit die Kraft und Herrlichkeit Deiner Auferstehung
auch in unserer Zeit aufstrahle.

Darum bitte ich durch Jesus Christus,
Deinen Sohn und unseren Herrn,
der mit Dir und dem Heiligen Geist
lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.

Ein freies Wochenende liegt hinter uns. Nach der Wahl des Abtpräses konnten die Teilnehmer des Generalkapitels relaxen. Einige fuhren nach München oder an andere Orte, andere trafen Freunde, wieder andere nutzten die Gelegenheit, um nach einer anstrengenden Woche lange zu schlafen und nichts zu tun.

Bei mir kamen viele Erinnerungen hoch, Erinnerungen an menschliche Begegnungen über Kontinente und Klöster hinweg, die mich geprägt und verändert haben, die meine Weltsicht erweitert haben. Einige der Kapitelsteilnehmer kenne ich seit über 20 Jahren, als ich 1999 zum ersten Mal an Studienwochen der Missionsbenediktiner in St. Ottilien teilgenommen habe. Einige kenne ich seit meinem Studienaufenthalt auf den Philippinen 2001/02, wieder andere seit dem Studium in Rom am internationalen Benediktinerkolleg Sant’Anselmo, wunderschön auf dem Aventin gelegen. Die Generalkapitel der Missionsbenediktiner – dieses ist mittlerweile mein fünftes – sind immer wieder eine gute Gelegenheit, Mitbrüder aus aller Welt wiederzusehen oder neu kennenzulernen. Es erweitert jedes Mal meine Perspektive, wenn ich Berichte aus anderen Kulturen höre, wenn ich erlebe, wie in anderen Ländern Menschen in der Nachfolge des hl. Benedikt stehen. Typisch deutsche Probleme relativieren sich, und vieles, was wir oft als ungeheuer wichtig nehmen, rückt in die richtige Perspektive.

Im Jahr 2017 hatte ich die Gelegenheit, sechs Monate aushilfsweise als Sekretär im Haus der Kongregation in St. Ottilien zu arbeiten. Das ist die Zentrale der Missionsbenediktiner, wo sozusagen die Fäden zusammenlaufen, wo der Abtpräses und sein Team leben und arbeiten. Gestern haben wir nach der Wahl des Abtpräses, als viele Fotos gemacht wurden, ein Bild mit allen anwesenden Kongregationssekretären gemacht – vier ehemalige und ein aktueller. Es sind Mitbrüder aus Tansania, Togo, den Philippinen und Deutschland – alles Länder und Gemeinschaften, die ich schon besucht habe, wie mir dann aufgefallen ist. Unterschiedliche Brüder, die jeder auf seine Weise diesen Dienst ausgeübt haben. Und doch ist sofort ein gemeinsames Verständnis da, man kennt sich und tauscht sich untereinander aus, man fragt sich gegenseitig um Rat und hilft sich. Ganz unkompliziert.

Noch einer sollte auf dem Foto oben anwesend sein, P. Winfried Yego OSB aus Kenia, mein direkter Nachfolger als Kongregationssekretär. Anfang 2018 habe ich ihn in St. Ottilien eingearbeitet, bis 2021 war er im Amt, dann entschloss er sich, in sein geliebtes Kenia zurückzukehren, um eine Gemeinde dort zu übernehmen. Kurz später starb er an den Folgen einer Coronaerkrankung – ein viel zu früher Tod. Lieber Winfried, Du warst gestern bei uns, als wir das Foto gemacht haben. Du hättest mit deinem kenianisch-fränkischen Dialekt sicher die ein oder andere Anekdote zum Besten gegeben. Beim letzten Generalkapitel 2016 saßen wir noch in der Übersetzerbox und haben gemeinsam gearbeitet. Ruhe in Frieden, lieber Bruder!

