Predigt an Gründonnerstag (2.4.2026)
von P. Marian Reke OSB
Nicht nur heute, sondern Woche für Woche kann uns die Abendstunde des Donnerstags an die Schwelle des „Triduum Paschale“ führen. Dieser „Österliche Drei-in-einem-Tag“ – so ließe sich übersetzen – schimmert übers Jahr durch alle Freitage und Samstage bis hin zum festlich gestimmten Sonntag.
Was eigentlich begehen wir in der Feier der „Heiligen drei Tage“ (Triduum) und ihrer – wenn auch zumeist kaum wahrgenommenen – wöchentlichen Wiederkehr?
Wir feiern die Passion der Auferstehung. Ja, so muss es heißen: Passion der Auferstehung! Stattdessen sprechen wir gewohntermaßen von Passion und Auferstehung, als seien es zwei verschiedene Ereignisse in einem zeitlichen Nacheinander. Wir feiern die Passion der Auferstehung der Liebe!
Das macht doch die Leidenschaft und die Leidensgeschichte Jesu aus, dass durch ihn und mit ihm und in ihm die Liebe, die Gott selbst ist, aufersteht.
Leidenschaft und Leidensgeschichte – beides nennen wir Passion. Jesu ganzes Leben von der Krippe bis zum Kreuz kann als die eine Passion im doppelten Wortsinn verstanden werden.
Alle Worte und Taten Jesu und alle seine Widerfahrnisse sind davon bestimmt, dass die Liebe im Herzen der Menschen zwar – gleichsam weihnachtlich – eine Krippe sucht (vgl. Lk 1,26 ff.), um geboren zu werden, oft aber liegt sie dort wie in einem Grab aus Stein, obwohl sie lebt.
Darf ich das so sagen: das Herz des Menschen sei oft mehr ein Grab der Liebe als ihre Krippe? Worauf es mir dabei ankommt, ist die zuversichtliche Ahnung, dass die Liebe in und aus diesem Grab auferstehen und uns vorausgehen will – „nach Galiläa“ (Mk 14,28), will sagen, in unsere alltägliche Lebenswelt.
Im Spiegel der Passion Jesu erkennen wir, dass eben diese Auferstehung der Liebe, wenn sie zur Leidenschaft eines Lebens wird, auch die Züge einer Leidensgeschichte annimmt.
Die Heiligen drei Tage stellen uns die Stationen der Auferstehungspassion Jesu vor Augen. Hans Urs von Balthasar kennzeichnet in seiner „Theologie der drei Tage“ den Karfreitag mit seinem Vorabend als „Gang zum Kreuz“, den Karsamstag als „Gang zu den Toten“ und Ostern als „Gang zum Vater“. Ikonen der Ostkirche fassen dasselbe ins Bild. So können wir eigene Erfahrungen deuten und verstehen lernen. Wir können uns an ihnen ausrichten, wenn wir bisweilen nicht wissen, wie es weitergehen soll auf den Wegen der Wandlung unseres Herzens zum Ostergrab der Liebe.
Auch uns führt es wie Jesus durch das Gewirr von Schatten, die immer fallen, wenn das Licht ersteht. Schon im Abendmahlssaal legen sie sich über die Szenerie mit ihren Gesten vertrauter Nähe und lassen sogar die freundschaftlichen Worte zwischen Jesus und den Seinen dunkel werden bis ins Missverstehen und Verstummen.
Schwestern und Brüder, uns bleiben Schattenerfahrungen der Liebe nicht erspart, wenn wir sie – die Liebe – leben wollen: Argwohn, Eifersucht, Angst, Enttäuschung und manchmal sogar das der Liebe verschwisterte Gefühl des Hasses. In den Menschen, die Jesus umgeben, ist das alles da, manches auch in ihm selbst, und das macht die Stationen seiner Passion aus. Er aber geht hindurch … Hindurch – die Paschapassion!
Pascha meint geschichtlich den rettenden Vorübergang des Herrn durch die Wohnstätte seines Volkes in Ägypten (Ex 12,13) und dessen Durchzug durch die Wüste (Ps 136,16), durchs Rote Meer (z.B. Weish 10,18+19,17).
Pascha bedeutet existenziell den Durchzug durchs Leben mit seinen Krisen. Sie gleichen Engpässen, die uns bedrängen, und man ahnt nicht die Weite, bevor man hindurch ist. Hindurch muss jede Liebe, wenn sie auferstehen will, auch durch Wirrnisse und Ängste, die sie bedrohen.
Heute – am Gründonnerstagabend – gilt es zu verstehen: Solange unser Herz noch dabei ist, sich zum Auferstehungsgrab zu wandeln, heißt der Garten Gethsemane, und das kann sehr lange dauern. Der tröstende Engel (vgl. Lk 22,43) lässt oft auf sich warten. Aber er wird kommen, sagt die Jesusgeschichte, und dann wird der Ostergarten blühen in Begegnung und Erkennen (Joh 20,11-18).




