Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis (4.10.2026)
von Br. Anno Schütte OSB
Jesus erzählt ein brutal-hartes Gleichnis: Da wird geprügelt und umgebracht, gesteinigt und vernichtet, zerschellt und zermalmt. — Warum tut er das? Eine Einordnung des gehörten Abschnitts aus dem Matthäusevangelium ist hilfreich: Jesus und seine Bewegung sind in Jerusalem angekommen – der Weg Jesu zu Passion und Hinrichtung ist nicht mehr weit – er wird am Kreuz ein Opfer brutalster Gewalt.
Im Tempel, dem Zentrum des Judentums, hat er kurz vor dem gehörten Abschnitt massiv für Ärger und Aufruhr gesorgt: Händler und Käufer hat er daraus vertrieben. In der Folge entwickelt sich dort ein längeres Streitgespräch, das sich in 3 Kapiteln entfaltet – wer es nachlesen will: Es sind die Kapitel 21 – 23. Jesus streitet mit den Hohepriestern, Schriftgelehrten, Pharisäern und Ältesten des Volkes, den religiösen und politischen Anführern des Judentums – daraus ist unser Abschnitt entnommen.
Jesus kleidet seine provokanten Ansagen in mehrere Gleichnisse und richtet auch das Gehörte direkt an sie: „Hört noch ein anderes Gleichnis, …“ – Es bleibt nicht ohne Wirkung: Im folgenden Vers nach unserem Abschnitt heißt es: „Sie suchten ihn zu ergreifen.“ – Der Aufenthalt Jesu im Tempel endet und gipfelt in 6 Wehe-Rufen. Eine Kostprobe: „Weh Euch, (…) ihr Nattern, ihr Schlangenbrut!“ Spätestens ab jetzt läuft der Countdown gegen Jesus.
War die Tonlage Jesu zu seinen Hauptgegnern, den politischen und religiösen Amtsträgern, tatsächlich so scharf? Die Bibelwissenschaft geht davon aus, dass die Spannungen zwischen der Jüngerschaft Jesu und den Amtsträgern bis zur ca. 50 Jahre späteren Verfassung des Matthäusevangeliums zunahmen. Unumstritten ist: Länge und Art der Rede Jesu belegen, dass es einen massiven Grundkonflikt zwischen ihm und den religiösen und politischen Amtsträgern gab. — Warum?
Jesus greift wiederholt in seinen Gleichnissen das Bild des Weinbergs auf. In der hebräischen Bibel war der Weinberg ein Bild für das von Gott erwählte Volk Israel. Winzer sind verantwortlich für gutes Gedeihen im Weinberg. Jesus wirft den Amtsträgern des Judentums vor keine guten Winzer zu sein: Sie sind nicht bereit, die Früchte an die Knechte herauszugeben – im Gegenteil, das wird mit tötender Gewalt verhindert.
Jesus sieht sich als einer dieser Knechte, als Diener Gottes im Weinberg des Volkes Gottes. Volk Gottes ist für Jesus nicht nur das Volk Israel. Zum Gottesvolk gehört für ihn jeder Mensch – er weitet das Volk Gottes über das Volk Israel universal aus. Das ist ein katholisches, d.h. wortwörtlich: ein allumfassendes Volk, dem jeder Mensch angehören kann. Wir hörten: „Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt.“ Das sind alle, die Früchte der Liebe, der Wahrheit, des Trostes, der Gerechtigkeit, der Gewaltfreiheit und lebendiger Lebensfreude hervorbringen. An anderer Stelle sagt Jesus: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!“
Der Konflikt Jesu mit den jüdisch-politischen Amtsträgern gründet in deren Anmaßung, die lebensspendende Gegenwart Gottes – im Gleichnis die Früchte des Weinberges – nach ihrem Gutdünken und ihren Bedingungen zu verwalten und zu reglementieren. Sie haben sich als vermeintlich heilssteuernde Instanz etabliert um Macht und Kontrolle auszuüben. So blockieren sie die heilende Gegenwart Gottes, die sich jedem Menschen bedingungslos, aus unendlicher Liebe, direkt und persönlich schenken will – gerade das hatte Jesus mit vielen Heilungen ermöglicht. Als leitende Figuren tun sie gerade nicht, was eine Leitung im ursprünglichen Wortsinn tun soll: Etwas – Gott selbst (!) – fließen lassen, durch sich hindurch – wie eine Leitung an den Enden (!) offen sein für Gottes- und Menschengeist und Fließen ermöglichen. Sie jedoch geizen angstgetrieben mit den Früchten des Weinbergs – sie verhindern den Genuss seiner Früchte im Volk Gottes mit tötender Gewalt. Mit dieser Machterfahrung blasen sie ihr kleines Ego auf. Die Lebensart Jesu stellt ihre Macht in Frage, deshalb wollen sie ihn gewaltsam beseitigen – ihn werden sie am Kreuz zermalmen.
Mit der Ganzhingabe Jesu für uns – wir bedenken und feiern sie hier – wird das Welt-Haus des Reiches Gottes mit Jesus als Eckstein neu begründet. Jeder Mensch ist eingeladen durch Jesus in der Gegenwart Gottes an seinem und unserem gemeinsamen Welt-Lebenshaus neu zu bauen. Gott ist unser aller Grund und will uns erfüllen – gleich wieder hier, als Speise in der Kommunion ganz in jeden von uns einkehren. Diese Gratis-Nahrung will uns stärken und in der je einzigartigen Gottes-Berufung wachsen lassen. Sie will uns ausrichten, sie will jeden Menschen in seiner Eigenart „richtig“ und selbständig machen, damit alle selbstbestimmt-liebend-gewaltfrei leben können.
So – als Erlöste, lösen wir die Probleme des Alltags und der Welt leichter.