P. Maurus Runge OSB

P. Winfried Yego OSB (+2021)

In der Erzabtei St. Ottilien versammeln sich derzeit ca. 60 Missionsbenediktiner aus aller Welt zu ihrem Generalkapitel, der höchsten gesetzgebenden Versammlung dieser Benediktinerkongregation. Neben den Berichten über die einzelnen Klöster wird über viele Themen gesprochen, die die Aufgaben der Missionsbenediktiner betreffen: So geht es u.a. um die Aufarbeitung und Prävention von sexualisierter Gewalt, um Fragen der Bewahrung der Schöpfung und um rechtliche Änderungen im Eigenrecht der Missionsbenediktiner. Das Generalkapitel dient vor allem dem Austausch der vielen unterschiedlichen Gemeinschaften auf der ganzen Welt. Es findet turnusmäßig alle vier Jahre statt, musste aber aufgrund der Folgen der Corona-Pandemie zweimal verschoben werden, sodass das letzte Generalkapitel schon vor sechs Jahren stattfand.

In diesem Jahr stand die Wahl des Abtpräses an, der sozusagen der oberste Repräsentant der Missionsbenediktiner ist. Vor acht Jahren wurde zum ersten Mal ein eigener Präses gewählt, denn vorher war diese Aufgabe automatisch an das Amt des Erzabtes des Klosters St. Ottilien als Mutterkloster der Kongregation gebunden. Damals wurde Abt Jeremias Schröder OSB gewählt, der schon seit 2000 Erzabt von St. Ottilien war.

Wahl des Abtpräses

Wahlberechtigt waren alle Oberen und Delegierten der selbstständigen Klöster der Kongregation und die Mitglieder des Kongregationsrates als oberstem Leitungsgremium. Nach einer Vorwahl am Abend des 23. September, die vor allem der Kandidatenfindung diente, fand die eigentliche Wahl am Morgen des 24. September 2022 statt. Morgens fand eine gemeinsame Eucharistiefeier in der Abteikirche von St. Ottilien statt, bei der besonders um den Heiligen Geist gebetet wurde. Am Beginn der Wahl wurde das 64. Kapitel der Benediktsregel – „Über die Wahl des Abtes“ – vorgelesen, und der Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus – Komm, Heiliger Geist“ wurde gesungen. Alle wahlberechtigten Mönche wurden aufgerufen, und dann fand die eigentliche Wahl in geheimer Abstimmung statt. Schließlich wurde Abt Jeremias für vier Jahre wiedergewählt, und der Gewählte bekam Brustkreuz und Siegel der Kongregation überreicht und legte das Glaubensbekenntnis ab. In einer feierlichen Zeremonie in der Kirche wurde er unter Glockengeläut der Öffentlichkeit vorgestellt und tauschte den Friedensgruß mit allen Mitgliedern des Generalkapitels aus.

Vorstellung von Abtpräses Jeremias durch Erzabt Wolfgang von St. Ottilien

Wir danken Abt Jeremias für sein fruchtbares, engagiertes Wirken zum Wohle unserer Kongregation nunmehr seit 22 Jahren und wünschen ihm Gottes Segen und viel Kraft und Gesundheit in den kommenden vier Jahren.

Nach der Wahl steht nun für die Teilnehmer des Generalkapitels ein freies Wochenende an, bevor es am Montag mit den Beratungen weitergeht.

 

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ So habe ich es schon oft gehört. Auch wenn ich mich sprachlich zu einem Thema nicht äußere, so gibt es doch viele Weisen, meine Meinung auf andere Weise auszudrücken: durch meine Körpersprache, durch zustimmendes Nicken, durch ablehnendes Gemurmel, durch aktives Zuhören, … Um all das ging es beim zweiten Vorbereitungstag des Generalkapitels, an dem uns Frau Caryn Vanstone begleitete. Sie kommt aus Großbritannien, ist Organisationsberaterin und hat über viele Jahre die englischen Benediktiner bei ihren Versammlungen und Meetings begleitet. Sie führte die Teilnehmer des Generalkapitels in die Kunst eines offenen Zuhörens ein – nicht nur Kunst, sondern auch Handwerk, das immer wieder eingeübt werden muss. Wie oft passiert es, dass ich dem anderen zwar äußerlich zuhöre, aber innerlich schon im Kampfmodus bin oder mir die besten Gegenargumente überlege, die seine Meinung schnell widerlegen sollen. Das ist nicht mehr als ein Zuhören, das letztlich bei mir selbst bleibt und nicht die Weisheit des Menschen neben mir annimmt und zu schätzen weiß.

