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von Bruder Benedikt Müller OSB

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Es ist Ostern und wir dürfen es 50 Tage feiern. Jedes Jahr neu bekennen wir mit einem besonders feierlichen Ton am Ostertag: „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!“. Seit einer Woche scheint es, dass wir aus dem liturgischen Feiern nicht mehr herauskommen. So viele Feier- und Festtage mit ihrem je eigenen Schwerpunkt. Was wir da alles feiern – das kann ich schlecht in einem Satz zusammenfassen. Zu viele Bilder und Gefühle aus der letzten Woche bewegen mein Herz. Da muss ich innerlich schmunzelnd an eines meiner ehemaligen Kindergartenkinder aus meiner Heimat Mengeringhausen denken. Ich war vor 26 Jahren Erzieherpraktikant im Anerkennungsjahr, da hatte mir ein sechsjähriger Junge – er heißt auch Benedikt – die festlichen Inhalte der Kar– und Ostertage in der Mengeringhäuser Kirche nach einem Kindergottesdienst zusammenfassend so erklärt: „Erst kommt Jesus mit seinen Kumpels nach Jerusalem. Dann essen wir mit ihm. Danach schlagen wir ihn alle ans Kreuz. Dann ruht er im Grab und steht wieder auf. Bis abends geht er mit Freunden spazieren, erschreckt immer wieder die Jünger am See, und dann fährt er zu seinem Vater auf.“ Dann schaute er auf den Hochaltar. Auf einem der Altarbilder sieht man Jesus in Gethsemane beten und ein Lichtstrahl fällt in dunkler Nacht auf ihn. Der Junge war nun fest überzeugt: „Jetzt weiß ich endlich, an was Jesus gestorben ist. An einem Sonnenbrand!“ Auf den Punkt gebracht. Naja, bis auf die Todesursache. Und abends geht er mit seinen Freunden spazieren – der erste Osterspaziergang. An den Ostern meiner Kindheit gehörte der Osterspaziergang traditionell dazu, und für mich war das immer: ein Stück mit nach Emmaus zu gehen.

Liebe Geschwister! Es ist der Ostertag. Die Jünger sitzen versteckt in ihrem Haus in Jerusalem und haben die Fenster und Türen verschlossen. Sie gehen nicht spazieren. Wie zitternde Angsthasen haben sie sich in ihren Angsthasenbau zurückgezogen. Also kein Osterspaziergang? Doch: Denn zwei Jünger sind auf dem Weg nach Emmaus, weg von Jerusalem, weg von den anderen Jüngern, weg von den Ereignissen der letzten Tage. Sie müssen die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem, das Geschehen um Jesus und sein Sterben, noch verarbeiten.  Nicht eine Aufbruchsstimmung ist auf ihrem Weg spürbar, sondern Resignation und Verzweiflung. Es gibt Wegstrecken im menschlichen Leben, die holprig und steinig sind, wo uns der Gegenwind oder ein Virus ins Gesicht bläst. Eine Krankheit oder auch die aktuelle Pandemie kann uns mutlos machen.

Es gibt Lebenswege, da werden wir von Mitmenschen enttäuscht. Es gibt Wegkreuzungen auf unserem Lebensweg, wo uns der Tod eines geliebten Menschen jede Hoffnung nehmen kann. Schwer wird dann der Schritt, und es kommt die Frage auf nach dem „Wohin“ und „Wozu“ und dem „Warum“. Vielleicht ist es den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus ähnlich ergangen. Sie können JERSUALEM, den Ort der Hoffnungslosigkeit, nicht mehr ertragen – der Wind des Schmerzes hat hier in den letzten Tagen zu sehr geweht. Sie kehren der Stadt den Rücken zu. Sie geben auf und fliehen. Versunken in Traurigkeit und Verzweiflung. Denn dieser Jesus von Nazareth, der ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben hatte, der die Mitte ihrer Gemeinschaft von Jüngerinnen und Jüngern war, ist ihnen gewaltsam genommen, er wurde ans Kreuz geschlagen. Alles ist zerstört, rabenschwarz, tot. Die dunkle Nacht der Seele. Und noch lange ist jene Nacht nicht vorgedrungen, und es scheint kein Morgenstern und schon gar keine Ostersonne für sie.

Die Trauer macht die beiden Jünger blind. Blind auch für den, der nun zu ihnen kommt – sich zu ihnen gesellt –  und den Weg mit ihnen geht. Und doch spüren sie, dass Kraft und Trost von ihm und seinen Worten ausgeht. Christus begleitet uns, ob wir es wahrnehmen oder nicht. ER ist da. Wenn wir Christus zum Gefährten haben, leuchtet im Herz alles in schönerem Licht. Wenn wir ihm glauben und vertrauen, brennt unser Herz wie ein Feuer in dunkler Nacht. Seine Nähe erfüllt unser ganzes Sein. Er wird unsere Hoffnung und unsere Freude – unsere Stärke und unser Licht. Und liegt auch ein mühsamer Weg vor uns, mit Christus als Gefährten können wir diesen Weg getröstet zurücklegen. Seine Liebe und Nähe treibt uns immer neu an, dass wir nicht ermüden. Jesus hat uns versprochen, mit uns zu gehen, jetzt ist ER bei uns. ER hat uns seine Gegenwart versprochen. ER ist jetzt in dieser Feier bei uns und wird in Brot und Wein gegenwärtig. Er trägt uns, auch wenn wir in manchen Situationen unseres Lebens meinen, dass es nicht mehr weitergeht.

Liebe Schwestern und Brüder! Es ist Ostern! Wir sind wie die Jünger von Emmaus noch unterwegs. Aber wir wissen, da ist jemand, der mit uns geht: Jesus Christus. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat die Emmausjünger mit unbeschreiblicher Freude erfüllt. So große Freude, dass sie nicht anders können, als diese Freude zu anderen Menschen zu tragen. Das heutige Evangelium ist eine Anforderung an uns: Uns immer wieder auf die Nähe des HERRN einzulassen, in seiner Nähe Kraft und Freude zu finden und dann Boten der Freude für unsere Mitmenschen zu sein. Die Jünger haben den HERRN im heutigen Evangelium gebeten, bei ihnen zu bleiben. „HERR, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Der zu Gast Gebetene wird zum Gastgeber. Seine Hände brechen vor ihren Augen das Brot. Und „da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn“. Im Buch Jesus Sirach heißt es. „Er gab ihnen ein Herz zum Denken. Sein Auge setzte er ihnen ins Herz!“ Es hängt davon ab, dass uns die Augen und das Herz aufgehen. Wenn wir Christus geschaut haben, wissen wir, wofür wir leben. Jeder, der seines Herzens Ohr neigt und IHN sucht, der wird auch finden. Der HERR lässt sich nicht vergeblich suchen. Aber es muss ein Suchen sein, das eine Offenheit im Herzen zeigt. Denn: Offenheit ist Voraussetzung für den Augenblick des Erkennens. Ein Erkennen, dass das Herz öffnet und entflammt und das uns sagen lässt: ER ist es. ER, den wir so oft in der Ferne suchen, ohne zu ahnen, dass er unser nächster Begleiter war. Die heilige Gertrud von Helfta hat diese österliche Erfahrung wunderschön so ausgedrückt: „Da fühlte mein Herz, dass du angekommen und in mir gegenwärtig warst.“ Amen, Halleluja!