Predigt am Weltmissionssonntag (25.10.2026)
von P. Basil Barasa OSB, Kongregationssekretär der Missionsbenediktiner von St. Ottilien
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbrüder,
wenn wir das Wort Mission hören, denken wir vielleicht zuerst an ferne Länder, an Afrika oder Asien, an Missionare, die ihre Heimat verlassen, um das Evangelium zu verkünden. Und das gehört selbstverständlich zur Mission der Kirche.
Aber am heutigen Missionssonntag möchte ich mit einer einfachen Frage beginnen:
Wer trägt das Evangelium heute weiter? Und welche Rolle spiele ich dabei?
Die Antwort finden wir im heutigen Evangelium. Jesus sagt, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten untrennbar zusammengehören.
Wir können Gott nicht glaubwürdig lieben, wenn uns der Mensch neben uns gleichgültig ist. Und wir können nicht überzeugend von Gottes Liebe sprechen, wenn unsere Mitmenschen in unserem Alltag nichts von dieser Liebe erfahren.
Die Liebe ist das Herz der Mission.
In der ersten Lesung aus dem Buch Exodus hören wir eine konkrete Aufforderung Gottes: Das Volk Israel soll den Fremden nicht unterdrücken. Es soll Witwen, Waisen und Arme nicht vergessen. Gott interessiert sich nicht nur für unsere Gebete und Gottesdienste. Er interessiert sich auch dafür, wie wir miteinander umgehen. Wie begegnen wir dem Menschen, der anders ist als wir? Wie behandeln wir jemanden, der unsere Hilfe braucht oder uns vielleicht sogar Mühe macht?
Das gilt auch für uns als Ordensgemeinschaft. Wir können schöne Gottesdienste feiern, gute Predigten halten und missionarische Projekte unterstützen. Aber wenn wir untereinander nicht aufeinander hören, wenn wir Konflikte stehen lassen oder die Vergebung verweigern, dann verliert unser Zeugnis an Glaubwürdigkeit.
Die erste Missionsaufgabe einer christlichen Gemeinschaft ist es, eine Gemeinschaft zu sein, in der die Liebe Christi sichtbar wird.
Das bedeutet nicht, dass wir immer einer Meinung sein müssen. Einheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit. Sie bedeutet, dass wir trotz unserer Unterschiede miteinander verbunden bleiben und immer wieder bereit sind, aufeinander zuzugehen. Wir müssen nicht vollkommen sein, um das Evangelium zu verkünden. Aber wir müssen bereit sein, uns von ihm verwandeln zu lassen. Unsere Gemeinschaft darf allerdings nicht nur um sich selbst kreisen. Wir sind nicht berufen, eine Insel zu sein, auf der wir uns wohlfühlen und unter uns bleiben. Wir sind berufen, eine Gemeinschaft mit offenen Türen und offenen Herzen zu sein.
Das sehen wir auch in unserer Kongregation der Missionsbenediktiner von St. Ottilien. Unsere Mitbrüder leben in verschiedenen Ländern und Kulturen. Sie begleiten Menschen, bilden junge Menschen aus, stehen Kranken und Bedürftigen bei und unterstützen Gemeinschaften, die oft nur begrenzte Möglichkeiten haben. Dabei geht es nicht einfach darum, etwas für andere Menschen zu tun. Es geht darum, ihnen mit Respekt zu begegnen, ihre Würde anzuerkennen und mit ihnen gemeinsam Wege in eine bessere Zukunft zu suchen. Unsere weltweite Gemeinschaft erinnert uns daran, dass die Kirche größer ist als unsere eigene Kultur oder unser eigenes Land. Die Einheit unserer Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Zeugnis für das Evangelium und eine Kraft für die Mission.
Wir können dort evangelisieren, wo wir gerade sind.
Vielleicht denkt jemand: Ich bin kein Missionar in Afrika. Ich kann nicht in ein anderes Land gehen. Was kann ich schon für die Mission tun? Dann möchte ich sagen: Sie müssen kein Flugticket nach Afrika kaufen, um das Evangelium zu verkünden.