Kommunikationsübungen

Ebenso geht es bei Entscheidungsprozessen in Gruppen darum, sich vorher klarzumachen, um welche Art von Entscheidungen es geht: sind es Entscheidungen, die schon getroffen sind und die jetzt umgesetzt werden müssen (wie z.B. Änderungen in Gesetzen)? Oder geht es um Beratungsprozesse, die Entscheidungen einer Gruppe oder eines Einzelnen vorbereiten, wo aber jeder gehört werden soll? Oder sind es Entscheidungen, die von der ganzen Gruppe getroffen werden? Viel Zeit geht verloren, wenn diese Unterscheidung nicht klar ist.

Abt Aloysius

Mit vielen praktischen Übungen konnten die Teilnehmer des Generalkapitels die verschiedenen Arten des Zuhörens und Kommunizierens einüben, und wer in die Gesichter im großen Versammlungsraum schaute, der sah, mit welch großer Freude und Begeisterung alle bei der Sache waren – sicher auch ein Verdienst der einfühlsamen und klaren Art von Frau Vanstone.

Auch die Übersetzer haben sichtlich Spaß.

Am Nachmittag ging es dann darum, in kleinen Gruppen das am Vormittag Eingeübte in die Tat umzusetzen. Die Gruppen sind nach der Sprache der Teilnehmenden gebildet, sodass sich jeder frei in seiner Sprache ausdrücken kann. Und so ist ein gutes Klima geschaffen worden, in dem die Beratungen der nächsten Tage gut weitergehen können.

P. Maurus Runge OSB
Bilder: Br. Elias König OSB / St. Ottilien

Nach der offiziellen Eröffnung auf dem Georgenberg gestern hat das 22. Generalkapitel heute seine Arbeit aufgenommen. Allerdings ging es zunächst einmal nicht um Inhalte, sondern der Tag heute (und morgen) dient der Vorbereitung und technischen Fragen. Gerade die technischen Fragen sind sehr wichtig, findet das Generalkapitel doch vor allem mit Hilfe technischer Mittel und Plattformen statt. Alle Dokumente sind digital verfügbar, und so bestand die erste Einheit vor allem darin, in die technischen Feinheiten einzuführen und etwaige Computerprobleme zu klären – zum Glück gibt es dafür vor Ort kompetente Fachleute.

An diesem Tag hat uns Schwester Lynn MacKenzie OSB aus den USA wertvolle Impulse gegeben. Sie ist Expertin auf dem Gebiet des Kirchenrechts und Moderatorin der CIB (Communio Internationalis Benedictinarum), des Zusammenschlusses der benediktinischen Frauenklöster weltweit. Sie führte uns in einige wichtige neue Dokumente ein, die von Papst Franziskus veröffentlicht wurden und rechtliche Aspekte des Ordenslebens betreffen. Man könnte meinen, ein trockenes Thema, aber Schwester Lynn hat es auf ihre erfrischende Art geschafft, kompetent und interessant in die Materie einzuführen. Für den Übersetzer war das die erste Herausforderung, immer die passenden kirchenrechtlichen Begriffe im Deutschen parat zu haben. Aber zumindest hat sich keiner der deutschen Teilnehmer, welche die Übersetzung hörten, beschwert…

Übersetzer bei der Arbeit (P. Adam (USA) und P. Maurus (Kö))

Heute kommt das Tagebuch etwas früher, denn die letzte Arbeitseinheit des Tages ist der persönlichen Lektüre der Kapitelsteilnehmer (Obere und Delegierte) gewidmet, die sich in die Berichte und Eingaben einlesen sollen, um gut vorbereitet in die Diskussionen der kommenden Tage zu gehen. Das bedeutet etwas freie Zeit für den Übersetzer, der so andere Dinge tun kann (z.B. das Kapitelstagebuch schreiben und danach die Übersetzerbox zu verlassen und an die frische Luft zu gehen…).

Moderatoren: P. Javier (St. Ottilien) und P. Cosmas (Königsmünster)

Am Abend des heutigen Tages sind die Teilnehmer des Generalkapitels von der gastgebenden Gemeinschaft von St. Ottilien eingeladen. Nach der Vesper in der Abteikirche gibt es ein gemeinsames Büffet im Refektorium, dem klösterlichen Speisesaal.

Kongregationsfahne in St. Ottilien

P. Maurus Runge OSB

Fotos: Br. Elias König OSB / St. Ottilien

Nachdem die teilnehmenden Brüder aus aller Welt am Samstag, den 17.09.2022, gut in St. Ottilien angekommen sind – eine große Wiedersehensfreude, denn viele kannten sich schon – , fand am Sonntag, 18.9., eine Wallfahrt zur Eröffnung des Generalkapitels zum Felsenkloster St. Georgenberg in Tirol statt. Der Georgenberg ist seit dem 11. Jahrhundert ein beliebter Wallfahrtsort, und seit 2017 leben sechs Mönche der Missionsbenediktiner an diesem Ort und halten die Wallfahrt aufrecht. Nachdem das Kloster im Tal, das Stift Fiecht, zu groß geworden ist für eine kleiner werdende Zahl an Brüdern, haben sich die Mönche dazu entschlossen, das Stift zu verkaufen und auf den Georgenberg zu ziehen.

Felsenkloster St. Georgenberg

Mit dem Bus fuhren wir am Sonntagmorgen von St. Ottilien nach Tirol in Österreich. An einem Parkplatz unterhalb des Klosters begann der einstündige Fußmarsch auf den Berg. Zum Glück hörte der Regen im Lauf der Wanderung auf, sodass alle relativ trocken oben ankamen. Dort fand dann ein Mittagsgebet in der Kirche statt, gefolgt von einer zünftigen Brotzeit. An jeder freien Ecke des Klosters waren Tische gedeckt, und die Brüder und Mitarbeitenden der kleinen Gemeinschaft haben keine Mühen gescheut, die Gäste zu bewirten. Nach dem Mittagessen gab es drei Führungen in verschiedenen Sprachen – Englisch, Deutsch und Swahili, der Landessprache in Tansania (immerhin kommen über 50 % der Mönche unserer Kongregation aus Afrika). Um 15.00 Uhr fand dann der offizielle Eröffnungsgottesdienst des 22. Generalkapitels statt. Berührend war für mich vor allem, dass Abtpräses Jeremias in seiner Predigt der Verstorbenen der vergangenen Jahre gedachte – viele waren Teilnehmer an früheren Kapiteln gewesen, und einige kannte ich persönlich. Viele Erinnerungen kamen hoch. Ebenso konnte jeder Teilnehmer in Stille eine Kerze nach vorne bringen und vor den Altar stellen – in den Anliegen, die jeder persönlich in diesen Tagen hat.

Die Fahne der Missionsbenediktiner wird feierlich übergeben.

Am Ende des Tages stand dann noch ein besonderes Event: Die Fahne der Missionsbenediktiner, die eigens für das Kapitel gehisst worden war, wurde feierlich eingerollt und dem Erzabt von St. Ottilien, der Gastgeber des Generalkapitels ist, übergeben. Für die nächsten zwei Wochen wird sie einen Platz in der Erzabtei finden.

Morgen beginnen dann die Beratungen des Kapitels – und meine Arbeit als Übersetzer.

P. Maurus Runge OSB

Vom 17. bis zum 29. September 2022 findet in St. Ottilien das Generalkapitel der Missionsbenediktiner statt. Es ist die höchste gesetzgebende Versammlung der Kongregation von St. Ottilien, und alle vier Jahre versammeln sich Delegierte aus den verschiedenen Klöstern, um über wichtige Fragen zu beraten, welche die Sendung der Missionsbenediktiner betreffen. Das letzte Kapitel fand schon 2016 statt – nun sind also mittlerweile sechs Jahre vergangen, denn das Kapitel, das eigentlich 2020 stattfinden sollte, wurde zweimal wegen der Corona-Pandemie verschoben.