Natürlich braucht die Kirche Missionare, die bereit sind, in andere Länder zu gehen. Aber Mission beginnt nicht erst, wenn wir unsere Heimat verlassen. Sie beginnt dort, wo wir gerade stehen. Sie beginnt, wenn wir einem Menschen mit Respekt begegnen, obwohl wir ihn nicht verstehen. Sie beginnt, wenn wir geduldig bleiben, obwohl wir müde sind. Sie beginnt, wenn wir um Vergebung bitten oder einem anderen Menschen einen neuen Anfang ermöglichen. Und sie beginnt, wenn wir nicht wegschauen, sobald jemand einsam ist oder unsere Hilfe braucht.
Vielleicht wird niemand von diesen kleinen Gesten eine große Geschichte erzählen. Vielleicht wird uns niemand dafür danken. Aber vielleicht erfährt ein Mensch gerade durch uns, dass er nicht vergessen ist. Vielleicht entdeckt jemand durch unsere Freundlichkeit etwas von der Güte Gottes.
Das ist Mission.
Ein geduldiger Mensch kann das Evangelium verkünden. Ein versöhnlicher Mensch kann das Evangelium verkünden. Und eine Gemeinschaft, in der Menschen einander tragen, kann das Evangelium verkünden.
Auch unsere Gebete und unsere finanzielle Großzügigkeit gehören dazu. Wir können die Menschen unterstützen, die das Evangelium unter schwierigen Bedingungen verkünden. Wir können Projekte fördern, die Bildung ermöglichen, Menschen in Not begleiten und benachteiligten Gemeinschaften neue Perspektiven eröffnen. Nicht jeder kann überall sein. Aber wir können gemeinsam mehr tun, als jeder Einzelne allein vermag.
Liebe Schwestern und Brüder, zum Schluss möchte ich noch einmal auf die Frage vom Anfang zurückkommen: Wer trägt das Evangelium heute weiter? Die Antwort lautet: die ganze Kirche. Und deshalb auch jeder und jede von uns. Durch die Taufe gehören wir zu Christus. Wir sind nicht nur Empfängerinnen und Empfänger des Evangeliums. Wir sind auch berufen, es weiterzutragen. Mission ist deshalb keine Aufgabe, die wir einfach an andere delegieren können. Sie gehört zu unserer christlichen Identität. Und so möchte ich uns eine konkrete Frage für die kommende Woche mitgeben: Wohin sendet Gott mich heute?
Vielleicht sendet er mich zu einem Menschen, mit dem ich mich versöhnen sollte. Vielleicht zu jemandem, dem ich bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Vielleicht lädt er mich ein, geduldiger zu sein, mehr zuzuhören oder einen Menschen nicht vorschnell zu beurteilen. Wir müssen nicht sofort die ganze Welt verändern. Aber wir können dort beginnen, wo Gott uns hingestellt hat.
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus fasst das Gesetz und die Propheten in zwei Geboten zusammen: Liebe Gott. Liebe deinen Nächsten. Wenn wir diese Liebe im Alltag leben, wird unsere Gemeinschaft selbst zu einer Botschaft. Dann wird unsere Einheit zu einem Zeichen der Hoffnung. Und unsere Mission wird nicht nur in unseren Worten sichtbar, sondern in unserem ganzen Leben.
Bitten wir den Herrn, dass er uns zu einer Gemeinschaft macht, die sich versöhnen lässt, ihre Türen offenhält und bereit ist, über ihre eigenen Grenzen hinauszugehen. Denn die Welt braucht nicht nur Menschen, die über Gottes Liebe sprechen. Sie braucht Menschen und Gemeinschaften, durch die Gottes Liebe erfahrbar wird. Fragen wir uns deshalb in dieser Woche: Wohin sendet Gott mich heute? Und welche Gute Nachricht werden meine Worte und meine Taten verkünden?
Amen.