Warum Kapitel? Als „Kapitel“ wird in einer benediktinischen Gemeinschaft die Zusammenkunft aller Mönche mit Feierlicher Profess bezeichnet, die gemeinsam Entscheidungen treffen können. Auf Kongregationsebene setzt sich das Generalkapitel aus den Höheren Oberen der einzelnen Klöster, je einem Delegierten, der von den einzelnen Gemeinschaften (den „Kapiteln“) gewählt wird und den Offizialen (Entscheidungsträgern) der Kongregation (Abtpräses, Kongregationssekretär, Kongregationsprokurator, Kongregationsrat) zusammen. Daneben gibt es viele, die für einen reibungslosen Ablauf dieser Tage verantwortlich sind: Sekretäre, Protokollanten, Übersetzer (die offizielle Sprache der Kongregation ist Englisch), Moderatoren, … Alle Teilnehmer zusammen spiegeln etwas von der Vielfalt und Buntheit der Kongregation wider.

Aus unserem Kloster nehmen vier Mitbrüder am Generalkapitel teil: Abt Aloysius als Oberer unserer Gemeinschaft, Bruder Antonius als gewählter Vertreter, P. Cosmas als Moderator und Mitglied der vorbereitenden Kapitelskommission und P. Maurus als Übersetzer, der auch diese Zeilen schreibt. In den folgenden Tagen möchte ich Sie gedanklich mitnehmen nach St. Ottilien und in einem „Kapitelstagebuch“ etwas von meinen Eindrücken vom Generalkapitel berichten. Viel wird ja derzeit in unserer Kirche von Synodalität geredet, von gemeinsamen Entscheidungsprozessen. Von den Orden kann die Kirche da vieles lernen, denn hier wird Synodalität in den verschiedenen Räten und Entscheidungsgremien schon lange selbstverständlich gelebt.

Gerne können Sie Ihre Fragen und Anmerkungen in die Kommentare schreiben; ich werde versuchen, in den nächsten Tagen darauf einzugehen. Die Koffer sind gepackt – morgen geht die Reise nach St. Ottilien los.

P. Maurus Runge OSB

Am 11. Oktober 1962 jährt sich der 60. Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils. Es sollte, wie es der selige Papst Johannes XXIII. ausgedrückt hat, dem „aggiornamento“ der Kirche dienen, ihrer „Verheutigung“ – die Kirche sollte im 20. Jahrhundert ankommen. Auf dem II. Vatikanischen Konzil wurde die Kirche zum ersten Mal als Weltkirche erfahrbar, und so hatte es Auswirkungen nicht nur auf unsere Gemeinschaft in Königsmünster, sondern auch auf die weltweit vertretene Kongregation der Missionsbenediktiner. Gerade im Bereich der Liturgie gab es teils hitzige Diskussionen, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind.

Gerade ist unter großer medialer Anteilnahme die vierte Vollversammlung des Synodalen Weges der Kirche in Deutschland zu Ende gegangen. Auch hier gab es teils heftige Diskussionen und einen handfesten Eklat, als ein Grundlagentext zur Sexualmoral der Kirche, der die Vielfalt der Lebensformen positiv würdigt, die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit der Bischöfe verfehlte. Auch auf dem Synodalen Weg geht es um die Frage eines „aggiornamento“ der Kirche in die heutige Zeit, vor allem hinsichtlich der Krise, die durch sexualisierte Gewalt im Raum der Kirche entstanden ist und die mitbedingt ist durch systemische Ursachen wie Machtmissbrauch, eine veraltete Sexualmoral oder ein männerbündisches, geschlossenes System. Vielleicht kann ein Blick in die Geschichte des II. Vatikanischen Konzils den Blick weiten für das, was Synodalität heute bedeuten kann. In unserem aktuellen „Gruß“ schauen wir zurück auf die konkreten Auswirkungen des Konzils auf unsere Gemeinschaft und Kongregation. Möge er einen Beitrag leisten zum notwendigen „Aggiornamento“ heute!